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Grußbotschaft der Ehrenvorsitzenden Dorothea Buck
zur Jahrestagung des BPE, 10. bis 12. Oktober 2003 in Kassel
Liebe Mitstreiterinnen und liebe Mitstreiter für eine gewaltfreie
und hilfreiche Psychiatrie!
Dass erst bei diesem 11.Jahrestreffen unseres Bundesverbandes die
»Gewalt und Möglichkeiten der Gewaltminderung in der Psychiatrie«
das Thema ist, kennzeichnet die traumatischen Erfahrungen, die kommunale
und kirchliche Psychiatrien für viele von uns beinhalten. Man
rührt lieber nicht daran, um nicht von Schmerz und Empörung
über die dort erfahrene menschliche Abwertung überwältigt
zu werden. Das geht mir noch heute so als über 86-jähriger
nach 67 Jahren der menschenverachtendsten Erfahrungen meines Lebens
in der ersten geschlossenen Station in der damals hochangesehenen
von Bodelschwinghschen Anstalt in Bethel bei Bielefeld 1936. Dagegen
ist eine schwere Kriegsverschüttung 1944 längst verblasst.
Eine Bombe stellt den Wert des getroffenen Menschen nicht so in
Frage, wie es die damalige völlige gesprächslose und heute
immer noch gesprächsarme Psychiatrie tut.
Unter dem großen Jesuswort an der Wand »Kommet her zu
mir, alle, die Ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch
erquicken« wurden wir Durchgangs- und die Dauerpatientinnen
ohne ein einziges Gespräch der Ärzte und der beiden Hauspfarrer,
die nur Bibelworte an unseren Betten zitierten, und ohne eine Beschäftigung
zur untätigen Verkümmerung gezwungen. Psychopharmaka gab
es noch nicht, aber die rigorosen Zwangssterilisationen gegen uns
als »Minderwertige«. Auch sie wurden hier ohne eine einziges
ärztliches Gespräch weder vorher noch nachher
durchgeführt. Wie hätten wir Bethels zynisches Missverständnis
des Jesuswortes an der Wand als »geistige Gesundheit«
erkennen können, zu der wir hier gebracht werden sollten? Damals
schwor ich mir, lieber »geisteskrank« zu bleiben, als
mir jemals die uns hier vorgelebte unmenschliche »Vernunft«
zu eigen zu machen, die die selbstverständliche Hilfe durch
Gespräche und Beschäftigung durch quälende »Beruhigungsmaßnahmen«
ersetzte. Es war wohl die Kraft aus meinem Widerstand gegen eine
solche ohne ein Gespräch dilettantische Psychiatrie, die mir
die Hoffnung gab, dass wir die Psychiatrie verändern können.
Vor 14 Jahren begannen wir damit in unserem ersten Hamburger Psychose-
Seminar durch den gleichberechtigten Erfahrungsaustausch zwischen
den Profis, den Angehörigen und uns Psychose- und Depressionserfahrenen,
den TRIALOG. Da aber Psychiater kommunaler und kirchlicher Psychiatrien
und Theologen als ihre Arbeitgeber in Psychiatrien der Diakonie
und der Caritas kaum dran teilnehmen, stellt sich die Frage, wie
wir sie erreichen können, wie wir weiter vorgehen. Denn eine
Psychiatrie, die die Erfahrungen und Bedürfnisse der PatientInnen
zu wenig berücksichtigt, kann nicht hilfreich sein.
Gerade ist im Psychiatrie-Verlag unter dem Titel »Vom Glück
Wege aus psychischen Krisen« die von Sibylle Prinz herausgegebene
Sammlung von 26 Erfahrungsberichten erschienen. Die stationäre
Psychiatrie wurde als Hilfe nur von Vieren der 26 sychiatrieerfahrenen
erwähnt. 15 erlebten eine Psychotherapie, die ihnen half. Während
niemand mehr in die stationäre Psychiatrie möchte, wurden
Tageskliniken und Tagesstätten wegen ihrer Gespräche und
kreativen Angebote als echte Hilfe erlebt. Als besonders hilfreich
wurde von vielen die Selbsthilfe in der Gruppe, die Mitarbeit im
BPE, die Teilnahme an einem Psychose-Seminar oder einfach »Gespräche
mit Menschen, die mich ernst nehmen« genannt.
Im nächsten Jahr werden die Ergebnisse unseres BPE- Forschungsprojektes
»Psychoseerfahrene erforschen sich selbst« als Taschenbuch
erscheinen. 44 Teilnehmende beantworteten dazu die 35 von einem
psychoseerfahrenen Hamburger Diplom-Psychologen formulierten Fragen.
Die ebenfalls psychoseerfahrene Hamburger Diplom-Psychologin Christiane
Wiedstruck wertet diese 44 mal beantworteten 35 Fragen neben ihrer
Arbeit in einem Behindertenheim noch fertig aus.
26 Erfahrungsberichte und 44 Teilnehmende an unserem BPE- Forschungsprojekt
mir ihren 35 beantworteten Fragen ergeben zusammen 70 psychiatriebetroffene
Menschen mit ihrer durch nichts zu übertreffenden Kompetenz
des eigenen Erlebens. Um die entmutigende nur defizitäre psychiatrische
Sichtweise zu verändern, werden diese 70 dennoch nicht genügen.
Wie dringend notwendig aber eine als Hilfe erfahrene Psychiatrie
ist, zeigt das Beispiel unserer Kabarettistin Annette Wilhelm in
der jetzigen PSU, die hier in Kassel ausliegt.
»Ich landete in einer psychiatrischen Klinik und wurde mit
Medikamenten vollgepumpt, bis ich überhaupt nicht mehr ich
selbst war! Anschließend wurde mir verkündet, ich könne
nie wieder im Leben Theater spielen! Doch ich gab nicht auf!«
Ich kenne kaum psychiatrieerfahrene Menschen, die ihre Heilung
mit der Psychiatrie gewannen, sonder erst im Widerstand gegen das
psychiatrische Somatosen-Dogma und ihre Unheilbarkeitsprognosen.
Das kann nicht so bleiben. Dazu haben zu viele Zwangssterilisierte
und »Euthanasie« Opfer dieses Dogma der unheilbaren
Somatose mit ihrem Leben und ihrem Stempel als »lebenslang
Minderwertige« bezahlen müssen.
Der Skandal der damals und heute dominierenden biologistischen
Psychiatrie liegt darin, dass sie unsere Erfahrungen unserer seelisch
verursachten Psychosen nicht gelten lässt. Dabei kann sie durch
nichts beweisen, dass die durch bildgebende Verfahren sichtbar zu
machende Hirnstoffwechselstörung die Ursache der Psychosen
und nicht die Folge oder Begleiterscheinung vorausgegangener Lebenskrisen
ist. Magengeschwüre dürfen seelisch verursacht sein, seelische
Erkrankungen nach biologistisch-psychiatrischer Bestimmung offensichtlich
nicht.
So sehr mich Dieter Kellers unzutreffende Verunglimpfung des Vorstands
im »Lautsprecher« ärgert, und dass er ausgerechnet
Klaus Laupichler eine Falschaussage unterstellt, mit dessen Protest
er wohl am wenigsten gerechnet hat, sollten wir diesen unproduktiven
Streit doch in eine produktive Aktion umwandeln. Denn wir können
die Psychiatrie nun mal nicht abschaffen. Für so viele Weglaufhäuser
anstelle der Psychiatrien hätten wir gar keine Mitarbeiter.
Ich schlage Euch vor, dass wir im nächsten Jahr vor einem
geeigneten Gericht gegen das Somatosen Dogma der biologistischen
Psychiatrie als Ursache der Psychosen mit seinen Folgen der Zwangsmedikation
, der Unheilbarkeitsprognosen, der lebenslangen Medikamenteneinnahme
wie bei der Diabetes, der vorenthaltenen Hilfe zu Heilung etc. klagen.
Das wir gleichzeitig eine Pressemitteilung an die dpa geben etwa
mit der Titelzeile: »Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener
e.V. klagt gegen die von der Psychopharmaka-Industrie gesponserte
biologistische Psychiatrie wegen vorenthaltener Hilfe zu Heilung«
etc. Und dass wir Ernst Klee bitten, zur gleichen zeit den Fernsehanstalten
seine Filme zu den Verbrechen der biologistischen Psychiatrie von
1933-1945 anzubieten.
Im nächsten BPE-Rundbrief solltet Ihr schon mal Fragen an
die BPE- Mitglieder zur Beantwortung formulieren. Z.B.:
Hältst du deine Psychose für seelisch verursacht durch
(emotionalen) Stress, seelische Konflikte oder andere Lebenskrisen?
Ja Nein Wenn ja, erkennst du Zusammenhänge zwischen
deinen vorausgegangenen Lebenskrisen und deinen Psychoseinhalten?
Ja Nein Die Fragen solltet ihr gemeinsam zum Ankreuzen formulieren.
In der neuen, hier in Kassel ausliegenden PSU (Psychosoziale
Umschau 4/2003 findet ihr den eigenen Psychoseerfahrungsbericht
des kanadischen praktizierenden und lehrenden Psychiaters Dr. Helmut
Mohelsky. Er schickte ihn mir 1994 nach dem XIV. Weltkongress mit
der sozialen Psychiatrie »Abschied von Babylon Verständigung
über Grenzen in der Psychiatrie«
Ein Jahrestreffen mit gegenseitiger Toleranz und Freundlichkeit
Wünscht Euch Eure alte
Dorothea Buck
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