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Aus Platz Gründen konnten wir in der Druckausgabe
diesen Bericht nicht in voller Länge abdrucken. Hier nun
die ungekürtzte Aufbereitung des Artikels (Rdkt)
Soviel
Trialog war noch nie – sind wir nach Potsdam 2007 verstärkt auf
dem Weg zur Trialogischen Psychiatrie?
Subjektive Einblicke und Ausblicke vom 3. Gesamttreffen
der Psychoseseminare aus der Schweiz, Österreich, Liechtenstein,
Polen und Deutschland
Von Jürgen Bombosch
Psychoseseminare und Trialog-Foren auf Europakurs
Nach Bonn 1993 und Schwerin 2000 haben nun Peter Stolz, Professor
an der FH-Potsdam und PD Dr. Thomas Bock, Leiter der sozialpsychiatrischen
Ambulanz an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf - zwei ausgewiesene
"Väter" der Psychoseseminare in Deutschland - alle Psychoseseminar-Bewegten
zum interdisziplinären trialogischen Diskurs ins schöne brandenburgische
Potsdam eingeladen. Die zunächst auf Deutschland, Österreich
und die Schweiz ausgerichtete Einladung konnte, zur freudigen
Überraschung der mehr als 250 Teilnehmenden, durch Psychoseseminare
oder Trialog-Foren aus Liechtenstein und Polen erweitert und bereichert
werden. Damit war bereits ein erstes Highlight an den Anfang der
rundum gelungenen Tagung in Potsdam gesetzt - so das uneingeschränkt
positive Feedback des Abschlussplenums wie des Autors dieser Zeilen.
Damit befindet sich die Trialog-Bewegung erfolgreich auf erweitertem
Europakurs.
Die Trialog-Bewegung wird erwachsen
Nach der sehr sensiblen Begrüßung durch Margit Kwoka, Prorektorin
der FH Potsdam, die aus einem kurzen geschichtlichen Aufriss der
deutschen Psychiatrie heraus die Entwicklung zur Trialog-Kultur
- als gleichberechtigten Diskurs zwischen Psychiatrie-Erfahrenen,
Angehörigen und Professionellen auf gleicher Augenhöhe (vgl. hierzu
auch Bombosch u. a. 2004) – außerordentlich begrüßte und als beispielgebend
für eine demokratische Dialog-Kultur - auch für den Rest unserer
Gesellschaft - bewertete, trug Peter Stolz das per Fax eingegangene
Grußwort der inzwischen 90jährigen „Mutter“ aller Psychoseseminare,
Dorothea Buck, vor, die leider nicht persönlich nach Potsdam kommen
konnte, da gleichzeitig der langjährige Leiter des „Dorothea-Buck-Hauses“
in Bottrop verabschiedet wurde. Dorothea Buck machte in ihrem
Grußwort u. a. darauf aufmerksam, dass seit dem ersten Psychoseseminar
in Hamburg, 1989, das sie mit Thomas Bock entwickelt hatte, inzwischen
18 Jahre vergangen sind und die Bewegung der Psychoseseminare
damit „mündig“ geworden sei. Der aufbrandende Beifall, nach dem
Verlesen des Faxes, war von einem fast „ehrfürchtigen Raunen“
begleitet, als sei Dorothea Buck selber anwesend (oder war dies
nur ein Gefühl des Autors?).
Raum 4070
Was wie ein geheimer Code klingt, entpuppte sich als schlichte
Raumbezeichnung in der Fachhochschule Potsdam, die von Anfang
an - und dann während der gesamten zwei ereignisreichen Tage -
eine wichtige Rolle spielte. Denn hinter dieser schlichten Nummer
4070 verbirgt sich ein ganz besonderer Raum: Nämlich der, in dem
das Potsdamer-Psychoseseminar stattfindet. Das haben Jana Kalms
und Thorsten Strignitz in einem Dokumentarfilm festgehalten(vgl.
Strignitz/Kalms 2006).
Und dieser Doku-Film trägt den Namen: „Raum 4070“.
„Wir sind in einem Raum, in dem sich Menschen Erlebnisse erzählen,
die man sich eigentlich nicht erzählt. Es geht um Wahn-Sinn und
Ver-rücktheit, es geht um die Existenz, es geht um höllische Verzweiflung
und den Garten Eden, es geht um Angst und die Zerstörung von Beziehungen
...“; so erzählt dies der Werbetext des Psychiatrie-Verlags im
Internet und zieht damit alle Interessierten bereits ein Stück
in die Dokumentation hinein. Da aber schätzungsweise etwa die
Hälfte der Anwesenden den Film nicht kannte, schwebte er ein wenig
als „Mysterium“ über deren Häuptern, so oft er von Wissenden aus
dem Plenum oder vom Podium, als gelungenes repräsentatives Beispiel
für Psychoseseminare, angesprochen wurde. Einige der Uneingeweihten
verlangten sogar, dass über den Film ab sofort nicht mehr beispielgebend
gesprochen werden sollte; ich hätte mir eher gewünscht, den Film
zum Ausklang des ersten Tagungstages sehen zu können, um mir ein
eigenes Bild zu machen. Natürlich in Raum 4070! Also: Auf in die
Buchläden oder zum Psychiatrie-Verlag, es scheint sich zu lohnen.
Die wenigen, auf dem Büchertisch ausgelegten, Exemplare waren
im Handumdrehen vergriffen.
Wie die „Quadratur des Kreises“ in Potsdam
endlich möglich wurde
Was sich kühne WissenschaftlerInnen bekanntlich seit Jahrhunderten
wünschen, wurde in Potsdam durch Peter Stolz mal kurz in wenigen
Einführungsminuten festgelegt. Und das ging wörtlich so: „Bitte
stellen Sie sich vor, wir würden in einem großen kreisrunden
Raum sitzen und jeder kann jeden sehen“. Dieses schöne Phantasie-Bild
hatten nun alle Teilnehmenden in einem klassischen, rechteckigen
Hörsaal, mit entsprechenden Stufen, jeweils individuell für sich
umzusetzen. Und während ich noch im Stillen überlegte, ob ich
nun aufgrund dieses Spontan-Experimentes sauer sein sollte, da
es natürlich unmöglich war, dass sich weit mehr als 200 Menschen
im einem Hörsaal unmittelbar wahrnehmen, geschweige denn in die
Augen sehen konnten (gleiche Augenhöhe war schon allein physisch
nicht möglich), hatte der erste Trialog in der Großgruppe, wie
im Programm angekündigt, längst begonnen. Meine professionelle
Skepsis war damit schnell überflüssig geworden und löste sich
gleich in der trialogisch-entspannten Luft des großen Plenums
auf.
Erste beispielhafte Impulse von Psychiatrie-Erfahrenen
Welche Bedeutung haben Psychoseseminare in unserem Leben? Das
war die Einstiegsfrage für die Tagung, die Anja Henke, Lutz Zywicki,
Daniela Schmidt und Krister Volkmann vom Potsdamer Psychoseseminar
kompetent beantworteten. Lutz Zywicki, der schon lange am Potsdamer
Psychoseseminar (PPS) teilnimmt, erzählte, dass er für sich u.
a. als wesentlichen Erkenntnisgewinn mitnimmt: „Wer viel hineinträgt,
kann viel mitnehmen“; das PPS sei aber keinesfalls ein Kuschelkurs
für ihn und er erlebe immer wieder mit Erstaunen, wie unterschiedlich
die Wirklichkeitswelten der verschiedenen TeilnehmerInnen doch
seien und auf ihn wirkten, die letztlich zu seiner individuellen
Balance beitragen. Anja Henke hat seit 2001 mit der Psychiatrie
zu tun und gelangte über den Impuls aus einem Flyer im Wartezimmer
eines Psychiaters zum Potsdamer Psychoseseminar. Sie war zunächst
enttäuscht, da sie „etwas wissenschaftlich Fundiertes“ hören wollte
und fragte sich anfangs, was dies alles mit einem „Seminar“ zu
tun habe? Schon bald habe sie aber erkannt, dass im PPS viel mehr
(empirische) Wissenschaft produziert, als an manchen anderen
Orten, die als hochwissenschaftlich ausgewiesenen sind.
Für Daniela Schmidt ist das „Aufeinanderprallen“
unterschiedlichster Meinungen im Psychoseseminar ein besonderes
Erlebnis. Hier kann Sie zum ersten Mal anderen Eltern zuhören,
während das zu Hause, bei ihren eigenen Eltern, nur schwer oder
gar nicht geht. Krister Volkmann beschreibt, warum er nach Jahren
immer noch am Potsdamer Psychoseseminar teilnimmt, obwohl dies
für ihn nach wie vor nicht selbstverständlich sei. Er müsse auf
sich achten, eigene unkonventionelle Wege finden. Doch hier, im
PPS, sei er nicht alleine und habe viele Menschen mit für ihn
wertvollen Erfahrungen um sich. So könne er immer wieder eine
neue Balance für sich herausfinden zwischen Über- und Unterforderung.
Vom Erfahrungsschatz und Krisenschatz zur
Schatztruhe
Was sich in den ersten Impulsen der Psychiatrie-Erfahrenen aus
dem Potsdamer Psychoseseminar ankündigte, setzte sich in der Tiefe
und Breite aller möglichen Dimensionen und vielerlei Variationen
sowohl in den Trialogen der Großgruppen wie in denen der Kleingruppen
in Potsdam fort. Die bereits im Einladungs-Flyer gestellten Leit-Fragen:
- Was ist unsere Identität?
- Was bewirken Psychoseseminare im Lebensalltag, in Familien
oder im psychiatrischen Arbeitsfeld?
- Welche Grenzen tun sich auf?
- Gibt es unerwünschte Wirkungen?
- Welche Rhythmen, Regeln und äußere Rahmenbedingungen haben
sich bewährt?
- Welche praktischen, soziokulturellen und theoretischen Funktionen
können trialogische Formen der Psychoseseminare ausüben?
- Wie lassen sich Auseinandersetzungsformen in anderen Öffentlichkeitsbereichen
nutzen?
- Welche Chancen hat Streitkultur in Psychoseseminaren für
die Zukunft?
- Was sind unsere nächsten Ziele?
zogen sich durch die prallgefüllten zwei Potsdamer
Tagungstage und fanden viele differenzierte trialogische Antworten,
die im nachfolgenden Text noch an der einen oder anderen Stelle
beispielhaft vorgestellt werden.
Und der damit zusammenhängende bzw. aus diesem
Antworten-Füllhorn abzuleitende Begriff eines „Schatzes“, den
Thomas Bock und Peter Stolz bereits in ihren jeweiligen Impulsen
für’s Plenum herausgearbeitet hatte, war dann die gesetzte und
immer wieder verwendete Metapher in vielen Beiträgen des Plenum
und Podiums. Der große Schatz der Trialog-Kultur ist also das
seit 18 Jahren in Psychoseseminaren und Trialog-Foren entwickelte
und sich immer wieder weiterentwickelnde und durch die Zeit fortschreitende
Wissen, dass auf den inzwischen unendlich vielen Dialogen, Trialogen
und Multilogen zwischen Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und
Professionellen - sowie anderen Interessierten - basiert. Im Grunde
also eine jetzt schon unermessliche empirische Dimension, eine
riesige Schatztruhe voller Erfahrungswissen, die u. a. auch ganz
wesentlich mit Krisenerfahrungen (daher: Krisenschatz) der einzelnen
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Psychoseseminare und Trialog-Foren
gefüllt ist. Der entsprechend „kleinere“ Schatz ist der, den jeder
einzelne Teilnehmende an Psychoseseminaren und Trialog-Foren in
sich trägt und an dem sie und er andere teilhaben lässt. Das ist
wirkliche Partizipation!
„Geschichte, Alltag, Breite, Tiefe und Zukunft“
der Psychoseseminare und Trialog-Foren
Der so überschriebene fünffache Impuls von Thomas Bock am ersten
Tag, der für die anschließende Plenumsdiskussion von Peter Stolz
moderiert wurde (übrigens mit hervorragendem Gefühl für das
gerade Wichtige und Weiterführende; Glückwunsch, Peter Stolz!),
wirkte stark nach und löste in allen nachfolgenden trialogischen
Groß- und Kleingruppen entsprechende weiterführende Debatten und
Diskussionen aus, die sicherlich noch über die komplett mitgeschnittenen
Plenumsveranstaltungen und protokollierten Kleingruppenergebnisse
eine entsprechende Rundumwirkung entfalten- und weitere fruchtbare
Diskussionen zur zukünftigen Entwicklung der Trialog-Kultur ermöglichen
werden.
Zur Geschichte erinnerte
Thomas Bock an die erste Begegnung mit Dorothea Buck 1989 in Hamburg.
Ohne deren vehemente Forderung, als Psychiatrie-Erfahrene in einer
primär als Studentenseminar ausgewiesenen Veranstaltung ebenfalls
„interviewt“ werden zu wollen, wäre dieser erste bewußte und daher
historische Trialog, damit gleichermaßen die Geburtsstunde der
Psychoseseminare und der offiziellen Trialog-Kultur, wohl nicht
so ohne Weiteres, gerade zu dieser Zeit, zustande gekommen. Die
Begriffe „Trialog“ und „trialogische Psychiatrie“ sind ja bekanntlich
insbesondere seit dem XIV. Weltkongress für Soziale Psychiatrie
1994 in Hamburg einer internationalen Fachwelt bekannt geworden.
Auch dafür waren die Psychoseseminare konstitutiv. Denn das erste
Treffen der Psychoseseminare, 1993 in Bonn, diente ja bekanntlich
überwiegend der Vorbereitung des Weltkongresses 1994. Die „Sensation
von Hamburg“ bestand dann insbesondere darin, dass alle Foren
und Workshops des Weltkongresses 1994 in Hamburg trialogisch besetzt
wurden, da im Vorfeld gegenüber der „World Association of Social
Psychiatry“ durchgesetzt werden konnte: „Wir machen es entweder
trialogisch oder gar nicht (basta!)“. Nach Hamburg 1994 kam die
kreative Welle der Trialog-Kultur auch verstärkt in der Schweiz
und in Österreich an.
Auf den Alltag bezogen
erwähnte Thomas Bock, dass es inzwischen eine sehr große Themenpalette
im Hamburger-Psychoseseminar (HPS) gebe. Früher eher tabuisierte
Themenbereiche, wie beispielsweise „sexuelle Gewalt“, könnten
inzwischen auch im HPS offen besprochen- und bearbeitet werden.
Die Alltagstauglichkeit der Trialog-Kultur finde sich, so Bock
weiter, z. B. auch in dem inzwischen weitgehend etablierten sozial-psychiatrischen
Qualitätsstandard: „Verhandeln statt behandeln“ wieder ( vgl.
Finzen 1993). Hier hat die „Bielefelder Behandlungsvereinbarung“
(die natürlich konsequenterweise „Ver“-handlungsvereinbarung heißen
müsste) entsprechende Maßstäbe gesetzt. Sie ist ein Produkt des
Bielefelder Trialogs (vgl. www.psychiatrie-bielefeld.de).
Unter Breite beschrieb
Thomas Bock das Phänomen, dass Teilnehmende im HPS etwas von sich
erzählen, was sie in der Therapie nicht erzählen. Dies wurde
durch heftiges Kopfnicken oder murmelndes Bejahen von Teilnehmenden
in meiner Umgebung postwendend bestätigt. Dies entspricht Bocks
schon vor einiger Zeit herausgearbeiteten These einer „Therapie
ohne Absicht“; also dem durch die Psychoseseminare für Psychiatrie-Erfahrene
hervorgerufenen „positiven therapeutischen Effekt ohne therapeutisches
Setting und ohne verabredetes Therapieziel“. Ebenso können Angehörige
offensichtlich von fremden Psychiatrie-Erfahrenen eher als von
ihren betroffenen Familienmitgliedern lernen. Dies entspricht
Bocks ebenf. bekannter These von der „Familientherapie ohne Familie“.
Schließlich können die professionellen MitarbeiterInnen im Psychoseseminar
oder Trialog-Forum ja gleich den Luxus einer „dreifachen Supervision“
erleben (so Bocks bekannte dritte These; vgl. Bock u. a. 2000).
Zur Breite zählt T. Bock auch die gesamte Bewegung der Antistigmaarbeit,
die inzwischen weit über die Psychoseseminare oder Trialog-Foren
hinausgewachsen ist. Hier überzeugen genauso, wie in der Trialog-Kultur,
die authentischen Geschichten der anderen, die eindeutig „Experten
aus eigener Erfahrung“ sind. Inzwischen gibt es auch einen „Borderline-Trialog“,
der vom Verein der Angehörigen psychisch Kranker in Nürnberg
(ApK e.V.) getragen wird (vgl. www.borderlinetrialog.de).
Unter Tiefe versteht Thomas
Bock die Aufgabe jeder unzulässigen Vereinfachung, beispielsweise
bezogen auf Erklärungsmodelle für Psychosen. Er stellte u. a.
heraus, dass Psychotisch-Werden zum Wesen des Menschen gehört.
Hier spielen vielerlei anthropologische Aspekte eine Rolle: „Die
Genetik legt den Menschen nicht fest“ (so Bock unter Applaus weiter)
und „der Reduktionismus im Rahmen monokausaler Erklärungsmodelle
hat in der Psychiatrie der Zukunft keine Zukunft“. Hier muss der
Autor ein ganz subjektives und nicht ohne Weiteres definierbares
wohltuendes Kribbelgefühl eingestehen, dass ihm bei diesen Bockschen
Worten den Rücken hinunter lief. T. Bocks Buch: Eigensinn und
Psychose. Noncompliance als Chance (vgl. Bock 2006) passt hierzu
hervorragend als weiterführende Literaturempfehlung.
Für die Zukunft wünscht
sich Thomas Bock, dass sich die Trialog-Kultur weiter gesamtgesellschaftlich
verbreitet, verankert und implementiert; dass es mehr Initiativen
wie beispielsweise „Basta“, das Bündnis für psychisch erkrankte
Menschen in München, gibt (vgl. www.openthedoors.de); Projekte
wie „Irre menschlich“ in Hamburg (vgl. www.irremenschlich.de)
und „Irrsinnig menschlich Leibzig e. V.“ (vgl. www.irrsinnig-menschlich.de)
weitere Ableger bekommen; und neuere Projekte wie „Experienced
Involvement“ (vgl. www.ex-in.info/deutsch/)
ebenfalls weitere Verbreitung erfahren, damit zunehmend mehr Menschen
mit Psychiatrie-Erfahrung als DozentInnen und/oder MiarbeiterInnen
in psychiatrischen Bereichen tätig sein können. Ähnlich, wie es
für sogenannte „Ex-User“ in der Suchtkrankenhilfe schon seit
vielen Jahren der Fall ist. Nur mit dem wesentlichen Unterschied,
so die Anmerkung des Autors, dass es bei der Mitarbeit von Psychiatrie-Erfahrenen
ja keinesfalls um das Merkmal: „Ehemaliger Psychiatrie-Erfahrener“
geht. Da man nach dem Recovery-Konzept ja immer mal wieder erkranken-
und trotzdem primär gesund, erfolgreich und hoffnungsvoll leben
kann. Das hört sich möglicherweise paradox an, ist es aber nicht.
Diese Erkenntnis kommt einem spätestens dann, wenn man mit Menschen
mit Psychiatrie-Erfahrung spricht, die immer mal wieder Krankheitsphasen
erleben und trotzdem privat und beruflich ein für sie befriedigendes
Leben leben können.
Die wundersame Vermehrung der Professionellen
in Potsdam
Während Professionelle in den aktuell geschätzten rund 130 Psychoseseminaren
oder Trialog-Foren in Deutschland, Österreich und der Schweiz,
und, wie wir seit Potsdam wissen, auch in Polen und Liechtenstein,
bekanntlich eher Abwesende sind, waren von den Teilnehmenden beim
3. Gesamttreffen in Potsdam weit über ein Drittel Professionelle.
Das versetzte alle Anwesenden in Erstaunen. Besonders die Profis
selber. Wo liegt der Grund dafür? Dies war eine der Fragen, die
in den Kleingruppen bearbeitet wurden. In der Kleingruppe, die
ich moderiert habe und an der als prominente Protokollantin Ilse
Eichenbrenner, Sozialarbeiterin und Buchautorin aus Berlin, sowie
am zweiten Tag, Michaela Amering, Professorin und Psychiaterin
an der Universität Wien (vgl. „Recovery“, weiter unten), teilnahmen,
wurde u. a. argumentiert, dass Professionelle vermutlich eher
dann an Psychoseseminaren und Trialog-Foren teilnehmen, wenn
Sie für ihre Karriere etwas davon haben; also beispielsweise dafür
die entsprechenden Fortbildungspunkte der Ärzte- und Psychotherapeutenkammern
erhalten; als ein anderes Argument wurde auch die „Angst der Professionellen“
angesprochen, die Manfred Zaumseil zutreffend aufgrund einer empirischen
Untersuchung folgendermaßen dargestellt hat:
„Obwohl Psychoseseminare keine therapeutischen
Veranstaltungen darstellen, wird in ihnen durchaus zum Teil das
erreicht, was Therapeuten in ihren Bemühungen anstreben –nur anscheinend
auf anderem Wege. Hierin liegt möglicherweise das Provozierende
für viele Professionelle, die die Verbreitung von Psychoseseminaren
eher argwöhnisch beobachten. ... Zusätzlich werden Machtverhältnisse
in Frage gestellt und neu ausgehandelt“ (vgl. Zaumseil 1998/2000).
In einer aktuelleren Untersuchung zu diesem Kontext von Andreas
Becher und Manfred Zaumseil heißt es: „Die Widersprüchlichkeiten
und Unsicherheiten, die Professionelle [in Psychoseseminaren u.
Trialog-Foren; J.B.] aushalten müssen, um zu einem „menschlichen
Experten“ zu werden, sind jedoch vielfältig: Professionelle fungieren
als Blitzableiter für abwesende Kollegen, konkurrieren darum,
wer der bessere Profi ist, haben Angst, sich persönlich einzubringen,
da dies in anderem Kontext gegen sie verwendet werden könnte,
kommen in Konflikt mit der üblicherweise positiv konnotierten
„professionellen Distanz“ “ (vgl.Becher/Zaumseil 2004).
Ist der Trialog inzwischen als selbstverständliches
Kernprojekt akzeptiert?
Die spontane Antwort nach Potsdam kann nur lauten: In Insiderkreisen
allemal!
Eine lediglich kurze fragende Andeutung in der von mir moderierten
Kleingruppe, ob denn der nach wie vor „nicht definierte“ Begriff
des Trialogs (er steht in keinem Wörterbuch, ist aber selbstverständliche
Basis eines Psychoseseminars u. erzielt bei „Google“ mehr als
200.000 Treffer), der vermutlich eine Erfindung der sozialpsychiatrisch
geprägten Szene im Laufe der 1980er Jahre ist (Klaus Dörner hat
sich 2003 in einem Interview des Bayerischen Rundfunks als Erfinder
des Trialogs erklärt - vgl. Dörner 2003 - ), stieß nur auf Kopfschütteln,
da eine solche Frage im Kernprojekt der Trialog-Kultur, also den
Psychoseseminaren und Trialog-Foren, als Wiege des praktischen
Trialogs, folgerichtig auch nur auf Kopfschütteln auslösen kann.
Meine kritische Grundfrage zum „Trialog-Konzept“ lautet aber nach
wie vor:
Ist der „Trialog“ als beginnender Paradigmenwechsel einer sich
emanzipierenden Sozialpsychiatrie (und einer sich insgesamt demokratisierenden
Psychiatrie) zu verstehen, wodurch Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige
Partner der professionell Handelnden in einem gemeinsamen Entwicklungsprozess
werden, auf der Grundlage „Verhandeln statt behandeln“ (Finzen
1993). Oder geht es beim „Trialog“ möglicherweise nur oder erneut
um „Neue Kleider der Psychiatrie“ (Hartung 1980), die den
Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen psychisch kranker Menschen
eine partizipatorische Offenheit der professionell Handelnden
vorspiegeln „soll“, im Kern aber letztlich die Macht der Institutionen
und damit der professionell Handelnden stärkt?
Doch, bei aller Kritik, nach Potsdam 2007 bin
ich noch ein Stück sicherer, dass es mehr und mehr den ernst gemeinten,
partizipativen Trialog gibt, der sich auch zunehmend über die
Psychoseseminare und Trialog-Foren hinaus verbreitet (vgl. hierzu
auch bes. den nachfolgenden letzten Absatz dieses Beitrags).
Hierzu (wie zum gesamten Beitrag) wünscht sich der Autor eine
kritische Diskussion in den nächsten Ausgaben des BPE-Rundbriefs
und fordert dazu alle Interessierten auf; insbesondere diejenigen,
die bisher nicht besonders Trialog-bewegt sind!
Und – sind wir nun nach Potsdam 2007 verstärkt
auf dem Weg zur Trialogischen Psychiatrie?
Mit Potsdam haben wir Trialog-Bewegten sicherlich einen weiteren
Meilenstein erfolgreich hinter uns gelassen und blicken nun noch
ein Stück selbstsicherer, gestärkter und solidarischer nach vorne.
Doch schaut man sich aktuell die Landschaft der
gesamten Psychiatrie im europäischen Kontext und weltweit an,
so scheint diese doch noch eher durch die Mainstream-Psychiatrie
mit ihrem primär biologisch-medizinischen Modell und ihrer machtvollen
Struktur geprägt zu sein. Doch auch hier ist inzwischen von weit
mehr als einem schlichten Hoffnungsschimmer am entfernten Horizont
zu berichten! Zur Zeit schlägt dazu das Buch von Michaela Amering
und Margit Schmolke: „Recovery (Genesung). Das Ende der Unheilbarkeit“
hohe Wellen, die sich von mir aus gerne zu einem – in diesem Falle
für die Weiterentwicklung der Psychiatrie hilfreichen - Tsunami
entwickeln sollten. Der Rezension von Ilse Eichenbrenner in der
„Sozialen Psychiatrie“ 3/2007, die das Buch als einen „grandiosen
Brückenschlag“ bezeichnet, ist meinerseits nichts hinzu zu fügen.
Denn Amering und Schmolke ist es in der Tat gelungen, einen Brückenschlag
zwischen der Selbsthilfeszene sowie den Psychoseseminaren und
Trialog-Foren zum Weltverband für Psychiatrie, der „World Psychiatric
Association“ (WPA), zu ermöglichen (vgl. Amering u. Schmolke 2007).
Also: Lesen, lesen, lesen!
Aber zurück zur Ausgangsfrage dieses Abschnitts.
Meine Antwort lautet: Ja, wir sind nach Potsdam einen wesentlichen
Schritt weiter auf dem Weg zur „Trialogischen Psychiatrie“. Denn,
so meine These, inzwischen (und auf Dauer zunehmend) kommt weder
in Deutschland die einflussreiche und bekanntlich auch eher mainstream-orientierte
„Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde“
(DGPPN), noch der WPA, wie erwähnt, am Konzept der Trialog-Kultur
für eine zukunftsorientierte empirische Psychiatrie vorbei! Wir
sind also auf dem Weg! Doch zum weiteren Ausbau der Trialog-Kultur
ist durch die Psychoseseminare und Trialog-Foren noch viel Entwicklungsarbeit
zu leisten.
Hierzu wurden auch im Plenum und auf dem Podium
in Potsdam viele Fragen gestellt und beantwortet. Hier - zum Abschluss-
drei exemplarische Beispiele:
- Wie kann die Vernetzung der bestehenden Psychoseseminare
und Trialog-Foren europaweit besser vorangetrieben werden? Antwort:
Das könne auf Dauer nicht nebenbei geschehen, das müsse professionalisiert
werden. Dazu sollten vorhandene Dateien, wie z.B. vom Projekt
Uferstrasse, von Manfred Zaumseil in Berlin, wo bereits eine
Datenbank aufgebaut wurde, aber jetzt leider nicht weitergeführt
werden kann, weiterentwickelt werden. Hierzu gibt es – laut
Peter Stolz - bereits Gespräche mit dem Psychiatrie-Verlag,
wie dies zukünftig gestaltet werden könnte.
- Ist „Experience Involvement“ (Ex-In): Das aus dem europäischen
Programm „Leonardo da Vinci“ geförderte Projekt, durch das in
sechs europäischen Ländern Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung
zu DozentInnen oder MitarbeiterInnen für psychiatrische Projekte
ausgebildet werden, womit also der „Erfahrungsschatz“ der Psychiatrie-Erfahrenen
als Ausbildungsbasis Voraussetzung ist, ab sofort ein „Muss“
für alle Psychoseseminar- und Trialog-Bewegten? Antwort: Dies
sollte jeder mit Gelassenheit für sich entscheiden! Hier haben
auch die Angehörigen in Potsdam deutlich ihre Teilhabe eingeklagt.
Peter Stolz hat hier besonders für besonnene Zurückhaltung plädiert,
da seines Erachtens die Psychoseseminare und Trialog-Foren
noch lange nicht soweit konsolidiert sind, dass sich alle Teilnehmenden
(insb. Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige) gleich in die nächste
Herausforderung „stürzen“ könnten. Die Meinung des Autors zu
Ex-In lautet: Alle, die sich stark genug fühlen, mögen einen
Ex-In-Versuch machen; doch die bestehenden Psychoseseminare
und Trialog-Foren werden weiterhin wichtige Basiseinheiten bilden,
die solche Wege für Interessierte vorbereiten- und diese nach
möglichem „Fehlversuch“ wieder auffangen können; im Sinne der
angesprochenen Recovery-Philosophie wäre es aber eher schade,
einen Versuch aus Sicherheitsgründen unbedingt zu vermeiden;
und daher: Die Ex-In-Projekte sollten ein möglicher nächster
Schritt, aus dem Psychoseseminar heraus sein, mit dem Gefühl,
immer wieder „nach Hause“ zurückkehren zu können ...
- Soll die biblische Zeitdimension („Und du sollst zählen 7
Sabbatjahre, siebenmal sieben Jahre, dass die Zeit der sieben
Sabbatjahre neunundvierzig Jahre mache ...“ – vgl. 3. Mose 25,
8 -) des aktuellen „Alle-sieben-Jahre-Rhythmus“ für die bisherigen
Gesamttreffen der Psychoseseminare und Trialog-Foren beibehalten
werden? Die Antwort lautete deutlich: „Nein“; zukünftige Treffen
sollten alle zwei Jahre stattfinden. Für 2009 liegen bereits
konkurrierende Angebote aus Liechtenstein und Nürnberg vor.
Daher: Auf ein baldiges Wiedersehen im Süden! Doch vorher
lädt der Autor dieser Zeilen noch alle Interessierten ganz herzlich
als Moderator zur Jahrestagung der DGSP: „Europa ver-rückt die
Perspekti-ven!“, vom 1. – 3. November nach München, zum Forum
VII, am Freitag, 2. November 2007, von 9.00 – 12.00 Uhr, zum
Thema: „Trialog und Selbstorganisation von Betroffenen und Angehörigen“
ein.
Jürgen Bombosch
Diplom-Psychologe/Diplom-Soziologe
Geschäftsführer Sozialwesen Diakonisches Werk der Evangelischen
Kirche im Rheinland (DW EKiR)
Lenaustr. 41, 40470 Düsseldorf ; Telefon: 0211/6398-264 ; Telefax:
0211/6398-366 eMail: jbombosch@dw-rheinland.de
Literatur
Amering, Michaela u. Schmolke, Margit (2007): Recovery. Das Ende
der Unheilbarkeit. Bonn
Becher, Andreas u. Zaumseil, Manfred (2004): Professionelle im
Psychoseseminar – Erste For-schungsergebnisse. In: Bombosch, Jürgen/Hansen,
Hartwig/Blume, Jürgen [Hg.] (2004): Trialog praktisch. Psychiatrieerfahrene,
Angehörige und Professionelle gemeinsam auf dem Weg zur demokratischen
Psychiatrie, Neumünster; S. 62-72.
Bock, Thomas/Buck, Dorothea/Esterer, Ingeborg (2000): „Es ist
normal, verschieden zu sein“. Psychose-Seminare – Hilfen zum
Dialog. Psychosoziale Arbeitshilfen (10). 2., aktualisierte Auflage.
Bonn
Bock, Thomas (2006): Eigensinn und Psychose. Noncompliance als
Chance. Neumünster
Bombosch, Jürgen/Hansen, Hartwig/Blume, Jürgen [Hg.] (2004): Trialog
praktisch. Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Professionelle
gemeinsam auf dem Weg zur demokratischen Psychiatrie, Neumünster
Dörner, Klaus (2003): Familien und Patienten. Ein Interview mit
Professor Klaus Dörner von Monika Dollinger: www.br-online.de/umwelt-gesundheit/thema/angehoerige/audio.shtml
Finzen, Asmus (1993): Schizophrenie – die Krankheit verstehen.
Bonn
Raum 4070 (2006) Ein Dokumentarfilm von Jana Kalms und Torsten
Striegnitz und Psychosen verstehen (2005). Ein Lehrfilm aus dem
Psychoseseminar, Peter Stolz, 2 DVDs., Bonn
Zaumseil, Manfred (1998): Psychoseseminare – ein Puzzle theoretischer
Bausteine. In: Geislinger, Rose [HG.]: Experten in eigener Sache.
Psychiatrie, Selbsthilfe und Modelle der Teilhabe. S. 191-204.
München
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