in: Umweltpanorama, Heft 5 (August 2004)
Hannelore Klafki
Stimmenhören
Vielen Menschen war und ist es bekannt. Ob Hildegard von Bingen,
ob Gotthold Ephraim Lessing oder Wolfgang von Goethe, ob Virginia
Woolf oder Andy Warhol: Sie alle hörten Stimmen, die nur sie selbst
hören können. Jeder Mensch kann betroffen werden, Stimmen zu hören
die sonst keiner hört, unabhängig von Alter und Familienstand, Bildung
und Beruf. Nach Untersuchungen in den Niederlanden hören bis fünf
Prozent aller Menschen Stimmen.
Viele der Betroffenen können gut mit diesem Phänomen leben. Die
Stimmen können in den Hintergrund rücken und so "erzogen" werden,
dass sie das Leben nicht beeinträchtigen. Sie können von allein
wieder ganz verschwinden oder sich sogar zu einer Lebensbereicherung
entwickeln. Aber die Stimmen können auch verunsichern, viel Leid
und schwere Krisen verursachen. Und bisweilen ist nicht das Hören
von Stimmen an sich das Problem, sondern die innere Kraft, die Willensstärke,
damit umzugehen. In unserer westlichen Kultur gelten außergewöhnliche
Wahrnehmungen als Symptom einer psychischen Krankheit, weshalb nur
wenige Betroffene es wagen über ihr Erleben zu reden.
Diejenigen, die psychologische oder psychiatrische Hilfe in Anspruch
nehmen werden oft enttäuscht. Sie erhalten Psychopharmaka oder die
Diagnose Schizophrenie. Doch diese Diagnose hilft den Betroffenen
nicht, ihr Erleben zu verarbeiten, sie wird eher als Diskriminierung
erlebt. Und bis heute ist auch klar geworden, dass Psychopharmaka
bei der Hälfte der Betroffenen nicht wirken.
Erklärungsmodelle, die zum Stimmenhören führen, reichen von Überforderung,
über Einsamkeit, Trauer und Ängste, bis zu schweren traumatischen
Erlebnissen. So können beispielsweise die Stimmen der Versuch einer
Kompensation dieser Erlebnisse sein. Stimmen hörende Menschen hilft
es darum nicht, wenn ihr Erleben lediglich als krankhafte "Halluzination"
angesehen wird. Eine von allen akzeptierte Erklärung, warum ein
Mensch plötzlich anfängt, Stimmen zu hören, gibt es nicht. Folgen
für Stimmen hörende Menschen sind Stigmatisierung, Diskriminierung
und Isolation. Manche von ihnen verlieren im Laufe der Zeit jegliche
Lebensqualität, ja sogar Arbeit und Wohnung. Sie ziehen sich zurück
und geraten dadurch immer mehr in die Isolation ein Kreislauf
beginnt. In der Einsamkeit wächst Angst und Angst macht krank und
diese Erkrankung bringt die Betroffenen immer wieder in die psychiatrische
Klinik. Der so genannte "Drehtüreffekt" ist entstanden.
Wer Stimmen hört, ist nicht krank. Das Erleben der Betroffenen
zu pathologisieren hilft niemandem, Stimmenhören als angebliches
Symptom um jeden Preis zu bekämpfen, auch nicht. Das in Jahre1998
gegründete und über viele Orte in Deutschland wirkende Netzwerk
Stimmenhören e.V. (kurz NeSt) beabsichtigt, Betroffene die Isolation
zu nehmen. Einerseits durch den Austausch von Bewältigungsstrategien
wieder Herrin oder Herr seiner eigenen Persönlichkeit und nicht
von Stimmen gelenkt zu werden, sowie andererseits eine Anerkennung
für Stimmenhörer in unserer Zivilisation zu bewirken. Das Ziel des
Netzwerks ist, dass eine Kultur entstehen kann, die sich fremdem
Erleben zuwendet, ihm großzügig begegnet und die Vielfalt menschlichen
Erlebens akzeptiert.
Hannelore Klafki
Netzwerk
Stimmenhören e.V.
Berlin
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