in: Mitgliederrundbrief des Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, 2003, Nr. 2 (Mai), S. 8 – 9
   

Kalle Pehe

Wenn aus Gegnern Dämonen (gemacht) werden ..... ist die Gewalt nicht mehr fern

Rezension eines bemerkenswerten Buches mit einem Seitenblick auf die Lage des BPE

Wenn im Mittelalter jemand im Zusammenhang mit einem anderen Menschen das Wort "Hexe" ins Spiel brachte, so war das unter Umständen ein Todesurteil über die, die da verdächtigt wurde. Ein Mensch wurde dämonisiert und damit der Vernichtung preisgegeben. Gerechtfertigt wurde das damit, dass andere vor dem Bösen zu schützen sind. Heute glaubt eigentlich kaum noch einer ernsthaft daran, dass es Hexen gibt, aber dass ein Mensch durch ein Wort, ein Etikett ausgegrenzt und eine Bedrohung seiner sozialen Existenz erleiden kann, das gibt es immer noch.

Ich habe das Buch von Renate Hartwig gelesen "Die Schattenspieler", in dem es diesmal weniger um "religiöse Sekten" geht, einem Thema, an dem Renate Hartwig über Jahre arbeitete, um möglichen Schaden von den Bürgern abzuwenden und die Sachlage zu klären. Nein, diesmal geht es um die, die als Sektenbeauftragte von Staat und Kirche ihr Geld verdienen und deren Aufgabe es ist/wäre, Aufklärung zu betreiben und Menschen zu schützen.

Was Renate Hartwig dann aber berichtet – und sie kennt das Metier sehr genau, da sie in ihm lange Jahre aktiv war – ist erschreckend. Sie beschreibt gut nachvollziehbar eine völlig gescheiterte Anti-Sekten-Politik, der es in vielen Jahren kaum gelungen ist, juristisch klare Straftatbestände zu dokumentieren, und damit eine sichere Rechtsgrundlage für den Umgang mit diesem Problem zu schaffen.

So ist ein unerträglicher Schwebezustand entstanden, in dem es ein Leichtes ist, Menschen existenzvernichtenden Verdächtigungen auszusetzen, ohne gerichtlich verwertbare Tatbestände als Grundlage repressiver Maßnahmen vorweisen zu können. In diesem Klima blühen Denunziation und Geschäftemacherei durch angebliche Aufklärer, die im wesentlichen damit beschäftigt sind, ihre eigene Existenzberechtigung als Sektenbeauftragte nachzuweisen und so ihre Stelle zu sichern. Dabei bedient sich diese Szene allerlei dubioser Helfer, die ihre Opfergeschichten vermarkten, ohne fürchten zu müssen, dass ihre Geschichten kritisch nachgeprüft werden. Das Ganze wird von höchsten Stellen aufgewertet und finanziell unterstützt.

Renate Hartwig ist regelrecht der Kragen geplatzt, als sie feststellen musste, dass sie möglicherweise über Jahre regelrecht benutzt wurde, um ein Bedrohungsszenario aufzubauen, an dem einige gut verdienen. Sie geht in ihrer Kritik schließlich sogar soweit, von einer "Kritikersekte" zu sprechen, die selbst die Methoden anwendet, vor denen sie die Bürger ihrem Auftrag gemäß eigentlich schützen müsste.

Der BPE hat auf seiner letzten Mitgliederversammlung beschlossen, dass er im Augenblick keine Kooperation mit dem Kompetenznetzwerk Schizophrenie (KNS) und der KVPM bzw. Scientology wünscht. Was Scientology und KVPM betrifft, haben wir das sogar in unsere Satzung geschrieben. Was mich persönlich betrifft, so ging es mir bei diesem Antrag (zu dem ich selbst vor einem Jahr die Initiative ergriffen habe) darum, dass sich der BPE ein eigenes Profil gibt, dass er selbst festlegt, mit wem er zusammenarbeiten möchte und mit wem nicht.

Ich muss zugeben, dass mich das Buch von Renate Hartwig sehr nachdenklich gemacht hat. Es ist nicht in meinem Sinne, wenn unsere Beschlüsse zur Abgrenzung vom KINS und von Scientology dazu führen, dass wir die Feindbilder verfestigen, die jede dieser beiden im Clinch liegenden Gruppierungen offiziell vom jeweils anderen zeichnen. Wir sollten uns durch eine konstruktive Betroffenenpolitik profilieren, die die Selbstbestimmung der Menschen stärkt, indem sie ihre Selbsthilfepotentiale weckt und fördert und allen Versuchen, sie für Konzepte dritter zu instrumentalisieren eine klare Absage erteilt. Und wir sollten uns nicht in eine Auseinandersetzung hineinziehen/bzw. dafür instrumentalisieren lassen, die nicht die unsere ist.

Da wir uns in beide Richtungen abgegrenzt haben, meine ich, dass wir mögliche Vorwürfe gelassen zurückweisen können, wir seien der jeweils anderen Seite auf den Leim gegangen. Wir suchen und brauchen jetzt Partner, die uns entlasten und unsere Möglichkeiten vergrößern, etwas zur Verbesserung der Lage von Menschen mit seelischen Störungen zu erreichen. Scientology befindet sich seit Jahren in einem grundsätzlichen Konflikt mit unserem Staat, von dem sie ihre Zulassung als Kirche einfordert. Das KNS steht unter massivem Einfluss der Pharmaindustrie (zart formuliert!). Eine Kooperation vor diesem Hintergrund würde die Handlungsmöglichkeiten unseres Verbandes eher einengen und auf Jahre viele Kräfte binden, ohne dass wir dabei den Zielen, die sich der BPE gesetzt hat, näher kommen würden. Wer meint, sich in dieser Angelegenheit trotzdem für die eine oder andere Seite engagieren zu müssen, der möge das also tun. Es ist aber nicht Thema des BPE, meine ich, und deshalb bin ich überzeugt, dass seine Mitglieder in Bonn am 12.10.02 die Weichen für die nächsten Jahre richtig gestellt haben.

Ich möchte aber andererseits nicht dazu beitragen, dass diese Entscheidungen nun benutzt werden, um der gegenseitigen Dämonisierung dieser Gruppierungen Wasser auf die Mühlen zu lenken. Wie schon gesagt, das sollte außerhalb des BPE geklärt werden und ist nicht unser Thema. Nach dem Lesen von Renate Hartwigs Buch habe ich allerdings nun doch meine Zweifel, ob meine Gutgläubigkeit bezgl. der Informationen des Verfassungsschutzes und von offiziellen Sektenbeauftragten berechtigt war/ist. Ich kann nicht ausschließen, dass auch ich zum Spielball eines Spielchens geworden bin/werden könnte, was da heißt: Wer dämonisiert den jeweils anderen am überzeugendsten und findet die meisten Dummen, die dabei mitmachen?

Wir dürften uns einig darüber sein, dass wir uns in verschiedene Richtungen um eine differenzierte Sicht der Dinge bemühen müssen, wenn wir persönlich und politisch weiterkommen wollen. Dazu ist es unerlässlich, aus den jeweiligen Blöcken herauszutreten bzw. sich an die Grenzen zu begeben, an denen eine Verständigung (mit denen, die das gleiche im anderen Lager tun) möglich ist. Renate Hartwig bemüht sich darum und musste dazu kräftig zurückrudern, da sie jahrelang daran mitgewirkt hat, das Feindbild Scientology aufzubauen. Umgekehrt erlebe ich eine Dämonisierung der Pharmaindustrie und des KNS, die nicht weniger propagandistisch gestrickt ist. Ich ziehe aus Hartwigs Buch im übrigen nicht den Schluss, Scientology nun vor allem in der Opferrolle wahrzunehmen. Tatsache ist aber, und da stimme ich Renate Hartwig voll und ganz zu, dass allein das Wort "Scientologe" heute eine ähnlich drastische Wirkung hat wie im Mittelalter das Wort "Hexe". Wenn deshalb Schüler von einer Schule gemobbt werden, ohne dass sie sich etwas haben zu Schulden kommen lassen, wenn Firmen durch Verbreiten eines Gerüchtes ruiniert werden können (und es dann nicht einmal eine Rolle mehr spielt, ob an den Gerüchten etwas dran ist), dann werden hier Grenzen überschritten, wo die Demokratie die Axt an sich selbst legt. Das darf einfach nicht wahr sein oder gar Alltag werden.

Es muss etwas völlig schief gelaufen sein in unserer "Anti-Sekten-Politik", wenn man das Buch von Renate Hartwig zum Maßstab und ernstnimmt, und ich nehme es sehr ernst. Fast sieht es so aus, dass diese Art Politik das zerstört, was sie zu schützen vorgibt. Polemisch gefragt: "Wer schützt uns nun vor den Beschützern?"

Man mag kritisieren, dass Renate Hartwig kaum noch ein kritisches Wort über Scientology in diesem Buch verliert. Aber vielleicht ist das ja der Tatsache geschuldet, dass sie sich über Jahre einseitig als Scientology-Kritikerin profiliert hat und nun ihr persönliches Engagement ein bisschen ausbalancieren möchte? Davon abgesehen steht für mich fest, dass Renate Hartwig mit ihrem "Schattenspieler" ein wichtiges Buch geschrieben hat.


Renate Hartwig: Die Schattenspieler. Kartoniert, 390 Seiten, mit Abbildungen und Faksimiles, ISBN 3-935246-02-1. Nersingen: Direct Verlag 2002