individueller Beitrag
  

Kalle Pehe

Was macht uns/mich zum Menschen?

Mehr Fragen als Antworten


Dass ein Mensch mit sich und der Welt unzufrieden ist und darüber nachdenkt, was zu ändern ist, ist eigentlich nichts Besonderes. Die Geschichte des Lebens auf der Erde war und ist eine Geschichte von Fehlern und Unzulänglichkeiten, an denen das Leben scheitern oder sich bewähren kann. Das gilt erst recht auch für ein individuelles Menschenleben. Tiere und Pflanzen finden biologische Lösungen, in denen eine veränderte materielle Ausstattung neue Möglichkeiten eröffnet, mit Mangelsituationen fertig zu werden, an denen andere Lebewesen zugrunde gehen.Was die Tiere betrifft, so sollte man nicht ausschließen, dass ein Individuum besondere Fähigkeiten entwickeln kann, die durch die Genetik nicht von vornherein zwingend vorgeschrieben sind. Warum soll nicht auch ein Tier schöpferisch sein? Übereinstimmung besteht wohl darüber, dass viele Menschen ihre Möglichkeiten bei weitem nicht ausschöpfen. Oft folgen sie ein Leben lang traditionell vorgezeichneten Lebensbahnen, und entdecken nie ihre 2.Natur (Nietzsche), die ihre erste werden könnte, in der sie in Abgrenzung vom Üblichen ihrem wahren Selbst begegnen könnten. An die Gene und die Grenzen, die sie uns ziehen, denke ich dabei zu allerletzt. Ein Bild dazu: Schwierigkeiten mit dem PC betreffen in den allermeisten Fällen die Software. Der Zeitgenosse, der jedesmal zum Schraubenzieher greift, wenn es darum geht, einen Fehler zu beseitigen, dürfte meist voll daneben greifen. Mir kommt dieses Bild in den Sinn, wenn ich an die Debatte um die genetische Verbesserung des Menschen denke.Nachdem man mit den Ergebnissen erzieherischen Einwirkens offensichtlich immer weniger zufrieden ist ( die leidige »Software«) steht das Großprojekt des genetisch aufgerüsteten Menschen (»Hardware«) ins Haus.Versuche, in einem großen Entwurf einen besseren Menschen zu schaffen, gab es in der Menschheitsgeschichte zuhauf. Was davon blieb, waren ( oft schreckliche) Erfahrungen, wie es nicht geht. Man könnte ironisch werden und die Fähigkeit zum Verzicht auf solche Ideen als die eigentlich anstehende Verbesserung ins Auge fassen. Fraglich, ob es genügend Menschen gibt, die so weit sind. Im Nietzsche-Jahr kommt man an seinem »Übermenschen« nicht vorbei. Angelegt als großer Entwurf, war er eigentlich schon mit Nietzsches persönlichem Zusammenbruch fraglich geworden. Er wird die »Webfehler« in seiner Konstruktion und damit das Scheitern seines Lebenswerkes intuitiv erfasst haben, als seine Welt zusammenstürzte. Nietzsche hat sich davon nicht mehr erholt. Ein Neuanfang war ihm nicht vergönnt. Sicher hatte er nicht den Herdenmenschen im Sinn gehabt, den die Nationalsozialisten als »Herrenmenschen« in Großserie produzieren wollten. Das Scheitern auch des marxistischen Alternativentwurfs dazu, ebenfalls vom Fortschrittsglauben der aufstrebenden technischen Zivilisation inspiriert, hätte uns von unserem »Menschenmacher-Wahn« erlösen können.Mit einer gewissen Sensibilität für die Problematik politisch oder religiös gestrickter Heilslehren zur »Befreiung« des Menschen ist das Problem aber längst nicht gelöst.

Schon wieder ein Übermensch? Nein Danke!

Jetzt steigt die Wissenschaft höchstselbst in den Ring. Die Sehnsucht des Menschen nach einfachen Lösungen schafft immer wieder eine Bühne, auf der Variationen dieses alten Menschheitsthemas ihr Publikum finden.Wir sind in der Gegenwart angekommen, bei den Plänen einer genetischen Verbesserung des Menschen. Erneut hat ein monumentaler Entwurf eines neuen Menschen Konjunktur, und erneut sind es neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die fantastische Möglichkeiten verheißen. Die Zeiten, in denen Menschlichkeit vor allem mit dem Wirken idealistisch motivierter Persönlichkeiten verbunden wurde, gehen angeblich zu Ende. Jetzt können wir »Nägel mit Köpfen« machen. Neue, bessere Menschen mit wissenschaftlicher Anleitung werden schon in wenigen Jahren in Serie gehen. Es wäre aber ungerecht, die Wissenschaft insgesamt auf diesem Kurs zu sehen. Der Wirbel in den Medien dürfte seine Energie aus den Gesetzen des Medienmarktes selbst beziehen. Ernst zu nehmende Skeptiker, Kritiker aus der Wissenschaftszunft gibt es durchaus. Mir fallen spontan die Namen Chargaff und Hubert Markl ein, die den Lärm um diese Pläne ablehnen und als unseriös kritisieren. »Denn Gene erzwingen tatsächlich sehr wenig, aber sie ermöglichen ungeheuer viel, darin liegt ihre wahre Macht,« so Hubert Markl in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 1./2.Juli 2000. Gleichzeitig wehrt er sich da gegen pauschale Verdächtigung genetischer Forschung.Einen Vorgeschmack vom technisch aufgerüsteten neuen Menschen erleben wir im modernen Leistungssport, wo chemische Präparate ungenutzte Ressourcen freisetzen sollen. Um welchen Preis und mit welchen Zielen? Man schaue sich Modellathleten an, die von Jugend an gepäppelt werden wie »Hochleistungsgemüse« oder »Hochleistungsrassen im Rinder- und Schweinestall«. Das ist sicher noch nicht die Regel, aber ohne Zweifel ein expandierender Markt. Demnächst werden also Manipulationen an den Genen dazukommen, die jeden Dopingtest überstehen werden. Mir kommt auch die kosmetische Medizin in den Sinn, in der Menschen zunehmend ihre Würde aufs Spiel setzen für fragwürdige Verbesserungen an ihrem Körper. Das »Päppeln« und »Trimmen« hat auch in der Erziehung Tradition, auch wenn es nur selten die Ergebnisse zeitigt, die ehrgeizige Eltern, natürlich in bester Absicht, erreichen wollen. Orwell und Huxley haben das schon vor Jahrzehnten in ihrer Fantasie durchgespielt und niedergeschrieben. Die Wirklichkeit beeilt sich, mit ihrem »Schneller-höher-weiter-Wahn« alle Planspiele zu überholen. Auf der anderen Seite eine junge Generation, die in der Breite eher distanziert und wenig motiviert diesem Treiben zusieht.Schneller als ein Fussgänger, als ein Fahrrad, als ein Auto, ein Flugzeug, eine Rakete, als Lichtgeschwindigkeit? Geht es uns besser, wenn wir schneller sind? Ist die Fahrt in einem Rennwagen wirklich beglückender als die in einer Pferdekutsche, als ein Spaziergang auf einem einsamen Pfad? Höher? Wie hoch? Wann ist man oben? Wo ist das, oben? Wie fühlt man sich da oben? Geht es noch höher hinaus? Wird die Luft da oben dünner? Brauchen wir da Sauerstoffaggregate? Was sind das für Menschen, die unten sind? Brauchen wir die überhaupt noch? Weiter? Weiter als was? Als ein Katzensprung? Als ein Steinwurf? Eine Tagesreise? Weiter als das Ende der Welt? Wo ist das? Irgendwo im Weltall in einem Raumschiff ohne Wiederkehr? Weiter als der Weg zu einer einsamen Insel im Ozean? Weit weg? Oder auch ganz nah – nah an der Wirklichkeit vorbei?.Nach – denken heißt zurückschauen. Was machen wir Menschen da eigentlich? Wo kommen wir hin, wenn wir unser Glück von einer erfolgreichen Teilnahme an diesem Wettrennen abhängig machen? Sind wir besser, wenn wir da die Nase gelegentlich ganz vorn haben? Fühlen wir uns besser? Verbesserung des Menschen?Da müsste man erst einmal das kennen, was man verbessern will. Was ist das eigentlich – ein Mensch? Was ist ein besserer Mensch? Wer das nicht verstanden hat, dem könnte es ergehen wie dem Ingenieur, der ein Flugzeug dadurch verbessert, dass er ihm die Flügel abmontiert. Es passt dann zwar in seine Garage, aber es fliegt nicht mehr. Und vorausgesetzt, man hat es verstanden – dann bleibt noch die Frage, ob man den Menschen verbessern kann wie eine Maschine, die nach der Verbesserung besser funktioniert. Es geht hier nicht um die Reparatur kleiner Defekte in der Gensequenz. Darüber kann man reden. Es geht um die Vorstellung vom besseren Menschen als großem Entwurf, die Vorstellung, dass das machbar sein könnte.Ist ein Mensch, der besser funktioniert, ein besserer Mensch oder nur ein anderer? Ist er menschlicher oder gar weniger menschlich? Kann ein Mensch überhaupt mehr Mensch werden als er schon ist? Unser ans Quantifizieren gewohnte Denken stößt hier an Grenzen. Wer misst das, was besser ist? Es gibt Dinge, die sind wie sie sind und entwickeln sich, wie sie wollen, allen Machern zum Trotz. Soll man darüber traurig sein, dass aus unseren Kindern etwas ganz anderes wird als geplant? Wenn sie wegen oder trotz aller Erziehung werden, wie sie am Ende sind? Wäre die Welt besser, wenn sie alle so würden, wie wir es wollen?Manchmal reicht es, Fragen zu stellen, die Antworten erübrigen sich dann vielleicht – die richtigen Fragen, versteht sich. Was sind die richtigen, die wichtigen Fragen?


Gesundheit, Krankheit und GeneGesundheit. Was ist das überhaupt? Wenn ich mich gut fühle, wenn ich normal funktioniere, reicht das? Wenn ich lebe, wie ich es will, geht das? Ist das wünschenswert, eine Welt ohne Krankheiten, ohne Störungen körperlicher oder seelischer Art? Denkbar ? Machbar? Kann das ernsthaft als eine Frage der richtigen Genetik gestellt werden? Ist es nicht genauso eine Frage geeigneten kultureller Muster, die mit unserer genetischen Ausstattung verträglich sind? Polemisch gefragt: Ist vielleicht die Leber das Problem, wenn sie die Mengen Alkohol, die ein Mensch für sich als normal empfindet, nicht mehr schafft? Die Aufgabe lautet dann doch wohl, ein besseres Programm für sich zu entwickeln. Eine Aufgabe für einen konkreten Menschen in einer konkreten Situation.Wir können der Natur (und/oder dem Schöpfer) dankbar sein, weil sie/er uns darauf aufmerksam macht. Ich rede nicht von Diabetes oder z.B. der Phenylketonurie. Ich rede von dem Projekt, einen besseren Menschen machen zu wollen, bei dem die Verantwortung des einzelnen für sich und die Natur ersetzt wird durch Technik. Und dass bestimmte Leute uns das als Verbesserung verkaufen wollen. Bei Lebewesen mit künstlich erzeugten Gendefekten ist man auf erstaunliche Fähigkeiten der Regulation, der Kompensation gestoßen. Nicht jede genetische Abweichung ist deshalb eindeutig als Nachteil zu klassifizieren. Sie kann auch Regulationsmechanismen anstoßen, die schließlich sogar neue interessante Muster hervorbringen, die erst durch den »Defekt« freigelegt werden. Das ist selbst bei schweren körperlichen Verletzungen nicht von vornherein ausgeschlossen. Da lassen sich Geschichten mit unerwartetem Ausgang erzählen, die einen Menschen ein neues Leben beginnen lassen, das ihm neue Möglichkeiten erschließt, die vorher brachlagen, die er verschlafen hat. Das Leben wird nun mal nicht gemacht, wie ein technischer Apparat, es lebt nach seiner eigenen Art. Überraschende Wendungen zeigen sich bei vermeintlich todsicheren Erfolgsrezepten ebenso wie abseits der ideologischen Autobahnen auf Schleichwegen. Auch dort kann man Schätze finden, neue Entdeckungen machen, sogar ohne danach zu suchen. Wer will das vorher wissen?


Mensch bleiben/werdenVergessen wir die Übermenschen und die, die sich dafür halten. Sie müssen ohnehin aufpassen, dass es ihnen nicht ergeht wie dem armen Nietzsche, als sein mühsam aufgerichtetes Welt- und Selbstbild zusammenstürzte. Wenden wir uns den Gescheiterten zu, unserem eigenen Scheitern, schauen wir zur Abwechslung einmal nach unten. Wer zweifelt daran, dass wir gerade hier dem Menschen begegnen, dem Menschlichen nahe sind?Die Flucht nach ganz oben, kann im Nichts enden. Ganz unten trefft Ihr immer Menschen – manchmal die, die sich einmal ganz oben wähnten. Absturz, freier Fall. Unsanftes, schreckliches Erwachen aus einem Traum. Ernüchterung.Neu beginnen. Die Welt von unten anschauen. Abschied nehmen vom Übermenschen, ankommen beim Menschen, ankommen bei sich – selbst wenn man Glück hat. »Das was der Mensch sucht, ist das, was sucht,« meinte Franz von Assisi, der es ausprobiert hat.


Erfahrungen mit genetischen VerbesserungenWie wäre es, liebe Fortschrittsgemeinde, wenn ihr euch mal die Produkte eurer Bemühungen in der Tier- und Pflanzenzucht wirklich selbstkritisch anschaut? Vieles überlebt doch nur, wenn es Tag und Nacht »gepäppelt« wird, mit allerlei Mittelchen und Maschinchen, das in einer zweifelhaften, aufwendigen Kunstwelt existiert, der vor allem eine Eigenschaft aller vom Menschen hervorgebrachten Dinge anhaftet – die Vergänglichkeit. »Die Natur kann man nicht verbessern,« sagt der Brasilianer Jose´ Lutzenberger, der als Landwirtschaftsberater in der chemischen Industrie begann, und zu der Einsicht kam, dass der Mensch besser fährt, wenn er mit der Natur und ihren großartigen Erfindungen arbeitet, statt gegen sie. Besserung. Menschen, die tausendjährige Reiche planen, das Paradies auf Erden in erreichbarer Ferne sehen – was haben sie erreicht? Wenn ich nur eines aus der Geschichte gelernt habe, dann ist es dies: Menschen sind und bleiben erfolgreiche »Kleinkünstler«, wenn es günstig läuft, Narren, wenn es glimpflich ausgeht und nicht selten Übermenschen des Verbrechens, wenn sie sich zum Gott aufschwingen wollen.Denken wir nach über Besserung, und die Verbesserung wird uns als Geschenk in den ßss fallen. Warum monumentale Verbesserungen? Der Wunsch danach ist doch ein Produkt der Verzweiflung, die das Gerenne nach Illusionen irgendwann ablöst.Was ist so trübe an der Aussicht, gute Kleinkunst abzuliefern, Abschied zu nehmen von allem Monumentalen, das am Ende doch nur monströs ausfallen kann?Übrigens, Maschinen werden nie krank und sterben auch nicht, aber kaputt sind sie irgendwann alle einmal. Menschen können erkranken und wieder gesund werden, und irgendwann sterben sie auch, machen Platz für andere, die neue Wege ausprobieren oder/und Bewährtes fortführen – oder auch jede Dummheit noch einmal selber wiederholen. Das ist menschlich. Und keiner weiß, ob sie danach klüger sind.Eigentlich ist das auch gar nicht mein Thema, wenngleich es mich natürlich interessieren muss, was andere tun und wollen. Man muss schließlich vorbereitet sein und aufpassen, wenn man überleben und leben will.


Seelische Störungen, ein besonders heikles ThemaBei seelischen Störungen ist die Einteilung gesund und krank besonders problematisch. Es gilt als inzwischen allgemein üblich, eine genetisch disponierte »erhöhte Vulnerabilität« zusammen mit Stress als Ursache zu diskutieren. Mal ganz im Ernst. Ist es wünschenswert, dass Menschen seelisch weniger verletzlich werden? Kann man nicht im Gegenteil sogar eine zunehmende Abstumpfung gegenüber Missständen beklagen, die man beseitigen könnte, wenn man sie nur zur Kenntnis nähme? Müssen wir nicht dankbar sein für »Seismographen«, die uns warnen, wenn irgendwo etwas im Argen liegt? Rechtzeitig. Wenn wir es hören und sehen wollen. Es stimmt, man kann die Natur nicht verbessern, auch nicht bei den Frühwarnsystemen. Verbessern könnte man die Sensibilität für die großartigen Fähigkeiten der Natur. Und allen Pessimisten zum Trotz: Der Mensch ist nicht nur in der Zerstörung unerreicht, er hat auch in Sachen Sensibilität sicher noch ein großes, brachliegendes Potential.Und man/ich kann einen Schritt vorwärts machen, wenn das eigene Potential zuallererst bedacht wird. Das könnte mein Thema, mein Beitrag zum Stichwort Besserung des Menschen sein/werden.Mein eigenes Leben, mein eigenes Scheitern. Da stecke ich drin im Kant´schen Ding-an-sich und kann mehr tun als interessiert und/oder ohnmächtig zuschauen. Leben, Fehler machen vor allem und daraus lernen, und irgendwann das Zeitliche segnen. »Dichter seines Lebens sein«, Lebenskünstler meinetwegen. Der junge Friedrich Nietzsche war näher dran am Menschen, als der, der ein Denkmal für die Ewigkeit schaffen wollte und sich an dieser Aufgabe verhoben hat. Aber schließlich haben wir Nachgeborenen die Chance, die er nicht mehr hatte oder nicht mehr nutzen konnte. Wir können aus diesem Scheitern lernen.


Die lieben VerwandtenWer so sicher ist, dass es unsere Gene sind, die uns zum Menschen machen, der sollte konsequent sein und Menschenrechte, zumindest für Schimpansen, einfordern, deren Gene zu über 99% mit denen des Homo sapiens übereinstimmen. Oder genauso konsequent: Er kann auch darüber nachdenken, ob wir nicht zu 99% Affen sind. Das macht bescheiden und stößt uns vielleicht darauf, dass es nicht so ganz unwichtig ist, was ein Mensch aus seinen Möglichkeiten macht, machen kann, wenn er denn will. Und wie jämmerlich er dastehen kann, wenn er seine kurze Lebenszeit einfach nur verspielt. Das soll jeder für sich entscheiden. Ein bisschen mehr Bescheidenheit gegenüber unseren Mitgeschöpfen stände uns aber gut zu Gesicht und würde das sapiens in der Benennung unserer Species weniger lächerlich erscheinen lassen. Ein vernünftig denkender Affe hätte uns diesen Namen sicher nicht gegeben. Man würde ihn auch nicht um Rat gefragt haben, so wenig, wie man die ausgegrenzten Minderheiten unter den Menschen um Rat fragt, wenn es um ihre Geschicke geht.Die Zeit der Herrenmenschen ist nicht vorbei. Fragen Sie mal die Menschen, die bei dem großen Wettrennen abseits stehen, weil sie auf Krücken gehen, kein Fahrrad und kein Auto haben und schon gar kein Flugzeug. Ist der Homo sapiens weise? So gestellt, sicher eine unsinnige Frage. Vielleicht klug, wenn ich über mich selbst nachdenke, meine eigenen Möglichkeiten. Und da gibt es keinen Zweifel: Ich kann lernen, und nur darum geht es – immer.Die, die solches Fragen für überflüssig halten, möchte ich daran erinnern, dass sie ja auch selbst zu 99% Affen sind.Die hohe Übereinstimmung des genetischen Materials der Menschenaffen und des Menschen kann aber auch ein Anlass sein, darüber nachzudenken, ob Menschwerdung nicht doch etwas grundsätzlich anderes ist als die Realisierung eines genetischen Programms. Bei Verständigungsschwierigkeiten unter Menschen dürften die Gene immer noch das geringste Problem sein. Und das wäre wohl kaum einfacher, wenn unsere Gene »perfekt« wären, was immer das heißen mag. Gesteht man den Menschenaffen zu, dass sie einen Teil des Potentials zum Menschen in sich tragen, so müsste man einräumen, dass es sicher auch viele Menschen gibt, die dieses Potential wie ihre lieben Verwandten – aus welchen Gründen auch immer – nicht oder kaum nutzen. Menschwerdung geschieht in der Ontogenese jedes mal neu, ein fantastisches Wunder der Selbstorganisation, das auch aus naturwissenschaftlicher Sicht durchaus als etwas Besonderes angesehen werden kann/muss. Es ist dieses menschliche Selbst, das so schwer in naturwissenschaftliche Formeln zu pressen ist und bei der Erschließung der genetischen Möglichkeiten viele Fragen offen hält. Man beachte den feinen Unterschied in der Wortwahl. Etwas Besonderes sein, das ist etwas Anderes als etwas Besseres sein bzw. sich dafür zu halten. Anderssein, Verstehen der Grenzen und Möglichkeiten dieses Andersseins. Ist das vielleicht ein Schlüssel zum Verstehen des Menschlichen? Über Qualität nach denken, statt über Quantitäten? »Messen was messbar ist und messbar machen, was nicht messbar ist.« Diese gnadenlose Erfolgsformel Galileis war der Startschuss zu einem beispiellosen Aufstieg der technischen Zivilisation. Bei der Frage nach dem Menschen hat sie uns aber kaum weitergebracht. Wir wissen eben wieder ein bisschen mehr darüber, was wir nicht sind. Eben keine Maschinen und Maschinchen, die man immer besser machen kann. Wir sind, wie wir sind: Ewige Prototypen der Evolution, die damit beschäftigt sind, ihre »Fehler« zu überwinden und neue zu erfinden. Und nicht immer weiß man vorher, ob Fehler wirklich Fehler sind. In diesem Bemühen erwarte ich Verbesserungen von guter Kleinkunst. Lernen können wir auch in dieser Hinsicht von der Natur, in der das Neue niemals monumental, sondern eher unauffällig und zunächst kaum beachtet auf den Plan tritt, immer in der Gefahr zu scheitern, sich bewähren muss.


Der Autor ist Lehrer für Biologie und Physik an einem Krefelder Gymnasium.
Anschrift: Kalle Pehe, Von-Steuben-Str.30, 47803 Krefeld

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Kalle Pehe
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