Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.
   

An den
Bundesminister für
Arbeit und Sozialordnung
Herrn Walter Riester
Postfach 140280
53170 Bonn

12.1.1999

Spezifische Ausbildungs- und Arbeitsinteressen von Menschen mit einer sogenannten chronisch psychischen Erkrankung

Sehr geehrter Herr Bundesminister Riester,

der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE e.V.) ist die bundesweite Interessenvertretung von ehemaligen und jetzigen Psychiatriepatienten (Psychiatrie-Erfahrene) in Deutschland. Als erste Information haben wir diesem Schreiben ein Faltblatt von unserem Verband beigelegt.

Wir wenden uns mit diesem Schreiben an Sie, um auf die besonderen Bedürfnisse und Interessen einer großen Gruppe von Psychiatrie-Erfahrenen in Arbeit, Ausbildung und Umschulung aufmerksam zu machen.

Damit überhaupt mehrmals in Behandlung gewesene Psychiatrie-Erfahrene eine Chance haben, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bestehen zu können, bedarf es einer Entspannung auf diesem Markt. Wir wünschen uns daher sehr, dass es eine gerechtere Verteilung von Arbeit in Zukunft mit Hilfe der neuen Bundesregierung geben wird. Zudem ist es einer großen Anzahl der von uns vertretenen Menschen aufgrund ihrer Erkrankung nur noch möglich, eine Beschäftigung in Teilzeit auszuüben.

Ebenso sieht es mit Ausbildung und Umschulung aus. Auch hier wäre die Schaffung von Teilzeitangeboten für Psychiatrie-Erfahrene angebracht. Denn nach § 160 SGB IIl und nach § 154 SGB III sind Teilzeitumschulungen aufgrund von Krankheit und/oder Behinderung bisher nicht vorgesehen.

Viele Psychiatrie-Erfahrene erleiden – ähnlich wie andere chronisch kranke Menschen – Einbrüche, die längere Zeit arbeitsunfähig machen. So wird es dann ganz schwierig, z. B. eine Ausbildung von Anfang bis Ende ohne Unterbrechung durchzustehen. Wir wünschen uns daher, dass es ohne Schwierigkeit nach dem Berufsbildungsgesetz möglich wird, modularisierte Ausbildung und Umschulung anzubieten, bei denen nach jeder Prüfung für ein Modul eine Zertifizierung durch IHK, HWK u.a. stattfindet. Wichtig ist dabei, dass der Erwerb einer Vollqualifikation zu einem späteren Zeitpunkt möglich ist. Viele Psychiatrie-Erfahrene hätten so die Chance, den Besitz von anerkannten Teilfeldqualifikationen zu erlangen – statt wie bisher den Status der abgebrochenen Ausbildung/Umschulung – und hätten darüber hinaus noch die Möglichkeit, ihre Ausbildung/Umschulung zu einem späteren Zeitpunkt zu beenden.

Insbesondere Psychiatrie-Erfahrene der hier beschriebenen Gruppe sind im besonderen Maße auf ein gutes und stabiles soziales Umfeld angewiesen. Wir leiden daher besonders, wenn wir aus unserem sozialen Umfeld herausgerissen werden. Wir fordern darum vermehrt den Ausbau und die Förderung ambulanter beruflicher Reha. Dies könnte zu Lasten von wohnortfernen Großeinrichtungen, wie Berufsbildungswerken oder Berufsförderungswerken, gehen.

Das bedeutet u.a. die stärkere Nutzung der Möglichkeit der innerbetrieblichen Umschulung nach dem SGB III, als in der Praxis bisher üblich. Ist es doch so, dass Menschen i.d.R. heute in das nächste Berufsförderungswerk vermittelt werden. Hier muss ein Umdenken bei Arbeitgebern, Arbeitsvermittlern und Ärzten stattfinden. Im Gegensatz zu somatisch kranken Menschen braucht die Gruppe der sogenannten chronisch psychisch kranken Menschen am Arbeitsplatz, in der Ausbildung, während der Umschulung i.d.R. keine technischen Hilfen, sondern Hilfen in Form von mitfühlender Begleitung und Unterstützung (Arbeitsassistenz). Daher sollten die Integrationsfachdienste nicht mehr nur als vereinzelte Modellprojekte geführt werden, sondern generell und bundesweit flächendeckend zum Angebot der beruflichen ambulanten Reha gehören und mit den bestehenden Psychosozialen Diensten zu Berufsbegleitenden Diensten zusammengefasst werden. Außerdem würden wir es sehr begrüßen, wenn die.Zuständigkeitsbereiche der zukünftigen Berufsbegleitenden Dienste auch für die Bereiche Ausbildung/Umschulung und für nicht-soziaIversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse, sogenannte Zuverdienstarbeitsverhältnisse zu Rente und Sozialhilfe, gelten würden.

Seit längerer Zeit beobachten wir mit großem Bedauern eine Verschärfung bei der Inanspruchnahme von Leistungen, z. B. der Psychosozialen Dienste. Hier wird zunehmend die Gewährung der Leistung von dem Besitz eines Schwerbehindertenausweises abhängig gemacht. Nun sind aber gerade unter uns sehr viele, die nicht dauerhaft, sondern sporadisch arbeitsunfähig sind. Dennoch sind sie auf Hilfen angewiesen. Es besteht bei dieser Regelung somit eine spezifische Benachteiligung von Menschen mit einer seelischen Behinderung. Daher bitten wir Sie, dass der Ersatztatbestand für die Schwerbehinderteneigenschaft in Form eines ärztlichen Gutachtens anstelle des Schwerbehindertenausweises für alle Leistungen nach der Ausgleichsabgabe, nach dem Schwerbehindertengesetz und anderen behindertenspezifischen Regelungen in Zukunft ausreichend ist.

Natürlich hat für seelisch kranke Menschen, wie bei allen anderen Gruppen, vor einer beruflichen Wiedereingliederung der Erhalt des alten Arbeitsplatzes und die Ausübung des bisherigen Berufes Vorrang. Viel zu schnell und unnötigerweise wird mit dem Ausbruch einer psychischen Erkrankung auch eine Umschulung in die Wege geleitet, obwohl die Menschen sehr gut, selten mit längerer Unterstützung, in ihrem alten Beruf arbeiten könnten. Hier muss ein Umdenken in der Arbeitsverwaltung, insbesondere bei den medizinischen und psychologischen Gutachtern des Arbeitsamtes sowie in den psychiatrischen Kliniken stattfinden. Bei notwendig werdender klinischer Behandlung sollte wegen des Erhalts des Arbeitsplatzes frühestmöglich schon aus der Klinik heraus Kontakt zu den zukünftigen Berufsbegleitenden Diensten auf Wunsch des Betroffenen möglich sein und der Einsatz dieses Dienstes auch in diesen Fällen von der öffentlichen Hand gefördert werden. Vielleicht werden dann eher die Möglichkeiten der Einstellung einer befristeten Aushilfe bei längerer Arbeitsunfähigkeit des Betroffenen sowie die stufenweise Eingliederung genutzt, als dass der Betroffene vorzeitig aus dem Arbeitsverhältnis entlassen wird. Auch sollte in diesen Fällen die Umwandlung von einem Vollzeitarbeitsplatz in zwei Teilzeitarbeitsplätze attraktiv gemacht werden, falls der Betroffene seine Tätigkeit nicht mehr in Vollzeit ausüben kann. Damit Menschen nicht vorschnell und auf Dauer in eine Werkstatt für Behinderte abgeschoben werden, sollte über einen dauerhaften Lohnkostenzuschuss bei evtl. Leistungsminderung nachgedacht werden, dessen Notwendigkeit in regelmäßigen Abständen festzustellen ist. Das ist in der Regel kostengünstiger als ein Werkstattplatz. Ebenso sollte eine drastische Erhöhung der Ausgleichsabgabe auf mindestens 2000,- DM pro Monat für jede Nichtbesetzung eines Arbeitsplatzes mit einem behinderten Arbeitnehmer bei Nichterfüllung der Quote erfolgen, um eine Integration von gehandicapten Menschen auf dem freien Arbeitsmarkt zu erreichen.

Und für alle die unter uns, die trotz bester Absichten nicht mehr auf dem freien Arbeitsmarkt arbeiten können, wünschen wir uns eine Grundsicherung, die deutlich über dem Sozialhilfesatz liegt und unabhängig ist von einbezahlten Rentenbeiträgen. Aufgrund vielfältiger Kunstfehler der Ärzte, die z.B. häufig nur Symptome behandeln und nicht das zugrundeliegende Lebensproblem berücksichtigen, werden viele von uns auf Dauer arbeitsunfähig gemacht, so dass der Anteil von Sozialhilfeempfängern gerade unter den Psychiatrie-Erfahrenen überdurchschnittlich hoch ist. Und die Situation hat sich für viele neu Dazugekommene unter uns mit dem Wegfall des Erwerbsunfähigkeitsmehrbedarfs und Altersmehrbedarfs in der Sozialhilfe für nicht erheblich Gehbehinderte in 1996 weiter verschärft.

Hier endet uns're Wunschliste. Gerne stehe ich für Nachfragen zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich an:
BPE e.V.
c/o Frau R. K.
(zuständig im geschäftsführenden Vorstand des BPE e.V. für das Thema: Berufliche Reha)

Wir würden uns freuen, wenn Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten die Situation psychisch kranker Menschen verbessern helfen würden. Für Ihre Aufgeschlossenheit gegenüber uns bedanken wir uns im voraus.

Mit freundlichen Grüßen
für den geschäftsführenden Vorstand

R. K.
(Vorstandsmitglied)


Bitte klicken Sie hier, wenn Sie die Antwort von Minister Riester lesen wollen.