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Rundbrief

Ausgabe 4/2005

Themenschwerpunkt Jahrestagung Kassel

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AG 1:Krisen Psychiatrie-Erfahrener Mütter

Angelika Schaumburg

Protokoll: 11.30 bis 13.00 Uhr
Am Vormittag waren wir eine kleine AG von 4 Frauen und hatten in der Vorstellungsrunde ausreichend Zeit unsere Probleme, positiven und negativen Erfahrungen, sowie Erwartungen an die AG zu formulieren.
Es gab dann einen regen Erfahrungsaustausch über:

  • Erfahrungen mit der eigenen Mutter
  • Ablösung als Tochter von der Mutter
  • Schuldzuweisung an die Mutter
  • Räumliche Trennung von Mutter/Eltern
  • Von den Eltern/Mutter wird einer Psychiatrie-Erfahrenen Tochter oft nichts zugetraut
  • Partnerschaft und Scheidung
  • Gradwanderung der Kinder zwischen Mutter und Vater bei einer Scheidung
  • Krisenbewältigung mit Kind Krisenerfahrung mit Kind
  • Gute und schlechte Erfahrungen mit Hilfe von außen
  • Aufarbeitung der Krisen Kinder über die eigenen Krisen altersgemäß, angemessen und oft auch situationsabhängig aufklären
  • Verantwortung übernehmen Selbstvertrauen entwickeln
  • Strategien zur Krisenvermeidung
  • Schreibtherapie
  • Selbsthilfegruppen
  • Keine Angst vor Krisen
  • Jemanden zum sprechen haben (zur Not die Seelsorge anrufen)
  • Dinge aussprechen, werden dadurch bewusster und können besser verarbeitet werden
  • Zeit für sich nehmen Selbsthilfeplan erstellen
  • Stimmungsschwankungen
  • Hormone spielen eine große Rolle
  • Sehr oft fehlt Zärtlichkeit und Liebe

14.30 bis 16.00 Uhr (noch 3 Frauen)

  • eigene Kindheit
  • Prozess seine eigenen Grenzen besser kennen zu lernen
  • Auch auf die Grenzen der eigenen Kinder achten
  • Über Persönlichkeitsentwicklung, dabei spielen eigene Erfahrungen machen eine vorrangige Rolle
  • Kinderwunsch bei Medikamenteneinnahme
  • Über die Wichtigkeit von "verrückten" und realisierbaren Träumen
  • Kontakt zu Medien aufnehmen Zuletzt noch über Politik

Ich bedanke mich bei den Teilnehmerinnen für ihre Mitarbeit in dieser Arbeitsgruppe.

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 AG 2: SEELISCHE TRAUMATISIERUNG DURCH ZWANGSBEHANDLUNG

 Moderation: XY

Das Thema Gewalt ist in psychiatrischen Einrichtungen ein großes Tabu. Aber Gewalt und Zwangsbehandlungen stellen einen massiven Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und Autonomie von uns Psychiatrie-Erfahrenen (PE) dar. Diese werden in der BRD und von Klinik zu Klinik höchst unterschiedlich geregelt und gehandhabt. Ärzte und Richter, die diese veranlassen, sind neben den Ansprüchen und Erwartungen des eigenen Vorgesetzten auch mit den Forderungen der Angehörigen, des direkten sozialen Umfeldes, der Gemeinde, der Politik und der Medien nach vermeintlicher Sicherheit und Ordnung konfrontiert (Stichworte: Mikrokosmus Psychiatrie, Ordnungsmacht Psychiatrie hierzu § 32 StGB Notwehr u. § 34 StGB Rechtfertigender Notstand, aber auch Psychiatrie zwischen Fürsorge und Ausgrenzung).

In einer repräsentativen Befragung in der Schweiz kam heraus, dass 98,9 % der Psychiater und 72,2 % der Allgemeinbevölkerung befürworten, dass jemand unter Umständen auch gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und, wenn nötig, dort behalten werden sollte. In Deutschland dürfte das Meinungsbild kaum anders sein. Daraus folgert, dass sämtliche Antistigma-Kampagnen fruchtlos bleiben, wenn sich an diesem Bild von Psychiatrie und Einstellung der Psychiater nichts ändert. Der Leiter der Tagesklinik Siegburg, der Psychiater Dr. Wilhelm Engelke, gesteht selbst ein, dass "der Aspekt der Sicherung und Kontrolle in der Aufnahmesituation überwiegt vor der eigentlich therapeutisch wirksamen Beziehungsaufnahme und Gestaltung" .

Wir PE werden durch diese in unseren Augen meist ungerechtfertigten Maßnahmen traumatisiert und stigmatisiert. Danach ist nichts mehr so wie vorher. Dazu die amerikanische Psychiaterin Judith Hermann in ihrem Buch Die Narben der Gewalt: "Traumatische Ereignisse erschüttern zwischenmenschliche Beziehungen in den Grundfesten. Sie zersetzen die Bindungen an Familie, Freunde, Partner und Nachbarn, sie zerstören das Selbstbild, das im Verhältnis zu anderen entsteht und aufrechterhalten wird. Sie untergraben das Wertesystem, das der menschlichen Erfahrung Sinn verleiht. Sie unterminieren das Vertrauen des Opfers in eine natürliche und göttliche Ordnung und stoßen es in eine existentielle Krise.... Im Augenblick der Angst wenden sich die Opfer spontan an die Quelle, die ihnen zuerst Trost und Schutz bot. Verwundete Soldaten und vergewaltigte Frauen schreien nach ihren Müttern oder nach Gott. Bleibt dieser Schrei unbeantwortet, ist das Urvertrauen zerstört. Traumatisierte fühlen sich extrem verlassen, allein und ausgestoßen aus dem lebenserhaltenden Rahmen von menschlicher und göttlicher Fürsorge und Schutz."

Der Blick in das menschliche Antlitz und das trauernde Herz des leidenden Gegenübers wird bewusst gemieden - aus eigener Abwehr von Angst und Ohnmacht? Dort, wo Vertrauen, Verständnis und Empathie gefordert sind, wird eingesperrt, gefesselt und weggespritzt. Solche ersten Erfahrungen mit der Psychiatrie sind für das weitere Leben prägend.

Zwangsmaßnahmen jeglicher Art sind aus psychologisch-psychotherapeutischer Sicht absolut kontraindiziert und führen zu weiteren Schäden durch Retraumatisierung. Die Anwendung von Gewaltmaßnahmen in der Psychiatrie führt zu Stigmatisierung und Etikettierung, womit sie ein wesentliches Handikap für die Rehabilitation und Wiedereingliederung in ein normales Leben von uns PE darstellt.

Gewalt und Zwangsbehandlungen an PE sind Alltag in psychiatrischen Kliniken. In manchen Kliniken ist jeder 5. Patient davon betroffen, insbesondere treffen sie in erhöhtem Maße die als schizophren, schizoaffektiv oder manisch diagnostizierte PE. Die allgemeine Datenlage dazu ist höchst lückenhaft und unzureichend. Untersuchungen und Befragungen darüber, wie und was psychiatrische Gewalt und Zwangsbehandlungen in unseren Seelen anrichten und welche langfristigen Folgen sie haben, gibt es nur sehr vereinzelt. Die Medizin, die Politik und die Öffentlichkeit schweigen darüber noch weitgehend, eher wird uns PE die Schuld und mangelnde Einsicht zur Notwendigkeit solcher Zwangsmaßnahmen zugeschrieben.

In einer der wenigen Untersuchungen fragte man sich, was der eigentliche Grund für die Anwendung von Zwangsmaßnahmen ist und kam zu dem Ergebnis, dass sie zumeist aus einer Ohnmachtsreaktion und mehr aus Gewöhnung als aus Notwendigkeit erfolgen. Aber Zwangsbehandlungen stellen eine denkbar ungünstige Voraussetzung für den Aufbau einer therapeutischen Beziehung dar. Es ist eigentlich unerklärlich, dass über "Risiken und Nebenwirkungen" dieser Behandlungsmethoden bisher so wenig geforscht wurde. Handlungsansätze zur Reduzierung von Gewalt und Zwang existieren kaum in den psychiatrischen Kliniken. Es mangelt an Fertigkeiten, die Eskalation von Aggression rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu deeskalieren.

In einer ausführlichen Vorstellungsrunde unserer AG kamen z. T. erschütternde traumatische Erfahrungen zur Sprache und jede/r hat mit unterschiedlicher Gewichtung davon berichtet, wie er/sie Zwangsbehandlungen und Gewalt in verschiedenen Formen (Zwangseinweisung, geschlossene Station, Zwangsmedikation, Fesselung, Isolierung, gesetzliche Betreuung) erlebt hat.

Wir haben uns den Fragen gestellt, wie man Zwangsbehandlungen/Gewalt hätte vermeiden können, wie anders hätte man helfen können und welche Deeskalationsstrategien z. B. hätten wirken können. Zur Sprache kam auch, ob Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung einen präventiven Schutz bieten könnten.

Teilweise wurden Nachgespräche mit den an der Zwangsbehandlung Beteiligten geführt, die aber selten zu einer Revision der Sichtweise über die erlittene Zwangsbehandlung/Gewalt auf Seiten der Gewaltanwender führte.

Festgestellt wurde auch, dass die jetzt teilweise in einigen Kliniken erarbeiteten Handlungsanweisungen, Richtlinien, Durchführungsstandards oder sog. Guidelines zu Zwangsbehandlungen eine Möglichkeit zu deren Reduzierung darstellen könnten. Der BPE sollte aber auf keinen Fall an deren Erarbeitung mitwirken bzw. Einfluss nehmen. Ein Teilnehmer meinte dazu, das käme ihm dann so vor, als wenn ein Vergewaltiger sein Opfer vorher frage, wie er es dann gern hätte.

Die letzte, aber entscheidende Frage für bereits Traumatisierte blieb natürlicherweise unbeantwortet bzw. jeder suchte nach individuellen Lösungen und fand für sich gehbare Wege: Wie kann man massive Erinnerungen (Traumen) verändern, so dass sie nicht mehr die Innenwelt, die Seele, beherrschen? Wie können die Schmerzen der auch häufig schuld und schamhaft, immer aber auch demütigend erlebten psychiatrischen Gewalt heilsam vernarben? Wie können wir unsere seelischen Verletzungen überwinden?

Wir waren uns einig, dass es an der Zeit ist,, dass wir PE unser Wort erheben darüber, wie die Anwendung von Gewalt und Zwang auf Seiten PsychiatrieProfessioneller bei uns nachhaltig wirkt und welche akuten und langfristigen Folgen eine von uns schmerzlich erfahrene Zwangspsychiatrie verursachen. Und es sei ebenso endlich an der Zeit, dass sich PsychiatrieProfessionelle über diese ihre Anwendung von Gewalt und Zwang intensiver als bisher auseinandersetzen und Kenntnisse und Fähigkeiten sich aneignen, behutsamer, sanfter, verständnis und vertrauensvoller den ihnen Ausgelieferten zu begegnen. Wir von Gewalt und Zwang betroffenen PE dürften nicht alleingelassen werden, unser Leiden an dieser Art von malträtierender Psychiatrie muss aufgedeckt und aus der Grauzone des Heimlichen herausgeholt und nicht weiter verharmlost und bagatellisiert werden.

Jedenfalls steht die systematische wissenschaftliche Erforschung nachwirkender Erfahrungen von psychiatrisch traumatisierten Menschen noch aus. PE möchten sich ihre Sehnsucht, einmal fernab von den "Segnungen" einer Zwangspsychiatrie zu leben und nicht mehr in ihre Hände zu fallen, nicht nehmen lassen. Wir brauchen in der Psychiatrie nicht gefühllose Analphabeten und seelen und herzlose Psychiatriemanager mit einem inhumanen Menschenbild aus Strafe, Vergeltung und Absonderung sondern eine Kultur des Verstehens, ein Klima des Wohlwollens und ein Milieu von Wärme und Vertrauen.

Literaturhinweise

  • Finzen, H.J. Haug, A. Beck, D. Lüthy, Hilfe wider Willen, Zwangsmedikation im psychiatrischen Alltag, Bonn 1993
  • Gewalt und Zwang in der stationären Psychiatrie, Bericht der Tagung am 24./25 Sept. 1997 der Aktion psychisch Kranke, Bonn (Tagungsbericht Band 25 vergriffen) Köln 1998
  • Michael Enk (Hrg.), Gewalttätige Psychiatrie, Bonn 1997
  • Cornelia Faulde, Wenn frühe Wunden schmerzen. Glaube auf dem Weg zur Traumaheilung, Mainz 2002
  • Regina Ketelsen, Michael Schulz, Christian Zechert, Seelische Krise und Aggressivität, Der Umgang mit Deeskalation und Zwang (weitgehend aus Sicht Psychiatrietätiger), Bonn 2004
  • Harald Dressing, HansJoachim Salize, Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung psychisch Kranker. Gesetzgebung und Praxis in den Mitgliedsländern der EU, Bonn 2004
  • Anke, Bojack, Krämer, Seißelberg, Deeskalationsstrategien in der psychiatrischen Arbeit. Psychosoziale Arbeitshilfe, Psychiatrie-Verlag Bonn
  • Volker Pieters, Macht - Zwang - Sinn. Subjektives Erleben, Behandlungsbewertungen und Therapieerfolge bei gerichtlichen Unterbringungen schizophrener Menschen, Psychiatrie-Verlag
  • Luise Reddemann, Cornelia Dehner-Rau, Trauma. Ungelöste Folgen erkennen, überwinden und an ihnen wachsen
  • G. Fischer, P. Riedesser (Hrsg.), Lehrbuch der Psychotraumatologie
  • Judith Lewis Hermann, Die Narben der Gewalt
  • Antwort der Landesreg. NRW auf die Kl. Anfrage 2083 des Abg. Dr. Stefan Romberg, FDP, zur Drastischen Zunahme der Zwangseinweisungen 13/6434 vom 5.1.2005

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  AG 3: DAS ATELIER: SELBSTHILFE UND KUNST

Moderation: Armin Pangerl / Michael Goetz-Kluth

11.30 - 13.00 Uhr
Vorstellungsrunde und Klärung der Erwartungen:
Die meisten der 15 TeilnehmerInnen wollten Informationen zum Lahrer Atelier-Projekt und Tipps für die Entwicklung eigener Projekte (Finanzierung, Fundraising, Vernetzung, Kooperationspartner etc.). Einige TeilnehmerInnen wollten sich selbst in der AG kreativ betätigen.

Die Moderatoren entschieden, den Vormittag mit der Vorstellung des Projektes und der Beantwortung der dazu gehörigen Fragen zu füllen.

Entstehung und Geschichte des Projektes:

Seit Februar 2004 gibt es in kostenlos zur Verfügung stehenden Räumen der Psychologischen Beratungsstelle Lahr ein Atelier für Menschen mit und ohne Psychiatrieerfahrung. Das Projekt wird von zwei Lahrer Künstlern geleitet und finanziell unterstützt von der Brücke e.V., der Lahrer Hilfsgemeinschaft für Menschen in psychischer Not. Das Leitungsduo wird professionell supervidiert, ansonsten organisiert sich das Projekt völlig selbständig.

Die TeilnehmerInnenzahl wuchs beständig bis auf momentan 20. Zur Zeit wird die erste Ausstellung vorbereitet, die ab 22.9.05 in der Psychologischen Beratungsstelle zu sehen sein und im Oktober weiter ins Zentrum für Psychiatrie nach Emmendingen wandern wird. Den größten Erfolg jedoch erlebte das Projekt im Frühjahr diesen Jahres mit der Nominierung für den internationalen Preis der Bodenseekonferenz für Initiativen im sozialen und Gesundheitsbereich. Inzwischen gibt es Vernetzungen mit der Heidelberger Prinzhornsammlung und dem Wiener Kunstprojekt "crazy industries".

14.30 - 16.00 Uhr
Blitzlicht zur Prioritätensetzung für den Nachmittag:
Die meisten TeilnehmerInnen wollten die Themen des Vormittags fortsetzen, zwei TeilnehmerInnen hatten in der Mittagspuse eine Performance vorbereitet, die sie am Ende der AG präsentieren wollten. Nach einem Warming up mit einer Körper- und Atemübung, angeleitet durch eine Teilnehmerin, wurden folgende Themen diskutiert:

  • Finanzierungsmöglichkeiten: eigener Kunstverkauf, Zuschüsse von Stiftungen, Staat, Krankenkassen, Wohlfahrtsverbänden etc., Spenden,
  • Beantragen von Fördermittel für spezifische Projekte
  • Kooperationsmöglichkeiten: mit Kommune, Wohlfahrtsverbänden, sozialpsychiatrischen Institutionen, Vereinen etc.
  • Rechtliche Aspekte
  • Möglichkeiten / Grenzen auf dem Kunstmarkt
  • Abgrenzung zu Kunst- und Maltherapie
  • Leitung: transparent oder heimlich
  • Vernetzung von Kunst- und Kulturprojekten durch den BPE (Idee von Ruth Fricke)

Gegen Schluss wurde die vorbereitete Performance präsentiert (Applaus, Applaus!!!) und die AG schließlich mit einer Auswertungsrunde beendet.

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 AG 4 : LEBEN MIT DEPRESSIVER VERANLAGUNG!
INWIEWEIT INTERESSIERT DIES DIE ÖFFENTLICHKEIT UND DIE PROFESSIONELL TÄTIGEN PERSONEN?

 von Ursula Zingler

Im Januar 2005 hatte ich mich beim Vorstand um ein Referat und/oder Moderation einer Arbeitsgruppe beworben. Grund: Die Depression zählt mit wachsender Tendenz zu den sog. Volkskrankheiten. Die von ihr betroffenen Menschen melden sich weder öffentlich noch mit Beiträgen im BPE-Rundbrief selten zu Wort. Darum wollte ich referieren über

  • die Hintergründe von Depression
  • einen (meinen) erfolgreichen Weg der Überwindung
  • das Leben mit depressiver Veranlagung
  • die Schwierigkeit, auf eingefahrene Denkweisen bei den verschiedensten Gruppierungen Einfluss zu nehmen.

All das konnte ich mir vorstellen, auch gemeinsam mit anderen in einer AG zu beleuchten. Die Moderation einer AG wurde mir zugestanden, als Ersatzreferentin für Hannelore Klafki wurde ich vorgesehen. Die uns alle völlig unerwartet erreichende Nachricht von Hannelores Tod führte dazu, dass ich während der Jahrestagung moderierte und referierte. Beim deckungsgleichen Thema sind Aussagenüberschneidungen darum nicht ganz zu vermeiden.

Zusammensetzung der AG - Erfahrungen der Teilnehmer
Die AG ist gut besucht: Ich freue mich über die Teilnahme von 15 Personen am Vormittag sowie Nachmittag, wobei 14 von ihnen vormittags und nachmittags anwesend sind. Eine depressionserfahrene Teilnehmerin bedauert sehr, bereits mittags abreisen zu müssen, ein depressionserfahrener Teilnehmer kommt hinzu. Die Vorstellungsrunde ergibt folgende Angaben über Diagnosen: 7 der Teilnehmer leiden direkt an Depressionen, drei an schizophren-affektiven Psychosen, ein Teilnehmer an depressiven Angststörungen und ein weiterer an Depressionen infolge körperlicher Krankheiten. Als weitere Diagnosen werden genannt: depressive Neurose, paranoid-halluzinatorische Psychose, Messisyndrom und Borderline. Zwei der Anwesenden geben an, schon als Kind depressiv gewesen zu sein. Andere leiden darunter, dass die Partnerin/der Partner depressiv ist, und erwarten Hinweise, wie sie damit umgehen und diesen helfen können. Sechs der Anwesenden haben Wege gefunden, ihr Leben ohne die Unterstützung von Antidepressiva zu meistern. Einer davon lebt seine depressiven Phasen aus, ein anderer benötigt keine Medikation seitdem er mit 65 Jahren aus dem Berufsleben ausgeschieden ist, weitere haben sich einem Selbstwerttraining bzw. einer Verhaltenstherapie unterzogen. Andere stürzen sich in Arbeit, sind Mitglieder von Selbsthilfegruppen oder nehmen Vitaminpräparate. Mehrere der Teilnehmer haben zu Medikamenten eher eine skeptische Haltung, ein Teilnehmer lehnt Medikamente ab, da er sie nicht verträgt, und es werden auch Abhängigkeitsstörungen von Medikamenten erwähnt. Viele der Anwesenden mussten aufgrund der sich wiederholenden depressiven Phasen schwerwiegende Nachteile in ihrer beruflichen Laufbahn einstecken bzw. sind ganz ohne Arbeit.

Ich halte fest, dass die von der Ärzteschaft aus bürokratischen Gründen erstellte Diagnose für die Gruppenarbeit unwichtig ist. Wichtig sei - so mein Hinweis - festzustellen, was die/den Einzelnen aus dem Gleis gebracht und in psychiatrische Behandlung geführt hat. Ich berichte ein wenig von meinen Erkenntnissen. Es gibt - so meine Überzeugung - zumindest vor dem ersten seelisch bedingten Zusammenbruch ein gravierendes Lebensbewältigungsproblem, an dem die/der Einzelne zerbricht. Dieser Auslöser kann längere Zeit zurückliegen. Zudem gibt es Gründe, warum der/die Auslöser zum Auslöser werden konnte. Bei mir - so berichte ich - haben die länger anhaltenden schikanösen Maßnahmen meines Vorgesetzten (= Mobbing) zum Zusammenbruch geführt. Weil ich mich danach mit meiner Persönlichkeitsstruktur und denen meiner wichtigsten Bezugspersonen auseinander setzte und eine andere Lebenseinstellung zulegte, ist es mir gelungen, ein neues seelisches Gleichgewicht zu erlangen. Ich berichte ein wenig von meinem Weg, der im Referat ausführlicher beschrieben ist.

Persönlichkeitsstruktur
Wir versuchen nun gemeinsam, ein Bild von der Persönlichkeitsstruktur eines zur Depression neigenden Menschen zu entwerfen. Vor allem die, bei denen direkt eine Depression diagnostiziert wurde, tragen u.a. das Folgende zusammen. Der zu Symptomen der Depression neigende Mensch

  • ist konfliktscheu und harmoniebedürftig, abhängig vom Urteil anderer
  • will anderen nicht weh tun
  • kann schlecht Nein sagen, die Ansprüche anderer darum schlecht zurückweisen
  • möchte es allen Recht machen, jedoch niemand mit eigenen Problemen belasten
  • hat hohe Ansprüche an sich selbst, Angst vor Ablehnung, ein schlecht ausgeprägtes Selbstwertgefühl sowie Probleme, seine Bedürfnisse durchzusetzen
  • neigt zu Perfektionismus, zur Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung
  • Ihm
  • fällt es schwer, Hilfe anzufordern
  • ist es fremd, zornig zu reagieren

Wir erarbeiten, dass es sich hierbei um eine erworbene und nicht um eine angeborene Persönlichkeitsstruktur handelt. Es zeigt sich deutlich, dass Beziehungsstörungen zum seelisch bedingten Zusammenbruch und in psychiatrische Behandlung führen. Das Problem ist: Der so ausgestattete Mensch hat es schwer, sich zu erlauben, eine Veränderung herbeizuführen. Er hat nicht gelernt, seine Bedürfnisse durchzusetzen. Es wird festgestellt, dass allgemein ein Schlüssel zur Bewältigung der Depression und deren Folgen die Suche nach dem eigenen Selbst ist. Wichtig ist herauszufinden, wann und in welchem Zusammenhang z.B. Verletzungen auftraten. Nur so ist es nach meiner Überzeugung nachhaltig möglich, ein anderes Verhalten anzutrainieren und eine andere Einstellung zum Leben zu erlangen, was langfristig dazu führt, Symptomverdrängung durch Medikamente zu reduzieren bzw. zu vermeiden.

Lösungsstrategie
Vor allem die, bei denen direkt eine Depression diagnostiziert wurde, erarbeiten die folgende Lösungsstrategie. Der zu Symptomen der Depression neigende Mensch, sollte

  • Nein-sagen lernen
  • eine eigenen Grenzen erkennen und auf diese achten
  • seine eigenen Bedürfnisse wahrnehmen
  • nicht auf Kosten der eigenen Gesundheit ständig die Bedürfnisse anderer erfüllen
  • niemand Macht über sich einräumen
  • im Jetzt leben
  • seinen Unmut herauslassen, auch mal zornig reagieren
  • zu sich selbst stehen und sich nicht vom Urteil anderer abhängig machen
  • sich nicht die Probleme anderer mit sich selbst zu seinen eigenen machen
  • lernen, sein Leben zu leben
  • bestehende Beziehungsstrukturen korrigieren, wenn er sie erhalten will

Öffentlichkeitsarbeit
Über meine Bemühungen um Einflussnahme berichte ich in meinem Referat. Die Gruppenteilnehmer haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Danach, wie sie ihre depressiven Strukturen überwunden haben, fragt niemand. Gerne wollen sie als Expertinnen/Experten in eigener Sache darüber berichten, um anderen weiterzuhelfen. Wie vereinbaren, uns auszutauschen und evtl. eine Arbeitsgruppe im BPE zu gründen. Ich bitte alle, die eigene Geschichte niederzuschreiben, damit mehr als bisher über depressive, schwermütige bzw. melancholische Menschen öffentlich wird.

In eigener Sache
Aufgrund gemachter Erfahrungen betone ich vorbeugend, dass

  • depressives Erleben vielschichtig ist
  • Lebensläufe, Erkrankungen und Lösungswege individuell sind
  • niemand unterstellt wird, er habe sich nicht genug angestrengt

Bei den Teilnehmern der AG bedanke ich mich auf diesem Weg nochmals für die konstruktive Mitarbeit. Anke Griesel sowie Pierre Heinecke danke ich herzlich für Protokoll und Ergänzungen, die für die Erstellung dieses Berichtes sehr nützlich waren. Ich freue mich auf eine weitere Zusammenarbeit.

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 AG5: "ABSETZEN VON PSYCHOPHARMAKA -
ENDE DER KRISE ODER KRISE OHNE ENDE?"

 Moderation: Peter Lehmann

Thema der AG sollte der Entschluss zum Absetzen psychiatrischer Psychopharmaka - Motivation, Zeitpunkt, Umfeld etc. - sein, positive und negative Erfahrungen sollten zusammengetragen und die Möglichkeiten eines relativ gefahrlosen Absetzens ausgelotet werden. Bei ca. 60 TeilnehmerInnen von einer Arbeitsgruppe zu sprechen, wäre kühn, eher war es eine Podiumsdiskussion. Die große Zahl der TeilnehmerInnen hatte mit dem für viele existentiellen Thema zu tun, zum anderen hatte sich der Hauptreferent Marc Rufer, der wie ich und mit mir schon seit 20 Jahren am selben Thema arbeitet, der Gruppe als Co-Moderator angeschlossen. Die Interessen waren vielfältig, die Diskussion lebhaft.

Zuerst ging Marc Rufer auf Fragen ein, die nach seinem Vortrag noch offen waren, dann widmeten wir uns dem umfangreichen Thema "Absetzen" von allen Seiten und in all seinen Nuancen, Ausprägungen und Verästelungen. Von der Frage der genetischen Verursachung psychischer Probleme über den Sinn der Diagnostik, insbesondere der umstrittenen "Schizophrenie", über das so genannte Kompetenznetz Schizophrenie (incl. der geplanten vorbeugenden Neuroleptika-Verabreichung an später möglicherweise als psychisch krank diagnostizierter Kinder) stießen wir auf unmittelbar absetzbezogene Themen wie Schlafstörungen, die sowohl Entzugsprobleme wie auch erste ernstzunehmende Anzeichen wiederkehrender psychischer Notlagen sein können.

Wir sprachen über Vorausverfügungen aller Art, mit der sich Psychiatriebetroffene rechtlich gegen unerwünschte Behandlungen und Betreuer abzusichern versuchen können für den Fall befürchteter unerwünschter psychiatrischer Maßnahmen bei Wiederauftreten psychischer Probleme. Lithium sowie Rezeptorenveränderungen bei herkömmlichen und so genannten atypischen Neuroleptika waren ebenso Thema wie die Frage, wie Abhängigkeit eigentlich definiert ist.

Dass die ursprünglichen Probleme, die zur Psychopharmaka-Einnahme geführt hatten, mit dem Absetzen der Substanzen nicht verschwunden sind, war unstrittiger Konsens wie auch die Einsicht, dass insbesondere nach längerer Zeit der Einnahme das Absetzen langsam und stufenweise stattfinden sollte, begleitet von Reflexion evtl. in einer Selbsthilfegruppe (ohne Besserwisserei) oder in Therapie.

Angesprochen wurde, dass Ärzte oft uninformiert sind und es von daher notwendig ist, sich selbst über mögliche Entzugsprobleme zu informieren, z.B. im Internet unter frei zugänglichen Medikamentenverzeichnissen, siehe www.peter-lehmann.de/medikamente.htm, über vorhandene Fachliteratur.

Kostenfreies Infomaterial kann angefordert werden:


a) zu Themen Ver-rücktheit selber steuern und Psychopharmaka (absetzen) bzw. Literaturlisten beim BPE, Wittener Str. 87, 44789 Bochum, Tel. 0234 - 68705552, Email: kontakt-info@bpe-online.de oder über die BPE-Psychopharmakaberatung, Tel. 0234-6405102, Mo-Do 11-17 Uhr;

b) Literaturempfehlungen "Absetzen von Psychopharmaka" bei Peter Lehmann, Berlin

Nach der Pause war die Zahl der TeilnehmerInnen nahezu unverändert. Der vorgegebene Zeitrahmen wurde bis zur allerletzten Minute ausgeschöpft, und hätte ich Marc Rufer nicht rasch zum Bahnhof fahren müssen, würden wir vermutlich heute noch mit rauchenden Köpfen in Kassel diskutieren.

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 AG 6: ÖFFENTLICHE DARSTELLUNG DES BPE

 Von Jurand Daszkowski

In unserer Arbeitsgruppe unter der Leitung von Karl-Heinz Eßer haben uns Gedanken gemacht über Image des BPE.
Wir haben gesprochen über eher stagnierende Mitgliederzahl im BPE und diskutierten teilweise kontrovers über mögliche Ursachen.
Einige Gruppenteilnehmer haben die Meinung vertreten, dass der BPE zu stark antipsychiatrisch ausgerichtet sei und die Menschen die nicht antipsychiatrisch und kämpferisch ausgerichtet sind, fühlen sich im BPE nicht gut aufgehoben.
Karl-Heinz Eßer hat über die Situation in Ulm berichtet, wo einige Psychiatrie-Erfahrene mit der Diagnose Depression bereit wären in Gremien aktiv zu werden, aber könnten sich nicht mit der angeblich antipsychiatrischen Ausrichtung des BPE identifizieren.
Wir haben auch darüber diskutiert und versucht zu definieren, was man als Antipsychiatrie bezeichnet, und welche Richtung der BPE hat und wessen Interessen der BPE vertritt.
Es wurden auch Vergleiche gezogen zwischen BPE und ADAC als Interessenverband.

Als Fazit: Man hat in der Gruppe vorgeschlagen, eine Befragung über das Außenbild und Außendarstellung des BPE durchzuführen bei einer größeren Zahl von Personen, die Nichtmitglieder sind: beispielsweise Professionelle, Angehörige und Betroffene.
Diese Befragung soll die Funktion erfüllen, die Außendarstellung des BPE in der Öffentlichkeit zu verbessern und dadurch eventuell neue Mitglieder zu gewinnen.

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 AG7: "WAS HAT DAS PERSÖNLICHE BUDGET
MIT KRISEN ZU TUN UND WIE KANN ES IN KRISEN HELFEN?"

 Moderation: Franz-Josef Wagner

In der Arbeitsgruppe waren 12 Teilnehmer anwesend, wobei nur ca. 80% Psychiatrie Erfahrene bzw. Angehörige waren und der Rest Professionelle von Organisationen. Ich hatte die Vormittags-Arbeitsgruppe in 5 Blöcke aufgeteilt.

  1. Persönliche Vorstellung der Teilnehmer mit der Darstellung einer Vision: Welcher Zusammenhang zwischen Persönlichen Budget und Krisen bestehen. Ich machte mir Notizen und ging am Ende auf diese Visionen explizit ein.
  2. Das Leistungsdreieck das Persönliche Budgets und die Beantragung waren der nächste Punkt. Mit der Einführung des Persönlichen Budgets hat sich hauptsächlich das Leistungsdreieck (Leistungsträger - Leistungserbringer - Leistungsnehmer) verändert. Aus der Darstellung dieser Veränderung erfolgte der Ablauf der Leistungsbeantragung am Beispiel Rheinland-Pfalz. Das Dokument der Leistungsbeantragung in Rheinland-Pfalz (Individuelle Hilfeplan - IHP) wurde zur Ansicht an die Wand gehängt und der Individuelle Behandlungs- und Rehabilitations-plan (IBRP) der Aktion psychisch Kranke (ApK) wurde an die Teilnehmer ausgeteilt.
  3. Um im nächsten Punkt auf die abrechenbare Leistungen im Persönlichen Budget zu kommen, stellte ich die Vielzahl der Persönlichen Budgets und deren Zusammenhänge auf Folie dar.
  4. Aufgrund der großen Erfahrung in der Eingliederungshilfe in Rheinland-Pfalz einigten wir uns auf die Eingliederungshilfe. Als Handout habe ich dann auch den Abschlußbericht des Modellprojektes des Landes Rheinland-Pfalz an die Teilnehmer verteilt.
  5. Um auf die mögliche Unterstützung durch das Persönliche Budget bei Krisen zu kommen stellte ich optisch den dynamischen Verlauf des bio-psy-soz Modells der psychischen Erkranken dar. Aus der Verbindung dieses Modells sowie der stabilen Phasen unserer Erkrankungen folgerte ich dann die Möglichkeit des Einflusses des Persönlichen Budgets auf unsere instabilen Phasen.
  6. Zu Schluss diskutierten wir umfassend diese visionäre Betrachtung des Persönlichen Budgets bei Krisen und verglichen diese mit den geäußerten Ausgangsstatements.

Am Nachmittag bestand die Diskussion in der Möglichkeit der Kombination des Persönlichen Budgets mit der Arbeit. Hier wurde verstärkt auf Alternativen im Ausland hingewiesen und der evtl. Umsetzung in einem deutschen Bundesland.
E-mail: F.J.Wagner@gmx.net

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 AG 8: SCHREIBEN ALS ALTERNATIVE THERAPIE
- GEDICHTE SCHREIBEN ALS SELBSTTHERAPIE UND ENTSPANNUNGSFORM -

 Leitung/Referent: Gangolf Peitz, Schriftsteller & Künstler/Altenpflegehelfer

Gedichte schreiben hilft

"Am Anfang war das Wort..." - Schreiben, das festgehaltene persönliche Wort, ob konkret oder verschlüsselt verfasst, hat enorme Wirkkraft und kann ein gutes Stück Klärung, Selbsthilfe und Genesung verschaffen. Schreiben ist Ausdruck und Mitteilung von Gedanken und Gefühlen, ist Kommunikation nach innen und außen, Gespräch mit sich selbst, mit den Anderen, mit der Umwelt. In Gedichten be-schreiben, ver-dichten, kompri-mieren wir Erlebnisse, Erfahrungen, Wünsche, Hoffnungen ... und lassen diese heraus.

Die von mir initiierte und geleitete, insgesamt 3stündige Arbeitsgruppe fasse ich wie folgt zusammen. 9 TeilnehmerInnen (TN) -7 Herren und 2 Damen- fanden sich ein, was von selbigen als ideale Größe für die-ses Seminar empfunden und bezeichnet wurde. Durchschnittsalter der Gruppe: Mitte 30, die bildungsbezogene bzw. berufliche Zuordnung/Herkunft war (angenehm) "quer Beet" verteilt: von Hausfrau, Handwerker bis zum Akademiker.
Im theoretischen 1.Teil am Vormittag vermittelte ich Allgemeines zu Sprache, Text und Schreiben, speziell dann zum persönlichen Kreativen Schreiben als Form der Selbsthilfe und referierte in diesem Zusammenhang im Besonderen zum Punkt "Das Gedicht und sein großer Vorteil". Durch schöpferische Poesiearbeit werden Selbstkenntnis, Selbstfindung und darüber Selbstbe-wusstsein und Selbstvertrauen gefördert. Die im Weiteren vom Kursleiter referierten AG-Kapitel "Handwerkliche Tipps" und "Praktische Ratschläge für die aktive Literaturarbeit" (auch zu ersten Publikationsmöglichkeiten) wurden gleichfalls sehr aufmerksam aufgenommen. Ausführlich kam der Aspekt "Schreiben mit helfender Wirkung" zur Darstellung meinerseits wie zur fruchtbaren allseitigen Diskussion dann.

Gemeinsam stellten wir fest, dass das Verarbeiten eigener Erlebnisse und Bewegnisse mittels des "Vehikels" Gedicht für das seelische Befinden des Autors positiv nutzbar ist. Lyrikarbeit bietet sich vor allem bei persönlichen, sozialen Krisen- und Krankheitssituationen an. Voraussetzungen sind primär, wenn nicht einzig: Interesse & Spaß an Literatur bzw. Beschäftigung mit Text - was auch geweckt und angeregt werden kann- sowie ei-ne nicht zu stark eingeschränkte Konzentration fürs Schreiben und Lesen (was hier bedauerlicherweise - auch kontraproduktiv- leider Medikamente mitunter leisten.)

Im Einzel-Gedicht, welches inhaltlich ja meist auf e i n Thema fokussiert ist, können wir uns (selbst) z.B. gezielt Trost spenden, Mut machen, uns beruhigen, Kritik äußern, "Dampf ablassen" (also Aggressionen entspannen), biografische Probleme bewusst machen, den poetischen Humor als Medizin nutzen, Glückserlebnisse der Vergangenheit herausfischen und verstärkt wirken lassen etc. Ich illustrierte dies per Rezitation an Beispielen konkreter Gedichte aus meinem Buch "Kaleidoskop". Mit einem Gedicht eine anspruchsvolle, wertvolle - und auch mitteilbare allgemeinere - (zeitlose) kulturelle Leistung zu vollbringen, ist sinnvoller therapeutischer Ansatz und Ansporn überdies.

Im praktischen 2. Teil des Seminars am Mittag wurde aktiv gearbeitet. Jeder schrieb (s)ein Gedicht. Dabei ent-flossen der Feder der AG-TeilnehmerInnen ausgesprochen gelungene, gehaltvolle Gedichte - ernst wie heiter, gereimt wie ungereimt vom Genré -, eines auch in sym-pathischer Mundart. Der Vortrag eines dieser Gedichte beim AG-Resümee am Sonntag erntete im Plenum großen Beifall. Unter dem Titel "Kasseler Lyrikmosaik" ist jetzt ein attraktives Lyrik-Faltblatt mit dem poetischen Ergebnis der AG entstanden, welches jeder TN erhält.

Positiv bewertet wurde von der Gruppe, dass hier eine AG angeboten wurde, die seelische Probleme, Krisen und Fragen nicht in medizinisch-therapeutischen, (ver-) wissenschaftlich(t)-en Kategorien -und deren Vokabular/Fachsprache- angeht, sondern über einen anderen, alternativen, kreativen Weg, - den der Literatur. Zugestimmt wurde meinem Wunsch, meiner Forderung, aktive Literatur- und Poesiearbeit mit und für Patienten - zu deren Hilfe und Selbsthilfe - mehr (bzw. überhaupt erst!) anzubieten und zu fördern, auch in Kliniken und Einrichtungen. Dies gibt es viel zu wenig, bei nachweisbar guten Erfolgen im individuellen persönlichen ‚Fall'. Handwerkliche Fertigkeiten fürs Texten sind lernbar und kreatives Potential steckt gerade im erkrankten, gehan-dicapten Mensch. Schreibprobleme, Schreibhemmungen sind - vorteilhaft in einer Gruppe- überwindbar.

Aus meiner Sicht und Erfahrung sind bei literarischer Patientenarbeit Autoren und Schriftsteller die richtigen bzw. auch besseren "Wegbegleiter" als Professionelle aus medizinischen, therapeutischen oder gar medien-kaufmännischen Berufen. Vielleicht ist hier ein Weg über die Selbsthilfeverbände ein gangbarer, lohnenswerter und Erfolg versprechender. Immerhin empfehlen auch unsere Krankenkassen Schreiben und Lesen adäquater Literatur bei Schlafstörungen, Depressionen, psychosomatischen Beschwerden oder bei Blutdruck- und Pulsproblemen.

Auf Anfrage mehrerer Tagungsbesucher hin verfasse ich nach meinem AG-Skript ein kleines Büchlein zum Thema, da Mangel und offenbar auch Bedarf an spezieller Literatur fehlt.

Wenn wir Zustände, Ängste, Sorgen, Erinnerungen, Wünsche, Hoffnungen, Spuren im Gedicht transportieren, uns frei, sprich Ballast von der Seele schreiben, können seelische Probleme als Selbsthilfe individuelle Entspannung erfahren und Lösungswege wie Ziele gefunden werden. Gedichte schreiben kann sinnvoll und erfolgreich auch in therapeutisches Gespräch sowie heilende Gesamtkonzepte integriert werden.

Gedichte schreiben hilft. So lautete schließlich das übereinstimmende Fazit unserer AG, die allen großen Spaß bereitet hat. Allgemeine und spezielle Fragen konnten von mir beantwortet werden. Es wurde angeregt diskutiert, sehr interessiert und engagiert gearbeitet. In der Feedback-Schlussrunde hieß es, man habe Neues erfahren und mitnehmen können. Eine Fortsetzung dieser AG-Arbeit wurde ausdrücklich gewünscht.

Worte heilen. - Mein Fazit in einem Wortspiel: Wenn sich unser Leben reimen soll, brauchen wir Reime.

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 Wärme

Frühlingssonne umfängt mich
Ich gehe den alten Feldweg entlang
und denke an Dich.

Du gabst mir Wärme, als Winter war in mir
Du hast das Eis meines Schweigens gebrochen
Du warst da.

Bleib bei mir mit deinen Strahlen
Mit deiner Freundlichkeit
Die wie die Frühlingssonne meine Seele erwärmt.

Ekkehardt Preuß (Alle Rechte beim Autor)

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AG 9: DAS LONDONER WESTMINSTER UND CHELSEA CRISIS RESOLUTION TEAM ALS PUFFER ZWISCHEN KLINIK UND ZUHAUSE
- WIE FUNKTIONIERT DAS?

REFLEXIONEN ÜBER KRISEN UND KRISENBEGLEITUNG AUS SOZIALKONSTRUKTIONISTISCHER SICHT

Zusammenfassung einiger Grundideen aus der Arbeitsgruppe 9, geleitet von Ronald John Bartle und Karin Roth,
auf der Tagung des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener am 10.09.2005 in Kassel
von Matthias Schuldt

Nachdem Ronald John Bartle vormittags über seine Erfahrungen mit dem Londoner Westminster und Chelsea Crisis Resolution Team berichtet hatte, stellte Karin Roth nachmittags ein paar Grundannahmen der Theorie des "Sozialen Konstruktionismus" vor und ihre Implikationen für unser Verständnis von Krisen und Krisenbegleitung.
Sprachphilosophische und sozialkonstruktionistische Ideen werden seit Mitte der 80er Jahre von einer Gruppe von PraktikerInnen aus Skandinavien, Italien, den USA und Großbritannien dazu genutzt, Alternativen zur üblichen psychiatrischen Behandlung zu entwickeln. In Deutschland wurden diese Ansätze kaum wahrgenommen. Lediglich das Marburger Institut für C-Studien setzte sich dafür ein und war von Anfang an an der Entwicklung dieser Ansätze mitbeteiligt (www.mics.de). Einige der wichtigsten VertreterInnen dieses sozialkonstruktionistischen Ansatzes im Bereich "Psychiatrie" haben ihre theoretischen Überlegungen und ihre praktischen Erfahrungen mit Krisengesprächen in dem Buch "Systemische Praxis in der Psychiatrie" veröffentlicht. Das Buch wurde von Thomas Keller (Mitglied des Marburger Instituts für C-Studien) und Niels Greve herausgegeben und ist 1996 im Psychiatrie-Verlag in Bonn erschienen.
Im Folgenden werde ich vier der in der Arbeitsgruppe vorgestellten Grundannahmen des Sozialen Konstruktionismus zusammenfassen (orientiert an dem Material, dass in der AG verteilt wurde), in der Hoffnung, dass ein bisschen was von der Haltung deutlich wird, die sozialkonstruktionistisch orientierte Krisenbegleitung prägt. Karin Roth ist Gründungsmitglied der Weglaufhaus Initiative Ruhrgebiet und hat über zehnjährige Erfahrung mit Krisenbegleitung (www.yael-elya.de). Sie arbeitet an der Universität Dortmund und ist Lehrtherapeutin i.A. beim Marburger Institut für C-Studien.

Die erste Annahme des Sozialen Konstruktionismus besagt:
Die Begriffe, mit denen wir die Welt und uns selbst verstehen, ergeben sich nicht zwangsläufig aus "dem, was ist".

Auf die Fragen "Was ist eine "Krise", was ist "Liebe", was ist "Glück"?" kann es jeweils viele verschiedene Antworten geben. Unsere Beschreibungen und Erklärungen sind dabei abhängig von der Wissenstradition, in der wir uns gerade bewegen.
Aus sozialkonstruktionistischer Sicht können wir uns nicht außerhalb von Wissenstraditionen stellen. Auch "Rationalität" ist lediglich eine unter vielen Traditionen. Das gleiche gilt für "Objektivität".
Der Soziale Konstruktionismus interessiert sich also für die Traditionen, die hinter der Verwendung von Worten, (Selbst)Beschreibungen, Erklärungen stecken. Und für die Konsequenzen, die diese Traditionen für den Umgang miteinander enthalten.

Eine zweite Grundidee des Sozialen Konstruktionismus ist folgende:
Die Art und Weise, wie wir beschreiben, erklären und darstellen, leitet sich aus Beziehungen ab.

Die Bedeutung des Wortes "Liebe" zum Beispiel, ergibt sich aus der Art und Weise, in der dieses Wort in Beziehungen verwendet wird. In meiner Beziehung zu meinem Kater hat das Wort "Liebe" eine andere Bedeutung als in meiner Beziehung zu meiner Freundin oder zu meinem Nachbarn. Was wir über uns und die Welt für wahr halten, ist kein Produkt des individuellen Geistes. Der individuelle Geist erschafft weder Sinn und Bedeutung, noch Sprache und entdeckt auch nicht die wahre Beschaffenheit der Welt. Sinn und Bedeutung ergeben sich aus aufeinander bezogenen Interaktionen zwischen Menschen, aus Diskussionen, Verhandlungen und Übereinstimmungen.
Aus dieser Sicht sind Beziehungen die Grundlage für alles, was verstehbar ist. Nichts existiert für uns - als verstehbare Welt voller Objekte und Personen -, bis wir in Beziehungen eintreten: Beziehungen zwischen Menschen und untrennbar verbunden damit Beziehungen zwischen Mensch und Natur, denn wir sind nicht unabhängig von unserer natürlichen Umgebung. Diese Beziehungen beschreiben wir mit Sprache, die wir gemeinsam entwickeln und jedes Verständnis von Beziehung ist seinerseits durch Kultur und Geschichte begrenzt. Alle Wörter, Sätze, Aussagen, die uns heute als sinnvoll erscheinen, könnten unter anderen Beziehungsverhältnissen und in anderen Kontexten vollkommen unsinnig wirken.
Mit anderen Worten: Bedeutung von Worten/Gesten wird nicht losgelöst vom Kontext betrachtet (Kontext meint Personen/Raum/Zeit-Zusammenhang). Wenn jemand z.B. "eingeschüchtert" erscheint, dann möglicherweise nur in einem bestimmten Rahmen, wie vor Gericht oder vor einem Test. In anderen Situationen ist diese Person vielleicht ganz selbstbewusst. Daher verzichtet man aus sozialkonstruktionistischer Sicht auf feste Eigenschaftszuschreibungen. "Eigenschaften" und auch "Gefühle" sind - wie jede Bedeutung - etwas in Beziehungen Hergestelltes, sie gehören nicht "mir" oder "Dir", sondern sie sind "dazwischen", sie werden von uns beiden gemeinsam hergestellt, aufrechterhalten oder aber verändert.

Eine weitere wichtige Grundidee des Sozialen Konstruktionismus ist folgende:
So, wie wir beschreiben, erklären oder anderweitig darstellen, so gestalten wir unsere Zukunft.

Nicht nur unsere Sprache, auch unser übriges Verhalten - Rituale, Traditionen, "Lebensformen" - ist an Beziehungen gebunden. Z.B. Wörter wie "Krankheitsuneinsichtigkeit", "Zeuge", "Gesetz" sind für die Rechtsprechung unverzichtbar. Unser psychosoziales System ist auf Begriffe wie "Betreuer", "Wohntraining", "Prävention", "Zwangsbehandlung" angewiesen. Ohne solche - von vielen Personen geteilte - Beschreibungs- und Erklärungsformen hätten Institutionen nicht ihre gegenwärtige Form. Es wäre schwierig, eine Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten ohne Worte wie "Liebe", "Begehren", "Hoffnung", "Zuneigung".
Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Handelns, sie bildet die Grundlage für unser Sozialleben. Der Erhalt von Traditionen des "Selbst" oder Traditionen über "psychische Gesundheit", "Wahrheit", "Moralität" etc., ist auf einen kontinuierlichen Prozess der gemeinsamen Herstellung von Sinn angewiesen. In diesem Sinne ist Geschichte nicht Schicksal. Die Vergangenheit bestimmt aus dieser Sicht dann auch nicht die Zukunft und bietet keine Garantien.

Unsere eigenen Veränderungen und die unserer Beziehungen und unserer Kultur, bedürfen nicht des Eingriffs von Expertinnen, Gesetzen, öffentlichen Maßnahmen etc.
Sehnen wir uns nach Veränderung, müssen wir uns auch der Herausforderung stellen, Sinn und Bedeutung neu zu definieren. Neue Muster des sozialen Lebens werden nicht einfach nur durch die Ablehnung bestimmter Bedeutungen sichergestellt - z.B. durch den Verzicht auf pathologisierende, sexistische oder rassistische Sprache. Vielmehr bedarf es neuer Formen von Sprache, neuer Interpretationen der Welt und neuer Muster der Darstellung. Wir brauchen Formen des Sprechens und Handelns, die etablierte Traditionen des Verstehens in Frage stellen und gleichzeitig neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen.

Eine vierte Grundannahme der Sozialen Konstruktionismus ist:
Das Nachdenken über unsere Formen des Verstehens ist für unser zukünftiges Wohlergehen von entscheidender Bedeutung.

Jede Tradition verschießt die Tür zu Neuem und jede Neuschöpfung untergräbt eine Tradition. Was sollen wir bewahren? Die Erzeugung "guter Gründe" für oder gegen etwas, vollzieht sich immer innerhalb einer Tradition. In dieser Tradition enthalten sind bestimmte Konstruktionen des Wahren und des Guten und die stillschweigende Ablehnung von Alternativen. Unsere "wohlüberlegten Urteile" sind meist blind gegenüber Alternativen, die außerhalb unserer Tradition liegen.
Für KonstruktionistInnen führen solche Überlegungen zu einer hohen Wertschätzung des Versuchs, die eigenen Vorannahmen in Frage zu stellen, dem "Offensichtlichen" zu misstrauen, andere Einschätzungen der Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen und die unterschiedlichen Folgen verschiedener Standpunkte zu bedenken. KonstruktionistInnen sind besorgt um die potentiell blind machende Akzeptanz des "Üblichen", "Selbstverständlichen". Wollen wir eine positive Zukunft gestalten, müssen wir bereit sein, alles anzuzweifeln, was wir für real halten, für wahr und richtig, notwendig oder bedeutsam.

Kritische Reflexion muss nicht notwendig in der Ablehnung von Traditionen enden, vielmehr sollen Traditionen als solche erkannt werden, als Produkte eines spezifischen historischen und kulturellen Kontextes. Es geht auch um die Anerkennung der Legitimität anderer Traditionen. Letztendlich soll ein Dialog gefördert werden, der die Grenzen zwischen Wissenden und Unwissenden und zwischen Lehrenden und Lernenden, Betreuern und Betreuten, Therapeutinnen/Sozialarbeitern und Klientinnen/Nutzern/Patientinnen verwischt. Wir werden eingeladen, uns unserer Prägung auf bestimmte Wertetraditionen bewusst zu werden.

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