Erika Feyerabend
"Im Zentrum der Mensch"?
Das Deutsche Hygiene Museum in Dresden macht Ausstellungen
zur Geschichte der Gesundheitserziehung, organisiert Bürgerkonferenzen
zu strittigen Themen wie Hirnforschung und genetischer
Diagnostik. Seit 1999 ist das Museum in Händen einer gleichnamigen,
gemeinnützigen Stiftung. Gemeinsam mit der DKV Deutsche
Krankenversicherer, einem Unternehmen der ERGO Versicherungsgruppe,
vergibt die Stiftung einen Medienpreis: "Im Zentrum der
Mensch". Dieses Jahr erhält der Journalist Erwin Koch
die Auszeichnung, die mit 12.000 Euro dotiert ist. Sein
Beitrag "Der gute Tod" beschäftigt sich mit der Tötung
kranker und behinderter Neugeborener in den Niederlanden.
Die Preisjury hob hervor, dass Erwin Koch "seine Leser
mit der Dramatik eines moralischen Dilemmas konfrontiert,
ohne ihnen eine bestimmte Sichtweise aufzuzwingen".
Stereotype Berichte
Die mediale Hochzeit des Themas war das Jahr 2005. Damals
wurde das so genannte "Groninger Protokoll" in den Niederlanden
landesweit anerkannt. Seither dürfen ÄrztInnen Neugeborene
töten, wenn sie "schwer leiden", als nicht therapierbar
gelten und Eltern sowie zwei weitere Ärzte der Tötung
zustimmen. Sind die Kriterien erfüllt, wird von einer
Strafverfolgung abgesehen. Gemäß Gesetz zur "Überprüfung
von Lebensbeendigung auf Verlangen des Patienten und Hilfe
bei Selbsttötung" dürfen, juristisch gesehen, nur PatientInnen
getötet werden, die danach verlangen und als entscheidungsfähig
angesehen werden.
Die Praxis im Nachbarland sieht anders aus. Die Dunkelziffer
dieser ärztlichen Taten wird als hoch eingeschätzt, das
Meldeverhalten der MedizinerInnen als gering. Schon offiziellen
Untersuchungen zufolge sind jährlich rund 1.000 Menschen
ohne Zustimmung getötet worden. Eine Strafverfolgung findet
in der Regel nicht statt. Davon war in vielen Medienberichten
nichts zu lesen, als das "Groninger Protokoll" den Schutz
kleiner PatientInnen einschränkte.
Die Argumente sind schematisch: Ein dramatischer Einzelfall,
der eines Kindes mit einer Epidermolysis bullosa, einer
Fehlbildung der Haut, wird drastisch geschildert - und
zur nachvollziehbaren, juristischen Norm stilisiert. Da
Kinder durch Behandlungsabbruch oder heimliche Taten zu
Tode kommen, "ist es Zeit, ehrlich zu sein". Das Bild,
das von den handelnden MedizinerInnen gezeichnet wird,
ist idealtypisch. Sie sind nachdenklich, wollen nicht
töten, außer in diesen Einzelfällen und neigen zu gesellschaftlicher
Transparenz und engen juristischen Erlaubnisregeln. Obwohl
sie von rechtslastigen und/oder "christlich-fundamentalistischen"
KritikerInnen angefeindet werden, töten sie weiter, ganz
ihrem Gewissen und den leidenden Kindern verpflichtet.
Hauptzeuge der JournalistInnen ist der leitende Kinderarzt
des Universitären Medizinischen Zentrums in Groningen:
Dr. Eduard Verhagen.
Der preisgekrönte Artikel von Erwin Koch fügt sich ganz
in die stereotype Berichterstattung. Einziger Kronzeuge
ist Eduard Verhagen - nachdenklich, sympathisch und ehrlich.
"Verhagen will nicht heimlich tun, was weltweit getan
wird: die Tötung von unheilbar kranken Neugeborenen, die
nichts als leiden". Der Kinderarzt ist Mit-Autor des "Groninger
Protokolls". Seit mehreren Jahren versucht er der Tötung
behinderter Neugeborener eine juristische Fassung zu geben.
Vier von den offiziell 22 Kindern, die zwischen 1997 und
2004 im Nachbarland gegen geltendes Recht fachmännisch
zu Tode gebracht wurden, ließen in seiner Klinik ihr Leben.
Im letzten Jahr ist das Protokoll verabschiedet worden,
und es hat Verhagen eine enorme Medienpräsenz verschafft.
Bei Erwin Koch wird der Täter zum Opfer. "Jemand schrieb
ihm: Hitler lebe - und zwar in Groningen. Andere nannten
ihn Dr. Death, Dr. Mengele, arisches Monster". Wer das
schrieb, bleibt ungesagt. Aber Koch legt durch das Arrangement
seiner historischen Versatzstücke nahe: Es können nur
AnhängerInnen monotheistischer Religionen sein. Erst sie
erklärten "das Leben, auch das behinderte, das schwache,
als heilig". In der Antike, bei den Wikingern, den Inuit
in der Arktis oder den Kung in Afrika töteten Menschen
- auch Neugeborene. Eine gesellschaftspolitisch motivierte
Kritik am ärztlichen Tötungsrecht als problematische Machtprozedur,
die sozialpolitisch wirken kann und wird, kennt der Autor
nicht.
Verhagen bekommt auch andere Briefe, zum Beispiel von
Eltern, die vor Jahrzehnten ihr behindertes Kind mit dem
Kissen erstickten, weil kein Arzt und keine Behörde ihnen
damals half. Dass diese Eltern persönlich verzweifelt
waren, kann nicht bezweifelt werden. Aber: Ist Tötung
die einzige "Hilfe"? Dazu schweigt Erwin Koch.
Leiden oder Töten?
Dunkelziffern der Tötungshandlungen, Tendenzen, auch
altersverwirrte und psychisch Kranke und nun auch Neugeborene
zu euthanasieren, ein veränderter gesellschaftlicher Umgang
mit "Leiden"? All dies ist kein Thema in Kochs "gutem
Tod". Dr. Verhagen wird zitiert. Es gehe um eine ganz
kleine Gruppe von Neugeborenen. In allen westlichen Gesellschaften
überlebten tausend Kinder das erste Lebensjahr nicht,
65 Prozent aufgrund ärztlicher Entscheidungen in Formen
der Unterlassung oder der aktiven Tötung. Die größte Gruppe
seien schwerstgeschädigte Neugeborenen, bei denen eine
Behandlung gar nicht versucht werde. Eine weitere Gruppe
sind die Frühgeborenen, wo erst im Laufe der Zeit die
Behandlung eingestellt werde. Die dritte und kleinste
Gruppe von geschätzten 10-15 Kindern pro Jahr komme behindert
zur Welt, ihr Zustand sei stabil, auch ohne Intensivpflege.
"Aber ihr Leiden ist konstant,...niemand kann helfen."
Das habe er selbst erlebt, bei einem Neugeborenen mit
Epidermolysis bullosa, die schmerzhafte Hautschädigungen
mit sich bringe und einen frühen Tod. Damals hatte er
nicht töten und sich juristisch zur Verantwortung ziehen
lassen wollen. Nach sechs Monaten sei das Mädchen gestorben.
Seither habe er begonnen, sich um das Juristische zu kümmern,
Staatsanwälte und Justizminister aufgesucht. Die Bitte
von Eltern zu "helfen" kann für ihn - und den Autor -
nur eine Antwort haben: juristisch zertifiziertes Tötungsrecht.
Bemühungen der Frühgeborenen-Medizin, die stationären
Bedingungen und die Pflege so zu gestalten, dass die Kinder
sich wohlfühlen und selbst leben oder sterben, bleiben
ebenso unerwähnt wie die Entwicklungen in der Palliativmedizin.
Das behauptete "Dilemma" ist eigentlich keines. Es wird
als klare Entscheidungssituation beschrieben: entweder
Leiden oder Töten!
Am Ende des Artikels wird die Geschichte der Mutter,
die man mit einem Fläschchen Morphin nach Hause schickte
und die ihr Kind mit einem Kissen erstickte, noch einmal
wiederholt und mit der nunmehr legalen Tötungspraxis konfrontiert:
"Das Kind gleitet schmerzlos hinüber in den Tod. Es sei,
sagt Eduard Verhagen, auf eine gewisse Weise angenehm
oder schön zu erleben, wie das Kind sich entspanne, wie
es, zum ersten Mal, die Fäuste öffne, sein Gesicht." Und
was, wenn es ihr eigenes Kind wäre?, fragt Erwin Koch.
"Ich könnte es nicht selber töten, aber ich wollte seinen
Tod", antwortet Eduard Verhagen. Für diesen "guten Tod"
bedarf es eben eines Berufsstandes, der dem gesellschaftlichen
Tötungsverbot nicht mehr verpflichtet ist.
Das Deutsche Hygiene Museum zeigt gerade eine Ausstellung
des United States Holocaust Memorial Museum in Dresden:
"Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus".
Das Begleitprogramm ist anspruchsvoll. In der Ausstellungsankündigung
wird auf die "besondere Relevanz" der damaligen Politik
"für die Debatte um Auswirkungen der Genforschung, gesellschaftliche
Diskriminierung von Behinderten und Definitionen von Leben
und Tod" verwiesen.
In diesem Kontext den Medienpreis an Erwin Koch zu vergeben,
ist denkwürdig. Das Bekenntnis einer Distanz zu nationalsozialistischen
Euthanasieprogrammen ist integraler Bestandteil der öffentlichen
Kommunikation - auch dort wo die Tötung "unheilbar" Kranker
und Neugeborener legitim ist oder werden soll. Mögliche,
historische Kontinuitäten sind für den Autor Erwin Koch
vor allem - und völlig unberechtigt - in den hysterischen
Phantasien der Euthanasie-KritikerInnen vorhanden. Wird
das dem Anspruch gerecht, sich heute mit der nationalsozialistischen
Bevölkerungspolitik auseinanderzusetzen?
In modernen Demokratien ist die Macht über Leben und Tod
in ein anderes Gewand gekleidet. Sie ist individuell, Leid
vermeidend, ästhetisch und nicht staatlich zwangsverordnet.
Diese Ideologie allerdings schützt weder vor gesellschaftlich
dominierenden Gesundheitsnormen noch vor wirtschaftlichen
Kalkülen mit dem Leben und Sterben schwerstkranker Menschen.