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Dorothea-S. Buck-Zerchin
Reaktionen auf zwei gegensätzliche Kongresse
August 2001
Nicht zufällig begann der vom Politikprofessor an der Freien
Universität Berlin WOLF-DIETER NARR und dem »Landesverband
Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg« veranstaltete
Kongress »Freedom of Thought« mit dem »5.Russell-Tribunal
zur Frage der Menschenrechte in der Psychiatrie« und »Geist
gegen Gene« am 30. Juni 2. Juli 2001 einen
Tag vor dem »7. Weltkongress für Biologische Psychiatrie«
am 1. 6 Juli 2001.
Die zunehmende Dominanz der biologistischen Sichtweise in der
heutigen Psychiatrie muss uns zutiefst beunruhigen. Denn ungeachtet
der gar nicht erst erfragten Patientenerfahrungen ihrer seelisch
verursachten Psychosen beharren die Biologisten auf der nicht
seelisch, sondern durch eine (Gen-Defekt-bedingte) Hirnstoffwechselstörung
verursachten und darum sinnlosen und nur mit Psychopharmaka zu
stoppenden »endogenen« Psychose.
Dass Körperkrankheiten wie Magengeschwüre seelisch
verursacht sein dürfen, seelische Erkrankungen dagegen nicht,
wird keinem vernünftigen Menschen einleuchten. Mit diesem
heute wieder dominierenden Erblich-bedingte-Somatose-Dogma
begründeten zu meinen Psychiatriezeiten die deutschen Psychiater
ihre gegen uns als »minderwertiges und lebensunwertes Leben«
gerichteten Ausrottungsmaßnahmen der Zwangssterilisation
und der Patientenmorde von 1933 45. Sie führten sie
rigoros ohne ein Gespräch gegen uns durch. Auch heutige Psychiatriepatienten
können die aus dieser entmutigenden, nur defizitären
psychiatrischen Sichtweise resultierende menschliche Geringschätzung
noch erleben, die sie keines Gesprächs über die Sinnzusammenhänge
zwischen ihren Psychoseinhalten und ihren vorausgegangenen Lebenskrisen
für würdig erachtet. Sie fühlen sich daher auch
heute noch oft nicht ernst genommen.
Als im Jahre 1951 der Direktor der Zürcher Universitätspsychiatrie,
MANFRED BLEULER (Sohn von EUGEN BLEULER, der den Begriff »Schizophrenie«
prägte, die der deutsche Psychiater EMIL KRAEPELIN (1856
1926) als »Dementia praecox«, als »vorzeitige
Verblödung«, bezeichnet hatte), seinen damals berühmten
Übersichtsbericht über die »Forschungen und Begriffswandlungen
in der Schizophrenielehre 1941 bis 1950« herausgab, ließen
diese aus den psychotherapeutischen Gesprächen gewonnenen
Einsichten mehr über das Wesen der Schizophrenie erkennen
als es den heutigen bildgebenden Verfahren über hirnorganische
Prozesse ohne eingehende Gespräche je möglich sein kann.
ALEXANDER MITSCHERLICH schrieb darüber:
»Englisch-amerikanische, französische, italienische
und deutschsprachige Veröffentlichungen fanden Berücksichtigung.
Nicht weniger als 1100 Arbeiten wurden referiert. Was ist nun
das Ergebnis dieser sorgfältig erarbeiteten Übersicht?
Es seien, in zwölf Punkte gegliedert, die im vorliegenden
Zusammenhang interessierenden Tatbestände wortgetreu zitiert...«
(ALEXANDER MITSCHERLICH »Krankheit als Konflikt
Studien zur psychosomatischen Medizin I«, edition suhrkamp,
1966)
MITSCHERLICH fährt fort:
«Der Überblick BLEULERs hat gezeigt, dass die therapeutische
Erschließung schwerer und chronischer Psychosen durch
individuelle, intensive Psychotherapie als erfolgreich erwiesen
ist, dass es uns aber noch an genauerer Kenntnis der spezifischen
seelischen Verletzungen, des Verhältnisses von Konstitution
und Milieu fehlt. Uns diese Kenntnis zu verschaffen, ist ohne
Zweifel die Aufgabe der Grundlagenforschung, also der Universitäten.
Ist hierzu in unserem Lande etwas geschehen, etwas, was sich
im Umfange der Versuche, an forscherischer Geduld, an Freiheit,
die man für solche Untersuchungen braucht, mit den Anstrengungen,
die man in der Schweiz, Frankreich, Amerika macht, vergleichen
ließe? Mit verschwindenden (und ruhmreichen) Ausnahmen:
nein... Fest steht die Tatsache, dass wir den Anschluss an einen
großen Forschungsversuch bisher nicht gefunden haben,
dass kaum Grundlagenforschung betrieben werden darf (weil sie
auf das Veto der Autorität trifft), dass deshalb breite
Erfahrungsgrundlagen fehlen...« (ebd.)
Zur selben Zeit, als sich 1941 bis 1950 in den genannten Ländern
die »therapeutische Erschließung schwerer und chronischer
Psychosen durch individuelle, intensive Psychotherapie als erfolgreich
erwies«, brachten unsere deutschen Psychiater ihre chronisch
schizophrenen PatientInnen als »lebensunwert« um. Wie
hätten sie da die erfolgreiche Psychotherapie auch chronisch
schizophrener Menschen akzeptieren können?
Ihre damals gesprächlose und heute immer noch gesprächsarme
Psychiatrie, die erst zu diesen Verbrechen hatte führen können
denn Menschen mit denen man nicht spricht, lernt man auch
nicht als Menschen kennen ,hat mich seit meinen eigenen
Erfahrungen in 5 Psychiatrien zwischen 1936 und 1959 als so wenig
hilfreich beunruhigt, dass daraus die Idee und Verwirklichung
des gleichberechtigten Erfahrungsaustausches in unseren Psychose-Seminaren,
der TRIALOG, entstand. Aber die Psychiater, für die ich diesen
Austausch mit Betroffenen und Angehörigen vor allem gedacht
hatte, nehmen nur vereinzelt an unseren Psychose-Seminaren teil.
Die (demokratische) Gleichberechtigung aller Seminarteilnehmer
scheint nicht zu unserer immer noch autoritär-hierarchischen
Psychiatrie zu passen. So äußerte Prof. WOLFGANG GAEBEL
bei unserem ersten Hamburger Forum Rehabilitation 1995
sein Unverständnis darüber, dass wir uns in unserem
»Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener« organisierten.
Sie, die Psychiater, würden doch die Interessen der Betroffenen
vertreten. Da ist es nur logisch, dass er unseren Bundesverband
erst gar nicht in die laufende sogenannte Anti-Stigma-Kampagne
(»open-the-doors«) einbezog. Einem weiteren Versuch,
die Erfahrungen der Betroffenen in unserem BPE-Forschungsprojekt
»Psychose- und Depressionserfahrene erforschen sich selbst«
in die Psychiatrie einzubringen, gelingt es hoffentlich besser,
die Psychiater davon zu überzeugen, dass eine Wissenschaft
von der Seele des Menschen die seelischen Erfahrungen der Betroffenen
erfragen und ernst nehmen muss.
Beim »Russell-Tribunal zur Frage der Menschenrechte in
der Psychiatrie« berichtete als Zeugin auch ELVIRA MANTHEY
über ihre Erfahrungen in der Kinderpsychiatrie der Nazizeit.
Als Kind von 8 Jahren stand sie am 3.9.1940 vor der Gaskammer
der Tötungsanstalt in Brandenburg. Hier sollte sie als schwachsinnig
vergast werden. Eine Woche zuvor war am 26.8.1940 bereits ihre
5-jährige Schwester LISA vergast worden. Dass ELVIRA MANTHEY
wahrhaftig nicht schwachsinnig ist, wird jedem klar, der ihre
lebendige Autobiographie » Die Hempelsche« liest. Ihr
Mann und sie verlegen und drucken das Buch selbst. Bis heute versucht
ELVIRA MANTHEY vergeblich ihre diskriminierende Diagnose »schwachsinnig«
los zu werden. Dazu müsste sie psychiatrischen Beistand erhalten,
nachdem ein Psychiater sie und ihre Schwester als »lebensunwert«
zur Vergasung bestimmte. Wer gibt ihr diesen Beistand? (Elvira
Manthey, Grüner Weg 2, 23566 Lübeck)
Solidarität erwarten wir auch für die von unserem
Bundesverband (BPE) geplante Gedenkstätte für die Psychiatrieopfer
in der Tiergartenstrasse 4 in Berlin. Hier, wo namhafte Psychiatrieprofessoren
ihre Todesurteile nur nach Fragebogen mit einem roten Positivzeichen
über Menschen fällten, die sie also nie zuvor gesehen
und gesprochen hatten, soll zu ihrem Gedenken ein »Museum
der Wahnsinnigen Schönheit«, ein »Haus des Eigensinns«
für Kunstausstellungen, Gespräche Visionen für
eine tolerante Psychiatrie und Gesellschaft mit einer Dokumentation
der Ausrottungsmaßnahmen entstehen.
Da das Berliner Holocaust-Mahnmal nur für die ermordeten Juden
sein wird und auch Roma und Sinti eine eigene Gedenkstätte
erhalten werden, müssen wir für unser »Haus des Eigensinns«
selbst sorgen. Zum Freundeskreis unserer geplanten Gedenkstätte
gehören zwar hervorragende Persönlichkeiten wie HORST
EBERHARD RICHTER, WALTER JENS, Bischof WOLFGANG HUBER, ELLIS HUBER
und andere. Auch ANDREA FISCHER engagierte sich als Bundesgesundheitsministerin
für unser Projekt. Aber wir brauchen eine breitere Basis von
Menschen, die mit uns darin einig sind, dass die über 200.000
in den Psychiatrien ermordeten Erwachsenen und Kinder nicht dem
Vergessen anheimfallen dürfen und ihre Leiden zu einer solidarischen
Haltung in der Psychiatrie und Gesellschaft führen müssen.