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 Rundbrief
Ausgabe 1/2007

Leserbrief zum Artikel Ächtung nach 74 Jahren
Deutsches Ärzteblatt 104, Ausgabe 1-2 vom 08.01.2007, Seite A-14 / B-12 / C-12
POLITIK 

siehe:  http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=54007 
als pdf: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp?id=54007

►Dorothea Buck, Ergänzung zu diesem Artikel:
Ebenso wie Werner Villinger (Bethels Chefarzt ab 1934) „sich zu der Behauptung verstieg, durch eine Entschädigung den Zwangssterilisierten erst recht zu schaden“, argumentierte auch Bethels Leiter, Pastor Friedrich v. Bodelschwingh als Experte vor dem Ausschuß für Wiedergutmachung am 21.1.1965:
„Gäbe man den Zwangssterilisierten selbst eine Entschädigung, so werde nur Unruhe und neues schweres Leid über diese Menschen gebracht…“ (Protokoll)

„Ächtung“ bedeutet keine Rehabilitierung

dorotheafür uns Zwangssterilisierte und für die Überlebenden der psychiatrischen Tötungsanstalten von 1934-45« Vor 20 Jahren schlössen wir uns ata 25.Februar 1987 zu« „Bund der ‚Euthanasie’- Geschädigten und Zwangssterilisierten e.V.“ mit Klara Nowak als Vorsitzender zusammen. Und ebenso lange kämpfen wir nach Klara Nowaks Tod mit Margret Hamm als Geschäftsführerin vergeblich um unsere Rehabilitierung als „minderwertig“ Zwangssterilisierte, denen der Besuch höherer und weiterbildender Schulen und die Ehe mit nicht-sterilisierten Partnern verboten war, Vota Trauma: „minderwertig“ zu sein, ganz zu schweigen.

Und nun das: Es war der bis heute allseits hochverehrte Pastor Fritz v.Bodelsehwingh (1877-1946) und andere theologische Leiter der evangelischen Anstalten der Inneren Mission (heute Diakonie), die bereits 2 Jahre vor dem SS-Regime am 18.-20.Mai 1931 bei ihrer „Fachkonferenz für Eugenik“ in Treysa ein Sterilisations-Gesetz gegen den Rat des Betheler Chefarztes Dr.Carl Schneider und den Vererbungswissenschaftler Verschuer forderten.

In seinem 1989 - inzwischen vergriffenen - Fischer-Taschenbuch über „Die Kirche im Banne Hitlers1“ zitiert Ernst Klee im Kapitel „... im Gehorsam gegen Gott die Eliminierung an anderen Leibern vollziehen“ Die Kirchen im Kampf gegen die `Minderwertigen`“:

Das zweite Referat hält Carl Schneider, der später der »Vernichtung le­bensunwerten Lebens« zuarbeiten wird. 1931, in Treysa, äußert er sich eher skeptisch: »Die Sterilisierung wird Mode ohne klare Unterlagen.« Schneider bezweifelt, »ob wir auf diesem Wege die Schizophrenie-Erkrankungen der Durchschnittsbevölkerung wesentlich vermindern. Eine völkische Zielsetzung würde doch nur Sinn haben, wenn wir die Erbgesundheit unseres Volkes bessern können. Das ist mir zweifelhaft.« Im Gegenteil: Bei Manisch-Depressiven werde »ein so hohes Maß sozialer Tüchtigkeit vererbt«, daß es unmöglich sei, »aus rein medizinischen Gesichtspunkten zu sterilisieren«. Schneiders Urteil: »Wir wissen darüber nichts, folgern nur aus Versuchen mit Tieren und Pflanzen.« Der Betheler Chefarzt hält es für einen Irrtum zu glauben, das biologisch Wertvolle sei auch das geistig Wertvolle. Die Behauptung, die Zahl der Minderwertigen nehme zu, sei unerwiesen: »Ich will nicht der Tatenlosigkeit das Wort reden, aber solche Eingriffe wie die Sterilisierung sind für das Handeln im Einzelfall vielleicht zulässig, aber im allgemeinen abzulehnen.
Obgleich Schneider in der folgenden Diskussion nochmals warnend eingreift und von Verschuer unterstützt wird (»Über die Ursache der Erbkrankheiten wissen wir so gut wie nichts«), sind vor allem die Pastoren fürs Sterilisieren. So meint z. B. Bodelschwingh (zitiert wird buchstabengetreu aus dem Protokoll):
»Im Dienst des Königreichs Gottes haben wir unseren Leib bekommen ... >Das Auge, das mich zum Bösen führt usw.<6 zeigt, daß die von Gott gegebenen Funktionen des Leibes in absolutem Gehorsam zu stehen haben, wenn sie zum Bösen führen und zur Zerstörung des Königreiches Gottes in diesem oder jenem Glied, daß dann die Möglichkeit oder Pflicht besteht, daß eine Eliminierung stattfindet. Deshalb würde es mich ängstlich stimmen, wenn die Sterilisierung nur aus einer Notlage heraus anerkannt würde. Ich möchte es als Pflicht und mit dem Willen Jesu konform ansehen. Ich würde den Mut haben, vorausgesetzt, daß alle Bedingungen gegeben und Schranken gezogen sind, hier im Gehorsam gegen Gott die Ehminierung an anderen Leibern zu vollziehen, wenn ich für diesen Leib verantwortlich bin.«
Zwei Jahre vor den Nazis fordern evangelische Ärzte und Pfarrer die Sterilisierung: »Träger erblicher Anlagen, die Ursache sozialer (!) Minderwertigkeit und Fürsorgebedürftigkeit sind, sollten tunlichst von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden.«7

Jesu Maßstab der Solidarität mit den „Geringsten“ für die Zukunft des Menschen (Matth.25, 31-46) und sein Gebot „Richtet nicht, auf daß Ihr nicht gerichtet werdet“ galt den Theologen nichts. 

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