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 Rundbrief
Ausgabe 1/2007
 Im Interesse der Angehörigen:

buckel

Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht? 
Von Dr. Reinhild Böhme

Natürlich machen sich Freunde und Angehörige Sorgen, wenn jemand schwer erkrankt oder bei einem Unfall ernsthaft verletzt wird. Es ist jedoch auffallend, wie schnell diese berechtigte und durchaus verständliche Sorge in „Fürsorge“ umschlägt, also in ein für-den-Betroffenen-sorgen-wollen oder, negativ ausgedrückt, in seine Bevormundung, wenn nicht eine somatische sondern eine seelische Erkrankung vorzuliegen scheint. So klagen Angehörige immer wieder darüber, dass sich die Ärzte in psychiatrischen Kliniken ausschließlich auf die Behandlung ihrer Patienten konzentrierten, ihre Sorgen und Befindlichkeiten aber (die der Angehörigen!) nicht oder nicht ausreichend beachteten. Auf Anregung von Angehörigen kamen nun „gemeinsame Erklärungen“ zwischen Angehörigen-Gruppen im BApK (Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker) und den psychiatrischen Kliniken in Haar (München) und Rostock  zustande, die die Stellung und den Einfluss von Angehörigen bei der Behandlung psychisch Kranker stärken sollen. Es ist zu erwarten, dass der Angehörigenverband mit weiteren Kliniken solche Vereinbarungen treffen will. Wir als Psychiatrie-Betroffene müssen also vor Ort aufmerksam sein und darauf achten, dass die Angehörigen nicht über unseren Kopf hinweg für uns schädliche Abmachungen treffen.

Die bisher ausgearbeiteten „gemeinsamen Erklärungen“ unterscheiden sich in der Form und in manchen Punkten auch inhaltlich. Das dürfte (auch) damit zu tun haben, dass an der Münchner Erklärung vom Oktober 2005 nur die „Aktionsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker in München“ (ApK München e.V.)  und das Klinikum in Haar beteiligt waren, während bei der Rostocker Erklärung vom September 2006 auch Betroffene einbezogen wurden.

Erklärung zu den fremdanamnestischen Angaben

Angehörige, so wird in der Münchner Erklärung vereinbart, sollen darüber aufgeklärt werden, dass ihre fremdanamnestischen Angaben für patientengerechte diagnostische und prognostische Einschätzungen sowie für eine optimierte Behandlung und nachstationäre Hilfeplanung verantwortungsvoll genutzt und in Arztbriefen verwendet werden können. Fremdanamnestische Angaben, so wird zugesagt, sollen in Arztbriefen ausdrücklich gekennzeichnet werden.

Diese Kennzeichnung von fremdanamnestische Angaben in Arztbriefen hilft den Betroffenen im Endeffekt wenig. Was über sie und ihr Verhalten im Arztbrief referiert wird, beeinflusst nämlich die diagnostischen und prognostischen Einschätzungen ihrer (angeblichen) Erkrankung unabhängig davon, wer die Informanten waren. Als Betroffener kann man die Erhebung der Fremdanamnese grundsätzlich negativ sehen, weil man sich angeschwärzt fühlt durch die Schnüffelei. Aber wenn sie schon  erhoben wird, dann sollten die Angaben wenigstens in etwa stimmen, also die Situation der Betroffenen und ihr Verhalten vor der Klinkeinweisung angemessen wiedergeben.

Fehler in den fremdanamnestischen Angaben können durch Kommunikationsfehler zwischen Angehörigen und Ärzten zustande kommen – z. B. weil die Angaben der Angehörigen sinnentstellt wiedergegeben oder in unzulässiger Weise verallgemeinert werden. Um solche Fehler zu vermeiden, müssten die Angehörigen nicht nur darüber informiert werden, dass ihre Angaben wesentlichen Einfluss auf die Diagnose und die weitere Behandlung des Betroffenen haben können. Sie müssten vielmehr erfahren, wie ihre Angaben von den Ärzten interpretiert und in welcher Form sie in die Akten aufgenommen und zur Beurteilung der Erkrankung des Betroffenen verwendet werden. Dafür müssten sie die entsprechenden Textpassagen in den Akten lesen und die Richtigkeit der Angaben in der verwendeten Form bestätigen. Das aber will die Klinik offensichtlicht nicht, soweit  will sie sich nicht in die Karten sehen lassen!

Fehler in fremdanamnestischen Angaben können auch auftreten als Folge von Kommunikationsfehlern zwischen Angehörigen und Betroffenen – weil Angehörige falsche Angaben machen aus Unwissenheit oder Unkenntnis über komplizierte Verhältnisse des Patienten, weil sie nicht zwischen ihren eigenen Wünschen und den Interessen der Betroffenen unterscheiden, oder vielleicht auch bewusst zu eigenem Vorteil. Diese Fehler sind nur zu eliminieren, indem man den Betroffenen Akteneinsicht gewährt. Meist aber erfahren diese von den Angaben der Angehörigen nichts, vielleicht nicht einmal, dass überhaupt Angaben von Dritten gemacht wurden, die wesentlich in ihre Diagnose eingehen. Aktenkenntnis über die Begründung für seine Diagnose ist also für den Patienten in möglichst frühem Stadium der Behandlung wichtig, damit eventuelle Fehler möglichst bald korrigiert werden. Ist erst einmal die Diagnose „psychisch krank“ gefällt, kann eine Revision wahrscheinlich nie mehr erreicht werden, auch nicht, wenn sie mit (offensichtlich) falschen Angaben begründet wurde.


Stärkung der Patientenrechte
In der Rostocker Erklärung werden auch Patientenrechte und „Grundlagen der Verständigung“ zwischen Ärzten und Patienten formuliert. Die Patientenrechte sollten zum Teil eine Selbstverständlichkeit sein, z. B. wenn es heißt, „der Patient hat ein Recht ..auf sorgfältige und qualifizierte Behandlung“. Manche Punkte erscheinen aber auch erfreulich, denn sie fördern Selbstverantwortung und Selbstständigkeit der Patienten, wenn sie entsprechend in den Klinik-Alltag umgesetzt werden (können) und fördern die Selbstheilungskräfte der Patienten. Außerdem wird die jährliche Durchführung einer Trialogkonferenz beschlossen, an der Vertreter aller Berufsgruppen der Klinik ebenso wie Angehörige und Betroffene teilnehmen sollen.

Gespräche mit den Angehörigen und Entbindung der Ärzte von der Schweigepflicht.
Der Hauptteil in Münchner und Rostocker Erklärung stimmen inhaltlich über:
Die Ärzte wollen die Angehörigen ihrer Patienten in die Behandlung miteinbeziehen und sie über deren Erkrankung, Behandlung, Prognosen usw. informieren. Dazu bieten die Ärzte den Angehörigen zwei Gespräche an, einmal zeitnah zur Einweisung des Patienten und einmal zeitnah zu seiner Entlassung. Die rechtliche Grundlage für solche Arztgespräche mit den Angehörigen soll geschaffen werden, indem man die Patienten um die Entbindung von der Schweigepflicht bittet und sie auf die Vorteile solcher Gespräche hinweist.
Ein solches Vorgehen der Ärzte ist sicher im Interesse der Angehörigen. Ob es auch im Interesse der Patienten liegt, scheint fraglich. Vielfach sind es doch Konflikte mit den Angehörigen, die Menschen in Krisen stürzen, die zu ihrer psychiatrischen Behandlung führen und dann scheint es wenig hilfreich, dass die Ärzte gerade zu den Auslösern der Konflikte direkte Kontakte aufnehmen und deren Aussagen zur Beurteilung der Situation verwenden. Der Vorstand des BPE hat daher einen Brief geschrieben an die Unterzeichner der Rostocker Erklärung (die Direktorin der Rostocker Psychiatrischen (Uni)Klinik und die Vorsitzenden des Angehörigenverbandes und des LPE M-V), in dem er seine Bedenken gegen diesen Teil der „gemeinsamen Erklärung“ geäußert. Er schrieb unter anderem: „Wenn immer wieder versucht wird, den Patienten eine Schweigepflichtsentbindung schmackhaft zu machen, besteht die Gefahr, dass die Patienten in der schon schwierigen Krankenhaussituation, in ihrer schlechten gesundheitlichen Verfassung und meist unter hoher Neuroleptika-Medikation nicht in der Lage sind, sich mit ihrer Meinung zu behaupten und z. B. aus Trägheit oder Bequemlichkeit nachgeben. Wenn sie dann im Nachhinein feststellen, wozu man ihnen eigentlich die Zustimmung abgerungen hat, sind sie möglicherweise stark verschreckt, wütend und in ihrem Vertrauen zur Klinik gestört. Der Teufelskreis der Konflikte mit der Umwelt beginnt von Neuem und die Lage des Patienten verschlechtert sich weiter. Es tritt damit möglicherweise das Gegenteil von dem ein, was erreicht werden sollte.“ Weiter bittet der Vorstand des BPE die Klinik, „ die betroffenen Menschen in dem Sinne erst zu nehmen, dass sie ihnen selbst die Entscheidungen überlassen, ob die Angehörigen zugelassen werden sollen oder nicht. Eine Schweigepflichtsentbindung darf nur dann als rechtsgültig angesehen werden, wenn sie ausdrücklich vom Patienten ausgesprochen und von ihm auch aus freien Stücken gewollt wird.“  
Frau Prof. Herpertz, die Chefin der Rostocker Psychiatrischen Klinik, stellt in ihrem Antwortschreiben an den BPE fest, dass sich die Ärzte in ihrer Klinik selbstverständlich ihrer Schweigepflicht bewusst wären (was könnten sie auch anderes sagen!), dann heißt es indem Brief weiter: „ wir halten es aber für sinnvoll, dem Patienten ... ein Angehörigengespräch ... anzubieten... Unserer Erfahrung nach wünschen die meisten Patienten die Einbeziehung ihrer Angehörigen, weil es häufig diejenigen sind, die das höchste Maß an Unterstützung anbieten ...“ Nach Erfahrung vieler Betroffener ist vor allem den Ärzten die Einbeziehung der Angehörigen wichtig, sowohl um für die Fremdanamnese von ihnen Informationen zu erhalten als auch um das Umfeld des Patienten in ihrem Sinne zu beeinflussen. Man hat nicht den Eindruck, dass die Ärzte mit demselben Einsatz zu erreichen versuchen, dass Patienten sich selbst z. B. mit ihrer Krankengeschichte oder den fremdanamnestischen Angaben auseinandersetzen und ihnen ggf. den Nutzen eigener Akteneinsicht schmackhaft machen, wenn sie nicht von sich aus darauf bestehen. Die Selbstständigkeit der Patienten wird damit wohl kaum gefördert. Vor besserer Information für die Angehörigen müsste immer zuerst eine bessere und vor allem auch vollständige Aufklärung der Betroffenen selbst stehen!

Quelle: Psychosoziale Umschau (Psychiatrie-Verlag) 2/06, 17-19; www.lichtblick-newsletter.de; www.lpemv.de

Rostocker Erlärung (pdf 39 KB)


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