Beate Lisofsky
Verbandsvertreter im Bundesgesundheitsministerium
Gespräch bei Bundesministerin Andrea Fischer
am 10. Februar 2000
Bereits im Juli 99 hatte der Bundesverband der Angehörigen
psychisch Kranker um einen Termin bei der Bundesgesundheitsministerin
gebeten, und nun war es endlich soweit: Am 10. Februar
fand ein Treffen mit Andrea Fischer im BMG in Bonn
statt. Neben dem Angehörigenverband war der Bundesverband
Psychiatrie-Erfahrener und der Dachverband eingeladen.
Gelegenheit, sich über die Schwerpunkte rot-grüner
Psychiatriepolitik aus erster Quelle zu informieren
und die Anliegen und Forderungen der Selbsthilfeverbände
zu formulieren.
Die Verbandsvertreter, Peter Lehmann für den
BPE, Dr. Alfred Speidel für die Angehörigen
und Dr. Ingmar Steinhart für den Dachverband,
erlebten ein zugewandte und für sozialpsychiatrische
Belange und die Interessen von Psychiatrie-Erfahrenen
durchaus interessierte Ministerin.
Was steht auf der Agenda der Bundesregierung 25
Jahre nach der Psychiatrieenquete?
Auch heute noch werden sogenannte psychisch kranke
Menschen benachteiligt gegenüber somatisch Kranken,
so Peter Lehmann in seinen Ausführungen zu Beginn
des Gespräches. Er forderte die Beteiligung von
Psychiatrie-Erfahrenen in Entscheidungsgremien auf
allen Ebenen, auch bei Modellprogrammen der Bundesregierung.
Um für Psychiatriebetroffene reelle Wahlmöglichkeiten
zu eröffnen, sollten nichtpsychiatrische Alternativen,
wie z.B. das Berliner Weglaufhaus, gefördert
werden. Er lud Andrea Fischer ein, sich diese Muster-Einrichtung
anzuschauen, um gemeinsam Finanzierungswege für
nichtpsychiatrische Einrichtungen im psychosozialen
Bereich entsprechend dem Beschluss der EU-Gesundheitsministzerkonferenz
im November 99 in Brüssel zu suchen.
Dr. Alfred Speidel forderte die bessere Vertretung
und Mitsprache der Angehörigen auf Ebene des
Bundes in psychiatriepolitischen Gremien, wie sie
regional schon vielerorts praktiziert wird und betonte
die Rolle der Selbsthilfe der Angehörigen.
Ist eine zweite Psychiatrie-Enquete mit dem Schwerpunkt
»Heime« denkbar? 75 Prozent der Ausgaben
für Eingliederungshilfe fließen in den
Heimbereich, und vor allem in den neuen Bundesländern
haben sich überwiegend Großeinrichtungen
etabliert, so Dr. Ingmar Steinhart. Er bat die Ministerin,
diese von der »Heim-Psychiatrie«-Betrofenen
nicht zu vergessen. Der Dachverband möchte hier
aktiv werden dieses nach wie vor ungelöste Problem
der Stärkung der Nutzerinteressen und weitergehender
ambulanter Angebote deutlicher in den Fokus der Erneuerungsbestrebungen
stellen. Er betonte die Rolle des ehrenamtlichen Engagements
in der Psychiatrie, wie sie von den im Dachverband
zusammengeschlossenen Vereinen und Initiativen seit
nunmehr über 20 Jahren praktiziert wird und berichtete
über die aktuellen Diskussionen auch auf europäischer
Ebene zur Förderung des freiwilligen sozialen
Engagements.
Dr. Annegret Kriegel aus dem Psychiatrie-Referat
des BMG erläuterte, dass die Regierung innovative
und nutzerorientierte Projekte unterstützt und
fördert, u.a. durch die Finanzierung der gemeinsamen
Geschäftsstelle der Verbände in Bonn. Eine
Förderung des weiteren organisatorischen und
strukturellen Aufbaus des Bundesverbandes der Psychiatrie-Erfahrenen
werde zwischenzeitlich geprüft. Für Verbesserungen
der gemeindenahen Versorgung seien auch durch die
Gesundheitsreform 2000 gesetzliche Grundlagen geschaffen
worden. Das betreffe z.B. die Einführung der
Soziotherapie und die Möglichkeit der Einrichtung
von Institutsambulanzen an psychiatrischen Abteilungen.
Über die Notwendigkeit eines Psychiatrie-Beirates
auf Bundesebene sei schon seit langem diskutiert worden.
Da viele Entscheidungen jedoch in die Kompetenz der
Länder fallen, riet sie den Selbsthilfeverbänden,
ihre Landesverbände kompetent auszugestalten,
um vor Ort politische Entscheidungen im Sinne der
psychisch Kranken und ihrer Familien zu beeinflussen.
Auch Ministerin Fischer wies auf die Entscheidungskompetenz
der Bundesländer in der Gesundheitspolitik hin.
Neue Entwicklungen ließen sich nur durchsetzen,
wenn die Länder und Kommunen »mit ins Boot«
zu bekommen wären. Die Stärkung der Patientenrechte
sowohl der individuellen wie auch der kollektiven
sei ein Schwerpunkt der Arbeit der nächsten
Jahre. Schwierig sei hierbei jedoch schon die Beantwortung
der Frage: Wer spricht für die Patienten? Hier
könnten die Krankenkassen nicht »der«
Anwalt der Patienten sein und neue Formen der Vertretung
der Nutzerinteressen und der Beratung müssten
gefunden werden.
Frau Fischer vertrat weiterhin die Ansicht, dass
die durch das Arzneimittelstrukturgesetz eingeführten
Arzneimittelbudgets kein Hinderungsgrund für
verantwortliche Verschreibung neuer, teurerer Neuroleptika
sein können, wenn diese das wirksamere und verträglichere
Medikament seien. Hier Rechtssicherheit zu erreichen,
sei auch Anliegen der Angehörigen, so Dr. Speidel,
zumal die ambulante Umstellung auf klassische Neuroleptika
nach einem Klinikaufenthalt oftmals zu Rückfällen
und erneuten Klinikeinweisungen führe. Peter
Lehmann warnte vor einer zu positiven Einschätzung
der atypischen Neuroleptika, von denen einige wegen
schwerwiegender Nebenwirkungen bereits wieder von
Markt genommen wären.
Zum Abschluss regte Andrea Fischer an, dieses Jahr
25 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete in Deutschland
zum Anlass zu nehmen, der Psychiatrie mehr Öffentlichkeit
zu schaffen und gegen Stigmatisierung und Diskriminierung
von psychisch Kranken und ihrer Familien aufzutreten.
Hierbei sei auf die Unterstützung ihres Ministeriums
zu setzen.