Karin Haehn
Selbsthilfe wie sie funktioniert und
was sie bewirkt Beispiel Oberbayern
Ehe ich erwerbsunfähig berentet wurde, war
ich Krankenschwester. Seit nunmehr drei Jahren engagiere
ich mich in fast jeder freien Stunde auf drei Ebenen
der Psychiatrie-Bewegung.
Die erste Ebene meines Agierens ist die Selbsthilfegruppe,
dazu gehören die vielen Anrufe von Betroffenen,
die Auswege aus ihrer Situation suchen. Das ist für
mich die Basis. Ich finde dort das Gespräch mit
Gleichbetroffenen, wo einer am anderen erkennt, ob sein
Gesprächspartner Zuwendung oder professionelle
Hilfe benötigt. Das setzt voraus, dass Vertrauen
entwickelt wird. So lernen wir auch, einander um Hilfe
zu bitten. Ebenso müssen wir lernen, auf die Frühwarnzeichen
unserer Krankheit zu hören, damit wir rechtzeitig
gegensteuern oder einen Arzt aufsuchen. Wenn die Psychose
uns erst einmal richtig gepackt hat, dann bleibt oft
nur noch die Flucht, oder was noch schlimmer ist, die
Zwangseinweisung in die Psychiatrie.
Damit es dort ohne entwürdigende Gewalt zugeht
und der Klinikaufenthalt möglichst zur heilsamen
Erfahrung im Leben der Betroffenen wird, arbeite ich
auf der zweiten Ebene der Landesarbeitsgemeinschaaft
Psychiatrie-Erfahrener Bayern mit. Im Mai 96 habe ich
sie mit beratender Hilfe des Dipl.-Psychologen Ulrich
Seibert ins Leben gerufen. Seither treffen wir uns alle
drei Monate, um mit den stabilen Psychiatrie-Erfahrenen
Bayerns die Probleme vor Ort zu besprechen und um gute
Wege zu finden, bei der Psychiatrie-Reform mitzuwirken.
Es geht uns darum, notwendige Psychiatrie-Aufenthalte
so kurz wie möglich zu halten und hilfreiche ambulante
Therapien zu bekommen. Wichtig ist uns auch, dass die
Entstehung ambulanter Einrichtungen im Gegenzug zur
Enthospitalisierung zügig vorangeht. Dabei mischen
wir uns ein. Wir melden uns in den psychosozialen Arbeitsgemeinschaften
und im Gemeindepsychiatrischen Verbund (GPV) zu Wort
und schreiben Leserbriefe und Zeitungsartikel. Wir wollen
das negative Behindertenbild zurechtrücken. Dabei
ist es hilfreich zu wissen, dass in ganz Bayern Psychiatrie-Erfahrene
für die gleichen Ziele kämpfen.
Die dritte Ebene ist der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener
e.V. Es gibt ihn seit Oktober 92. Ich gehöre ihm
seit drei Jahren an. Vor zwei Jahren wurde ich als bayerische
Delegierte in den erweiterten Vorstand gewählt.
Der Verband hat inzwischen 670 Mitglieder, alles Menschen
mit Psychiatrie-Erfahrung. Bei unseren Treffen berichten
wir uns gegenseitig, was an unserer Basis passiert und
woran unsere Länderzusammenschlüsse gerade
arbeiten.
Aus dieser Solidarität nehme ich den Mut, mich
in meiner Region für größere Projekte
einzusetzen, denn ich habe ja die Erfahrungen der anderen
Länder (die meist schon weiter als Bayern sind)
vor Augen. So habe ich unlängst mit dem Psychiater
von Agatharied (unsere neue psychiatrische Klinik) ein
Papier für eine Behandlungsvereinbarung erarbeitet.
Das bedeutet, dass in Zukunft jeder Psychiatrie-Erfahrene,
der sich in dieser Klinik einer stationären Behandlung
unterziehen muss, vorsorglich mit seinem ihn dort behandelnden
Arzt eine Behandlungsvereinbarung abschließen
kann. Dieses ist eine auf beiden Seiten Vertrauen bildende
Maßnahme.
Ebenso wichtig ist die Möglichkeit, Klagen loszuwerden,
wenn es einmal Probleme gibt. So gelang es mir, im Gemeindepsychiatrischen
Verbund (GPV) des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen
einen Antrag zur Errichtung einer Beschwerdestelle einzubringen.
Der Antrag wurde angenommen. Nun können alle Nutzer
psychiatrischer Einrichtungen, sei es aus Agatharied,
einer Wohngemeinschaft oder Tagesstätte, eines
Pflegeheims, des Sozialpsychiatrischen Dienstes ihre
Klagen vorbringen. Ebenso, wenn sie mit ihrem Betreuer
Schwierigkeiten haben, wird der GPV sich bemühen,
eine für alle Seiten akzeptable Lösung zu
finden.
Für mich persönlich schöpfe ich aus all
dieser Selbsthilfearbeit: Wissen über meine Krankheit
und ihre Behandlung und Information über meine Rechte.
Außerdem gute Kontakte zu Psychologen, Psychiatern,
Sozialpädagogen, Betroffenen und Angehörigen.
Ein gutes Beispiel dafür ist dieses Referat, ich
hielt es in Murnau im Rahmen der Volkshochschule an einem
Abend unter dem Motto: »Leben mit psychisch Krankheit«.
Die Leitung hatte der SpDi Garmisch, Ulrich Seibert, eine
Angehörige und ich als Betroffene. Die Zuhörer
waren sehr interessiert und stellten viele Fragen. Es
war ein guter Abend, der ganz deutlich an dem negativen
Behindertenbild gerüttelt hat.