zurück zur Übersicht

zurück zum Inhalt 3/07

 Rundbrief
Ausgabe 3/2007

Diese Opfer dürfen nicht vergessen werden!
Mahn- und Gedenkveranstaltung Gedenkplatte,
Tiergartenstr.4, Berlin 1.September 2007
Michael v. Cranach

Liebe Freunde,

Wir sind heute hier, an diesem symbolischen Platz zusammengekommen, um der Menschen zu gedenken, die in der Zeit des Nationalsozialismus gegen ihren Willen sterilisiert wurden sowie der Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leidend, aus eben diesem Grund ermordet wurden.
Erst spät und noch immer nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert, haben wir uns mit diesen grauenvollen Ereignissen unserer Vergangenheit beschäftigt. Bereits im Juli 1933 wurden das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs“ verabschiedet, auf dessen Grundlage in der Folgezeit ca. 400000 Menschen gegen ihren Willen sterilisiert wurden. Wohl Ende September 1939 unterschrieb Hitler, rückdatiert auf den 1. September 1939, also heute vor 68 Jahren, den so genannten Euthanasieerlass, in dem er Ärzte befugte, ihren Patienten den „Gnadentod“ zu gewähren. Fast 200000 Menschen, die sich in psychiatrischer Behandlung befanden, wurden im Reichsgebiet zwischen 1940 und 1945 von Ärzten ermordet und die Zahl der von SS und Wehrmacht in den besetzten Ländern Osteuropas gezielt getöteten psychisch kranken Menschen ist noch nicht definitiv ermittelt, sicher aber mindestens so hoch.
Wie gesagt, die Auseinandersetzung mit diesem Thema begann spät. Nachdem die Alliierten kurzfristig intensiv Recherchen anstellten, die ihren Niederschlag in den Nürnberger Ärzteprozesse mit der Verurteilung von 4 Hauptverantwortlichen im Jahre 1947 fanden, gerieten diese Ereignisse in Vergessenheit, oder besser gesagt wurden aktiv verdrängt, teilweise sogar verleugnet. Erst als in den 70er Jahren eine Reform der Psychiatrie begann, und eine neue Psychiatergeneration mit dem Elend der vernachlässigten psychiatrischen Anstalten konfrontiert wurde, in denen die Spuren dieser Vergangenheit noch allgegenwärtig waren, begann eine intensive und schmerzhafte Auseinandersetzung und Aufarbeitung dieser Ereignisse. Die Ziele dieser Aufarbeitung waren mannigfaltig: Das Setzen einer Zäsur, eines Zeichens, dass die heutige Psychiatrie ein anderes Menschenbild hat. Der Versuch zu verstehen, wie so viele, gut ausgebildete Ärzte, die Elite des Faches sozusagen, zu Mördern werden konnten. Dahinter steckt natürlich die unheimlichste aller Fragen: wie hätte ich damals gehandelt? Das wichtigste Ziel dieser Auseinandersetzung war und ist jedoch, die Opfer zu würdigen, sie aus der Vergessenheit zu holen, und das ist auch unser heutiges Ziel.

Um die Opfer zu würdigen muss man wissen was geschah, wie ihnen geschah. Man muss nicht nur die administrativen Abläufe der Tötungsaktionen schildern sondern auch konkret hinschauen wie jeder einzelne Mensch entwürdigt, verletzt und getötet wurde. Mitscherlich schrieb als Chronist der Nürnberger Ärzteprozesse: „Ihre Untaten waren von so ungezügelter und zugleich bürokratisch-sachlich organisierter Lieblosigkeit, Bosheit und Mordgier, dass niemand ohne tiefste Scham darüber zu lesen vermag“.
Da sicher nicht alle von Ihnen über Ablauf und Umfang des Geschehenen informiert sind, will ich es kurz zusammenfassen.
Nach Bekanntgabe des „ Euthanasieerlasses“ wird in der Tiergartenstrasse 4 eine Verwaltung aufgebaut, die das Tötungsprogramm, die Aktion T4, durchführen soll. Die Anstalten müssen für jeden Patienten einen einseitigen „Meldebogen“ nach Berlin schicken mit Angaben über Diagnose und Arbeitsfähigkeit. Eigens ernannte T4- Gutachter, die Elite der deutschen Psychiatrie, entscheiden an Hand der Bögen über das Schicksal des Patienten. In sechs Anstalten des Reichsgebietes werden Gaskammern eingerichtet, eine eigens gegründete Transportgesellschaft holt die ausgewählten Patienten von den einzelnen Anstalten ab. Unmittelbar nach der Ankunft in den Tötungsanstalten werden die Patienten noch einmal von einem Arzt gesehen, der jedoch lediglich ihre Identität überprüft, mit einem Stempel auf Schulter oder Arm nummeriert und in Gruppen in die Gaskammern geführt. Zeugen berichten, dass sowohl Mitarbeiter wie Patienten von ihrem Schicksal wussten. Vielerorts spielten sich fürchterliche Szenen bei der Abholung der Patienten ab, manche versuchten zu fliehen, was auch einigen gelang, viele schrieen und weinten, umarmten das Pflegepersonal, verlangten noch einmal beichten zu können. Im August 1941 wurde diese Aktion eingestellt nachdem 70273 Menschen getötet worden waren. Hintergrund waren zunehmende Proteste von Seiten der Bevölkerung. Die Tötungstechnologie wurde mitsamt Personal in die neu entstandenen Konzentrationslager verlegt, die Tötung psychisch kranker Menschen war eine Generalprobe für den Holocaust.
Das Töten ging jetzt in den Anstalten weiter. Manche führten eine Hungerkost ein, die so berechnet war, dass die Patienten nach einigen Monaten an den Folgen starben. In manchen Kliniken wurden Patienten direkt mit Morphium-Scopolamin Injektionen getötet. Menschenversuche, z. B. Erprobung neuer Tuberkuloseimpfungen, führten zum Tode von Patienten. An 21 Anstalten wurden „Kinderfachabteilungen“ eingerichtet und Kinder, hauptsächlich mit Intelligenzstörungen, mit Spritzen ermordet. In „Sammelstellen für Ostarbeiter“ wurden Zwangsarbeiter eingewiesen, die auch, falls sie nicht rasch wieder arbeitsfähig waren, ermordet wurden. Die Mehrzahl der jüdischen Patienten wurde in einer Sonderaktion in Brandenburg in Gaskammern getötet.
Die Aufzählung des äußeren Ablaufes der Tötung von ca. 200000 Menschen lässt nur das Grauen des Einzelschicksals erahnen. Anders als beim Holocaust können wir hier an Hand der vielen noch vorhandenen Krankengeschichten, die auch in dieser Zeit mit Akribie geführt wurden, nicht nur das Schicksal des Einzelnen nachzeichnen, sondern oft auch die Haltung der Angehörigen, sowie auch die persönliche Beziehung des Arztes, des Täters zu seinem Patienten, seinem Opfer, erkennen und erspüren.
Ernst Lossa ist am 1. November 1929 in Augsburg geboren. Seine Eltern waren Jenische, die als Restauratoren von Kirchenfiguren in den warmen Monaten des Jahres als Fahrende durch das Land reisten, von den Nationalsozialisten als “Zigeunermischlinge“ bezeichnet und verfolgt. Ernst´s Vater und Onkel wurden zunächst in Dachau interniert, der Vater starb später im KZ Flossenbürg. Ernst und seine beiden Schwestern kamen in ein Waisenhaus, mit neun Jahren wurde Ernst wegen seiner Aufsässigkeit in ein Erziehungsheim verlegt. Hier wurde er von einer Ärztin der Erbbiologischen Abteilung des Kaiser Wilhelm Instituts begutachtet und wegen seiner „asozialen Züge“ im April 1942 in die Kinderfachabteilung der Anstalt Kaufbeuren verlegt. Der Anstaltsleiter hatte Bedenken Ernst zu töten, da er nicht so krank war wie die anderen Patienten und außerdem von Pflegern und Schwester gemocht wurde wegen seines freundlichen und hilfsbereiten Wesens. Ernst bekam mit, wie in der Anstalt Menschen durch Spritzen getötet wurden und der Hungerkur ausgesetzt waren. Als Ernst mehrmals in die Vorratskammern der Krankenhausküche einbrach und an die hungernden Patienten Lebensmittel verteilte, bestand der Verwaltungsleiter auf seiner Tötung. Am 9. August 1944 wurde er mit einer Morphium- Scopolamin Injektion getötet. Er wusste, dass ihm dieses Schicksal bevorstand. Am Vortage gab er einem ihm freundlich gesinnten Pfleger ein Foto von sich mit der Aufschrift „zum Andenken“ und der Bitte ihn schön einzusargen. Vor wenigen Wochen hat seine Heimatstadt Augsburg eine Strasse nach ihm benannt.

Berta Weill wurde 1878 in Memmingen geboren als Tochter eines jüdischen Geschäftsmannes. Sie war intelligent und musikalisch, heiratete früh und bekam auch bald einen Sohn. Nach der Scheidung zog sie mit ihrem Sohn nach Hamburg und lebte dort ein sehr freies, ja bohemienhaftes Leben, was der Familie Sorge machte. Sie entwickelte Grössenideen, einen Liebeswahn, Kraepelin diagnostizierte eine manisch depressive Erkrankung. Es folgten mehre Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, die Familie holte sie schließlich wieder nach Hause .Hier spitzte sich die Situation derartig zu, dass sie 1930 in die Anstalt in Kaufbeuren eingewiesen wurde. Mit Beginn der Judenverfolgung wurde ihre Situation im Krankenhaus immer schlimmer. !938, musste sie ihren Schmuck abgeben, bekam kein koscheres Essen mehr, dass die Verwandten bis dahin finanziert hatten, sie musste ihr Radio abgeben, Juden war es nicht erlaubt ein solches zu besitzen, sie bekam den Vornahme Sara. Dem Grossteil ihrer Angehörigen war die Emigration gelungen, der Sohn schrieb ihr aus Spanien regelmäßig. Sie selbst schrieb verzweifelte Briefe mit dem Wunsch nach Palästina zu emigrieren, sie wurden nicht abgeschickt. Am 11.September 1940 wurde sie wie alle jüdischen Patientin in Bayerischen Anstalten nach Haar- Eglfing verlegt und am 20.September in einem Sammeltransport von 94 jüdischen Patientin nach Brandenburg gebracht und dort, unmittelbar nach der Ankunft in die Gaskammer geführt. Da die Verpflegungskosten für jüdische Patienten von den Angehörigen selbst bzw. aus einem Enteignungsfond bezahlt wurden, wurde die standesamtliche Todesurkunde erst 5 Monate später ausgestellt, so konnte die Tiergartenstrasse4 für diese Zeit weiter Geld kassieren.

Ich könnte die Geschichte von Maria Plemischenko erzählen, die als Zwangsarbeiterin aus der Ukraine mit ihrer Lebenssituation bei einem Bauern nicht mehr zurechtkam, eine Depression entwickelte, in die Klinik kam, und als sich herausstellte, dass sie nicht kurzfristig wieder arbeitsfähig sein würde, eine Todesspritze bekam.

Ich könnte auch die Geschichte von Richard Jene erzählen, 1941 in Ihringen bei Freiburg geboren, der in seiner Entwicklung sehr retardiert war und deshalb 1944 nach Kaufbeuren kam und am 19.Mai1945, 4 Wochen nach der Kapitulation!, in Steinwurfweite vom amerikanischen Hauptquartier entfernt, umgebracht wurde, wohl das letzte Opfer. Wir müssten viele solche Geschichten erzählen.
Wir müssten 200000 derartige Geschichten erzählen um die Opfer nicht als Zahl sondern als einzelne Menschen zu erkennen. Manche von uns meinen, dass die ärztliche Schweigepflicht dem entgegensteht. Ich bin dezidiert der Meinung, und deshalb nenne ich auch grundsätzlich die Namen, dass sie in erster Linie Opfer sind und dann erst Patienten. Beim Lesen von fast tausend Krankengeschichten bin ich auf keine einzige gestoßen, bei der ich Zweifel gehabt hätte, dass es dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen entsprochen hätte offenzulegen, dass sein Leiden und sein Tod ganz offiziell Folge einer verbrecherischen Handlung waren. Wir haben lange gebraucht, dies so eindeutig zu erkennen. Das Holocaust Museum in Washington baut eine Dokumentation aller Opfer des Holocaust auf, einschließlich der Euthanasieopfer. Wir sollten überlegen, ob wir die Krankengeschichten auch dort zur Einsicht der Weltöffentlichkeit zur Verfügung stellen sollten. Manche von uns haben das getan.
Für die Angehörigen ist das auch nicht immer leicht. Manche fürchten die damit verbundene vermeintliche Stigmatisierung, andere sind verunsichert durch die ambivalente Haltung ihrer Vorfahren in der damaligen Zeit. In Kaufbeuren fand ich einen Ordner mit über hundert Angehörigenbriefen aus der Zeit. Ein Teil bedankt sich bei dem Ärztlichen Direktor für die Lösung des Problems, viele, vielleicht die Mehrzahl, macht der Anstaltsleitung mutig Vorwürfe und Verzweiflung ist erkennbar. Es erfüllt mich mit Scham, wenn ich die Antwortschreiben auf die wenigen um Aufklärung bittenden Angehörigenbriefe lese, die nach 1945 die Klinik erreichen. Bis 1980 abweisende, bürokratische, verleugnende und Information vorenthaltende Schreiben. Als bekannt wurde, dass mit der Psychiatriereform die Psychiatrie sich auch dieser Problematik stellt, kamen mehr Briefe, zunächst ängstlich, unsicher, auch misstrauisch, oft auch mit erkennbaren Schuldgefühlen. Es ist unsere Aufgabe, die Angehörigen zu ermutigen und zu helfen, nach ihren Vorfahren zu recherchieren, die Orte ihres Leidens aufzusuchen. Einige haben für ihre Familien und die nächsten Generationen eindrucksvolle Dokumentationen über das Schicksal der ermordeten Angehörigen erstellt. Wir sollten Wege finden, und da spreche ich den Angehörigenverbänden eine besondere Verantwortung zu, dies in viel größerem Umfang zu tun, um den Verstorbenen einen besonderen Platz in der Familiengeschichte zu sichern. Hunderttausende von heutigen Bundesbürgern haben einen Verwandten durch das „Euthanasieprogramm“ verloren, sie sollten alle darüber informiert sein.
Die lokale Geschichtsschreibung hat sich kaum dieser Opfergruppe angenommen, die Benennung von Strassen oder sozialen Einrichtungen nach Opfern der Euthanasieaktion steht erst am Anfang, Stolpersteine, Lebensgeschichten in den Lokalzeitungen arbeiten gegen das Vergessen.
Leider hat die große Politik nicht viel wider das Vergessen und für die Anerkennung der Opferrolle getan. Der langwierige, mühsame und teils ambivalente und halbherzige Weg bis zur Anerkennung des Unrechts der verbrecherischen nationalsozialistischen Gesetze wie das Erbgesundheitsgesetz, die späten und kläglichen Entschädigungen für die zwangssterilisierten Menschen, die schwierigen Diskussionen um ein Mahnmal, all das zeigt, wie mühsam der Weg zu einer klaren, entschiedenen, vorurteilsfreien Einstellung ist.

Die Initiative zur heutigen Veranstaltung ging von den Psychiatrieerfahrenen aus. Ihr Anteil um die Weiterentwicklung einer menschenwürdigen Psychiatrie wird immer bedeutsamer und die Arbeit gegen das Vergessen liegt bei ihnen in besonders guten Händen. Wenn wir hier heute zusammenkommen, Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Professionelle, so ist das ein Zeichen unserer gemeinsamen Solidarität gegen das Vergessen. Man kann nichts wiedergutmachen. Ein merkwürdiges Wort, das sich in unsere Sprache eingeschlichen hat. Kinder glauben, dass man etwas wiedergutmachen, ungeschehen machen kann, wir Erwachsene nicht. Wir können uns aber, jeder aus seiner Sicht, empathisch in das Leid und Unrecht, das jedem Einzelnen zugefügt wurde, hineinversetzen, kämpfen wir dafür, dass uns dies gelingen möge.

oben 

zurück zum Inhalt 3/07