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 Rundbrief
Ausgabe 1/2007

Ist Selbsthilfe in Deutschland noch möglich?

Von Karin Haehn

Ich bin am 5. Februar nach München gefahren weil ich  zum Thema, Zwangsbehandlung mit Medikamenten, eine Veranstaltung des Netzwerks Psychiatrie und der Bayerischen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie erleben wollte.

Ich hatte mich zu dieser Fahrt entschlossen, weil ich dachte hier bekomme ich hilfreiche Anregungen für die Arbeitsgruppe Soteria die ich auf der letzten Jahrestagung des Bundesverbands Psychiatrie Erfahrener gegründet habe.

Es hat sich viel verändert in den letzten vier Jahren, in der Szene, seitdem ich mich zurückgezogen habe. Der Raum des Gesundheitsladens war überfüllt, die Gäste waren alle ruhig, geduldig, fast hatte ich das Gefühl in einem Konzert zu sein.
Aus psychiatrischer und juristischer Sicht wurden der Widerspruch der Selbstbestimmung des Psychiatrie-Erfahrenen und der psychiatrische Sorge, dass niemand zu schaden komme aufgezeigt.

Unruhig wurde ich, als Rechtsanwalt Dr. Rolf Marschner zur Einwilligungsfähigkeit psychiatrisch kranker Menschen sagte, die Entscheidung darüber, ob ein Mensch einwilligungsfähig sei hänge seit neuestem davon ab, ob er frei von einem akutem, psychotischen Geschehen sei. Bei unaufschiebbaren Behandlungsmaßnahmen dürfe auch körperliche Gewalt angewendet werden. Unterbringungen werden in Bayern meistens über das Betreuungsrecht abgewickelt.

2001 hat sich der Bundesgerichtshof entschieden, die einzige Möglichkeit zur Gewaltanwendung habe der amtliche Betreuer, indem er seinen Klienten stationär zu einer Zwangsbehandlung einweisen läst.

2006 kam der BGH zu einer anderen Entscheidung. Er stellte Kriterien fest die Ausnahmen ambulanten und stationären Zwangs möglich machen.

1.    Es bedarf einer klaren therapeutischen Indikation
2.    Der wahrscheinliche Verlauf der Krankheit ohne medikamentöse Behandlung muss abgewogen werden.
3.    Die traumatische Wirkung des Zwangs muss bedacht werden.

Da habe ich natürlich gleich wieder die Erinnerung in meinem Kopf, wie elend ich mich vor nahezu dreißig Jahren unter der Zwangsbehandlung im BKH – Haar fühlte und dass ich Jahrzehnte harter Aufarbeitungsarbeit bedurfte um wieder einigermaßen vertrauensvoll mit Menschen die in der Psychiatrie, arbeiten umgehen zu lernen.  Und ob es möglich ist, vorauszusagen, wie sich jemand entwickeln würde ohne die Behandlung mit Medikamenten, möchte ich bezweifeln.

Was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass es mir seitdem ich ohne Psychopharmaka leben kann, ein deutlich besseres Lebensgefühl habe, meine Ehe besser leben kann und meine Blutwerte nicht mehr beängstigend sind.

Frau Dr. med. Carola Burkhardt-Neumann sagte in ihrem Referat, dass es, weil die Kostenträger nur noch eine kurze Verweildauer bezahlen können, unmöglich sei, den Patienten eine Woche „umeinanderspinnen“ zu lassen, ehe man mit medikamentöser Behandlung beginne. Dabei gibt es doch in dem Haus in dem sie jahrelang arbeitete, im BKH- Haar eine Soteria Station. Für mich ist damit in Bayern die Gründung einer Selbsthilfegruppe mit Soteria Efekt  unmöglich geworden. Und seitdem ich begriffen habe, dass eine Zusammenarbeit mit verantwortlichen behandelnden Menschen in den psychiatrischen Einrichtungen nicht mehr möglich ist, frage ich mich, wie aus unserer Selbsthilfearbeit, Arbeit werden soll, die dazu beitragen kann, dass Zwang und Gewalt in der Psychiatrie weitgehend verhindert werden kann, wenn die Gesetzeslage sich immer mehr dahin verändert, dass es „ Rechtens“ ist, Menschen in Krisen Gewalt anzutun. 

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