zurück zum Inhalt 03/2005

Gedenkveranstaltung zum 30. Evangelischen Kirchentag

“Herr über Leben und Tod?” am 25.05.2005
Beitrag Hölty-Gymnasium/BEZ: Wir wurden verraten. Die Opfer

Von Margret Hamm

Als Vertreterin des BEZ, unserer bundesweit arbeitenden Opferorganisation, möchte ich aus Sicht der Opfer zu den Fragen der Schüler wie folgt Stellung nehmen:

1) Inwieweit drangen die Geschehnisse nach außen?

Das Gesetz, aufgrund dessen über 350.000 Menschen zwangssterilisiert wurden, war das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN), was auch „Erbgesundheitsgesetz“ genannt wurde. Es war ein Gesetz, das ganz legal im NS-Staat in Kraft trat und im Reichsgesetzblatt veröffentlicht wurde.Die Menschen, die zwangsweise sterilisiert werden sollten, was, wenn sie sich weigerten mit Polizeigewalt geschah, wurden einer bürokratischen Prozedur unterzogen, und die war öffentlich. Angehörige der Heil- und Pflegeberufe, wie Ärzte, Pflegepersonal, Hebammen, Pädagogen, Erzieher, waren von Staatswegen zur Denunziation aufgefordert. Amtliche Stellen, wie die Gesundheitsämter, Krankenhäuser und Juristen, waren einbezogen. Das Vorhaben der Nazis für ihren NS-Staat nur eine rein arische Rasse haben zu wollen, und alle, die diesem Menschenbild nicht entsprachen, auszumerzen – wie sie es nannten -, war in der Zeit zwischen 1933 und 1945 gesellschaftlicher Konsens. Die meisten Menschen waren mit dieser Rassenideologie einverstanden. Das Fach Rassekunde wurde in den Schulen gelehrt. Ärzte wurden an den Universitäten im Fach Rassehygiene ausgebildet.Und als die Nazis 1939 mit dem, auf den Kriegsbeginn zurückdatierten „Euthanasie“-Erlass, den Krieg nach innen, gegen die eigene Bevölkerung begannen, d. h. allein durch die „Euthanasie“ ca. 300.000 Menschen ermordeten, war dies auch eine Folge des Rassenhasses, densie vorher in die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche getragen haben.Und das GzVeN war das erste Rassegesetz des NS-Staates, auf dessen Grundlage mit den Zwangssterilisationen begonnen wurde.Dieses Gesetz existiert heute noch in der Bundesrepublik Deutschland. Nach über 70 Jahren ist es noch rechtlich existent, es wurde vom Gesetzgeber nur außer Kraft gesetzt. Und der Gesetzgeber ist bis heute nicht bereit, dieses Gesetz zu annullieren und die Opfer dadurch zu rehabilitieren.

2) Mit welchen Symptomen galt man als behindert und psychisch krank im 3. Reich (im NS-Staat)?

In diesem GzVeN waren die Kriterien festgelegt, nach denen die Menschen selektiert wurden. Als „krank“ wurden Menschen verfolgt, sprich: zwangsweise dem Amtsarzt des Gesundheitsamtes gemeldet und angezeigt, wenn sie von ärztlicher Seite mit der Diagnose: angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, manisch-depressives Irresein, erbliche Fallsucht, erblicher Veitstanz, erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, schwere körperliche Missbildung, sowie schwerem Alkoholismus, belegt wurden.In der Verordnung zur Ausführung dieses Gesetzes (vom 05.12.33) kommt die wahre Intension zum Ausdruck. Darin hieß es: „…Dazu kommt, dass für Geistesschwache, Hilfsschüler, Geisteskranke und Asoziale jährliche Millionenwerte verbraucht werden, die den gesunden noch kinderfrohen Familien durch Steuern aller Art entzogen werden. … Durch Erlass eines GzVeN ist das biologisch minderwertige Erbgut auszuschalten.“Die ersten Opfer dieser Maßnahmen waren behinderte Menschen. Es folgten chronisch Kranke und später alle von der NS-Norm abweichende Menschen, die als „lebensunwert“ klassifiziert und nach 1939durch „Euthanasie“ zum „Wohl“ – gleich Nutzen – der Gesellschaft und zur „Reinerhaltung der Rasse“ ermordet wurden. Die so durch Töten der Menschen gesparten Gelder wollte man, der herrschenden Ideologie entsprechend, Wohnungsbauprojekten und Familienversicherungen zufließen lassen. In damaligen Schulbüchern kann man derartige Rechenaufgaben nachlesen.

3) Wie gingen die Nazis vor, als es festgestellt wurde, dass ein Mensch psychisch krank oder behindert war?

Um ihr Ziel möglichst effektiv zu erreichen, so genanntes lebensunwertes Leben und „Ballastexistenzen“ auszuschalten, gab es ein bürokratisches Netz, durch das alles bis auf das perfekteste organisiert war und kein Opfer entrinnen konnte. Nur ganz selten gelang es Menschen, sich vor der Zwangssterilisation oder „Euthanasie“ zu schützen. Schon in der Weimarer Republik hatte man mit der systematischen Datenerfassung von geistig und körperlich Behinderten begonnen. Diese Daten dienten Rassehygienikern und Sozialwissenschaftlern als Forschungsgrundlage. Im NS-Staat entstanden ab 1933 flächendeckend Beratungsstellen für Erb- und Rassenpflege, die zentral von Berlin aus, mit der sogenannten „erbbiologischen Bestandsaufnahme“ beauftragt waren. Die Datenerhebungen erfolgten in Heil- und Pflegeanstalten, Fürsorgeheimen, Gefängnissen, Arbeits-, Gesundheits- und Standesämtern, in den Hilfsschulen. Es erfolgte so eine genealogische und eine erbgesundheitliche Erfassung. Das so entstandene Bevölkerungskataster ermöglichte es dem NS-Staat und seinen Ärzten einen schnellen und lückenlosen Zugriff auf diejenigen, die nicht in dieses Raster passten oder sich nicht in das System fügten.Als erstes waren von diesen Maßnahmen die Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten betroffen. Da man sie für „unnütze“ Esser hielt, wurden die Pflegesätze für diese Einrichtungen, kommunale und auch kirchliche, drastisch gesenkt.Die Durchsetzung dieser Forderungen war unterschiedlich und hing von dem Durchsetzungswillen und der unterschiedlichen Akzeptanz der Anstaltsleitungen hinsichtlich der „rassehygienischen Maßnahmen des NS-Regimes ab. Vor Kriegsausbruch und dem Beginn der „Euthanasie“ erhielten die Patienten gerade soviel Nahrung, dass sie am Leben blieben. Man unterschied die noch leistungsfähigen akut Kranken, die nach erfolgter Zwangssterilisation dem Arbeitsmarkt noch zur Verfügung standen, die arbeitsfähigen chronisch kranken Patienten, die in den Heil- und Pflegeanstalten verwahrt wurden, um mit ihrer Arbeitskraft die Selbstversorgung der Anstalten zu gewährleisten. Und jenen arbeitsunfähigen und chronisch Kranken, die zudem pflegebedürftig waren und nach der NS-Ideologie als Ballastexistenzen“ galten und mit Minimalstaufwand versorgt wurden und die man später nach dem so genannten „Euthanasie“-Stopp (1941), verhungern ließ.Die ungeheure Opferzahl der Zwangssterilisierten und auch der „Euthanasie“-Opfer, die aufgrund des GzVeN, dieses ersten NS-Rassegesetzes selektiert, ihrer Fortpflanzungsfähigkeit beraubt und/oder ermordet wurden, sollte uns mahnen, dass hinter jeder Zahl ein Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen steht, dessen Lebensweg durch die Rassepolitik des NS-Staates zerstört wurde.

Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten e.V.
Schorenstr. 12
32756 Detmold
Tel. (05231) 58 202
Fax (05231) 300 449