Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener
  

An die Bundestagsfraktion CDU/CSU
z.K.: BMG
z.H. des Fraktionsvorsitzenden
Herrn Dr. Wolfgang Schäuble
Deutscher Bundestag
11011 Berlin

11.8.1999

Gesundheitsreform 2000
Budgetierung im ambulanten Bereich und die Verschreibungspraxis bei atypischen Neuroleptika

Sehr geehrter Herr Dr. Schäuble,

seit einigen Jahren werden verstärkt sogenannte atypische Neuroleptika auf dem Markt angeboten. Bekannte Mittel dieser neuen Substanzklasse sind Risperdal, Leponex und Zyprexa. Das atypische dieser Mittel liegt darin, dass sie

  1. keine Abkömmlinge der Butyrophenone, Phenothiazine oder Thioxanthene sind und
  2. keine so massiven extrapyramidalen Symptome (Bewegungsstörungen) erzeugen wie die typischen.

Da auf diesen Mitteln großteils noch Patentschutz liegt, besteht verständlicherweise ein massives Interesse der Patentinhaber, diese Mittel mit ihren logischerweise höheren Gewinnspannen auf den Markt zu bringen. Die Art und Weise wie dabei auf das Verschreibungsverhalten der Ärzteschaft finanziell Einfluss genommen wird, ist seit Anfang der 80er Jahre ausreichend (1) dokumentiert.

Auch wenn viele Psychiatrie-Erfahrene der Ansicht/Überzeugung sind, dass andere Wege als der psychopharmakologische hilfreicher und erfolgreicher sind, begrüßen wir die Weiterentwicklung der Psychopharmaka. Zahlreiche positive Berichte von Psychiatrie-Erfahrenen über die Erfahrungen mit atypischen Neuroleptika aufgrund der weniger gravierenden Nebenwirkungen liegen uns vor. Sie berichten zudem, erst mit Hilfe dieser atypischen Neuroleptika zu einem klinikfreien Leben Zugang gefunden zu haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Berichte negativer Art über Mittel dieser neuen Substanzklasse. Bei der Beurteilung, was ist hilfreicher, darf jedoch nicht vergessen werden, dass zwei dieser Substanzen, Roxiam und Serdolect, wegen allzu zahlreicher Todesfälle (2) bereits wieder vom Markt genommen wurden.

Nicht hinnehmen wollen wir, dass statt Verträglichkeit und Risikoabschätzung finanzielle Gründe bestimmen sollen, ob z.B. Betroffene, die in der Klinik atypische Neuroleptika erhalten haben, diese von ambulant behandelnden Psychiatern auch weiterhin verschrieben bekommen. Eine solche Medi-kamentenumstellung kann für die davon betroffenen Menschen ein erhebliches gesundheitliches Risiko bedeuten. Das sollte eigentlich jeder wissen. Und so haben wir mit Entsetzen zur Kenntnis genommen, dass die KV Nordwürttemberg den niedergelassenen Ärzten empfiehlt, konsequent Generika – und zwar die jeweils billigsten – zu verordnen (3). Und aufgrund der Mitteilung eines uns gut bekannten niedergelassenen Psychiaters wissen wir, dass darum speziell die Psychiater auf die Verschreibung von neuen Neuroleptika nach Möglichkeit verzichten werden.

Der BPE e.V. begrüßt grundsätzlich die Initiative des Bundesministeriums für Gesundheit, neue Wege zu beschreiten. Die Förderung von Eigenverantwortung und Selbsthilfe liegt uns sehr am Herzen. Am erfolgreichsten werden sich dahin Ersterkrankte führen lassen, wenn künftig statt des Griffes zum Rezeptblock das ärztliche und/oder psychotherapeutische Gespräch im Vordergrund steht. Nur so wird es auf Dauer möglich werden, dass viel mehr Personen als heute eigenverantwortlich ihr Schicksal in die Hände nehmen, alternative Wege suchen oder/und den sensiblen Umgang mit Psychopharmaka erlernen. Nur so haben sie eine Chance, sich z.B. aus dem System Psychiatrie auf Dauer auch wieder zu lösen. Jedoch darf die Beschreitung neuer Wege durch das Bundesministerium für Gesundheit nicht dazu führen, dass ersterkrankten und sog. chronisch kranken Menschen – egal ob somatisch oder seelisch krank – aus Kostengründen das hilfreichste und nebenwirkungsarmste Pharmakum verwehrt wird. Jeder hat – so unsere Meinung – ein Recht auf pharmakologische Unterstützung, wenn sie/er die die Störung begleitenden Symptome nicht ertragen kann oder will. Auch dürfen selbstverständlich die hilflosen Personen nicht vom Fortschritt ausgeschlossen werden.

Wir denken, dass eine wirkliche Reform des Gesundheitssystems in den Köpfen der Ärzte und Patienten ansetzen muss. Unser Wunsch ist, dass in Zukunft die Ärzteschaft ehrlicher mit den ihnen sich anvertrauenden Patienten umgeht. Ellis Huber (4) hat es folgendermaßen auf den Punkt gebracht: Das Gesundheitssystem krankt daran, dass heutzutage die meisten Patienten vom Arzt zu viel erwarten (nämlich Heilung) und die Ärzte im allgemein zu viel versprechen (nämlich die Heilung). Wir können dieses Buch jedem Kritiker des bisherigen Gesundheitssystems nur wärmstens als Lektüre empfehlen.

Es freut sich auf eine Rückmeldung der Vorstand des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener. Faltblatt des Verbandes lege ich bei.

Mit freundlichen Grüßen
gez. Ursula Zingler
(Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes)


Quellen

(1) Langbein u.a.: Gesunde Geschäfte. Die Praktiken der Pharmaindustrie (vergriffen)
(2) mit einem Todesfall auf 400 mit Neuroleptika Behandelte müssen wir Psychiatrie-Erfahrene sowieso rechnen, s. z.B. die in Peter Lehmanns »Schöne Neue Psychiatrie« zitierten Untersuchungen
(3) psycho 25, 1999, Sonderausgabe
(4) Ellis Huber: Liebe statt Valium (1993), z.B. S. 45, 53, 56f