Christina Quartz

Vortrag beim DGSP-Kongress November 1999 in Saarbrücken


Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Morgen in unserem Saarbrücker Schloss. Meine Mitstreiter haben mich dazu auserkoren, heute morgen über die Grundeinstellung zur Psychiatriereform aus Sicht der Betroffenen zu reden. Ich bin mir aber im Klaren darüber, dass es unrealistisch ist, aus Sicht aller Betroffenen zu sprechen. Ich kann hier »in meinem Namen« reden, und ich kann über die Einstellungen von wenigen Betroffenen reden, die mir ihre Meinung zur Psychiatriereform mitgeteilt haben. Ich kann also nicht für alle reden. Ich war nicht in den Kliniken, den geschlossenen Abteilungen und den anderen Institutionen, um Betroffene zu befragen. In einem Anflug von Galgenhumor, den wir auch oft benötigen, stelle ich mir gerade bildlich vor, wenn ich mit meinem Fragebogen auf einer der geschlossenen Abteilungen aufgekreuzt wäre. Unsere Leidensgenossen, abgespritzt, fixiert oder als »Haldol-Roboter« herumschleichend hätten mich bestimmt gefragt: »Was für eine Psyhiatriereform?« Und was ist mit den Betroffenen, die an den Folgen der sogenannten Nebenwirkungen von Psychopharmaka gestorben sind? Ich kann also nur aus Sicht der Betroffenen reden, die sich artikulieren können und wollen, die bereit waren, ihre Sichtweise mir weiterzugeben, die selbstbewusst genug sind, für ihre Rechte zu kämpfen. Also leider für die Minderheit der Betroffenen, die sich in unserem Verband organisiert haben.

Obwohl es kein Problem einer Minderheit ist, sondern wenn man bedenkt, dass jeder vierte Bundesbürger irgenwann einmal im Leben unter psychischen Erkrankungen leidet – etwa 30.000 Menschen sind allein im Saarland ständig in ambulanter psychiatriascher bzw. psychotherapeutischer Behandlung. Diese Zahlen machen deutlich, dass es hier nicht um ein Problem einer Minderheit, sondern von vielen tausend Menschen geht. In Anbetracht dessen ist um so mehr zu hinterfragen, warum wir im somatischen Bereich weltweit führend sind, und was ist mit unserer Psychiatrie? So wie Frau Klein soeben schon eindrucksvoll geschildert hat, hat sich da trotz der Aufdeckung der Missstände durch die Expertenkommission 1/4 Jahrhundert nichts bewegt. Mir drängen sich da viele Fragen auf: z.B. die von unserem saarländischen Gesundheitsministerium: »wie normal ist Psychiatrie?« Ich überlege auch: wie normal ist gemeindenahe Psychiatrie? Gemeindenahe Psychiatrie macht den Durchschnittsbürgern zuerst einmal Angst. Als Psychiatrie-Erfahrener frage ich mich: wird es bald zum Ausbau gemeindenaher Zwangsbehandlungen kommen, wie sie schon in ca. 35 Bundesstaaten der USA und Großbritannien praktiziert wird? Wird Sich die DGSP den Forderungen der World Federation for Mental Health (vom September 1999) anschließen, sich gegen die Ausweitung gemeindenaher Zwangsbehandlungen auszusprechen?

Im Rahmen der saarländischen Psychiatriereform wird den Psychiatrie-Erfahrenen Mitsprache gewährt
Hierzu gibt es zahlreiche Arbeitskreise:

  • Trialog-Arbeitskreise,

  • Kommunale-Psychiatriebeiräte,

  • Liga-Ausschuss

  • und Landespsychiatriebeirat, an denen Betroffene teilnehmen können.

Dies hat eine besondere Bedeutung, da Psychiatrie-Erfahrene eine unabhängige Interessensvertretung darstellen. Die meisten Vertreter anderer Institutionen sind trägergebunden und können somit oft nicht unabhängig argumentieren und handeln. Somit kann der LVPE als unabhängige Organisation im Zuge der Psychiatriereform eine bedeutende Rolle spielen, aber auch nur unter der Voraussetzung, dass er sich dieser Rolle mit all ihren Schwierigkeiten und Erfordernissen bewusst ist.

Die Psychiatrie-Erfahrenen müssen eine gewisse eigene Stabilität erreicht haben, ein Bewusstsein für ihre Rolle und die dazu gehörigen Aufgaben entwickeln. Sie brauchen finanzielle Mittel, um eine eigene Organisation funktionsfähig zu erhalten. Aber was wurde in der Vergangenheit getan, um den Betroffenen den Weg zu einer solchen Stabilität aufzuzeigen? Es wurde eher abgeraten, sich mit seiner Krankheitsgeschichte zu beschäftigen und die Menschen wurden lieber in Watte gepackt.

Die ärztliche Behandlung mit den dazugehörigen Psychopharmaka steht auch heute noch weit vor dem Erlernen eines gesunden Umgangs mit sich selbst. Das vorherrschende medizinische Weltbild verhindert Selbst- und Mitbestimmung.
Die Möglichkeit der Mitverantwortung statt Bevormundung fängt im Kleinen an: sich Zeit für ein klärendes und erklärendes Gespräch nehmen, statt die Menschen mit Verboten und Gewalt zu teilweise zweifelhaften Lösungen zu bewegen. Wenn hier eine Reform in den Köpfen und in den Herzen der Professionellen und Betroffenen vonstatten geht – dann bewegt sich wirklich etwas!!!!

Grundvoraussetzung für eine Änderung im Verhalten miteinander ist das Erlernen von neuen Handlungsmöglichkeiten. Es ist wichtig, dass Professionelle lernen, mit ihren eigenen Ängsten und Belastungen gelassener umzugehen. Gerade Mitarbeiter in psychiatrischen Arbeitsbereichen sollten ihr Verhalten reflektieren und die Hilfe in eigenen beruflichen Krisen als Grundvoraussetzung für die Eröffnung neuer Handlungskompetenzen.annehmen.

Wir halten deshalb Supervision für unbedingt notwendig, um innere Haltung und Einstellung verändern zu können. Aber kommen wir wieder zurück zu dem Ausgangsthema, dem Mitspracherecht, das die Psychiatriereform uns Betroffenen gebracht hat.

Nehmen wir an, wir Betroffene hätten es irgendwie geschafft, eine gewisse Stabilität zu erreichen und den Bogen von Anspruch und Machbarkeit in einem gesunden Rahmen zu spannen. So können wir also im Zuge der Psychiatriereform in verschiedenen Arbeitskreisen mitarbeiten.

Nehmen wir an, dass die Betroffenen sich aus eigener Bemühung so fit gemacht haben, dass sie den Belastungen eines solchen Gremiums standhalten können. Dazu gehört Mut und Engagement, um sich unter lauter Professionellen zu bewegen oder sich sogar zu äußern. Dies kann mit viel Verunsicherung und Selbstzweifel verbunden sein, da wir es nicht gelernt haben, uns öffentlich zu äußern.

Das Besprochene kann uns so stark tangieren, dass wir sehr emotional reagiern und die Problematik nicht sachlich darstellen können. Aber mit der Zeit wird die Unsicherheit weniger, und das Selbstverständnis nimmt zu. Sinnvolle Verbandsarbeit muss erst entwickelt werden.

Auf der Suche nach dem richtigen Weg brauchen wir die richtigen Wegbegleiter,

  • die uns bei dem falschen Wort nicht klein machen,

  • die sich bei Emotionalität nicht abwenden,

  • die bereit sind, sachlich auf Fehler hinzuweisen,

  • die nicht versuchen, uns aus eigenen Interessen auf ihren Weg zu bringen,

  • die unsere Forderungen nach finanzieller Unterstützung verstärken.

In der Wirklichkeit sehen wir uns jedoch der Problematik gegenüber, dass wir entweder nicht ernstgenommen, also Alibifunktion haben oder zu hohe Erwartungen an uns gestellt werden. Wir halten es daher für unbedingt notwendig, dass die Teilnahme von jeweils zwei Vertretern/Vertreterinnen in allen Gremien zugelassen wird, damit wir uns austauschen und stützen können und so fruchtbare Arbeit leisten. Die dazu gehörigen Fachkenntnisse sind leider nicht von heute auf morgen zu erwerben. Hier müssen wir lernen, mit uns selbst und anderen Geduld zu haben. Wir können bei diesen Auseinandersetzungen viel lernen. Hierbei gilt auch das Motto der Weg ist das Ziel.

Die Psychiatriereform sollte die gemeindenahe Versorgung ermöglichen. Es stimmt, dass viele Einrichtungen in den Gemeinden liegen, aber sind sie deshalb gemeindenah? Es gibt vor Ort inzwischen einige Tagesstätten, aber wie stark ist die Verbundenheit mit der Gemeinde? Was tun die Institutionen, um in die Öffentlichkeit zu gehen oder die Öffentlichkeit in die eigenen Räume zu holen? Wie ist z.B. die Zusammenarbeit mit Sportvereinen? Was wird getan, um die gegenseitige Akzeptanz zu verbessern? Wie weit geht bei den vorhandenen Einrichtungen die Öffnung nach außen oder werden neue Orte der Ausgrenzung errichtet? Integration sollte an erster Stelle stehen. Was wird getan, um die soziale Kompetenz der Betroffenen wieder zu erlangen und zu stärken? Gibt es Unterstützung auch dann, wenn Psychiatrie-Betroffene psychiatrische Diagnosen und Psychopharmaka ablehnen?

Wir wünschen uns einen an Stärken und Ressourcen orientierten Hilfeansatz, weg vom defizitoriertierten !!!

Die Idee ist das Einüben von Handlungskompetenzen, aufbauend auf vorhandenen Stärken und Fähigkeiten.
Gleichzeitig sollten vorhandene Defizite reflektiert und deren Ursachen differenziert betrachtet werden.
Unser zentrales Anliegen ist das Empowerment-Konzept, dessen Bedeutung Herr Dr. Heißler schon gestern in seinem Vortrag anschaulich geschildert hat. Damit werden neue Entwicklungen möglich.

»Geld und Rechte« lautet die zentrale Forderung des Europäischen Netzwerks von Psychiatrie-Betroffenen, dem auch unser Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener angeschlossen ist. Im April 1999 wurde – bei Mitwirkung des Europäischen Netzwerks – in Brüssel ein Consensus-Papier erstellt, in dem WHO und Europäische Kommission u.a. empfehlen, bei Psychiatriereformen Selbsthilfeansätze zu unterstützen, nicht stigmatisierende, d.h. nicht psychiatrische Alternativen zu fördern und die Menschenrechte Psychiatrie-Betroffener zu stärken, damit sie unter den angebotenen Hilfemöglichkeiten wählen können. Heute, am 19.11.1999, treffen sich meines Wissens in Brüssel die Gesundheitsminister der EG, um ein 35 Millionen Euro teures Programm »Promotion of Mental Health« zu verabschieden. Wenn sich die verschiedenen nationalen Betroffenenorganisationen darauf verständigt haben, 5% des Gesamtbudgets zur Finanzierung von Selbsthilfeprojekten zu fördern – und ich hoffe, dass sich die Gesundhheitsminister auf diese Forderung einlassen – sollten die saarländischen Psychiatrie-Erfahrenen nicht zurückstehen, sich dieser Forderung anzuschließen.


Sehr geehrte Damen und Herren, ich hoffe, dass Sie auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene unsere Forderungen nach angemessener Finanzierung unserer Selbsthilfeaktivitäten unterstützen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.