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Rundbrief

Neu: Online Ausgabe 4/2005

Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.
Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg (LV PE BW)

Positionspapier

Stand: 12.11.2005

Landesverband Psychiatrie-Erfahrener
Baden-Württemberg (LV PE BW)

Geschäftsstelle+Vorsitz:
c/o Ursula Zingler, Ginsterweg 7, 74348 Lauffen a.N.

Internet:
http://psychiatrie-erfahrene-bw.de

kontakt@psychiatrie-erfahrene.de

Integrierende, gesundheitspolitische Interessenvertretung in Baden-Württemberg
Der 1993 gegründete Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg (LV PE BW) ist die politisch und fachlich anerkannte Interessenvertretung der psychiatrieerfahrenen Menschen in Baden-Württemberg. Ein Ziel ist es, die unterschiedlichen Selbsthilfegruppen im Land, die u.a. einen gesundheitspolitischen Anspruch haben, unter einem Dach zu integrieren sowie ideell und organisatorisch zu unterstützen.

Teilnehmer in Gremien und Arbeitsgruppen
Der LV PE BW hat Stimme und Sitz in den wichtigsten (fachpolitischen) Gremien und Arbeitsgruppen auf Landesebene und bemüht sich um Aufnahme in weitere Gremien
.

Kooperativer Förderer des "Quadrologs"
Der LV PE BW strebt trotz psychiatriekritischer Grundhaltung den „Quadrolog“ mit den drei weiteren beteiligten Interessengruppen – Psychiatrie-Fachkräfte, Angehörige psychisch erkrankter Menschen und Psychiatrie-Bürgerhelfer – an. Auch mit deren Verbänden in Baden- Württemberg steht der LV PE BW im dauerhaften Austausch. Von Stimmen bzw. Ideologien, die den Psychiatrie-Fachkräften grundsätzlich ein ehrliches Bemühen um das Wohl von psychisch erkrankten Menschen absprechen, distanziert sich der LV PE BW ausdrücklich. Der LV PE BW will im Gespräch und in der Zusammenarbeit mit den anderen Interessengruppen des bestehenden psychiatrischen Hilfesystems konstruktiv zu einer positiven Weiterentwicklung und Verbesserung desselben beitragen, ohne dabei seine psychiatriekritische Grundhaltung aufzugeben.

Gemeindepsychiatrie, "ambulant vor stationär" und "Personenzentrierter Ansatz"
Der LV PE BW setzt sich für den Ausbau der wohnortnahen Psychiatrie ein und fühlt sich dem Grundsatz "ambulant vor stationär" verpflichtet. Die weitere Realisierung des "Personenzentrierten Ansatzes", d.h. im Wesentlichen, dass sich die psychiatrischen Hilfen passgenau an den psychiatrieerfahrenen Menschen auszurichten haben und nicht umgekehrt, ist ein zusätzliches Ziel des LV PE BW.

Selbsthilfe und Empowerment
Der LV PE BW setzt sich für den Ausbau der wohnortnahen Psychiatrie ein und fühlt sich dem Grundsatz „ambulant vor stationär“ verpflichtet. Die weitere Realisierung des „Personenzentrierten Ansatzes“, d.h. im Wesentlichen, dass sich die psychiatrischen Hilfen passgenau an den psychiatrieerfahrenen Menschen auszurichten haben und nicht umgekehrt, ist ein zusätzliches Ziel des LV PE BW.
SELBSTHILFE
Die Ausgangsidee der Selbsthilfe ist, dass der Zusammenschluss und die gegenseitige Unterstützung von Menschen, die an dem gleichen oder ähnlichen Krankheitsbild leiden bzw. litten, stark motivierend wirkt und Selbstheilungskräfte frei setzt. Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Die Unterstützung von ausgebildeten (Psychiatrie-)Fachkräften wird gerne entgege ngenommen, jedoch liegt der Schwerpunkt darauf, die oft daraus resultierenden Abhängigkeiten zu reduzieren und ein möglichst selbst bestimmtes und möglichst selbstständiges Leben weitgehend aus eigener Kraft und mit Hilfe von "natürlichen" menschlichen Beziehungen zu erreichen. Nichtpsychiatrische Hilfemöglichkeiten haben Vorrang.
EMPOWERMENT
Ziel des Empowermentkonzepts ist es, sich aus Krankheit, Lähmung und Behinderung durch "aktives Sich-Einmischen" zu befreien. Durch das Übernehmen von gesellschaftlicher und persönlicher Verantwortung soll das Leben verstehbarer, handhabbarer, sinnerfüllter, freier und befriedigender erlebt werden. Das Gefühl, das Leben im Rahmen der jeweiligen persönlichen Möglichkeiten (wieder) in die eigene Hand zu nehmen und kritisch die (gesundheitspolitische) Entwicklung mitzugestalten, wirkt heilend und stabilisierend. Empowerment ist eine Bewegung, die "von unten" kommt und wird i.d.R. von gesellschaftskritischem Denken begleitetet.

Krankheitsmodell
Der LV PE BW setzt sich mit allen gängigen Krankheitsmodellen auseinander und bewertet sie u.a. hinsichtlich der dort möglichen, persönlichen Entwicklungsmotivationen. So wird eine einseitig chemisch-biologistische Auffassung als resignationsfördernd und lähmend eingeschätzt, während in psychosozialen und psychotherapeutischen Betrachtungsweisen Ermutigungen zur Gestaltung des eigenen Schicksals gesehen werden. Daher bevorzugt der LV PE BW psychosoziale und psychotherapeutische Modelle, ohne sie jedoch Andersdenkenden aufzuzwingen und ohne sich Ergebnissen aus der chemisch-biologischen Forschung aus ideologischen Gründen zu verschließen. Der LV PE BW vertritt als zusätzliche Position, dass die Aussage und/oder die Prognose an einer unheilbaren Krankheit zu leiden in ihrer Ausschließlichkeit nicht haltbar, kontraproduktiv und darum zu unterlassen sind.

Ressourcenorientierung und Nachrangigkeit von Diagnosen
Der LV PE BW unterstützt die ressourcenorientierte Denkweise, d.h. der psychisch leidende Mensch wird überwiegend von seinen immer auch vorhandenen Fähigkeiten, Kompetenzen und gesunden Anteilen her verstanden und nicht über seine Defizite, Einschränkungen und Krankheitssymptome definiert. Psychiatrische Diagnosen werden als bürokratische Hilfsmittel gesehen und sind nachrangig, was den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen und das Verständnis für sie anbelangt.

Psychopharmaka
Psychopharmaka können hilfreiche Unterstützung in der Reduzierung oder in der – auch langfristigen – Verhinderung von psychischem Leiden bieten. Darüber hinaus wird manchmal ein psychotherapeutischer Zugang erst mit Hilfe von Psychopharmaka möglich. Grundsätzlich sollte jedoch nichtmedikamentösen Behandlungsformen und Strategien Vorrang eingeräumt werden. Sie sollten immer unterstützend die Behandlung begleiten. Der LV PE BW setzt sich dafür ein, dass die Informationspflicht über Risiken und Nebenwirkungen von Psychopha rmaka erfüllt wird. Eine Wertehierarchie zwischen psychisch erkrankten Menschen, die Psychopharmaka einnehmen, und denen, die es nicht tun, wirkt sich schädlich auf das Prinzip der gegenseitigen Unterstützung und Toleranz aus. Ihr ist entgegenzuwirken.

Gewalt und Zwang in der Psychiatrie
Die Verhinderung von Zwang und Gewalt gegenüber psychisch Kranken – physisch, wie auch (subtil) psychisch – ist schon lange ein Schwerpunktthema der Arbeit des LV PE BW. Er unterstützt strukturelle und individuelle Ansätze, die dazu beitragen, Zwang und Gewalt gege nüber psychisch Kranken zu vermeiden.

Externe Qualitätskontrolle
Der LV PE BW versteht sich als eine auf der „Patientensicht“ basierende, externe, unabhä ngige Qualitätskontrolle des bestehenden psychiatrischen Versorgungssystems. Er setzt sich für eine hilfreichere Psychiatrie ein und hat das Ziel durch sein Mitwirken die Qualität der psychiatrischen Hilfen auf allen Ebenen zu verbessern.

Förderung von nutzerkontrollierten psychosozialen Einrichtungen
Der LV PE BW bekennt sich zu der Notwendigkeit von alternativen Behandlungsansätzen. Hierbei setzt er sich besonders für den Aufbau von nutzerkontrollierten und nutzergeführten psychosozialen Einrichtungen ein. Der LV PE BW vertritt die These, dass die Kombination von Psychiatrie-Erfahrungswissen – auch von ehemaligen Patienten der Psychiatrie – mit der Kompetenz von Psychiatrie-Fachkräften eine verbesserte Unterstützung von psychiatrieerfahrenen Menschen mit sich bringen kann.

Finanzierungsmodelle für Selbsthilfearbeit
Der LV PE BW setzt sich dafür ein, dass Finanzierungsmodelle geschaffen werden, die es ermöglichen, dass der Zeitaufwand von Aktivisten der Selbsthilfe in begründeten Fällen möglichst einfach handhabbar finanziell vergütet werden kann.

Beschlossen mit Änderungen von der Mitgliederversammlung des LV PE BW am Samstag, den 12.11.2005
Beschlossen vom Vorstand des LV PE BW in seiner Sitzung am Samstag, den 22.10.2005

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