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Rundbrief

Ausgabe 4/2005

Nutzerbeteiligung in Psychiatrieplanungsprozessen:

Planung einer psychiatrischen Abteilung im Kreis Herford


von Ruth Fricke

Die Vorgeschichte

Die Beteiligung von Nutzerinnen und Nutzern psychiatrischer Einrichtungen und Dienste an Konzeptentwicklung und in Planungsprozessen hat in Ostwestfalen bereits längere Tradition. So wurde in der Westfälischen Klinik Gütersloh, die bis November 2004 Pflichtversorgungsklinik für den Kreis Herford war, bereits 1992 eine Angehörigenbeirat auf Klinikebene eingerichtet. 1994 wurde dann im Fritz Leßnerhaus II der westfälischen Klinik Gütersloh ein Stationsbeirat eingerichtet, in dem neben den Mitarbeitern aus allen Berufsgruppen auch Vertreter der Selbsthilfegruppen der Psychiatrie-Erfahrenen und der Angehörigen aus dem den Kreisen Herford und Lippe angehörten. Dieser Beirat entwickelte dann gemeinsam eine neues Abteilungskonzept für die klinische Psychiatrie II (Herford/Lippe), in dem das zuvor im Hermann Simon Haus II bereits erprobte Konzept der „Gütersloher Soteria“ auf die gesamte Abteilung übertragen und aufgrund der praktischen Erfahrungen mit diesem Konzept weiterentwickelt wurde.

Der Neubau einer Abteilungspsychiatrie am Klinikum Kreis Herford war seit vielen Jahren ein zentraler Beratungspunkt im Arbeitskreis Psychiatrie im Kreis Herford. So war es selbstverständlich, dass die Selbsthilfegruppen der Psychiatrie-Erfahrenen und der Angehörigen die Einsetzung eines trialogisch besetzen Planungsbeirates beim Kreis Herford einforderten, als endlich der Bewilligungsbescheid des Landes Nordrhein-Westfalen für den Bau der Herforder Abteilungspsychiatrie kam.

Der Weg zur Etablierung des Planungsbeirates

Als im Sommer 2002 nach langem Hin und Her endlich der Bewilligungsbescheid des Landes NRW kam, nachdem die Krankenkassen den Knoten bezüglich der Bettenkompensation durch geschlagen hatten (einige der Kliniken, die bisher Patienten aus dem Kreis Herford aufgenommen hatten, mauerten in dieser Frage), suchte unser örtlicher Selbsthilfeverein „Hilfe für verletzte Seelen e.V. Selbsthilfegruppe Psychiatrie-Erfahrener im Kreis Herford“ den Kontakt zur Vorsitzenden des Krankenhausausschusses des Kreises Herford. Im Ergebnis dieses Gespräches stellte die SPD-Kreistagsfraktion den Antrag, einen Planungsbeirat für die neu zu errichtende vollstationäre psychiatrische Klinik am Kreisklinikum einzurichten. Dieser Beirat sollte trialogisch besetzt sein. Auch die angestrebte Konzeption der neuen Klinik war in diesem Antrag schon definiert. Die neue Klinik sollte nach dem Vorbild der „Gütersloher Soteria“ arbeiten. Aufgabe des Planungsbeirates war es sowohl die bauliche Planung und deren Umsetzung zu begleiten als auch ein therapeutisches Konzept zu entwickeln. Nach Inbetriebnahme der neuen Klinik sollte, der Planungsbeirat in einen Psychiatriebeirat umgewandelt werden, der die weitere Arbeit der Klinik und deren Vernetzung im gemeindepsychiatrischen Verbund weiter begleiten sollte.

Die konkrete Arbeit des Planungsbeirates.

Der Planungsbeirat nahm rasch seine Arbeit auf.
Diesem Planungsbeirat gehörten an, der Kreisdirektor in seiner Eigenschaft als Krankenhausdezernent, die Vorsitzende des Krankenhausausschusses und ihre beiden Stellvertreter, der ärztliche Leiter des Kreisklinikums, der Pflegedienstleiter des Kreisklinikums, der Psychiatriekoordinator des Kreises Herford, der Chef der Tagesklinken im Kreis Herford, eine Pflegekraft der westfälischen Klinik Gütersloh, die schon die erste Soteriastation im Hermann-Simonhaus II der westfälischen Klinik Gütersloh mit aufgebaut hatte und auch an der Entwicklung und Umsetzung des Abteilungskonzeptes für die klinische Psychiatrie II (Herford/Lippe) in der westfälischen Klinik Gütersloh durchgehend beteiligt war.

Zwischen den Sitzungen des Planungsbeirates gab es eine Preschergroup bestehend aus Edwin Stille, dem Psychiatriekoordinator, Ruth Fricke, der Vorsitzenden des Selbsthilfevereines der Psychiatrie-Erfahrenen , Gudrun Schliebener, der Vorsitzenden des Angehörigenvereins und Dr. Wolf Müller, dem Chef der psychiatrischen Tageskliniken, Christiane Esdar Ärztin im sozialpsychiatrischen Dienst, welche die Sitzungen des Planungsbeirates inhaltlich vorbereitete. Da zwischen Bewilligungsbescheid und Genehmigung durch die Bezirksregierung Detmold nur eine sehr kurze Zeitspanne lag, traf diese Kleingruppe sogar zwischen der Beiratssitzungen wichtige Entscheidungen direkt. Mit dem Architekten hatten wir großes Glück. Wir haben uns sehr viele Gedanken gemacht wie das Prinzip der offenen Türen und der Soteria auch baulich unterstützt werden könnte. Hatten wir heute eine Idee, lag am nächsten Tag die geänderte Bauzeichnung auf dem Tisch. Gab es dann Einwände der Bezirksregierung, musste neu überlegt werden und das Spiel ging von vorne los.

Der Planungsbeirat hat dann eine ganze Reihe von Kliniken besucht, um sich Anregungen für die künftige Konzeption zu holen, die Über die Erfahrungen mit der „Gütersloher Soteria“ hinausgingen. So haben wir uns z.B. in Walsrode (Niedersachsen) abgeguckt, dass die Patienten selber kochten und es keine Versorgung aus der Krankenhausküche gab. Der Architekt, setzte dies sofort in die Änderung der Bauplanung um (Größe der Küche, Einrichtung, Vorratsraum), in Lauterberg (Hessen) haben wir uns die Schränke und das Marktplatzmodell abgeschaut, strittig waren Lichtschranke am Ausgang und das Fuß-/Armband für Zwangsuntergebrachte Patienten, wodurch ein Signaltonertönte, sobald der Patienten der keine Ausgang hatte die Station verlassen wollte. Wir Psychiatrie-Erfahrenen waren dagegen die Angehörigen dafür, umgesetzt wurde es nicht, weil wir aufgrund der Gütersloher Erfahrungen wussten, dass man so etwas nicht braucht. Der Pflegestützpunkt, die Wohnküche und das weiche Zimmer wurden aufgrund der Gütersloher Erfahrungen gestaltet.

Problematisch für die Umsetzung des inhaltlichen Konzeptes war dann die Tatsache, dass zeitgleich das Kreisklinikum vom Eigenbetrieb des Kreises in eine Gesellschaft öffentlichen Rechts umgewandelt wurde, wodurch die Betriebsleitung des Kreisklinikums mehr Macht und Entscheidungsbefugnisse bekam und der Einfluss des Kreistages und seiner Ausschüsse abnahm. Die Stellenausschreibung für die Stelle des Leitenden Arztes war noch durch den Krankenhausausschuss erfolgt, die Auswahl erfolgte schon in der neuen Organisationsform. Obwohl in der Stellenausschreibung stand, dass das Haus nach Soteriaprinzipien geführt werden sollte und unter den Bewerbern mehrere waren, die diese Konzept hätten umsetzen können, wurde dann ein leitender Arzt eingestellt, der bis heute nicht verstanden hat, welches Konzept hier verwirklicht werden sollte. Im Ergebnis wird die Küche nicht so genutzt wie geplant. Das Prinzip der Diagnosedurchmischten Stationen, auf den die Patienten von der Aufnahme bis zur Entlassung bleiben wurde nicht umgesetzt, das Bezugspersonensystem konnte daher naturgemäß auch nicht umgesetzt werden. Es wurde nachträgliche eine geschlossene Aufnahmestation geschaffen. Aufnahmen erfolgen nicht wie geplant alle und grundsätzlich über die Institutsambulanz in der psychiatrischen Klinik, sondern nach 16.00 Uhr und an Wochenenden über die Notaufnahme des mehrere hundert Meter entfernt liegenden Haupthauses...

D.h. Angehörige und Betroffene im Kreis Herford werden wieder jahrelang kämpfen müssen, bis wir die Behandlungsqualität wieder haben, wie wir sie von der „Gütersloher Soteria“ gewohnt waren.

Der Übergang vom Planungsbeirat zum Forum für Qualität in der Psychiatrie am Klinikum Kreis Herford

Nachdem die Klinik dann im November 2004 in Betrieb genommen worden war, war es Auch gelungen eine Beiratsmodell auszuhandeln, mit dem sowohl die Betriebsleitung des Haupthauses als auch der neue leitende Arzt der psychiatrischen Klinik leben konnten. Dieser Beirat heißt nun „Forum für Qualität in der Psychiatrie am Klinikum Kreis Herford“. Hier sind vertreten: die Selbsthilfegruppen der Psychiatrie-Erfahrenen, der Angehörigen, der Alkohol- und Drogenabhängigen, der Alzheimererkrankten und ihrer Angehörigen, der Psychiatriekoordinator, der Sprecher des gemeindepsychiatrischen Verbundes, eine Vertreterin der Seniorenheime, je ein Vertreter der niedergelassenen Psychiater und Allgemeinmediziner, ein Vertreter der Vormundschaftsrichter, der Chef der Tageskliniken, der ärztliche Leiter der psychiatrischen Klinik, die leitende Pflegekraft der psychiatrischen Klinik, sowie eine Vertreter der Betriebsleitung des Haupthauses.

Positiv an diesem Modell ist, dass es erstmals gelungen ist die niedergelassenen Ärzte einzubinden, so dass die Vernetzung zwischen stationär, teilstationär und ambulant sich verbessern könnte, so dass im Ergebnis diese ständige Medikamentenumstellerei beim Wechsel vom einem in den anderen Bereich, der zulasten der Gesundheit der Patienten geht und unsere aller Krankenkassenbeiträge unnötig in die Höhe treibt, vielleicht irgendwann einmal überwunden werden kann.

Schlechter als beim Beiratsmodell der Abteilung klinische Psychiatrie II der westfälischen Klinik in Gütersloh, ist die Tatsache, dass hier nur auf der Chefebene mit einander diskutiert wird und die Mitarbeiter alle Berufsgruppen, die das dann umsetzen sollen nicht mit einbezogen werden. In Gütersloh wurde gemeinsam mit allen in der Abteilung Arbeitenden besprochen, was sich am derzeitigen Konzept bewährt hatte, wo es hakte, welche Beschwerden von Angehörigen und Betroffenen aufgelaufen waren und wie strukturell bedingte Probleme künftig abgestellt werden können. Da Lösungswege gemeinsam gesucht und gefunden wurden, war die Umsetzung in die tägliche Praxis gesichert. Wie die im Herforder Forum für Qualität getroffenen Vereinbarungen künftig in die tägliche Praxis umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.

Fazit

Ich habe in diesem Beitrag versucht, die Möglichkeiten und Grenzen von Nutzerbeteiligung im psychiatrischen Hilfesystem am Beispiel der Entstehungsgeschichte, der Ziele und Arbeit des Planungsbeirates für die psychiatrische Abteilung am Klinikum Kreis Herford zu verdeutlichen.

Auch wenn ersichtlich wird, dass Angehörige und Betroffene nicht alles das erreichen konnten, was ihnen wichtig gewesen wäre, ja sogar drastische Rückschläge hingenommen werden mussten, so bin ich doch zutiefst davon überzeugt, dass wir trotzt dieser Rückschläge Lernprozesse bei den neu im Kreis Herford professionell in der Psychiatrie arbeitenden Menschen eingeleitet haben, deren Ergebnis dann wieder in eine Richtung führt, die wir Psychiatrie-Erfahrenen uns wünschen, denn das Feld im Kreis Herford ist gut bereitet. Der Arbeitskreis Psychiatrie der psychosozialen Arbeitsgemeinschaft im Kreis Herford, arbeitet seit 1994 trialogisch. Wichtige Schlüsselpositionen, wie zum Beispiel der Vorsitz der AK Psychiatrie oder die Sprecherfunktion der unabhängigen Beschwerdestelle, werden durch VertreterInnen der Selbsthilfeorganisationen der Psychiatrie-Erfahrenen und der Angehörigen wahrgenommen. Angehörige und Psychiatrie-Erfahrene haben daher in dem neuen Klinikbeirat mit dem Namen „Forum für Qualität in der Psychiatrie am Klinikum Kreis Herford“, viele Bündnispartner, die aus tiefster Überzeugung heraus konzeptionell das Gleiche wollen wie sie.

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