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 Rundbrief
Ausgabe 4/2006

Grußwort von Tanja Afflerbach

Liebe BPE – Mitglieder/innen, unbedingt hatte ich mir vorgenommen, am diesjährigen Treffen in Kassel teilzunehmen. Viele von Euch hätte ich gerne getroffen. Auch wäre es mir natürlich wichtig gewesen, an den anstehenden Abstimmungen und Diskussionen zu wichtigen inhaltlichen Themen teilzunehmen.

Aber die Kraft reicht nicht.

Vor drei Wochen hatte ich eine schwierige Operation, die einige Komplikationen mit sich brachte. Seit wenigen Tagen geht es Gott sei dank wieder bergauf. Nachdem ich fast zwei Wochen nur liegen konnte, kann ich langsam immer wieder mal aufstehen. Mir wurde eine Morphinpumpe implantiert, die den Wirkstoff direkt in den Rückenmarkskanal abgibt.

Durch das lange, fast bewegungslose Liegen, hatte ich viel Zeit nachzudenken, was später in Grübeleien und auch Ängsten endete.

Immer wieder ging mir die Unsinnigkeit meiner Erkrankung durch den Kopf.

Hilflose Wut kam manches mal in mir auf, wenn ich an die Zeit in der Psychiatrie dachte, die nun schon über fünf Jahre zurückliegt, doch die mein Leben durch eine schwere körperliche Schädigung infolge langjährig und hochdosiert durchgeführter Neuroleptikabehandlung nachhaltig zerstört hat. Immer noch befinde ich mich in der Phase danach, in der ich versuche, einen alternativen Lebensweg mit der Behinderung zu gestalten, was mir aber sehr schwer fällt. Manches Mal verlässt mich der Mut. Dann bin ich vor Trauer wie gelähmt.

Meine eigene Geschichte hat mich motiviert im BPE mitzuarbeiten, soweit es mir möglich ist. Daneben führe ich noch eine Auseinandersetzung vor Gericht mit dem Krankenhaus, in dem ich ein Jahrzehnt lang krankbehandelt wurde. Eine Journalistin der TAZ überschrieb meine Geschichte treffend mit „Verordnete Schizophrenie“.

Mitglieder der Selbsthilfe aus meiner Heimatstadt bezeichnen es als übertrieben dem Krankenhaus gegenüber, einen Prozess wegen der Sache zu führen. Sie wendeten sich von mir ab. Man könne doch nicht so hart gegenüber den Ärzten vorgehen. Diese Aussagen haben mir sehr wehgetan. Niemand fragte danach, wie hart es ist tagtäglich schwerste Schmerzen ertragen zu müssen und all das, was damit letztlich zusammenhängt.

Sogar innerhalb des BPE habe ich schon ähnliche Reaktionen erlebt.

Am Anfang hatte ich auch die Illusion, mein Fall könne anderen eine Warnung sein, nicht unhinterfragt dem System der Psychiatrie zu folgen und daran zu glauben und schließlich alle Eigenverantwortung und Selbstbestimmung abzugeben. Aber wie ich schon sagte, war das eine Illusion. Ich bin für viele der Einzelfall, der „mir schon nicht geschieht“.

Die Meisten wollen von jemandem wie mir am liebsten gar nichts wissen, damit ihre Illusionen was die fürsorgliche Psychiatrie angeht, nicht zerstört werden kann. Denn es ist zugegebenerweise ein schwerer Weg nach Jahren der Bevormundung seine Entscheidungen wieder selbst zu treffen. Ja, Eigenverantwortung ist unbequemer, als unter dem vermeindlichen „Deckmantel“ einer Erkrankung in einer Herde mitzulaufen.

Ein wenig von Stockholm – Syndrom steckt darin. Irgendwann fängt fast jeder an, sich mit dem System zu identifizieren, in das er hereingeraten ist und welches das Leben nun bestimmt, weil es andernfalls zu schmerzvoll wird. Man will nicht mehr über das Verlorene nachdenken. Man schafft sich eine neue Identität, nachdem einem die alte, wirkliche, von der Psychiatrie genommen wurde. Die neue Identität ist die des Kranken, für den gesorgt wird. Die neue Identität ist aber nichts weiter als ein Konstrukt, bestehend aus einer Diagnose, ggf. Medikamenten und irrealen sozialen Beziehungen.

Plötzlich ist das Wort eines Arztes mehr wert, als das eines guten Freundes.

Und im Krisenfall wird man gar zum Objekt, bestehend aus einem ausufernden Hirnstoffwechsel, der mit Chemikalien wieder gerade gerückt werden soll. Nun liegt alle Verantwortung in einer irrealen Welt, die die Ärzte und Pflegekräfte nach Schichtende nur zu gerne wieder verlassen und die Patienten freuen sich, wenn sie auf dem Flur von diesen so genannten „Professionellen“ gegrüßt werden.

Hier stimmt doch etwas nicht. Mir ging es lange genug ähnlich, doch irgendwann, wenn auch zu spät, habe ich die Sache durchschaut. Das gelang mir persönlich aber nur, nachdem ich den Großteil meiner Medikamente vorsichtig abgesetzt hatte. Und heute, nach fünf langen Jahren schäme ich mich immer noch dafür, dass ich das alles habe mit mir machen lassen. Ich frage mich immer wieder, ob ich es hätte verhindern können. Ich kann heute nicht wirklich sagen, wie ich den Absprung überhaupt geschafft habe. Viel hatte es wohl u.a. damit zu tun, dass ich Kontakt zu dem Musiktherapeuten Prof. Kapteina bekam, der an diesem Wochendende hier einen Workshop anbietet. Er war der einzige Mensch in dieser Umgebung, der mir auf Augenhöhe begegnete und der durch die Arbeit mit der Musik ermöglichte, dass ich ganz langsam wieder in Kontakt zu meinem realen Inneren kam, während ich intuitiv die Medikamente weiter absetzte. Der Prozess war sehr schwer. Aber ich habe es geschafft.

Alle anderen Psychiatriemitarbeiter waren angewiesen, mit mir nicht mehr als nötig zu reden, da sie meinten, ich sei zu krank, um menschliche Kommunikation zu ertragen. Es wurde mir sogar verboten, meine Empfindungen in Zeichnungen auszudrücken. Das sei schlecht für mich.

Ich wurde mit Medikamenten so vollgestopft, dass ich nicht mehr bis drei zählen, nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen konnte. Ich saß monatelang auf dem Klinikflur, wippte mit den unruhigen Beinen, seiberte und hatte eine Panikattacke nach der anderen. Eine unbeschreibliche Angst, die erst aufhörte, als ich die Medikamente heruntergesetzt hatte.

Diese Entwicklungen, also die Verbesserungen meines Zustandes, versetzte meine Ärzte in helle Aufregung. Sie sagten mir immer wieder, dass ich mir das nur einbilden würde und ich unbedingt wieder mehr Medikamente nehmen müsste. Sie drohten mir auch mit Zwang… Aber irgendwann glaubte ich ihnen nicht mehr und das war der Augenblick, als ich begann meine Würde wieder herzustellen. Und zwar aus eigener Kraft.

Das, so finde ich, sollte für uns ein ganz hohes Ziel sein. Den Glauben an uns selber wiederfinden und uns nicht zu Objekten einer irrealen Wissenschaft machen zu lassen. Die Ärzte überflüssig machen.

Selbsthilfe setzt reale Menschen an Stelle der Institution Psychiatrie. Das ist ein sehr guter Anfang, wenn wir sie richtig nutzen.

Lassen wir uns nicht mehr einspannen in dieses unheilvolle System, indem wir uns immer wieder zu Kompromissen hinreißen lassen, damit wir ja den guten Kontakt nicht verlieren, den wir meinen zu brauchen. Ich jedenfalls bin da anderer Meinung. So, wie Psychiatrie ist, ist sie nicht hilfreich, sondern oft genug zerstörerisch. Versuchen wir doch, Psychiatrie überflüssig zu machen und Alternativen zu fordern, fördern und inizieren, wie es an manchen Stellen ja schon geschieht.

Wenn wir uns selbst wieder mehr trauen lernen, dann sind wir zu viel mehr in der Lage, als wir glauben, nachdem man so lange versucht hat, uns das Gegenteil zu beweisen.

Mein Grußwort ist nun zu etwas ganz anderem geworden, als ich vor dem Schreiben im Kopf hatte. Aber ich belasse es dabei. Viele finden meine Gedanken sicherlich illusorisch. Aber das sind meine Gedanken und ich bedanke mich von hier aus sehr, dass ihr mir zugehört habt.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch noch ganz herzlich für die mutmachende Karte der LPE Hessen bedanken. Es tut so gut zu wissen, dass ich nicht ganz allein bin bei meinem Kampf gegen Goliath, was meinen Prozess hier in Siegen angeht.

Die Karte kam genau zu einer Zeit, in der ich sehr gezweifelt habe, ob ich das alles noch schaffe und mich auch gefragt habe, ob überhaupt Leute hinter dem stehen, was ich da mache. Ich bin gar nicht so besonders stark. Es ist mehr meine Dickköpfigkeit und mein Hunger nach Würde, der mich treibt. Also ganz großen Dank an Euch.

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