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aus: Hölderlins Zeitung Zeitung der sozialpsychiatrischen
Einrichtung Hölderlin e.V. (Hamburg-Volksdorf), Nr.
5 (2000), S. 16 17
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Avant (J.H.)
Über die Qualifikation der Psychiater
Nichts liegt mir ferner, als einem Arzt, der es sich zur Berufung
gemacht hat, kranken Menschen zu helfen und ihrem Leiden Linderung
zu verschaffen, mit dem Sinn dieser kleinen Abhandlung einem gewissen
Groll auszusetzen. Das Unbehagen, das ich ausdrücken werde,
bezieht sich nicht auf alle Bereiche der Medizin, mir sind hier
ausreichende Einblicke und Erfahrungswerte verschlossen. Meine
Erfahrung und Eindrücke, die ich in Jahrzehnten gewann, setzen
sich ausschließlich mit den Ärzten der Psychiatrie
auseinander. Wenn Ärzte anderer Fachbereiche ebenfalls zum
Nachdenken gereizt werden, soll es mir nur recht sein. Ich vertrete
entschieden die Meinung, dass nicht jeder, der den Beruf des Psychiaters
wählte, studierte und jetzt ausübt, wirklich zum Psychiater
taugt. Es gibt viele unter ihnen, die warum auch immer
einem Fehlgriff unterlagen. Das ist das Tragische an dieser
Sache.
Was einen Nervenarzt, einen Psychiater also egal ob männlich
oder weiblich zu einem wirklichen Helfer des an seiner
Psyche erkrankten Menschen macht, lässt sich leider nicht
nur durch ein Studium mit anschließender Krankenhausassistenz
(AIP = Arzt im Praktikum) und Facharztausbildung erlernen. Das
Wissen um das Erkennen der Seelenwelt eines Menschen erfordert
einfach mehr, als das Erlernen und Beherrschen von Techniken,
die ermöglichen sollen, Strukturen anhand gewisser Schemata
zu ergründen und diagnostisch einzuordnen, um wie
meistens nötig eine medikamentöse Behandlung
oder Psychotherapie einzuleiten.
Aber es sind ja nicht die Medikamente oder die Psychotherapie
allein, die dem Patienten Linderung oder gar eine Heilung verschaffen
sollten. Das wissende Wohlwollen des Arztes und das quasi »Erfühlen«
des sozialen Umfeldes mit dem verstehenden Erkennen der Bedingungen,
mit denen der zu Heilende seine Tage und Nächte verbringen
muss und der sich daraus ergebende spezifisch individuelle Leidensdruck,
ergeben letztlich die Basis einer erfolgreichen Zusammenarbeit.
Ich fühle mich geneigt, von einer gewissen Begabung zu sprechen,
die einfach erforderlich ist, den Beruf des Psychotherapeuten
oder des Psychiaters auszuüben. Natürlich sammelt man
in der Praxis Erfahrungswerte und lernt dazu, das aber reicht
nicht, um das erforderliche Sympathiefeld zu schaffen, aus dem
sich letztlich die unbedingte Offenheit ergibt. Es gibt gute und
schlechte Handwerker, das ist jedem bekannt, und ich sehe nicht
ein, warum bewertende Kriterien nicht auch für Ärzte
gelten sollten. Sie gelten ja auch nicht bei den Kassen
und der Ärztekammer in den Gesprächen, die Patienten
miteinander führen. Es gibt eben Psychotherapeuten und Psychiater,
die hervorragende Theoretiker und Techniker sind aber nicht
mehr. Sie hätten den Beruf eines Ingenieurs, eines Architekten
oder den eines Chirurgen wählen sollen damit wären
allen Seiten besser gedient. Es kann nicht jeder ein Albert Schweitzer
sein, dessen bin ich mir durchaus bewusst, aber das, was ihn handeln
ließ, was ihn wirksam machte, sollte ein Arzt schon in seiner
Persönlichkeit tragen. Die jetzige Welt ist kalt genug, wer
wenn nicht die Seelenärzte ist dann noch berufen,
fehlende Wärme heilend auszustrahlen?
Der Patient will sich nicht »behandelt« fühlen.
Er ersehnt das Verständnis und ein mitfühlendes Erkennen,
das ihn ernst nimmt, und das jene Hürden beseitigt, die Schweigen
oder ein geschicktes Verlagern oder Ausweichen vor seiner Problematik
Raum geben können.
Abschließend möchte ich von einer mir gut bekannten
Psychiaterin berichten, die in der Klinik, in der sie tätig
war, die Chance bekam, Oberärztin zu werden. Das Betreiben
von Mobbing der Kollegen und Kolleginnen verhinderte es. Mobbing
ist als zutiefst asozial einzustufen, und ich frage mich, wie
Angehörige eines Berufes, an dessen erster Stelle eine soziale
Humanität stehen sollte, zu diesem Verhalten fähig sind.
Natürlich sind Psychotherapeuten und Psychiater auch nur
Menschen Menschen allerdings, die über den Durchschnitt
extrem human herausragen sollten.
Karrieristen haben in diesen Berufen nichts zu suchen. Lasst sie
Bankkaufleute werden damit sind sie den Geldquellen und ihren
vergnüglichen Gewinnen nämlich ziemlich nah.