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Rundbrief

Ausgabe 4/2005

THEMENSCHWERPUNKT JAHRESTAGUNG KASSEL


Grußwort von der Ehrenvorsitzenden des BPE , Dorothea Buck


Liebe Mitstreiterinnen und liebe Mitstreiter für eine hilfreichere Psychiatrie, als es die medikamentöse Symptomverdrängung sein kann !

Ich grüße Euch sehr herzlich zur 13. BPE-Jahrestagung. Nach euren erfolgreichen Aktionen zur Verhinderung der ambulanten Zwangsbehandlung möchte ich Euch meinen Plan zur Beendigung auch der stationären medikamentösen Zwangsbehandlung vorstellen. Ebenso wie die heutigen Fesselungen an Armen, Beinen und Bauch ans Bett, die es zu meinen 5 Psychiatriezeiten bis 1959 noch nicht gab, kann sie lebenslang traumatisieren und Angst und Aggressionen bewirken.

Während die Psychiatrie in Skandinavien von den Erfahrungen und Bedürfnissen der Patienten ausgeht mit absolutem Vorrang von Gespräch und Psychotherapie schizophrener Patienten, bleiben in unseren deutschen Psychiatrien die Patientenerfahrungen und -bedürfnisse in der Regel unberücksichtigt. Die Sinnzusammenhänge zwischen Psychoseinhalten und vorausgegangenen Lebenskrisen werden nicht erfragt. Die sofortige medikamentöse Symptomverdrängung ist in der Regel das Mittel der Wahl, obwohl die Medikamente keine Heilungen erreichen können. Nach neuen Hirnforschungsergebnissen machen Neuroleptika auch abhängig, nicht im Sinne einer Sucht, sondern durch eine erhöhte Rückfallgefahr beim Versuch des Absetzens.

Der finnische Psychiater Prof. Yrjö O. Alanen erkannte vor über 30 Jahren die große Verschiedenartigkeit der als "schizophren" Diagnostizierten. Darum war es sein Ziel, durch eine besonders individuelle, familienorientierte und psychotherapeutisch ausgerichtete Behandlung diesem Umstand gerecht zu werden. Sie sollte nicht teurer sein als andere Behandlungsweisen und besser und humaner helfen. Näheres über diese beim Forum Reha-Kongress von Prof. Alanen vorgestellte möglichst medikamentenfreie sogenannte "Bedürfnisangepasste Behandlung" findet ihr in einem Bericht aus dem Eppendorfer vom Juni 2005 und im Bericht von Helmut Kreß, Vorstand der Nürnberger Selbsthilfe Pandora, die ihr auf unseren 4 BPE-Seiten in der nächsten Psychosozialen Umschau lesen könnt.

Die Weigerung unserer biologischen Psychiater, von den Patientenerfahrungen unserer seelisch verursachten Psychosen auszugehen, z.B. als Aufbruch des eigenen Unbewussten, um vorausgegangene Lebenskrisen zu lösen, die wir mit unseren bewussten Kräften nicht lösen konnten, und die sie sponsernde mächtige Pharma-Industrie erfordern eine übergeordnete Instanz und eine Person mit höchster Autorität an unserer Seite. Dies kann nur Bundespräsident Köhler sein. Schon einmal erlebte ich 1989 die schnelle Hilfe des damaligen Bundespräsidenten Richard v. Weizsäckers in seiner Beendigung der Patientenversuche von Prof. Hanns Hippius und seinem Team in der Münchener Universitätspsychiatrie. Als Psychiater und Psychopharmakologe hatten er und seine Mitarbeiter für das Bundesinnenministerium unter Dr. Wolfgang Schäuble Patienten durch Horror-Videos, Schlafentzug und überhitzte Bäder in Panik versetzt, um an ihnen paniklösende Substanzen für den Kriegs- und Katastrophenfall zu erproben.

Das Bundesinnenministerium hatte diese fälschlich als "Therapie" deklarierten Patientenversuche seit 1986 mit jährlich 280 000,-- DM finanziert. In 4 Jahren bis Ende 1989 wären das 1 120 000,-- DM für den Missbrauch in Panik versetzter Psychiatriepatienten, die soviel hilfreicher in unseren Selbsthilfe-Projekten angewandt wären. Während die Regierung Oberbayerns Proteste als "Eingriff in die Wissenschaftsfreiheit" abwies, reagierte Richard v. Weizsäcker auf meinen und meiner Schwester Protest sofort. In der Ergänzung zur neuen Ausgabe meines Morgenstern-Buches findet Ihr diesen Skandal beschrieben.

Und das ist mein Vorschlag:

Ein Antrag des BPE für eine Anhörung an einem "Tag der Psychiatrie" beim Bundespräsidenten. Das Thema des Vormittags wäre die Einführung einer auf den Erfahrungen und Bedürfnissen der PatientInnen gründende Behandlung. Thema des Nachmittags wären die Heime und ihre Aufgabe, die BewohnerInnen zu einem selbständigen Leben in betreuten eigenen Wohnungen und kleinen Wohngemeinschaften zu befähigen. Prof. Klaus Dörner fordert das schon lange.

Der Abend würde für die Planung einer Gedenkstätte für die "mindestens 275 000 "Euthanasie"-Opfer" (nach dem Protokoll des Nürnberger Ärzteprozesses) in der Berliner Tiergartenstraße 4 gelten. Dort hatten namhafte Psychiatrie-Professoren von 1939-45 nur nach den in den Anstalten beantworteten Fragebögen die Todesurteile über die zu vergasenden PatientInnen mit einem roten Positivzeichen gefällt. Darum T4-Aktion.

Für den Vormittag sollten wir außer den Erfahrungsberichten unserer BPE-Delegation solche Psychiater und Psychologen für kurze Erfahrungsberichte einladen, die bereits von den Erfahrungen und Bedürfnissen der PatienInnen ausgehen, die vor allem in Akutstationen Soteria-Elemente und Gespräche anstelle der sofortigen Medikation mit Neuroleptika einführten.

Für die Heime am Nachmittag wären außer den Berichten unserer Heimerfahrenen BPE-Experten die Erfahrungen solcher Fachleute wichtig, die die Entlassung ihrer LangzeitbewohnerInnen aus Anstalten und Heimen in eigene betreute Wohnungen und kleine Wohngemeinschaften mit Zuverdienstfirmen in der Nähe und ihrer Integration in ihre Ortsgemeinden seit Jahren erfolgreich durchführen, wie in Gütersloh.

Für den Abend mit der Planung einer Gedenkstätte für die "Euthanasie"-Opfer sollten wir Ernst Klee einladen. Er kennt die Geschichte der großen Beteiligung der Politiker, Psychiater, der 100 höchsten Juristen und vieler Theologen an den rigorosen Zwangssterilisationen und den Patientenmorden am besten. Ihre Voraussetzung war das psychiatrische Dogma von den nicht seelisch, sondern erblich und körperlich verursachten und darum sinnlosen, unheilbaren "endogenen Psychosen" und die völlig fehlenden Gespräche mit uns. Wer außer uns sollte ein Interesse an einer Gedenkstätte mit einem Dokumentationszentrum dieser Verbrechen haben? Und wer außer uns könnte an einer Psychiatrie als einer auf unseren Erfahrungen gründenden Erfahrungswissenschaft interessiert sein?

Noch am 20. April, 1979 prangerte die ZEIT auf der Titelseite und im ZEIT-Magazin unmenschliche Zustände in deutschen Anstalten an. Dieser jahrzehntelange Rückstand gegenüber Skandinavien, England, u.a. ließ sich schon allein wegen der weiterlehrenden, an den Patientenmorden selbst beteiligten Psychiatrieprofessoren und Anstaltsleiter bis heute nicht wieder aufholen. Die Erforschung der seelisch verursachten Psychosen in anderen Ländern fehlte bei uns ganz und wird auch heute nicht finanziert. Der Umgang mit Medikamenten ließ sich am schnellsten erlernen.

Es geht bei der von mir vorgeschlagenen Aktion nicht um die freiwillige Einnahme von Medikamenten, die viele von Euch als Hilfe akzeptieren, sondern um die unter Zwang und angedrohten Spritzen erzwungene sog. freiwillige Medikamenteneinnahme.

Der Eppendorfer fragt (Zitat):

"Ist die schwere Durchsetzbarkeit eines bedürfnisangepassten Herangehens in Deutschland die Folge des Pharmasponsorings, wie Dr. Volkmar Aderhold, UKE (Hamburg), in der Forumsabschlussdiskussion mutmaßte?" Wir sind noch nicht so verkommen wie die amerikanische Psychiatrie, aber auf dem Weg dahin." (Zitatende)

Ich wünsche Euch allen eine friedliche Jahrestagung!

Eure Dorothea Buck


Grußwort der DGSP

Sehr geehrte Damen und Herren!

Als Vorstandssprecher der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie, möchte ich im Namen des Gesamtvorstandes und der Geschäftsstelle meine herzlichen Grüße ausrichten. Gerne wäre ich selber gekommen, um Ihnen persönlich die Grußworte zu übermitteln. Aber zeitgleich findet die Sitzung des erweiterten Vorstandes in Hannover statt.

Auf Ihrer Tagung wollen Sie sich mit psychischen Krisen deren möglichen Ursachen und ebenso erfolgreichen Strategien befassen.

Als Psychiatrieerfahrene ein für wahr wichtiges Thema - und für die Profis und Angehörigen? Auch für diese beiden Beteiligten gilt ebenso das Lernen mit dem Umgang von Krisen der Psychiatrieerfahrenen und das Annehmen von möglichen Lösungsstrategien.

Sie sind der Profi Ihrer Krankheit, Störung oder erlebten Lebenssackgasse und wir nicht selten die Lernenden.

Ich wünsche Ihnen einen guten Verlauf und für Sie wichtige Ergebnisse.

Günter Storck

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