| Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. |
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An die Mitglieder des
Deutschen Bundestages
B e r l i n
20.6.2002
Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.
plädiert für eine Heim-Enquete
Sehr geehrte Damen und Herren,
die letzte Psychiatrie-Enquete hat bewirkt, dass
viele der großen psychiatrischen Einrichtungen in Akutpsychiatrien
umgewandelt wurden, die wir nur allzu oft als Zwangs- und Verwahrpsychiatrien
erlebt haben. Viele der großen Einrichtungen wurden aufgelöst.
Die neu entstandenen kleinen Psychiatrien wurden als Mittelpunkt
des Gemeindepsychiatrischen Verbundes an die Krankenhäuser
der Landkreise angegliedert. Dies bedeutet für uns Betroffene,
in unseren Städten und Gemeinden verbleiben zu können.
Dazu trägt auch bei, dass in der Gemeindepsychiatrie eine Palette
von niederschwelligen psychiatrischen Angeboten geschaffen wurde.
Der Abbau von Langzeitstationen in den großen
Psychiatrien hatte leider eine Welle von psychiatrischen Heimbauvorhaben
in den Gemeinden zur Folge. Der schon in der letzten Psychiatrie-Enquete
geforderte Paradigmenwechsel "Ambulant vor Stationär"
wurde nicht vollzogen. 97% aller Mittel zur Wiedereingliederung
der psychisch kranken Menschen gehen in den stationären Bereich.
Nur die restlichen 3% kommen dem ambulanten Bereich zugute. Durch
eine solche Finanzierung werden die Träger von gemeindepsychiatrischen
Einrichtungen allem Anschein nach dazu verleitet, unnötig viele
Langzeit-Heimschicksale zu produzieren.
Unsere Beobachtungen: Anstatt die Betroffenen zu
befähigen, selbstständig, alleine oder in kleinen Wohneinheiten
an dem Leben in der Stadt und Gemeinde teilzunehmen, werden sie
in Großheimen gettoisiert und isoliert. Dabei sollten die
Betroffenen befähigt werden, sich zu integrieren, z. B. in
der Stadt und auf dem Lande in bestehende Sport- und Gesangsvereine
sowie in Kirchengemeinden. Und immer noch werden die Probleme unserer
erkrankten Mitmenschen mit Medikamenten angegangen, eine Heranführung
an Psychotherapie unterbleibt. Heute leben diese ausgegrenzten Psychiatrie-Erfahrenen
in einer Subkultur fern der Gemeinderealität: Heim, WfB, Tagestätte
sowie psychiatrische Ambulanz heißt die einzige Option. Dabei
ist es keinesfalls üblich, dass nur Menschen aus dem nahegelegenen
Umfeld und aus dem eigenen Landkreis in ein Heim aufgenommen werden.
Zudem werden auffällige Heimbewohner in ein anderes weit entferntes
Heim abgeschoben. Das sollte strikt verboten werden. Ca. 25% aller
Heiminsassen haben nach der Bielefelder Studie "Menschen in
Heimen" eine solche Odyssee hinter sich.
Leider machen wir die Erfahrung, dass durch Einsparungen
im Gesundheitswesen der Kos-tendruck auf die Psychiatrien steigt.
Dies hat zur Folge, dass bei einer Erstvorstellung nicht auf die
Auslöser der Erkrankung eingegangen wird und der Hinweis auf
eine weiterführende psychotherapeutische Begleitung unterbleibt.
Stattdessen werden nur die Symptome mit der vermuteten richtigen
Dosierung psychopharmakologisch unterdrückt. Wenn es dann zu
mehreren Vorstellungen in der Klinik kommt, die Angehörigen
obendrein überlastet sind, folgt oft eine Heimeinweisung mit
der Begründung, dass der Mitmensch angeblich weder lebenstüchtig
noch alltagstauglich sei. Für den ambulanten Wohnbereich kommt
er nicht in Frage, da er durch einen Betreuungsschlüssel in
der Regel 1 zu 12 nicht die engmaschige Hilfe bekommt, die er in
dieser Lebenssituation benötigt. So werden Heimschicksale geschaffen,
die nicht selten in jungen Jahren beginnen und im Altenpflegeheim
enden. Wir wollen nicht, dass nur von dem schweren volkswirtschaftlichen
Schaden gesprochen wird. Im Vordergrund steht das Leid der Betroffenen.
Wir wollen, dass darüber gesprochen wird, was es heißt,
im Heim zu leben. Nämlich z.B. davon, dass durch das Zusammentreffen
von Menschen mit den verschiedensten Krankheitsbildern unzählige
Konflikte entstehen, zu deren Lösung hohe Dosen von Neuroleptika
eingesetzt werden. Jeder, der diese Medikamente kennt, weiß
um deren Nebenwirkungen, die häufig gravierend die Lebensqualität
beeinflussen. Konflikte können diese nicht lösen. Eine
Heimunterbringung nutzt aus unserer Sicht nur den Interessen der
Trägervereine und -verbände. Wir Psychiatrie-Erfahrenen
lehnen eine Heimunterbringung ab. Am Beispiel der skandinavischen
Länder lässt sich zeigen, dass man fast ohne Heime auszukommen
vermag.
Als Skandal sehen wir es an, dass immer mehr junge
Erwachsene aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie automatisch in
die Heime für Erwachsene überwiesen werden. Das bedeutet:
ein Leidensweg von der Kindheit bis zum Altersheim ist vorprogrammiert.
Statt zur Lebenstüchtigkeit mit oder ohne Handicap zu verhelfen,
werden chronische Hospitalisierung und irreversible gesundheitliche
Schäden in Kauf genommen. Zudem halten wir die jetzige Form
der Kinder- und Jugendpsychiatrie als dringend überprüfungswürdig.
Jeder psychiatrisch erkrankte Mensch sollte das Recht haben und
die Möglichkeit erhalten, durch geeignete Therapien gesund
und leistungsfähig zu werden. Psychopharmaka sind da ungeeignet,
denn sie heilen nicht, sondern mildern die Symptomatik. Deshalb
fordern wir geeignete Therapien, die jedem vor allem bei einer Ersterkrankung
uneingeschränkt zur Verfügung stehen sollten. Sollte sich
doch ein chronisch verlaufender Leidensweg ergeben, so ist es unabdingbar,
dass im ambulant betreuten Wohnen in dezentralen Wohnformen eine
ausreichende Anzahl von Sozialpädagogen, Pflegekräften
und hauswirtschaftlichen Mitarbeitern in einem Mitarbeiterpool zur
Verfügung stehen. Neben der Hilfe zur Wiedereingliederung muss
im Betreuten Wohnen auch die Hilfe zur Pflege zur Verfügung
stehen. Diese Arbeit könnte u.a. von dem Netz der kommunalen
Sozialstationen übernommen werden. Bis jetzt ist eine mangelhafte
personelle Ausstattung des Betreuten Wohnens ein Fakt, um den Angehörige
und Psychiater wissen. Dem muss mit einer absoluten Stärkung
des Betreuten Wohnens Rechnung getragen werden. Der Betreuungsumfang
hat sich am Betreuungsbedarf des Patienten zu orientieren.
In vielen Heimen gibt es Mehrbettzimmer. Die Bewohner
können sich ihren Mitbewohner nicht aussuchen. Sie können
sich auch die Wohngemeinschaft nicht aussuchen und sind so in einer
Zwangsgemeinschaft vereint. Da solche Gemeinschaften über Jahre
bestehen, fordern wir für jeden Bewohner ein Einzelzimmer mit
eigenem Schlüssel, WC und Nasszelle. Da das Zimmer nicht nur
zur Nachtruhe gebraucht wird, sollte es nicht kleiner als 16 qm
ohne WC und Nasszelle sein.
Jedes Heim soll sich einer ständigen Qualitätskontrolle
unterwerfen, bei der nicht Sauberkeit im Vordergrund steht, sondern
das Wohlbefinden der Bewohner. Die Formel "Sauber, satt und
ruhig" darf nicht mehr gelten. Die Qualitätskontrolle
soll von externen psychiatrischen Fachkräften, dem Heimbeirat,
enthospitalisierten ehemaligen Heimbewohnern und den Angehörigen
durchgeführt werden. Jeder Heimbewohner soll ständig die
Möglichkeit haben, in eine ambulante Lebensform integriert
zu werden. Außerdem muss jeder Heimbewohner die Möglichkeit
haben, einen niedergelassen Arzt oder eine psychiatrische Ambulanz
seiner Wahl aufzusuchen. Jedem Heimbewohner sollte eine niederschwellige
und unbürokratische Beschwerdeeinrichtung bei einem der Kostenträger
zur Verfügung stehen. Jedes Heim sollte verpflichtet sein,
seinen Bewohnern den Kontakt zu einem Patientenanwalt oder einer
Beschwerdestelle zu gewährleisten.
Unsere Forderungen:
-
Mit der Hälfte aller zur Verfügung
stehenden finanziellen Mittel zur Wiedereingliederung werden
die ambulanten Dienste ausgebaut.
-
Es ergeht ein sofortiger Bau- bzw. Einrichtungsstopp
für neue psychiatrische Heimplätze.
-
In den stationären Einrichtungen der Psychiatrien
muss Psychotherapie vor einer Behandlung mit Psychopharmaka
Vorrang haben.
-
Die Psychiatrien arbeiten vertrauensvoll mit
erfahrenen Ex-Patienten zusammen.
-
Selbstheilungskräfte der Einzelnen und
Selbsthilfegruppen sind zu stärken.
-
Den Psychiatrien sollte zur Empfehlung ein
engmaschiges Netz von ambulant betreuten Wohnplätzen zur
Auswahl stehen. Betreuungsschlüssel: 1 zu 4.
-
Jedem Landkreis sollte ein Krisen- und Notfalldienst
mit einer Clearingstelle zur Verfügung stehen.
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In jedem größerem Betrieb sollte
es psychiatrisch orientierte Laien-/Bürgerhelfer geben,
die gegen jede Art von Mobbing vorgehen und als Vertrauenspersonen
zur Verfügung stehen (Beispiele: Früherkennung und
Wiedereingliederung).
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In jeder überregionalen Psychiatrie sollte
es eine Ausgliederungsstation geben, die sich bemüht, ehemalige
Heimpatienten, chronische Langzeitpatienten und Patienten aus
der Forensik wieder überlebensfähig in ihrer Gemeinde
zu machen.
-
Eine trialogische Sozialpsychiatrie mit einem
starken sozialtherapeutischen Ansatz, auch im Hinblick darauf,
dass ein Abgleiten der Patienten in die Forensik vermieden wird,
ist ein Muss. Wir sehen die Gefahr, dass mit einer bloßen
Schließung von Heimen eine Steigerung der forensischen
Unterbringung einhergehen wird.
Wir bitten Sie, sich den geschilderten Problemen
anzunehmen. Auf eine Rückmeldung freuen wir uns.
Mit freundlichen Grüßen
gez. Klaus Laupichler
(Am Alten Sportplatz 10, 89542 Herbrechtingen)
Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes
des BPE e.V./Schwerpunkt Heime
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