Manuskriptgrundlage zu Hannelore Klafkis geplanten Vortrag "Krisenbewältigung durch Selbsthilfe am Beispiel des Stimmenhörens" bei der Jahresversammlung des BPE in Kassel am 11.9.2005. In: Brückenschlag 21/2005 ("Stimmen Welten"), S. 47 - 51

   

Hannelore Klafki

Die Befreiung aus dem Opfer-Teufelskreis

Bei mir begann alles, als ich sechzehn Jahre alt war. Ich war sehr erschrocken und konnte mir nicht erklären, was da mit mir passierte. Ich erzählte niemandem von meinen Stimmen, reagierte aber körperlich auf sie. Wenn sie zu unerträglich wurden, kollabierte ich und wurde mit dem Notarztwagen in die Klinik gebracht. Hier wurde ich auf epileptische Anfälle untersucht. Epileptiker wurden in Deutschland Ende der 60er Jahre noch in der Psychiatrie untergebracht.

Das Kollabieren war die erste Strategie, die ich entwickelte. In einem nächsten Schritt entdeckte ich, dass ich die Stimmen von mir ablenken konnte. Das gelang mir, indem ich ihnen »geistige Nahrung« gab: durch Lesen oder Musikhören wurden sie leiser. Auch wenn ich viel unternahm, redeten sie nicht mehr so laut auf mich ein. Ich verabredete mit ihnen, dass sie mich tagsüber zufrieden lassen sollten und nahm mir dafür morgens Zeit für sie. Es dauerte eine Weile, bis es klappte, aber dann hatten wir morgens angeregte Gespräche, in denen ich lernte, zu akzeptieren, dass sie mein Leben begleiten.

Zu den anfangs nur negativen Stimmen kamen positive dazu, die mir Ratschläge und Tipps gaben.

So lebte ich fast zwanzig Jahre ohne größere Beeinträchtigungen durch die Stimmen ein ganz normales Leben.


Doch dann geriet ich in eine schwere Lebenskrise, durch die die Stimmen wieder massiv in den Vordergrund traten. Ich kam in die Psychiatrie, wo ich zum ersten Mal erzählte, dass ich Stimmen höre. Das habe ich bitter bereuen müssen, denn seitdem habe ich sechs verschiedene psychiatrische Diagnosen bekommen. Viele Neuroleptika wurden bei mir ausprobiert, gegen die die Stimmen aber immun waren.

Mein schlimmstes Erlebnis war, als ich Haldol nehmen musste, das ja noch immer das Mittel der Wahl bei Stimmenhören ist. Im Gegensatz zu sonst – dann höre ich die Stimmen ganz real von außen –, war es unter Haldol so, als wenn die Stimmen laut und unheimlich in meinem Körper hallten.

Verunsichert durch die Diagnosen der PsychiaterInnen und ihre Beteuerungen, dass ich unheilbar psychisch krank sei, resignierte ich und ergab mich in mein Schicksal. Das hatte zur Folge, dass die Stimmen immer aggressiver wurden und ich einen Dauerkampf mit ihnen führte.

Ich isolierte mich immer mehr, gab mich auf und bekam mein Leben nicht mehr in den Griff. Immer öfter war ich in der Psychiatrie – ich wurde zur Drehtürpatientin. Meine ausweglose Situation wurde durch die Neuroleptika und Diagnosen nur verstärkt und drängte mich lange Zeit in eine hoffnungslos kranke Opferrolle.


Doch dann hatte ich Glück, auf eine Sozialarbeiterin zu treffen, die sich nicht daran orientierte, nur angeblich kranke Anteile in mir zu sehen. Sie war die Erste, die mit mir inhaltlich über die Stimmen sprach. Neben Thomas Bock und Ursula Plog war sie eine der wenigen, die in Deutschland Anfang der 90er Jahre begannen, das Phänomen Stimmenhören näher zu betrachten und nicht nur als Symptom einer psychiatrischen Krankheit zu begreifen.

Sie gab mir Forschungsergebnisse aus den Niederlanden von Marius Romme und Sandra Escher zu lesen, die belegten, dass viele der Betroffenen gut mit dem Phänomen leben können und nie PatientInnen der Psychiatrie waren. Mehr und mehr wurde ich dadurch ermutigt, über mein Erleben zu sprechen. Ganz allmählich begann ich, mich zu wehren, und fing langsam wieder an, mich an die Jahre mit den Stimmen ohne Psychiatrie zu erinnern, die vollkommen weggedrängt waren.

So gelang es mir, die Stimmen wieder in mein Leben zu integrieren und einen normalen Umgang mit ihnen zu entwickeln. Hätte ich auf die PsychiaterInnen gehört und hingenommen, dass ich schwer psychisch erkrankt sei, wäre auch ich wahrscheinlich chronifiziert worden. Denn wenn mir immer wieder erzählt wird, wie schwer psychisch krank ich sei, mir alles fürsorglich abgenommen und nichts zugetraut wird, traue ich mir irgendwann selbst nichts mehr zu, dann gebe ich mich auf und falle in eine Opferrolle. Ich erwarte Hilfe nur noch von außen und komme überhaupt nicht auf die Idee, auch allein etwas zu können (was dann oft als Beweis gilt, wie schwer krank ich doch sei).


Diesen Teufelskreis konnte ich durchbrechen und gründete eine Selbsthilfegruppe in Berlin, fast zeitgleich mit Günther Rieger in Kiel. 1997 besuchten wir eine erste größere Veranstaltung in Hamburg, auf der schon ein kleines Netzwerk entstand.

Spontan lud ich zu einem weiteren Treffen im gleichen Jahr in Berlin ein. In weiteren Städten fanden sich Betroffene in Selbsthilfegruppen zusammen. Ich fuhr nach Maastricht, lernte Stimmen hörende Menschen aus vielen Ländern Europas kennen und war bei der Gründung des internationalen Netzwerks »Intervoice« dabei.

Im Oktober 1997 fand der erste Kongress in Berlin statt. Hier lernten die TeilnehmerInnen Ron Coleman vom britischen »Hearing Voices Network« kennen, der sein berühmtes Referat »From Victim to Victor« (vom Opfer zum Sieger) hielt. Er half, alle so zu motivieren, dass die Gründung des deutschen Netzwerks Stimmenhören – kurz NeSt genannt – beschlossen wurde.

1998 fand die Gründungsveranstaltung des NeSt statt, in dem seitdem Stimmen hörende Menschen, Angehörige und in der Psychiatrie Berufstätige organisiert sind – wobei die Betroffenen ein Vetorecht haben. Alle arbeiten ehrenamtlich und nach wie vor finanziert sich das NeSt ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und gelegentliche Spenden.


Unser großes Plus ist, dass wir keine Theorien beweisen müssen. Wir sind mit unserer Subjektivität, unserer subjektiven Sichtweise angetreten und werden diese als Schwerpunkt auch weiter beibehalten. Wir versuchen zu vermitteln, Stimmen hörende Menschen nicht lediglich als Kranke zu betrachten. Immerhin sind viele Persönlichkeiten aus der Geschichte bekannt, die Stimmen hörten: viele große Propheten der Weltreligionen, aber auch Hildegard von Bingen, Jeanne d'Arc, Lessing, Goethe, Rilke, C. G. Jung, Virginia Woolf, Andy Warhol u.v.a.

Wir wollen nicht als Schizophrene oder Psychotiker abgestempelt werden, sondern als Menschen in Not, denn oft ist es nicht das Stimmenhören an sich, was zum Problem wird, sondern die Unfähigkeit, mit den Stimmen umzugehen. Professionelle HelferInnen und Angehörige können dabei helfen, die Stimmen ins Leben zu integrieren. Dabei ist es wichtig zu wissen, was die Stimmen sagen (wollen), und falsch, sie um jeden Preis abtöten zu wollen.

Professor Marius Romme aus Holland hat schon 1991 gesagt: »Es ist sinnlos, den Boten zu töten, der die Botschaft überbringt, wenn die Botschaft die gleiche bleibt.«

Das Spektrum der Erklärungen für die Stimmen ist groß und es gibt weit mehr Möglichkeiten, sich die Stimmen zu erklären, als es Professionelle in ihrer Ausbildung lernten. Sie sollten auf die unterschiedlichen Erklärungsmodelle hören und diese nicht einfach als absurd beiseite wischen, denn jede Erklärung, die dabei hilft, mit den Stimmen umzugehen, ist besser als keine.

Die Stimmen können in den Hintergrund rücken oder auch wieder ganz verschwinden, sie können so erzogen werden, dass sie das Leben nicht weiter beeinträchtigen, und können sich im günstigsten Fall sogar zu einer Lebensbereicherung entwickeln.


Vor der Gründung des NeSt herrschte in Deutschland recht einhellig die Meinung, dass Stimmen hörende Menschen sehr schwer erkrankt seien, und die Behandlung beschränkte sich auf die Gabe von Psychopharmaka.

Mittlerweile ist das NeSt mit seinen Ansatz jedoch so bekannt, dass mehr und mehr differenziert wird. Dies bestätigen die Aussagen der TeilnehmerInnen von Seminaren und der Gäste von Vorträgen zum Stimmenhören. Sie erklärten fast alle übereinstimmend, dass sie jetzt die Betroffenen viel besser verstehen würden und anders mit ihnen umgehen wollen. Allerdings muss einschränkend gesagt werden, dass sich in der Akutpsychiatrie eher zögerlich etwas im Umgang mit Stimmen hörenden Mensch ändert, denn PsychiaterInnen stehen dem Ansatz des NeSt doch eher skeptisch gegenüber.

Doch mehr und mehr PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und Angehörige ermutigen und unterstützen die Arbeit des NeSt und sind dankbar, konkrete Anregungen für die Arbeit mit Stimmen hörenden Menschen zu bekommen.

Der nächste Schritt muss eine breite Aufklärung der Öffentlichkeit sein, denn solange die Menschen unserer Gesellschaft Angst vor Stimmen hörenden Menschen haben, wird ihre Ordnungsmacht – die Psychiatrie – Menschen mit außergewöhnlichen Wahrnehmungen nicht helfen, sondern weiterhin pathologisieren und damit stigmatisieren und chronifizieren.