Aus
der Gründerzeit des BPE
von Holger Dietrich
„Die Gründer und Gründerinnen
dieses Bundesverbandes rufen alle Psychiatrie-Erfahrenen
auf, sich auf Orts-, Länder- und Bundesebene zusammenzuschließen,
um ihre eigenen Sichtweisen und Erfahrungen mit der
Psychiatrie in all ihren Formen zum Ausdruck zu bringen,
eigene Ziele und Forderungen in der Öffentlichkeit zu
formulieren und ihre Interessen durchzusetzen...“
Dies ist der Anfang
der Präambel unseres Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener
und steht genauso wie die Zwecke und Ziele unseres Verbandes
in der Vereinssatzung. Diese Teile sind ergänzt worden
und gelten zum größten Teil mittlerweile seit 10 Jahren.
Wie es dazu kam
und wie dies für mich auch anfing, möchte ich einmal aus
meinem Blickwinkel beschreiben:
Ich war damals,
1990, 24 Jahre alt, ein jungdynamischer Mensch und seit
vier Jahren mit Psychiatrie-Erfahrung. Damals dachte ich
mir, dass es eigentlich ein Witz sei, in der Psychiatrie
gewesen zu sein, und dass es notwendig sei, sich mit anderen
zusammenzutun. So fuhr ich nach Berlin und testete die
Gegebenheiten, wie das „Kom Rum“ in Berlin, das Beschwerdezentrum
und die Irrenoffensive.
Es gab damals
in der Bundesrepublik fast keine Selbsthilfebestrebungen,
die überregionalen Charakter gehabt hätten. Im Psychiatriebeschwerdezentrum
bekam ich von einem emanzipierten Betroffenen, der dort
arbeitete, die Einladung des Dachverbandes Psychosozialer
Hilfsvereinigungen
nach Irrsee.
Ich hatte bis dahin den Versuch, in Hannover eine
Selbsthilfegruppe zu gründen, nach einem halben Jahr wieder
aufgegeben. Im April 1991 fand im schwäbischen Bildungszentrum
Irrsee dieTagung
„Psychiatrie-Patienten brechen ihr Schweigen“ mit
200 Teilnehmern statt.
Psychiatrie-Erfahrene
aus der ganzen Bundesrepublik lauschten den Vorträgen
und Podiumsdiskussionen der Professionellen, und die Frage
nach dem Tagungsthema „Wann soll denn jetzt das Schweigen
gebrochen werden“ ließ mich nicht mehr los. Geschickter
Weise war ich in der Situation, vorsorglich meine Medikamente
reduziert zu haben, um der Belastung einer Tagung auch
standhalten zu können. So kam es schließlich zu dem Übergriff,
mit dem es mir gelang, dem Dachverbandsvorsitzenden das
Mikrofon zu entwenden, um endlich mit unserem Beitrag
zu beginnen. Anhand von wenigen Stichworten unterstrich
ich: “Ich bin stolz, verrückt zu sein!“ Das war die erste
von vielen Wenden, die die Tagung dann noch nehmen sollte.
Die unterschiedlichsten Wahrheiten wurden immer wieder
in den Raum gestellt, und es entstand eine große Wahrhaftigkeit,
die kaum noch zu fassen war.
Ab hier konnten wir die Regie übernehmen und der Wunsch,
den gemachten Anfang fortzusetzen, war überwältigend.
So kam es im Mai desselben Jahres zu einer Nachveranstaltung
mit einigen Mitstreitern aus Irrsee. Hier wurde eine Satzungskommission
gegründet, die einen bundesweiten Zusammenschluss von
Psychiatrie-Erfahrenen vorbereiten
sollte. Der Arbeitskreis
Psychiatrie-Erfahrene des Dachverbandes, der auch hier
wieder eingeladen hatte, war erweitert um einige Individualisten
von überallher. In dieser Satzungskommission wurde 1 ½
Jahre gearbeitet, um ein Fundament für eine Betroffenenbewegung
anbieten zu können. So wurde diese Gruppe zu einem Vorverein,
der dann als Gründungskommission die Gründungsveranstaltung
des Bundesverbandes im Oktober 1992 in Bedburg-Hau realisierte.
Dabei sind
auch wiederum die Zwecke und Ziele des Verbandes noch
mal bereichert worden, und die Forderungen einzelner Irrenoffensiv-Bewegter
sorgten für Spannung. Insgesamt ist dabei aber eben unser
Anspruch, als Betroffenenorganisation in demokratischen
Strukturen für eine andere gewaltfreie Psychiatrie zu
sorgen formuliert und festgeschrieben worden.
Der heute
noch gültige Zielekatalog von damals ist in § 2, „Zwecke
und Ziele“ unserer Satzung verankert. Der soll hier abschließend
zusammenfassend noch einmal betrachtet werden:
Vom Anspruch her, ist der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener
eine Interessenvertretung, ein Zusammenschluss Psychiatrie-Erfahrener
mit dem Zweck der Selbsthilfe. Dabei geht es im wesentlichen
um die Einhaltung der verfassungsrechtlich garantierten
Menschenwürde, um Möglichkeiten
der Mitbestimmung und um Einforderung von Hilfe.
Insbesondere
bemühen wir uns um nicht-psychiatrische Hilfsangebote
und wo dies nicht möglich ist, um eine andere Psychiatrie.
Wir wollen Vorurteile abschaffen und in diesem Zusammenhang
das Selbstbewusstsein aller von psychiatrischer Behandlung
Betroffenen stärken.
Wir wollen
gesundheitspolitisch wirksam sein. Wir wollen an die Öffentlichkeit
gehen. Wir wollen Lobbyarbeit machen, das heißt, auf einflussreiche
Menschen Einfluss nehmen.
Besonderes
Anliegen ist die Gewaltfreiheit auf allen Ebenen. Dass
Rechte gewährt werden, ist in der Psychiatrie nicht selbstverständlich.
Wir wollen unsere Rechte einfordern und dafür sorgen,
dass sie gewährt und wahrgenommen werden.
Die Denkweise von
lebensunwertem Leben aus der nationalsozialistischen Zeit
soll von uns bekämpft werden.
Durch politische
Verfolgung psychiatrisierte Menschen aus der ehemaligen
DDR zu rehabilitieren, ist ein Anliegen, bei dem klar
wird, dass Psychiatrie als Repressivorgan grundsätzlich
kritikwürdig ist und bleibt. Dies alles bedarf einer Informationsleistung,
der wir durch Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit sowie
durch gegenseitige Unterstützung gerecht werden wollen.
Bleibt schließlich
noch die konkrete Forderung nach Patientenvertrauenspersonen
von Betroffenen für Betroffene.
Demnach stellt sich für mich unsere Selbstdefinition,
bzw. die Definition des Verbandes wie folgt dar: Es gibt
die Psychiatrie. Und es gibt ihre Kinder. Das sind die
Psychiatrie-Erfahrenen. Für uns selbst bieten wir gegenseitige
Unterstützung und
Identität als Kern unserer Selbsthilfe. Darüber hinaus
schaffen wir uns ein Bewusstsein, Informiertheit, Aufgeklärtheit
und Mündigkeit. Letztlich haben wir unsere eigene bundesweite
Vertretung.
Als Psychiatrie-Erfahrene
erheben wir der Psychiatrie gegenüber den Anspruch auf
Gestaltung der Psychiatrie, und in Verbindung mit der
Vertretung unserer Interessen, die Umgestaltung der Psychiatrie,
Alternativen zur Psychiatrie oder auch die Abschaffung
der Psychiatrie.
Bezogen auf
die gesamte Gesellschaft sind die politischen Aufgaben
des Bundesverbandes
die Einforderung der Rechte Psychiatrie-Erfahrener, das
Hinwirken auf Gewaltverzicht, Einforderung der Rehabilitierung
der NS- und DDR-Opfer, Suche nach geeigneter Hilfe, Inanspruchnahme
von Opferentschädigung der Psychiatrie, und wiederum die
Einsetzung von Patienten-Vertrauenspersonen,
die Psychiatrie-Erfahrene sein sollen.
Es bleibt
für unsere Bewegung, für deren Vertretung wie für jeden
Einzelnen, mit Mut in der Öffentlichkeit auf die Missstände
in der Psychiatrie hinzuweisen.
Der Bundesverband
als Interessenvertretung, wie auch jede Selbsthilfegruppe,
trägt Verantwortung für die, die in der Psychiatrie durch
psychiatrische Maßnahmen mundtot gemacht sind, genauso
wie in unserer Bewegung der Erhalt der individuellen Vielfalt
notwendig ist.
Es bleibt die Einsicht:
“Als Psychiatrie-Erfahrener ist man immer im Dienst!“