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Rundbrief

Neu: Online Ausgabe 4/2005

 

Wirklich zuhören!

Zusammenfassung des Referates "Reflexionen über Krisen und Krisenbegleitung aus sozialkonstruktionistischer Sicht", gehalten von Karin Roth in der Arbeitsgruppe 9 der Tagung des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener am 10.09.2005 in Kassel
Matthias Schuldt

Die Diplom-Rehabilitationswissenschaftlerin Karin Roth (www.yael-elya.de) hat über zehn Jahre Erfahrung mit Krisenbegleitung. Sie plädiert dafür, Krisen mit Hilfe der Theorie des "Sozialen Konstruktionismus" zu lösen.

Der Soziale Konstruktionismus besagt, dass es keine Objektivität, Wahrheit oder Wirklichkeit gibt, sondern, dass sich jeder Mensch ein anderes Bild von seiner Umwelt macht, sich die Umwelt also im Laufe seiner Entwicklung sozial konstruiert. So hat jeder Mensch eine andere Vorstellung von dem, was man unter "Psychischer Krankheit", "Glück" oder "Liebe" versteht. Es gibt zwar wirkliche Gefühle, doch sobald man über Gefühle spricht, steckt man in einer Bedeutungstradition. Der Soziale Konstruktionismus beleuchtet die Traditionen, die hinter der Verwendung von Worten stecken. Jeder Mensch erlernt den Gebrauch von Wörtern anders, abhängig von seiner Erziehung oder Sozialisation.

Der Soziale Konstruktionismus hinterfragt alle Selbstverständlichkeiten, denn nichts ist selbstverständlich. Alles hat eine Geschichte und Tradition, die von Menschen und Beziehungen abhängig sind.

Jeder hört und verarbeitet anders. Das ist auch abhängig von der Situation, dem Rahmen oder Kontext, in dem ich etwas sage. Wenn jemand z.B. eingeschüchtert ist, dann nur in einem bestimmten Rahmen, wie vor Gericht oder bei der Visite. In anderen Situationen ist diese Person vielleicht ganz selbstbewusst. Daher sind feste Eigenschaftszuschreibungen von Menschen falsch. Es gibt nämlich permanent unterschiedliche Kontexte und Situationen.

Widersprüchliche Wirklichkeitskonstruktionen sind normal. Matthias Seibt nimmt z.B. in Krisen Medikamente, argumentiert aber gleichzeitig dagegen und weiß um ihre Gefährlichkeit. Die Vorstellung von einer kohärenten Eigenschaftszuschreibung von Personen ist auch nur eine Tradition bzw. ein Modell, das überholt ist.

Ein Beispiel für die Loslösung aus einer Tradition zeigte Tom Anderson in einer italienischen Psychiatrie. Dort war eine Frau untergebracht, die seit Monaten mit niemanden reden wollte. Anderson ging auf die Frau zu, griff sie am Arm und fragte: "Wer zum Teufel hat Dir befohlen, Dich wie ein Idiot zu benehmen?" Da kam plötzlich ein Gespräch auf, in dem klar wurde, dass das ihre Schwester war. Anderson ließ sich nicht auf die behauptete (tradierte) Sprachlosigkeit der Frau ein. Anderson zeigte vielmehr, dass für ein erfolgreiches Gespräch jeder selbst verantwortlich ist.

Krisenteams, die es in Großbritannien, Skandinavien und im Baltikum schon seit Mitte der 1980er Jahre gibt, müssen genau zuhören. Dazu gehört auch, dass die Teammitglieder die eigenen Wertungen, die oftmals bereits bei bestimmten Schlüsselwörtern greifen, zurück zu stellen haben. Wenn in einer Familie eine Krise zu explodieren droht, kommt ein 3 bis 4-köpfiges Krisenteam nach Hause. Ein Krisenteammitglied führt das Gespräch, während die reflektierenden Teammitglieder und die Familie zuhören müssen. Es ist wichtig, dass anders gesprochen wird als normal. Die erste Frage des gesprächsführenden Teammitgliedes richtet sich an den Auftraggeber: "Warum sitzen wir heute hier?" Die zweite Frage lautet: "Was muss ihrer Ansicht nach heute hier passieren?" Der Auftraggeber erhält die Möglichkeit, seine Geschichte in aller Ruhe und in voller Länge zu erzählen. Vielleicht das erste Mal. Und vielleicht hören die anderen Familienmitglieder das erste Mal richtig zu. Die Inhalte, über die gesprochen wird, bestimmen die Familienmitglieder allein. Anschließend erhalten alle anderen Familienmitglieder die gleiche Chance, ihre Geschichte über die Krise in voller Länge und unter Anteilnahme aller anderen ausführlich zu erzählen. So kommen vielleicht 6 bis 7 unterschiedliche Geschichten zustande.

Ganz wichtig ist, dass die Gesprächsteilnehmer respektvoll miteinander umgehen sollen. Bei Missverständnissen gilt es nachzufragen: "Wie hast Du das gemeint?" Es ist auch notwendig, dass die Gesprächspartner nicht zu schnell reagieren, sondern lernen, das Gesagte zu reflektieren, denn das ist oft ein Problem in Familien, dass nicht wirklich zugehört wird.

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