zurück zur Übersicht

zurück zum Inhalt 1/07

 Rundbrief
Ausgabe 1/2007

 „Selbsthilfe als Chance“

Ein Bericht vom ersten Selbsthilfetag des LVPE Saar e.V.

hoburgAm 18. November 2006 fand der erste Selbsthilfetag des LVPE Saar statt. Insgesamt 30 Psychiatrie-Erfahrene (PE) fanden an diesem trüben Samstag den Weg in die neue Jugendherberge Hohenburg in Homburg, die ein freundliches und ultramodernes Ambiente für die Tagung bot. Zur Begrüßung am Vormittag hob Peter Weinmann vom LVPE-Vorstand die Bedeutung der PE-Selbsthilfeverbände, -gruppen und –projekte hervor. Sie stünden für einen freien Informations- und Erfahrungsaustausch über Psychiatrie, Psychopharmaka, ergänzende und alternative Behandlungs- und Heilmethoden, individuelle Wege zu seelischer Gesundheit. Im Anschluss referierte Ursula Zingler aus Baden-Württemberg über ihre eigene erfolgreiche Depressionsbewältigungsstrategien, ihre diesbezügliche Arbeit in der Selbsthilfebewegung und ihre dabei ambivalenten Erfahrungen mit so genannten Profis.
Nach einer längeren Mittagspause verteilten sich die Tagungsteilnehmer auf vier Arbeitsgruppen, die ihre Ergebnisse auf dem Abschlussplenum am Abend vorstellten.
In der von Ursula Zingler geleiteten Arbeitsgruppe (AG) „Selbsthilfe bei Depression“ wurde kontrovers über den Nutzen von Psychopharmaka/Antidepressiva diskutiert. Gegenüber einer intensiven Auseinandersetzung mit persönlichen Lebensproblemen, die auch Ärzte und Therapeuten gerne vermeiden, seien diese der einfachere Weg. Der selbstverantwortliche Umgang mit Medikamenten sei Ziel des Informationsaustauschs in Selbsthilfegruppen über deren Chancen und Risiken. Einige Lösungsstrategien gegen depressive Symptome wurden erarbeitet und vorgestellt, u. a. eigene Bedürfnisse und Grenzen erkennen und achten, sorgsam mit sich und der eigenen Gesundheit umgehen, gegenwartsorientiert leben, nein sagen lernen.

Constance Dollwet aus Morbach berichtete in der AG „Psychiatrie-Erfahrene in der Angehörigenrolle“, wie man bei der Betreuung enger Verwandter mit seelischen Problemen, auch mit eigenen Verwundungen konfrontiert wird. Sie schilderte mögliche positive Prozesse, die bei einer solchen Krisenbegleitung stattfinden können, wie das sich Aussöhnen mit der einer unglücklichen Kindheit, Jugend oder Ehe. Voraussetzung dabei sei die Aufarbeitung und Reflexion der eigenen Lebensgeschichte und die Unterstützung durch ein geeignetes Umfeld. Andere Gruppenteilnehmer erzählten von ihren sehr persönlichen Erfahrungen in Partnerschaften und Familie. Dieser begonnene Austausch soll in Seminarform im Saarbrücker Tageszentrum STaPE fortgesetzt werden.
Was Betroffene tun können, um Krisen im Vorfeld abzufangen, war Hauptthema der AG „Vorsorge und Selbsthilfe in seelischen Krisen“. Die Moderatorin Bärbel Zimmer aus Kirkel berichtete, dass es in der Gruppe dazu einen intensiven Erfahrungsaustausch gab, und die Teilnehmer sehr unterschiedliche Anliegen hatten. Man könne aus vorangegangenen Krisen lernen, dadurch zukünftig Frühwarnzeichen erkennen und darauf angemessen reagieren. Es wurde ein Fragebogen vorgestellt, anhand dessen ein individueller Vorsorgeplan erarbeitet werden könne. Interessierten wurde die Broschüre „Tipps du Tricks, um Ver-rücktheiten zu steuern“ des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener in die Hand gegeben. Angesprochen wurden zudem die Möglichkeiten, die schriftliche Behandlungsvereinbarungen („Behandlungsverfügungen“) mit psychiatrischen Kliniken und Vorsorgevollmachten bieten.
An der vierten Arbeitsgruppe, die der Berliner Reinhard Wojke leitete, nahmen 6 Psychiatrie-erfahrene Mütter und Väter teil, die nach der Kennenlernphase intensiv ihre Erfahrungsaustausch austauschten. Die Gruppe sprach sich gegen prophylaktische Unterstützung von Kindern Psychiatrie-Erfahrener aus, da diese meist auf Psychopharmaka hinausliefe. Kritisch äußerten sich Teilnehmende, dass das Zusammenziehen solcher Kinder in speziellen Gruppen an sich schon ausgrenzend sei. Es wurde aber auch von Einzelfällen berichtet, in denen solche Gruppen als hilfreich erschienen. Auch in dieser Gruppe wurde das Bedürfnis nach weiterem Austausch formuliert. Eine Teilnehmerin wies abschließend auf die neue saarlandweite Arbeitsgruppe „Hilfen für Kinder psychisch Kranker“ hin.

Zum Abschluss der Tagung zog Peter Weinmann für den Veranstalter ein positives Resume. Er bedankte sich besonders bei allen Referenten sowie bei der Peter Imandt Gesellschaft e.V., den gesetzlichen Krankenkassen im Saarland, der Arbeit und Kultur Saarland GmbH und dem saarländischen Ministerium für Justiz, Gesundheit und Soziales für die finanzielle Unterstützung dieses Selbsthilfetags. Seinen gebührenden Ausklang fand der gelungene Tag wahlweise bewegt auf der Tanzfläche der Abschlussdisco oder gemütlich im Bistro der Jugendherberge.

 
oben 

zurück zum Inhalt 1/07

zurück zur Übersicht