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Rundbrief

Neu: Online Ausgabe 4/2005

Ingrid Peters Silcherstr. 49 71332 Waiblingen TEL.: (0 71 51) 5 12 58 Fax: 98 24 56
eMail: peters.ingrid@t-online.de

Initiative Psychiatrie-Erfahrener Waiblingen (jeden 4. Freitag i.M. beim SPDi, 19 Uhr)
Mitglied im Landesverband Psychiatrie- Erfahrener Baden-Württemberg (LV PE BW)
(http://psychiatrie-erfahrene-bw.de) und Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE), Bochum(www.bpe-online.de)
Mitglied im Netzwerk Stimmenhören e.V. Berlin (www.stimmenhoeren.de)

Kontaktperson für Stimmenhören im Raum Stuttgart

Herrn

Dr. med.

Klinik .............

Straße
00000 Ort

Ihr Vortrag im ........ in .......... am ..........

Die vielen Gesichter der Depression.

September 2002 / 2005

Wichtig:
Dieser Brief wurde leider nicht beantwortet,
doch bei späterer Nachfrage erhielt ich die Erklärung:
Es habe zu ironisch geklungen! / Warum eigentlich?

- Wer hat Ähnliches erlebt? Ich bitte um Zusendung.

Sehr geehrter Herr Dr. ...........!

Fast hätte ich es vergessen, doch es ist wichtig genug, es nicht zu vergessen.

Ihr Vortrag damals beeindruckte mich sehr, er war von der intellektuellen Seite her gesehen in der Erfassung und Darstellung all der vielen Masken der Depressionen einfach genial. Dass ich danach bedauerte, nicht

noch mehr Informationen über Heilungsmöglichkeiten durch Sie, den Arzt und Heiler, gehört zu haben, liegt

an meiner eigenen Geschichte und deren Aufklärung, aber auch meiner Forschung über Wahn und Wirklichkeit und den Konstrukten über scheinbar Wahnbesessene und scheinbar Nichtwahnbesessene. Doch das soll hier nicht der Grund meines Schreibens sein, obwohl ich dadurch bedeutende praktische Erkenntnisse an mir und anderen, nicht zuletzt auch als Stimmenhörerin und Wahrnehmende und in ständiger Kommunikation mit meinem Unbewussten stehende, sammeln konnte. Meine Erfahrungen stehen im Gegensatz zu den meist angenommenen Konstrukten der Fachliteratur, die dem intensiv mitwirkenden logischen Geist (das sehr lebendige Unbewusste) keinen Raum geben, obwohl wir ohne diesen Geist alle noch nicht einmal atmen könnten.

Der wirkliche Grund meines wichtigen Schreibens ist der Ausspruch eines männlichen Zuhörers damals (und Ihrer Antwort), der zu dem großen Themenkomplex der Depressionen äußerte, da seien doch (natürlich unbewusst /Pet.) gehemmte, unterdrückte aggressive Gefühle beteiligt. Und hier folgt mein ganz besonderer Dank an Sie über Ihre Reaktion darauf. Sie sagten: "Aber ich kann doch nicht sagen - Jetzt geben Sie endlich zu, dass Sie aggressiv sind! - So einfach geht es leider nicht."

Und darin hatten Sie meine ganze Sympathie, denn genau das bzw. ähnlich hatte mir ein Psychiater während der klinischen angenehm vertrauenden Therapiestunde in einer Zeit relativer Gesundheit meinerseits überfallartig zugezischelt: Geben Sie endlich zu ... (..., dass Sie sich geirrt haben!) Und damit hatte er mich doch tatsächlich schlagartig (und das für viele Jahre) in eine hypnotisch festgelegte tiefste Depression (Trancezustand) geschleudert, mit (durch ihn vorher induzierter aber zeitweise vorübergehender) Vergesslichkeit, Sprechunmöglichkeit, Gefühlsabspaltung, Angstanfällen (Todesangst), Kreislauf und Beinversagen, Herzattacken, Bronchitis, Kopfabschnürungsgefühlen, großen Zahnproblemen, Knochenschmerzen, Magen-Darmproblemen, Hautproblemen und bei Erinnerungen daran Auftreten heftigster Gesichts-Allergien, wie mit Brennnesseln geschlagen, als symbolischer Hinweis auf diese (wiederholte) Gesichtsverletzung. Denn ich war bei meiner Geburt ein (2. weiblicher) Irrtum für meine Eltern im damaligen Hitlerdeutschland. Das waren nur die schlimmsten Nachwirkungen, geschehen in einer Phase (s.o.) relativer Gesundheit. Es hat mich unglaubliche Mühe und Arbeit gekostet, aus dem Schlimmsten herauszukommen, ganz abgesehen von diesen vorher nutzlos ausgegebenen Riesenbeträgen, die es den Arbeitgeber, die Krankenkasse und danach auch mich selbst, kostete. Wenn ein Problem nicht gelöst ist, spricht es über den Körper, vor allem auch bei machtvoller Verdrängung.

Die Frage für mich als Psychiatrie-Erfahrene ist seither natürlich auch: Wie kamen beide - Sie als Arzt und mein damaliger mich schädigender Arzt - auf diese Formulierung, die Sie ja ablehnten? Wurde dies in früheren Psychiater-Ausbildungen tatsächlich so zur Anwendung empfohlen? Wie viele von uns PE sind auf diese Weise geschädigt worden, ohne dass dies bewusst ist? Denn wie wir heute aus Wissenschaft und Forschung (u.a. Milton-Erickson-Institut) wissen, befinden sich viele in einer Hypnose (d.h. in Trance) aus der sie aus Unwissenheit keiner herausholt. Und das bringen auch Medikamente nicht fertig. Dass sich dies bald ändert, daran arbeiten wir alle - und hoffentlich mehr und mehr gemeinsam. Wie vom BuMinSoz+Ges dringend vorgegeben.

Mit freundlichen Grüßen


Ingrid Peters

Nachtrag 2005:

Passiert war das im Jahr 1991, doch bis heute konnte ich die traumatischen Nachwirkungen nicht vollständig überwinden.

 

COMPLIANCE -

Was bedeutet sie, wenn es um die Heilung möglichst vieler Psychiatrie-Patienten geht?

Von Ingrid Peters, Waiblingen, 08. März 2005 / Sept. 2005

Tatsächlich konnten viele Psychiatrieerfahrene diesem Wort schon jahrelang nicht zustimmen. Es sei ein alter autoritärer Begriff, der in Verruf gekommen sei, dagegen nicht autoritär sei Non-Compliance, hörten wir von aufklärenden Ärzten bei den Tagungen 2004 zur "Patientenbeteiligung bei medizinischen Entscheidungen" der Universitätskliniken in Zusammenarbeit und mit Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung in Freiburg. Nicht ganz aus der Welt seien solche Begriffe, aber nur in Ausnahmefällen, z.B. bei besonders schwer Kranken oder Sterbenden, sei ein "milder Paternalismus" angebracht.

Bereits die 3. Tagung fand statt mit dem Förderschwerpunkt "Der Patient als Partner im medizinischen Entscheidungsprozess" Gemeinsam entscheiden - neue Anstöße zur Förderung der Patientenbeteiligung - am 23. - 25. Mai 2005 in Berlin, Berlin-Mitte (Charite' - Universitätsmedizin) unter Beteiligung des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherheit. Alle sind aufgerufen, an Verbesserungen zu arbeiten. Siehe (www.patient-als-partner.de)

Dass noch in den letzten Monaten zur Compliance weitere mildernde Worte gefunden wurden, ändert nichts an den langen Tatsachen der "von oben verordneten Hilfe", unter der vor allem Psychiatrieerfahrene oft sehr zu leiden hatten / haben. Zum Vergleich hier die Bedeutungen:

Compliance - die Willfährigkeit, Unterwürfigkeit, Einwilligung,

compliant - nachgiebig, fügsam, willfährig.

Gleichbedeutend: Adherence - das Festhalten; die Teilnahme, Anhänglichkeit.

Neuerer Begriff: Concordance - die Einhelligkeit, die Übereinstimmung.

Bei meiner Suche nach den Hintergründen war auffallend, dass einige Deutsche diese Worte ohne großes Nachdenken benützten. Warum haben gerade wir solche Worte so selbstverständlich aufgenommen? Ich bemühte mich deshalb im Englisch - sprechenden Raum um weitere Aufklärung.

Dazu die Antwort einer Australierin: Auch in der englischen Sprache könnte man sagen, "patient compliance is low" (= niedrig, lässt zu wünschen übrig). Also compliance ist, wenn einer tut was ein anderer angeordnet hat oder als gut befindet für jemanden anderen. - Compliance ist etwas ganz anderes als Zusammenarbeit. Irgendwie ist es wohl Zusammenarbeit. aber der, der Compliance will, steht über dem, der was machen soll. Zum Beispiel in einem Gebäude kann die Hausleitung Regeln aufstellen und von den Bewohnern wird erwartet, dass sie den Regeln folgen. Es ist Zusammenarbeit, aber dann doch nicht, denn die Hausleitung hat mehr zu sagen als die Benutzer. Wegen Feuergefahr braucht man ja, zum Beispiel, Regeln. Darunter könnte man dann schreiben: "Please comply".

Ich weiß was gemeint ist, wenn von Zusammenarbeit und Chemie gesprochen wird. Im Internet las ich den Bericht eines Reporters, der sich als durchgedreht hingestellt hat, um in eine Anstalt eingewiesen zu werden. Dann hat er seine Erfahrungen veröffentlicht. Der Artikel ist wahrscheinlich bekannt. Wer sich in der Anstalt nur auch ein bisschen gemuckst hat, kriegte eine Spritze reingeknallt, wenn es nicht anders ging.*

Zusammenarbeit wäre auf Englisch "working together". Sie könnten sagen, wir werden versuchen zusammen zu arbeiten. "Mutual consent" würde man benutzen wenn Arzt und Patient übereinstimmen würden, dass sie beide zusammen einer bestimmten Linie zuarbeiten und folgen werden, damit der Patient sich dann besser fühlen wird. Sie müssen beide einstimmen, ja, das wäre "mutual consent".

Irgendwie kann man "working together" und "mutual consent" nicht einfach austauschen. Working together ist eine milde Form, mutual consent ist eine stärkere Form. "The mutual consent was that they will try to work together" = sie waren sich einig, sie wollten versuchen zusammen zu arbeiten. -

Compliance heißt also: Der Arzt ver-ordnet, der Patient befolgt.

Dagegen der autonome Patient ist ein Kunde, den der Arzt informiert, um den er wirbt und dem er anbietet, vor allem auch in der Psychiatrie.

Juristisch gesehen haben Patienten u.a. Rechte aus der gesetzlichen Krankenversicherung und nach dem bürgerlichen Vertragsrecht mit Aufklärungspflicht, Wissensvermittlung, Risikoaufklärung. Jede medizinische Behandlung hat unter Wahrung der Menschenwürde, unter Achtung der Persönlichkeit, des Willens und der Rechte des Patienten, insbesondere des Selbstbestimmungsrechts zu erfolgen. Hat der Arzt die Einwilligung des Patienten zur Behandlung, hat dieser Einwilligung grundsätzlich die erforderliche Aufklärung im persönlichen Gespräch vorauszugehen. Zu diesen bestehenden Rechten kommen seit einigen Jahren die Inhalte des Shared Decision Making (verkürzt SDM) dazu, der Partizipation bei medizinischen Entscheidungsfindungen, also der Patientenbeteiligung im jeweiligen Behandlungskonzept. Dies geschieht unter Förderung durch Politik, Ärzteschaft und Krankenkassen, um damit die Umsetzung des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes gemeinsam fortzuentwickeln. Dem bisherigen auf den Arzt bezogenen abhängigen Patienten zu einem selbstbestimmten, autonomen, mitwirkenden Patienten zu verhelfen, dazu ist nicht zuletzt vor allem auch der behandelnde Arzt gefordert. Denn SDM (gemeinsame Entscheidungsfindung) kann erst richtig funktionieren, wenn alle Beteiligten auf gleicher Ebene zusammen kommunizieren, zuhören können und die jeweiligen Wahrheiten (Realitäten) der Erfahrungen glauben.

Erforderliche Kompetenzen (hier Experte durch Studium und da Experte durch erfahrene Krankheit und neue Erkenntnisse) lassen sich, wenn nötig, schulen. Das ist Selbstkompetenz (Individualität), Beziehungskompetenz (Bezogenheit), Sozialkompetenz (Toleranz, Integration, Selbsthilfegruppen), Demokratiekompetenz (Mitwirkung bei der Systemgestaltung). -

Die Patienten haben das letzte Wort. Voraussetzung ist, dass vom Behandler gesundheitsfördernde Ressourcen entdeckt werden, statt bestehende Mängel zu betonen, was weiter kränkt, und deshalb mehr und mehr in die Krankheit führt.

Die Zahl der Patienten, die den Ärzten gegenüber Non-Compliance zeigten und nach hilfreicheren Methoden zu Lösung ihrer Probleme suchten und damit wieder schneller zu relativer Gesundheit, zum Studium oder zur Arbeitsmöglichkeit gefunden haben, ist im Steigen begriffen. Dass dies sogar nicht teuerer sein muss, im Gegenteil eher die öffentlichen Kassen spürbar entlastet, sollte vor allem ein Grund für mehr Zusammenarbeit zwischen Patienten, Ärzten und Öffentlichkeit sein. Wir Psychiatrieerfahrenen würden uns über eine offene Zusammenarbeit sehr freuen und wünschen uns viele mutige, verstehende Seelenärzte.

I. P.


* Zu obenstehendem - Internet - Hinweis - passt auch das Rosenhan-Experiment: Psychologen wiesen sich gegenseitig als krank in Psychiatriekliniken ein, tatsächlich hat kein dort Tätiger ihre wirkliche Gesundheit erkannt, sie wurden als krank behandelt. Weitere Erfahrungen mit unhinterfragter Machtausübung erbrachte das sogenannte Milgram - Experiment, auch diese Untersuchungen über blinde Übernahme von Befehlen durch Vorgesetzte, angeblich zur Gesundheit förderlich, sind allgemein bekannt.

Sehr bedenklich ist auch, dass Stimmen-Hören und andere Phänomene noch heute fälschlicherweise von zu vielen Fachleuten der Schizophrenie zugeordnet werden, obwohl es eine natürliche Sinnesqualität ist, die natürlich bei kränkenden und krankhaften Inhalten der Stimmen entlastet und bereinigt werden muß, durch zuwendende, aber nicht erziehen wollende, Gespräche. (Siehe dazu www.patient-als-partner-de)

Ebenso haben viele Phänomene der Sinne natürliche physikalische Hintergründe als Ursache, die sich symbolisch als hinweisende Gestalten, Bilder oder Filme (wie Träume) zu erkennen geben. Das kann wegen der oft schlimmen Inhalte entsetzlich angstauslösend sein, wozu bei Wunsch des Betroffenen immer auch Medikamente hilfreich sind. Doch danach ist die Auflösung über die Hintergründe dieser schrecklichen Inhalte dringend erforderlich, um Wiederholungen vorzubeugen.

In diesem Zusammenhang sei auf die sehr erfolgreiche Katathym-imaginative Psychotherapie (KiP) hingewiesen (durch Vorgaben und als Antwort durch die Seele individuell entwickelte Bildinhalte), siehe Deutsches Ärzteblatt online, 19.08.2005, www.aerzteblatt.de/aufsaetze/0508, mitgegründet bereits vor mehr als 50 Jahren von Hanscarl Leuner, einem Psychiater, der bereits damals das hohe Lösungspotential dieser imaginativen tiefenpsychologischen Bildvorstellungen erkannte. Sehr empfehlenswert!

Voraussetzung ist das Lernen der Symbole, um den Zusammenhang zu verstehen. Das Institut befindet sich in Göttingen. Ausbildungen, vor allem auch für Professionelle, werden angeboten. / I.P.

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