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Rundbrief

Neu: Online Ausgabe 4/2005

 

Eine Psychiatrie mit offenen Türen

Soteria-Elemente im Johanniter-Krankenhaus Geesthacht bei Hamburg
Lübeck, 26.10.2005, von Matthias Schuldt

Wie fortschrittlich ist die Psychiatrie in Geesthacht wirklich? Der Leitsatz "Wir behandeln keine Diagnosen, wir behandeln Menschen" von Chefarzt Matthias Heißler klingt sehr vielversprechend. Der Artikel "Soteria zwischen Euphorie und Ernüchterung" von Bettina Kroll 2001 zählt Geesthacht als Soteria-Station auf. Eine von insgesamt 26 tatsächlichen oder in Aufbau befindlichen Soterien in ganz Deutschland. Am 20.10.2005 fuhr eine 7-köpfige Delegation der "Selbsthilfegruppe der Lübecker Psychiatrie-Erfahrenen" nach Geesthacht, um einmal eine existierende Soteria zu bestaunen.

Das sogenannte "Weiche Zimmer" bewährte sich nicht, so gleich zu Beginn der enttäuschende Einstieg von Matthias Heißler. Diese Idee eines möglichst reizarmen Rückzugsraumes aus dem Soteria-Konzept stellte die Geesthachter Psychiatrie wieder ein. Dr. Heißler leitet die drei Psychiatriestationen des Johanniter Krankenhauses Geesthacht seit 8 Jahren. Vorher half Heißler mit, die geschlossenen Heime in Gütersloh aufzulösen.

Das Problem des Weichen Zimmers war, die PatientInnen dazu zu bringen, in den reizarmen Raum einzuziehen. Es musste Zwang ausgeübt werden, was man aber nicht wollte. Also bauten die Geesthachter das Weiche Zimmer kurzer Hand in einen Fernsehraum um. Den bemalten die Psychiatrie-Erfahrenen in Eigenregie und richteten ihn auch selbst ein. Der nunmehr bunte Fernsehraum, in dem nicht geraucht werden darf, ist jetzt rund um die Uhr geöffnet. Ein extra Raucherraum ist ebenfalls Tag und Nacht offen.

Besonders beeindruckten vor allem die offenen Türen der drei psychiatrischen Abteilungen. Aber ganz ohne Zwang geht es auch in Geesthacht nicht, da 10 Prozent der KlientInnen zwangsuntergebracht sind. Hier versuchen die Ärzte durch Gespräche klar zu stellen, dass die Zwangsuntergebrachten das Klinkgelände nicht verlassen dürfen. Doch in Einzelfällen muss auch Dr. Heißler PatientInnen ans Bett fesseln oder die Stationstür verschließen. Die Stationstüren würden aber "nur ein paar Tage im Jahr geschlossen" sein.

Das Prinzip des Weichen Zimmers wird jetzt "individuell kreiert." Wenn ein Patient absolute Ruhe braucht, stellen die Pflegekräfte einfach das zweite Bett aus dem Zimmer heraus. So ein leeres Zimmer, in dem es lobenswerterweise sogar eine integrierte Naßzelle gibt, konnten wir selber sehen. Doch insgesamt machte die Station, sowie auch das Einzelzimmer eher einen trostlosen und leicht herunter gekommenen Eindruck. Denn frische Farbe für die Wände wäre angebracht. Außerdem vermitteln die drei jeweils 17-Betten großen Stationen einen typischen Krankenkauseindruck, was der klassischen Soteria-Idee von einer überschaubaren und reizarmen Umgebung widerspricht - wie das idealerweise in einer geräumigen Villa gegeben wäre. Das Original in den USA oder in Zwiefalten (Baden-Württemberg) war bzw. ist eine geräumige Villa.

Sehr positiv ist allerdings die Abschaffung der Großküche und das "therapeutische Kochen." Die Psychiatrie-Erfahrenen erledigen das Kochen und Einkaufen in jeder der drei Stationen selbstständig und mit jeweils nur einem Profi zusammen. Jeden Morgen überlegen alle gemeinsam, was mittags auf den Tisch kommt. Das therapeutische daran ist, dass die Morgenrunde die positiven Stärken der Verwirrten sucht. Wer kann was kochen? Wer hat eine schöne Idee? Das defizitäre Krankheitsmodell der klassischen Psychiatrie drängen die Geesthachter dadurch in den Hintergrund. Nicht "schwachsinnige" Beschäftigungs- oder Ergotherapie hilft den Psychiatrie-Erfahrenen, sondern praktische Alltagsarbeit wie z.B. kochen. Außerdem können die Betroffenen praktischerweise gute Kochideen mit nach Hause nehmen und sich somit gesünder ernähren. Fertigkeiten zu erwerben erhöht das Selbstbewußtsein. Die Mitbegründerin des "Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener Schleswig-Holstein e.V." Sabine Rutkowski kritisiert allerdings, dass immer nur wenige und immer die gleichen die Arbeit erledigen. Heißler bindet beim Kochen vor allem ältere und demente Psychiatrie-Erfahrene ein, da Demente sich vor allem an lang Zurückliegendes erinnern könnten, wie insbesondere ans Kochen. Rutkowski empfindet das allerdings als Quälerei an den Alten. Inwieweit tatsächlich auch gute Gespräche beim Einkaufen oder Kochen zustande kommen, bleibt offen. Die Theorie hört sich auf jeden Fall gut an, dass es durch diese gemeinsamen Aktivitäten eine bessere Kommunikationssituation gibt, da man sich nicht gegenüber sitzt, sondern gemeinsam und miteinander handelt. Schade ist, dass die Küche nicht immer offen bleibt, da "sonst der Kühlschrank leer gefressen würde." Schön ist, dass in der großen und hellen Küche auch Tisch und Stühle stehen, dort also auch gegessen wird.

Ein weiterer Pluspunkt der Geesthachter Psychiatrie ist das Bezugspersonensystem. Jeder Neuankömmling bekommt nach dem Erstgespräch einen Hauptverantwortlichen an die Hand. Der arbeitet sich in den Lebenslauf des psychisch Traumatisierten ein. So hat jede Pflegekraft mindestens drei Lebensläufe von PatientInnen parat. Heißler unterstreicht, dass ein Hauptverantwortlicher zuständig ist und nicht zwei oder drei, damit die Verantwortung klar geregelt bleibt.

Sehr schön ist der große und helle Waschraum, wo PatientInnen ihre Wäsche für 25 (oder 50?) Cent pro Waschmaschine selber waschen und auch trocknen können. Das stärkt auch das Selbstbewußtsein, da man seine Sachen selber regeln kann.

Darüber hinaus begleitet die Geesthachter Psychiatrie Psychiatrie-Erfahrene über die durchschnittliche Klink-Verweildauer von 14-16 Tagen hinaus - fast bis ins Zuhause. Das geschieht durch Kooperationen mit den Tageskliniken in Mölln, Schwarzenbek und Geesthacht und durch ein großes Engagement mit verschiedenen Vereinen, die sinnvolle Beschäftigungen für Psychiatrie-Erfahrene zum Ziel haben.

Zusamenfassend bleibt festzustellen, dass interessanterweise Chefarzt Dr. Matthias Heißler in keinem Satz das Zauberwort "Soteria" unterbrachte, gleichwohl aber mehrere positive Elemente dieses sozialpsychiatrischen Alternativkonzeptes in seiner Klinik durchsetzte. Sehr lobenswert sind da die rund um die Uhr offenen Fernseh- und Raucherräume, die offene Stationstür, das therapeutische Kochen und das Bezugspersonensystem. Negativ bleibt die große und trostlose Stationssituation und die Tatsache, dass auch in Geesthacht nach Heißler nicht weniger Medikamente verschrieben werden als in anderen Kliniken. Und ob es mehr Gespräche - also Psychotherapie gibt - bleibt auch offen.

Fraglich ist weiterhin, ob das große Engagement des Dr. Heißler für mehr Arbeit für Psychiatrie-Erfahrene nicht ein Verzetteln ist, dass die Kernkompetenz, die "Kultur des Dabei-seins" mit psychisch Traumatisierten leiden lässt. Denn gerade die Schwächsten, die Zwangseingewiesenen brauchen viel Ressourcen, viel Zeit und viel menschliche Begleitung. Und bezahlte Lohnarbeit für Alle ist ein Traum aus vergangenen Jahrzehnten, der sich angesichts von 5 Millionen Arbeitslosen und zunehmender Automatisierung und Computerisierung wohl langsam aber sicher ausgeträumt haben dürfte. In Anbetracht der immer noch vorherrschenden Stigmatisierung, Diskriminierung und Tabuisierung ist es für Psychiatrie-Erfahrene hilfreicher, sich selbstständig künstlerisch oder ehrenamtlich zu engagieren, um das Leben sinnvoll zu gestalten. Ein Sinn kann sein, für eine gesellschaftliche Akzeptanz und Integration von psychisch Traumatisierten zu kämpfen. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Die Durchsetzung von einigen Soteria-Elementen in die Psychiatrie Geesthacht ist da ein kleiner aber dennoch sehr wichtiger Schritt.

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