Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.
   

An die
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
Prof. Dr. med. W. Gaebel
Bergische Landstr. 2
40629 Düsseldorf

13.4.1997

Denkschrift-Entwurf »Zur künftigen psychiatrisch-psychotherapeutisch-psychosomatischen Versorgung in Deutschland« der DGPPN von 9/1996


Sehr geehrter Herr Professor Gaebel,

als Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahre-ner habe ich aufmerksam den Entwurf gelesen und in Abstimmung mit meinen Vorstandskolleginnen/-kollegen dieses Schreiben verfasst. In Zeiten, da Mitglieder des Bundesverbands, der Landes- und örtlichen Zusammenschlüsse längst in Planungsgremien mitarbeiten, sind wir irritiert, dass die Autoren so wenig über unsere Organisation zu wissen scheinen. Steht doch auf S. 37: Der »Bundesverband Psychiatrieerfahrener... versucht die unterschiedlichen Strömungen in seine Verbandsorganisation und seine Vorstandstätigkeit zu integrieren«. Hier vom Versuch der Integration zu sprechen, ist nicht korrekt, denn bereits die die Gründungsversammlung vorbereitende Gruppe setzte sich aus psychiatriebetroffenen Menschen unterschiedlicher Einstellung zur Psychiatrie zusammen. Diese Vielfalt spiegelte sich zudem bei den Gründungsmitgliedern wider und ist von Anfang an im Vorstand vertreten. Es ist hingegen vorrangiges Ziel des BPE, beim Aufbau von Selbsthilfe- bzw. Initiativgruppen unterstützend tätig zu sein.

Vor der Irsee-Tagung, April 1991, existierten nach unserem Kenntnisstand in der Bundesrepublik Deutschland nur in Berlin, Hamburg und Stuttgart Zusammenschlüsse psychiatriebetroffener Menschen, die gesundheitspolitisch tätig sein wollten. Im Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen gab es darüber hinaus eine AG Betroffener. Diese Gruppierungen und engagierte Einzelpersonen, vornehmlich aus den alten Bundesländern, taten sich nach der o.g.Tagung zusammen und bereiteten die Gründung des Verbandes vor. Heute, 4 1/2 Jahre nach der Gründung des Verbandes im Oktober '92, gibt es bereits 9 Landeszusammenschlüsse und die Zahl der örtlichen Gruppierungen, z.Z. etwa 50, steigt ständig. In allen Gruppen sind hauptsächlich Bundesverbandsmitglieder tätig, wobei es jeweils der einzelnen Gruppe überlassen bleibt, welche Schwerpunkte sie angeht.

Wir denken, die geringen Kontakte (Bundesdirektorenkonferenz '95/DGPPN-Tagung '96), die zwischen der DGPPN und dem BPE bisher bestanden, reichen nicht aus, um sich miteinander zu verständigen. Deshalb wünschen wir uns in Zukunft einen regeren Austausch. Wir bitten Sie, uns zu Ihren Veranstaltungen einzuladen. Es hat sich gezeigt, dass auf örtlicher bzw. Landesebene, wo Psychiatrie-Erfahrene seit über 10 Jahren gesundheitspolitisch tätig sind, ein Austausch heute schon möglich ist. Gruppen aus Baden-Württemberg berichten lobend von der Bereitschaft einiger Chefärzte, ihren Einladungen zu Gruppenabenden zu folgen. Vom regen Gedankenaustausch profitierten sicherlich auch die Ärzte. Anfänglich deutlich spürbare Berührungsängste auf beiden Seiten (!) konnten abgebaut werden. Auch der Bielefelder Verein Psychiatrie-Erfahrener berichtete von ähnlichen Erfahrungen. Die Zusammenarbeit bzw. angestrebte Zusammenarbeit der unterschiedlichen Gruppen wird nicht nur den Patienten vor Ort zugute kommen.

Es hat, so denken wir, auch mit diesen mangelnden Kontakten zu tun, dass im DGPPN-Papier Grundsätze vertreten werden, denen wir so gar nicht zustimmen können. Aus der Überzeugung heraus, die DGPPN-Mitglieder treffen getreu ihres Eides nur Verordnungen »zum Nutzen der Kranken« und wollen sich fernhalten von Verordnungen »zu verderblichem Schaden und Unrecht«, bitten wir diese, sich die Meinung derer anzuhören, um die all ihre Fürsorge sich drehen soll. Gründe dafür gibt es ausreichend. Haben doch z.B. bei einer Befragung unserer Mitglieder 90% der Teilnehmenden sich beklagt, dass auf die speziellen Probleme, die zur Aufnahme führten, nicht eingegangen wurde (s. Sozialpsychiatrische Informationen 4/95). Und obwohl die Autoren richtig feststellen, »Dem Ausbruch einer psychischen Erkrankung geht meistens eine belastende Lebenssituation voraus« (S. 11), plädieren sie schon bei »der Erstmanifestation ... einer Depression, Schizophrenie, oder schweren Angsterkrankung ... primär« für die Korrektur »der neurobiologischen Entgleisung« (S. 13). Das Auffangen und Bearbeiten des Auslösers und schon gar die Auflösung, weshalb jener zu einer solchen emotionalen Erschütterung führen konnte, bleibt jedoch außen vor. Wir meinen, es muss möglich sein, schon in der Klinik mit der betroffenen Person ein Verständnis der eigenen Problematik zu erarbeiten und Mut zu machen, diese anzugehen.

Es liegt nach unserer Überzeugung auch nicht hauptsächlich an der mangelnden Compliance seelisch leidender Menschen, dass wiederholt stationäre Aufenthalte nötig werden (S. 9). Es liegt statt dessen am verdrehten Behandlungsansatz: Wird doch Menschen, bei denen eine endogene Depression bzw. eine schizophrene Psychose diagnostiziert wird, zu oft vermittelt, sie seien unheilbar krank. Ihnen wird ein anderer als der psychopharmakologische Weg in der Regel nicht aufgezeigt. So werden sie vom System abhängig und lernen nicht mit ihrer besonderen Sensibilität (Vulnerabilität) in bestimmten Lebenssitutationen umzugehen.
Mit der Verknüpfung von Vulnerabilität mit genetischer Komponente (S. 11) sollte man ganz besonders vorsichtig umgehen. Es ist nicht bewiesen , dass die angenommene besondere Verletzlichkeit – wie aus dem Entwurf herauslesbar – angeboren ist. Viele aus unserer Gruppierung, die sich damit befassen, fanden heraus, aufgrund einer besonderen Sensibilität diese Wunden im Leben erworben (!) zu haben. In belastenden Lebenssituationen sind sie – weil nicht anders erlernt – nicht fähig, cool zu reagieren und verausgaben sich total. Es kommt so zum zwangsläufigen Zusammenbruch – also einer durchaus »gesunden« Reaktion. Es wäre darum Aufgabe der Kliniker, dem Patienten beim Angebot pharmakologischer Behandlung zu vermitteln, dass sie damit nur Symptome unterdrücken, aber nicht das Grundproblem lösen können. Die quälenden Ängste, die quälenden Gedanken – möglicherweise Stimmen – haben einen lebensgeschichtlichen Hintergrund. Geht man diesem nicht nach, wird es immer und immer wieder zu Einweisungen kommen. Soziale Belastungen können die psychischen Probleme aufrechterhalten (S. 13), da haben die Autoren Recht, sie müssen das aber nicht. Es heißt deshalb, den betroffenen Personen zu helfen, einen neuen Umgang mit krankmachenden Überforderungen zu erlernen. Wir plädieren jedoch nicht dafür, den betroffenen Menschen zu beschneiden und an das soziale System anzupassen, sondern fordern die Helfergruppe auf, ihm zu helfen zu erkennen, warum er so schweren Schaden nehmen konnte und nicht fähig war, mit der Überforderung umzugehen.

Auch ist »eine deutliche genetische Komponente« aller Depressionsformen (S.14) nicht im entferntesten erwiesen. Auch wenn in manchen Familien gehäuft solche Eskalationen auftreten, beweist dies nicht die genetische Komponente, sondern einzig allein den beteiligten Sozialisationsfaktor. Allein der Umgang eines mit dem Leben unzufriedenen Elternteils mit seinen Kindern kann ein Faktor sein, dass jene später bei belastenden Ereignissen psychiatrisch zu behandelnde Symptome entwickeln. Immer (!), und nicht »meistens« (S. 11), geht einer seelisch bedingten Erkrankung eine belastende Lebenssituation voraus. Allerdings ist sie manchmal nicht greifbar, da der Beginn der Belastung schon länger zurückliegt. Hier sollte Forschung ansetzen – und zwar eine psychologisch-gesellschaftswissenschaftliche.

Viele wären – so unsere Überzeugung – bereit, dabei behilflich zu sein. Es wäre nicht nötig, bei Mangel an Freiwilligen als nicht-einwilligungsfähig und psychisch krank geltende Menschen für Forschungszwecke zu missbrauchen (Bioethik-Konvention). Das Eintreten der DGPPN für die derzeitige Fassung macht es uns schwer, daran zu glauben, dass die Ärzteschaft es gut mit ihren Schutzbefohlenen meint. Wir sind der Auffassung, das Gutheißen der Bioethik-Konvention verträgt sich nicht mit dem Eid des Hippokrates, den doch alle Ärzte ablegten. Ebensowenig verträgt sich diese mit mit dem Recht der/des einzelnen auf Würde und körperliche Unversehrtheit.

Wir sind darüber hinaus der Überzeugung, dass vor allem die Umstände der ersten Klinikeinweisung und die Behandlung in jener ersten Klinik eine wesentliche Rolle dabei spielen, ob ein psychiatrisch behandelter Mensch es schafft, sich aus der Behandlung wieder zu lösen. Eine ähnliche Meinung vertritt auch Asmus Finzen. In einem Interview (Süddeut-scher Rundfunk, 02.05.94) sagte er: »Die Wahrscheinlichkeit, dass es gut geht, ist dann groß, wenn der Patient freiwillig in Behandlung kommt.« Es wäre aus unserer Sicht hinzuzufügen: und sich die Klinik und (!) den behandelnden Arzt selbst aussuchen kann. »Viel schwieriger ist das«, so meinte er weiter, »wenn die Ersteinweisung in ein Psychiatrisches Krankenhaus gegen den Willen des Patienten erfolgt.« Denn dann kämen sie, so Asmus Finzen, auf eine geschlossene, eine unruhige Station, wo Sicherheit und Ordnung im Vordergrund stünden.

In den »Wittenberger Thesen« sind die Ergebnisse der Tagung »Das erste Mal ...« (25. – 28. Mai '95 in Wittenberg) zusammengefasst. Es war die erste gemeinsame Tagung des »Dach-verbandes Psychosozialer Hilfsvereinigungen«, des »Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahre-ner«, des »Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker« und der DGSP. Die Teilnehmer stellten wie Finzen fest, dass vor allem der Umgang mit der Patientin/ dem Patienten bei der Erstaufnahme die Weichen stellt, ob diese Person einen Weg findet, auf dem sie mit ihrer speziellen Problematik ohne dauerhafte Behandlung leben kann.

Eine Aufklärung über die beabsichtigte Behandlung erhielten zumindest bis in die jüngste Vergangenheit die wenigsten. In einem Aufsatz von H.-J. Luderer über Informationsvermittlung in der Psychiatrie, der 1994 erschien (Krankenhauspsychiatrie. 5. Jahrgang. Heft 3), las ich, Ärzte scheuen sich vor allem bei Patienten mit der Diagnose »Schizophrenie«, über die möglichen schweren Nebenwirkungen der Neuroleptika aufzuklären. »Offensichtlich«, so steht dort, »fürchten viele Ärzte, ein Patient werde eine medizinisch notwendige (oder besser: wünschenswerte) Behandlung nicht mitmachen, wenn er die Konsequenzen dieser Behandlung vor Augen führt.«

Nun, die unterlassene Aufklärung über Behandlungsmöglichkeiten, den voraussichtlichen Erfolg der psychopharmakologischen Behandlung und die Nichtbeachtung des Selbstbestimmungsrechts der/des einzelnen ist eine Seite, eine andere ist der Umgang mit den als seelisch krank geltenden Menschen bei erneuter Einweisung. Da wurde ein Mitglied eines Kontaktklubs in der Klinik fixiert, weil es dem Pflegepersonal aus Scherz einen Waschlappen hinterherwarf. Eine andere Patientin erfuhr dasselbe, weil sie auf dem Zimmer rauchte. Eine dritte, weil sie gefrustet und wütend, mit Bonbons, Zigaretten und einer Banane um sich warf. Gründe für eine Fixierung sind das nicht. Es sind – so meinen wir – Erziehungsmaßnahmen um jeden Preis!

Gesunde Reaktionen wie Angst, Zorn und Trauer, mit deren Ausleben als seelisch krank geltende Menschen oft Schwierigkeiten haben, sollen mit diesen primitiven Maßnahmen unterdrückt werden. So können Patienten die Notwendigkeit der eingeleiteten Maßnahmen nie nachvollziehen. Sie gewinnen kein Vertrauen in die »ärztliche Kunst« und wehren sich im Falle einer drohenden Neueinweisung verständlicherweise mit Händen und Füßen. Auf einer solchen Basis ist die hohe Suizidrate nicht verwunderlich. Erst wenn der Patient klinische Behandlung als Hilfe empfinden kann, wird er sich freiwillig in eine solche begeben. Von der Erfüllung dieses Anspruches sind wir z.Z. noch weit entfernt.

Wir meinen, nicht nur »Vor dem Hintergrund zunehmender finanzieller Restriktionen im Gesundheitswesen« (S. 27), sondern schon allein aus ethischen Gründen muss immer wieder über neue Wege nachgedacht und müssen diese umgesetzt werden. Deshalb ist es angebracht, verbindliche Leitlinien zur Behandlung der unter seelisch bedingten Symptomen leidenden Menschen mit uns zusammen zu erarbeiten. Wir haben unter dieser Voraussetzung gegen das Vorstellen fachlich fundierter Standards bei den entsprechenden Gremien nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Wir würden das sehr begrüßen. Wir bitten die Mitglieder der DGPPN, abschließend zur Kenntnis zu nehmen: Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener ist eine psychiatrie-kritische Bewegung. Seine Mitglieder wollen zum einen an einer Reform des Systems mitarbeiten und zum anderen Alternativen zur klinischen Behandlung erarbeiten, die auf den Erfahrungen der Patientinnen/Patienten statt auf psychiatrischen Theorien gründen.

Es gäbe noch viel zu sagen zum Denkschrift-Entwurf. Jedoch will ich es heute bei der Beleuchtung der oben angesprochenen Punkte belassen. An einer Reaktion sind meine Vorstandskolleginnen und – Kollegen und ich sehr interessiert.

Mit freundlichen Grüßen
gez. Ursula Zingler
(Mitglied des geschäftsführenden Vorstands)