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Rundbrief

Neu: Online Ausgabe 4/2005

Das weiße Rauschen

Eindrücke von einer Filmvorführung in Berlin von Anke Griesel

In Berlin wird der Film das Weiße Rauschen bei einer Veranstaltungsreihe gezeigt, die initiiert ist vom Früherkennungszentrum für beginnende Psychosen der Charité in Berlin (FETZ) und vom Angehörigenverband. Gezeigt wird der Film bei mehreren Veranstaltungen in Berliner Kinos verschiedener Stadtbezirke und in einigen Psychiatrischen Kliniken. Die Vorstellungen sind zumeist mehr als gut besucht.

Zwar wurden die Mitglieder von BOP & P vom Angehörigenverband gebeten, für die Betroffenen auf dem Podium zu diskutieren. Weil ich der Veranstaltung eher skeptisch gegenüberstehe, habe ich das Angebot nicht angenommen. Ich wollte zunächst einmal Zuschauerin sein, allerdings mit dem Ziel, bei der anschließenden Diskussion von und für die Betroffenen, von und für BOP & P zu sprechen.

Der Film von Hans Weingartner mit dem Hauptdarsteller Daniel Brühl behandelt das Thema der so genannten Schizophrenie. Der Hauptdarsteller, den wir erleben, besucht seine Schwester in Köln. Er möchte in Köln studieren und er zieht deshalb bei seiner Schwester ein. Sie lebt ein anstrengendes Leben gemeinsam mit ihrem Freund in einer Wohnung, die nur aus Chaos, Alkohol und Flaschen zu bestehen scheint. Ihr Freund und sie nehmen Drogen, trinken Alkohol. Es ist immer laut in ihrer gemeinsamen Wohnung. Anscheinend löst die gemeinsame Einnahme von Drogen einen psychotischen Schub bei ihrem Bruder aus. Er schaut sich die Uni an, und die Anonymität dort behagt ihm nicht. Er lernt auf einer Party eine Frau kennen, verabredet sich mit ihr, lädt sie ins Kino ein. Sie landen im vermeintlich falschen Film. Er kann es nicht glauben. Es liegt nicht an ihm. Er kann sich nicht geirrt haben. Geirrt hat sich der Kinobetreiber, die Zeitung. Er nicht. Deshalb kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihm und der Kartenverkäuferin im Kino. Er möchte, dass der von ihm vorgesehene Film in diesem Kino an diesem Abend gespielt wird. Die Frau, die er näher kennen lernen wollte, flieht wegen der heftigen Auseinandersetzung mit der Kartenverkäuferin entsetzt vor ihm. Danach: Leben an der Grenze. Mit Schwester und ihrem Freund. Autofahrten: lebensgefährlich. Seine Stimmen beginnen zu ihm zu sprechen. Sie werden lauter. Sie werden bedrohlich. Er versucht, sie mit selbst installierten Computerprogrammen abzuhören, zu erkennen, zu überwinden. Es gelingt ihm nicht. Er springt. Er landet in der Psychiatrie. Er bekommt Haldol. Die Schwester erträgt es nicht. Seine Starre, beinahe Bewegungsunfähigkeit. Schwester und Freund überreden ihn, aus der Klinik abzuhauen. Bei einem Gespräch mit dem Arzt in der Klinik erfährt die Schwester, dass der Bruder Medikamente nehmen muss, als Prophylaxe. Einen anderen Weg gibt es nicht. Und er fragt die so gern gestellte Frage, ob es in der Familie seelische Erkrankungen gegeben hat. Die Schwester fährt nach Hause. Sie erfährt vom Vater: ja, die Mutter war betroffen. Immer dann, wenn in der Familie den Kindern erzählt wurde, dass die Mutter zur Kur gefahren ist, war sie tatsächlich in der Psychiatrie. Liegt deshalb die Veranlagung, an Schizophrenie zu erkranken, in der Familie? Ist Schizophrenie erblich? Nach dem Klinikaufenthalt soll es besser werden, nimmt sich die Schwester vor. Das Zimmer ihres Bruders wird neu eingerichtet und gestrichen. Die chaotische Wohnung ist weniger chaotisch. Die Stimmen hören nicht damit auf, auf ihn einzureden. Sie kommen wieder, als er seine Medikamente absetzt. Er springt von der Rheinbrücke. Er wird von zwei alternativen Männern aus den Rhein gerettet. Sie nehmen ihn mit und sie fahren mit einer Gruppe von Frauen und Männern nach Spanien. Es ist ein unstrukturiertes Leben. Er ist Außenseiter in dieser Gruppe. Er redet kaum mit den Mitgliedern der Gruppe. Er nimmt die Medikamente nicht mehr. Daraufhin hört er Stimmen. Am Ende des Films bleibt er allein in Spanien zurück und schaut aufs Meer. Die alternative Gruppe, die Menschen fahren ohne ihn weiter. Gesprächsangebote nimmt er nicht an. Ein offenes Ende. Er bleibt allein in Spanien zurück.

Ich weiß nicht, ob der Film realistisch ist. Nachdem ich den Film gesehen habe, kann ich mir vorstellen, dass Stimmen bedrohlich und belastend werden können. Ich bewundere die Betroffenen, die in Verhandlungen mit ihren Stimmen treten, die sie so nach und nach überwinden können. Die sie in ihre Biografie einordnen, interpretieren und verstehen können, die ihren Zugang zu dem so genannten psychotischen Erleben gefunden haben, so wie das zum Beispiel Dorothea Buck schildert.

Der Film bedient Klischees wie: ohne Medikamente geht es nicht. Wenn die Medikamente nicht genommen werden, kommt der nächste Schub. Oder: die Krankheit hat erbliche Ursachen. Die Einnahme von Drogen kann eine Schizophrenie auslösen und zur Schizophrenie gehören anscheinend eine gewisse Form von Brutalität, einer Heftigkeit, welche die Betroffenen anscheinend nicht steuern können. Das kann Ängste auslösen bei den Zuschauern.

Nachdem ich den Film gesehen habe, war ich aufgewühlt, froh über die Pause, gespannt auf die sich anschließende Diskussion.

Auf dem Podium diskutieren die Vorsitzende des Angehörigenverbandes, Frau Crämer, Prof. Reischiess von der Psychiatrischen Klinik der Charité in der Eschenallee, ein Betroffener vom Netzwerk Stimmenhören sowie Mitarbeiter eines Betreuungsvereins , vom Sozialpsychiatrischen Dienstes und eine, wie ich finde, in ihren Ansichten sehr fortschrittliche Psychologin aus dem Bezirk Charlottenburg.

Frau Crämer sagt zu Beginn der Diskussion: Ich glaube, ich weiß gar nichts von dieser Krankheit. Diese Aussage finde ich philosophisch. Denn was wissen wir denn wirklich davon. Geben wir nicht nur vor, etwas darüber zu wissen?

Konfliktunfähigkeit, so wird auf dem Podium und bei der Diskussion im Publikum festgestellt, sei eine Ursache des Auslösers einer so genannten Schizophrenie.

Die Schizophrenie, so genannte Psychosen entstehen demnach aus familiären Konfliktsituationen heraus. Es sind Erziehungsprobleme, entstanden in der frühen Kindheit, so wird weiter ausgeführt. Medikamente, heißt es weiter, sind nur zu 50 % erfolgreich und wirken.

Der Betroffene erläutert: die Stimmen sind da. Trotz der Einnahme von Medikamenten, in der Regel sind das Neuroleptika. Die Medikamente beruhigen. Sie dienen als Schlafhilfe. Sie haben erhebliche Nebenwirkungen wie: Impotenz, Gewichtszunahme, Dyskinesien...-

Der Ausgang dieser so genannten Erkrankung ist offen. So wie im Film, sagt eine Vertreterin auf dem Podium. Das könnte eine Botschaft des Filmes gewesen sein.

Professsor Reischiess schildert die Art der Behandlung:

  1. Die Akutbehandlung: hier erfolgt die Einnahme von hoch dosierten Medikamenten. Gegebenenfalls wird eine Nebenmedikation verabreicht (z.b. Akineton.).
  2. Nach der akuten Krise werden die Medikamente in einer niedrigeren Dosis verabreicht.

Er sagt: wir Ärzte sprechen von Symptomen. Unsere Patienten sagen: unsere Gefühle sind echt. Reizarmut sei ein wichtiger Faktor, erklärt er.

Vielleicht, wird diskutiert, ist es sinnvoll, bei der Ersterkrankung weniger Neuroleptika zu geben. Vielleicht kann es ein Ziel sein, bei der Ersterkrankung die Gabe von Neuroleptika zu verhindern.

Hinzu kommt, dass Psychotherapie für die Betroffenen in den seltensten Fällen angeboten wird. Sie gelten als therapieunfähig. Ein gewaltiges Vorurteil, die Verstärkung eines Stigmas, finde ich.

Ziel der Behandlung sollte es deshalb sein, die Psychotherapie in die Behandlung zu integrieren.

Prof Reischiess beklagt, dass die Gesellschaft der Psychiatrie wenig Spielraum bietet.

Das FETZ, so heißt es weiter, baut ein Netzwerk von TherapeutInnen für die Behandlung auf.

Meine Frage nach HomeTreatment, praktiziert in Skandinavien, beantwortet die Vertreterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes auf dem Podium. Ich finde ihre Antwort erschreckend-traurig-ehrlich. Ich wüsste als Profi nicht, was ich tun müsste. Ich würde jedenfalls nicht gerufen werden wollen. Da habe ich Angst. Aus der Ratlosigkeit heraus, sagt sie weiter, weisen wir in die Psychiatrie ein.

Und was bedeutet Früherkennung. Wie läuft sie so im FETZ in der Charité, frage ich.

Da werden erste Vorläufersymptome von Wahn, Halluzinationen, Verfolgungswahn diagnostiziert, sagt die Psychologin vom FETZ. Denn die Betroffenen haben Angst. Sie wissen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Deshalb kommen sie ins FETZ. Wenn es keine Krankheitseinsicht gibt, dann gibt es ein Problem, sagt die Fachfrau. Sie sagt, dass die Sinneswahrnehmung der Betroffenen gestört ist. Und deshalb gibt es das niedrigschwellige Angebot im FETZ.

Ursachen einer Psychose können genetische Einflüsse sein, die jedoch nicht erklärend sind. Mögliche Ursachen liegen in der frühkindlichen Entwicklung. Die Gefühle sind hochkomplex. Reizüberflutung scheint eine große Rolle zu spielen.

Wenn man lernt, den Stimmen Grenzen zu setzen, wird erläutert, dann werden die Stimmen milder.

Und die Psychotherapeutin sagt: es ist möglich, in dem, was sich in den Stimmen äußert, psychotherapeutisch zu arbeiten. Psychotherapie funktioniert auch bei Psychosen in akuten Phasen. Von Verhaltenstherapie ist hier überwiegend die Rede.

Dafür fehlt in Akutbehandlungen oft die Ruhe, sagt Professor Reischiess. Dabei spricht er selbst von einer Psychiatrischen Abteilung in einem Psychiatrischen Krankenhaus als Schlangengrube. Ein Bild, das mich mehr als nachdenklich stimmt. Deshalb fordert er Mittel für ruhige Räume für Menschen mit akuten Psychosen ein.

Die psychotherapeutische Behandlung erfolgt zumeist post akut. Nachträglich. Nicht in der akuten Krise in der Klinik.

Professor Reischiess spricht, immerhin, von gutartigen Verlaufsformen. Heilung gibt es für ihn nicht. Die Wahrscheinlichkeit der Ausheilung, sagt er weiter, ist gering. Und: jede Schizophrenie ist anders. So, wie jeder Mensch anders ist, denke ich. Deshalb ist es wichtig, eine spezifische Behandlung auf einen Patienten abzustellen, wird gesagt.

Beim Absetzten der Medikamente: kann man dünnhäutig werden. Vielleicht war man das schon vorher? Auslöser: kann Stress sein. Ein Referat, eine Prüfung zum Beispiel.

Es sollte doch der Versuch gewagt werden, sich in psychotische Zustände hineinzuversetzen, wird angedacht.

Für mich provozierend heißt es dann wörtlich von den so genannten Profis: : das ist ein Zustand, da wird einem der Verstand aus dem Gehirn geblasen.

Sind wir nach deren Auffassung nicht mehr bei Besinnung? Wut steigt in mir auf.

Es gibt 1800 Psychotherapeuten (in Berlin) Etwa fünf davon arbeiten mit Psychosen. Das sind die Reaktionen. Das ist zu schwierig. Das bringt nichts. Ängste und Depressionen, Burn-Out sind da viel begehrter, einfacher. Ein Therapeut, der Psychosen behandelt, macht es sich schwer.

Ja. Ja. Es gibt noch viel zu tun.

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