| in: Mitgliederrundbrief des
Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, 2003, Nr. 2 (Mai), S.
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Kalle Pehe
Wenn aus Gegnern Dämonen
(gemacht) werden ..... ist die Gewalt nicht mehr fern
Rezension eines bemerkenswerten Buches mit einem Seitenblick
auf die Lage des BPE
Wenn im Mittelalter jemand im Zusammenhang mit einem anderen
Menschen das Wort "Hexe" ins Spiel brachte, so war das
unter Umständen ein Todesurteil über die, die da verdächtigt wurde.
Ein Mensch wurde dämonisiert und damit der Vernichtung preisgegeben.
Gerechtfertigt wurde das damit, dass andere vor dem Bösen zu schützen
sind. Heute glaubt eigentlich kaum noch einer ernsthaft daran,
dass es Hexen gibt, aber dass ein Mensch durch ein Wort, ein Etikett
ausgegrenzt und eine Bedrohung seiner sozialen Existenz erleiden
kann, das gibt es immer noch.
Ich habe das Buch von Renate Hartwig gelesen "Die Schattenspieler",
in dem es diesmal weniger um "religiöse Sekten" geht,
einem Thema, an dem Renate Hartwig über Jahre arbeitete, um möglichen
Schaden von den Bürgern abzuwenden und die Sachlage zu klären.
Nein, diesmal geht es um die, die als Sektenbeauftragte von Staat
und Kirche ihr Geld verdienen und deren Aufgabe es ist/wäre, Aufklärung
zu betreiben und Menschen zu schützen.
Was Renate Hartwig dann aber berichtet und sie kennt das
Metier sehr genau, da sie in ihm lange Jahre aktiv war
ist erschreckend. Sie beschreibt gut nachvollziehbar eine völlig
gescheiterte Anti-Sekten-Politik, der es in vielen Jahren kaum
gelungen ist, juristisch klare Straftatbestände zu dokumentieren,
und damit eine sichere Rechtsgrundlage für den Umgang mit diesem
Problem zu schaffen.
So ist ein unerträglicher Schwebezustand entstanden, in dem es
ein Leichtes ist, Menschen existenzvernichtenden Verdächtigungen
auszusetzen, ohne gerichtlich verwertbare Tatbestände als Grundlage
repressiver Maßnahmen vorweisen zu können. In diesem Klima blühen
Denunziation und Geschäftemacherei durch angebliche Aufklärer,
die im wesentlichen damit beschäftigt sind, ihre eigene Existenzberechtigung
als Sektenbeauftragte nachzuweisen und so ihre Stelle zu sichern.
Dabei bedient sich diese Szene allerlei dubioser Helfer, die ihre
Opfergeschichten vermarkten, ohne fürchten zu müssen, dass ihre
Geschichten kritisch nachgeprüft werden. Das Ganze wird von höchsten
Stellen aufgewertet und finanziell unterstützt.
Renate Hartwig ist regelrecht der Kragen geplatzt, als sie feststellen
musste, dass sie möglicherweise über Jahre regelrecht benutzt
wurde, um ein Bedrohungsszenario aufzubauen, an dem einige gut
verdienen. Sie geht in ihrer Kritik schließlich sogar soweit,
von einer "Kritikersekte" zu sprechen, die selbst die
Methoden anwendet, vor denen sie die Bürger ihrem Auftrag gemäß
eigentlich schützen müsste.
Der BPE hat auf seiner letzten Mitgliederversammlung beschlossen,
dass er im Augenblick keine Kooperation mit dem Kompetenznetzwerk
Schizophrenie (KNS) und der KVPM bzw. Scientology wünscht. Was
Scientology und KVPM betrifft, haben wir das sogar in unsere Satzung
geschrieben. Was mich persönlich betrifft, so ging es mir bei
diesem Antrag (zu dem ich selbst vor einem Jahr die Initiative
ergriffen habe) darum, dass sich der BPE ein eigenes Profil gibt,
dass er selbst festlegt, mit wem er zusammenarbeiten möchte und
mit wem nicht.
Ich muss zugeben, dass mich das Buch von Renate Hartwig sehr
nachdenklich gemacht hat. Es ist nicht in meinem Sinne, wenn unsere
Beschlüsse zur Abgrenzung vom KINS und von Scientology dazu führen,
dass wir die Feindbilder verfestigen, die jede dieser beiden im
Clinch liegenden Gruppierungen offiziell vom jeweils anderen zeichnen.
Wir sollten uns durch eine konstruktive Betroffenenpolitik profilieren,
die die Selbstbestimmung der Menschen stärkt, indem sie ihre Selbsthilfepotentiale
weckt und fördert und allen Versuchen, sie für Konzepte dritter
zu instrumentalisieren eine klare Absage erteilt. Und wir sollten
uns nicht in eine Auseinandersetzung hineinziehen/bzw. dafür instrumentalisieren
lassen, die nicht die unsere ist.
Da wir uns in beide Richtungen abgegrenzt haben, meine ich, dass
wir mögliche Vorwürfe gelassen zurückweisen können, wir seien
der jeweils anderen Seite auf den Leim gegangen. Wir suchen und
brauchen jetzt Partner, die uns entlasten und unsere Möglichkeiten
vergrößern, etwas zur Verbesserung der Lage von Menschen mit seelischen
Störungen zu erreichen. Scientology befindet sich seit Jahren
in einem grundsätzlichen Konflikt mit unserem Staat, von dem sie
ihre Zulassung als Kirche einfordert. Das KNS steht unter massivem
Einfluss der Pharmaindustrie (zart formuliert!). Eine Kooperation
vor diesem Hintergrund würde die Handlungsmöglichkeiten unseres
Verbandes eher einengen und auf Jahre viele Kräfte binden, ohne
dass wir dabei den Zielen, die sich der BPE gesetzt hat, näher
kommen würden. Wer meint, sich in dieser Angelegenheit trotzdem
für die eine oder andere Seite engagieren zu müssen, der möge
das also tun. Es ist aber nicht Thema des BPE, meine ich, und
deshalb bin ich überzeugt, dass seine Mitglieder in Bonn am 12.10.02
die Weichen für die nächsten Jahre richtig gestellt haben.
Ich möchte aber andererseits nicht dazu beitragen, dass diese
Entscheidungen nun benutzt werden, um der gegenseitigen Dämonisierung
dieser Gruppierungen Wasser auf die Mühlen zu lenken. Wie schon
gesagt, das sollte außerhalb des BPE geklärt werden und ist nicht
unser Thema. Nach dem Lesen von Renate Hartwigs Buch habe ich
allerdings nun doch meine Zweifel, ob meine Gutgläubigkeit bezgl.
der Informationen des Verfassungsschutzes und von offiziellen
Sektenbeauftragten berechtigt war/ist. Ich kann nicht ausschließen,
dass auch ich zum Spielball eines Spielchens geworden bin/werden
könnte, was da heißt: Wer dämonisiert den jeweils anderen am überzeugendsten
und findet die meisten Dummen, die dabei mitmachen?
Wir dürften uns einig darüber sein, dass wir uns in verschiedene
Richtungen um eine differenzierte Sicht der Dinge bemühen müssen,
wenn wir persönlich und politisch weiterkommen wollen. Dazu ist
es unerlässlich, aus den jeweiligen Blöcken herauszutreten bzw.
sich an die Grenzen zu begeben, an denen eine Verständigung (mit
denen, die das gleiche im anderen Lager tun) möglich ist. Renate
Hartwig bemüht sich darum und musste dazu kräftig zurückrudern,
da sie jahrelang daran mitgewirkt hat, das Feindbild Scientology
aufzubauen. Umgekehrt erlebe ich eine Dämonisierung der Pharmaindustrie
und des KNS, die nicht weniger propagandistisch gestrickt ist.
Ich ziehe aus Hartwigs Buch im übrigen nicht den Schluss, Scientology
nun vor allem in der Opferrolle wahrzunehmen. Tatsache ist aber,
und da stimme ich Renate Hartwig voll und ganz zu, dass allein
das Wort "Scientologe" heute eine ähnlich drastische
Wirkung hat wie im Mittelalter das Wort "Hexe". Wenn
deshalb Schüler von einer Schule gemobbt werden, ohne dass sie
sich etwas haben zu Schulden kommen lassen, wenn Firmen durch
Verbreiten eines Gerüchtes ruiniert werden können (und es dann
nicht einmal eine Rolle mehr spielt, ob an den Gerüchten etwas
dran ist), dann werden hier Grenzen überschritten, wo die Demokratie
die Axt an sich selbst legt. Das darf einfach nicht wahr sein
oder gar Alltag werden.
Es muss etwas völlig schief gelaufen sein in unserer "Anti-Sekten-Politik",
wenn man das Buch von Renate Hartwig zum Maßstab und ernstnimmt,
und ich nehme es sehr ernst. Fast sieht es so aus, dass diese
Art Politik das zerstört, was sie zu schützen vorgibt. Polemisch
gefragt: "Wer schützt uns nun vor den Beschützern?"
Man mag kritisieren, dass Renate Hartwig kaum noch ein kritisches
Wort über Scientology in diesem Buch verliert. Aber vielleicht
ist das ja der Tatsache geschuldet, dass sie sich über Jahre einseitig
als Scientology-Kritikerin profiliert hat und nun ihr persönliches
Engagement ein bisschen ausbalancieren möchte? Davon abgesehen
steht für mich fest, dass Renate Hartwig mit ihrem "Schattenspieler"
ein wichtiges Buch geschrieben hat.
Renate Hartwig: Die
Schattenspieler. Kartoniert, 390 Seiten, mit Abbildungen
und Faksimiles, ISBN 3-935246-02-1. Nersingen: Direct Verlag 2002