Was
hat die Psychiatriereform der letzten 32 Jahre gebracht?
Von Matthias
Seibt
„Ich betrachte das alles ganz anders als Sie.
Ich werde von Ihnen verkannt; aber es schadet mir nicht. Es ist
nur zu Ihrem Nachteil. Sie sind zu unerfahren, um das zu verstehen.
Aber es kommt wirklich auf Sie und Ihre Unerfahrenheit nicht an.
Das verändert die Einrichtung der Welt nicht. Die Einrichtung
der Welt wird überhaupt niemals durch Einsprüche verändert, von
wem auch immer sie kommen.
Übrigens kommen die Einsprüche nur von den Unerfahrenen, den Unehrerbietigen,
von denen, die nichts bedeuten.“ (Hans Henny Jahnn)
Reformiert wird die deutsche Psychiatrie schon
länger als seit 1975, genau genommen seit 1941. Damals wurde offiziell
die sogenannte Euthanasie abgeschafft, weil es Proteste in der
Bevölkerung gegeben hatte, die man vor dem bevorstehenden Überfall
auf die Sowjetunion beschwichtigen wollte. Die Machthaber fürchteten
sogar eine Destabilisierung ihres Regimes. Das zeigt, dass auch
unter einem Terrorregime der Einzelne Spielraum für Zivilcourage
hat. Viele Menschen haben damals Widerstand geleistet ohne dafür
erhebliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Im Zusammenhang mit der
offiziellen Beendung der Euthanasie ist z.B. die Rede des Kardinals
von Galen bekannter geworden, doch auch viele nicht prominente
Bürger haben dazu beigetragen, in dem sie Briefe schrieben und
nach dem Schicksal ihrer Angehörigen fragten.
Danach kamen 5 Jahre wilde “Euthanasie” bis nach
Kriegsende. Diese Phase der Psychiatriereform endete dann 1946/47.
Aus meiner Sicht ist die größte Reform, dass Menschen mit seelischen
oder sozialen Problemen nicht mehr absichtlich umgebracht werden.
Seit 1946/47 wird der Tod nur als “Neben”wirkung der Behandlung
in Kauf genommen, er ist kein Behandlungsziel mehr.
Weitere Reformen bis 1975 waren: Anfang der 50er
Jahre die Einführung der Neuroleptika, angeblich eine ganz tolle
Verbesserung; weiter ist zu nennen die Ausbreitung des Ende der
30er Jahre im faschistischen Italien entwickelten Elektroschocks
über die ganze Welt. Der wird in Deutschland übrigens sehr viel
seltener als in den angelsächsischen Ländern und Skandinavien
angewandt, weil unsere faschistische Vergangenheit hier hinderlich
ist. In Italien wird er meines Wissens gar nicht angewandt.
Die Anwendung der Lobotomie ging zurück, nachdem
man Hunderttausende von Menschen verstümmelt hatte. Auch die Zeit
von 1941 bis 1975 war also voller Reformen, die das Gesicht der
Psychiatrie stärker verändert haben, als die nach 1975 geschehenen.
Was führte nun 1975 zur Psychiatrie-Enquête? Es
gab massiven äußeren Druck auf das System Psychiatrie. Sehr viele
Journalisten haben in den 60er Jahren berichtet, wie menschenunwürdig
auch nach den bislang durchgeführten Reformen das System noch
ist.
Es gab einen anderen Zeitgeist, der Einfluss des
Hitlerfaschismus nahm ab, es wurden Menschen erwachsen, die nicht
mehr in diesem Wertesystem groß geworden waren. Diese Menschen
wollten daher auch nicht in Institutionen arbeiten, wo dieses
Wertesystem zu mindestens teilweise noch Gültigkeit hatte.
Es stand mehr Geld zur Verfügung. Man darf nicht
vergessen, wie viel reicher Deutschland von 1945 bis ins Jahr
2000 geworden ist, wie viel reicher es allein in den letzten 20
Jahren noch geworden ist. Das macht Menschlichkeit auch einfacher,
wenn Geld und andere Ressourcen vorhanden sind.
Das waren die äußeren Bedingungen und dann hat man
sich mit sehr viel Reformeifer ans Werk gemacht. Es hat viele
Menschen gegeben, die mit wirklichem Idealismus an diese Aufgabe
gingen, auch im System.
Wie sieht das jetzt aus, 32 Jahre später?
oben
Positiv ist:
Übergriffe in der Psychiatrie sind inzwischen Ausnahmen. Unmenschliche
Behandlung ist vor 32 Jahren auf vielen Stationen die Regel gewesen.
Zwang wurde an vielen Stellen durch Druck ersetzt.
Das ist sicherlich auch besser, natürlich macht das das ganze
System auch sehr viel reibungsloser und leichter ausbaubar.
Es ist menschlicher geworden in der Psychiatrie.
Viele Psychiatrie-Erfahrene, die die letzten 32 Jahre am eigenen
Leib mitbekommen haben, bestätigten mir das.
Das sind die drei meines Erachtens positiven
Punkte.
oben
Fragwürdig ist:
Die ambulante Versorgung wurde ausgebaut. Ein psychiatrisches
Netz hat sich über das Land gelegt. So etwas ist schön, wenn man
Hilfe sucht. Wenn man versucht diesem System Psychiatrie zu entkommen,
weil man sein Leben als normaler Mensch oder als Sonderling statt
als psychisch Kranker leben möchte, ist ein enges Netz nicht hilfreich.
Das ist eine sehr zweischneidige Sache, dieser Ausbau der ambulanten
Versorgung. Es gibt Untersuchungen, dass dort, wo viel ambulante
Versorgung ist auch viele Psychiatrieaufenthalte und Zwangseinweisungen
stattfinden. Es ist eben nicht so, dass die ambulante Versorgung
die stationäre Versorgung überflüssig macht, es ist vielmehr so,
dass die ambulanten Profis sich letztendlich auf das stationäre
System verlassen. Sei es, dass ihre Weisheit am Ende ist, sei
es dass sie die Zwangseinweisung selber provozieren. Beliebt ist
zum Beispiel, wenn jemand seine Medikamente nicht nimmt ... seine
Medikamente? ... na, die ihm aufgezwungenen jedenfalls ... und
der Betreuer stoppt deswegen die Auszahlung des von ihm verwalteten
Gelds. Das kommt oft vor.
In das System Psychiatrie sind andere Berufsgruppen
hinein gezogen worden: Psycholog/inn/en, Sozialarbeiter/innen,
Pädagog/inn/en. Dies geschah, ohne dass die Machtposition der
Psychiater/innen auch nur im Geringsten angetastet worden wäre.
Die Struktur ist jetzt so, dass die Menschen, die in der ambulanten
Versorgung arbeiten, sich vom stationären System häufig distanzieren
ohne es wirklich anzugreifen. Es gibt die gute Psychiatrie ambulant
mit Psychologen und Sozialarbeitern und die schlechte Psychiatrie
stationär, die die Psychiater machen. Sehr, sehr selten aber wird
öffentlich Stellung bezogen, wenn etwas mies ist am System.
oben
Negativ ist:
Immer mehr Menschen werden als psychisch krank bezeichnet, die
Psychiatrie ist eine richtige Wachstumsindustrie.
Es hat eine Explosion der Heimplätze gegeben.
Wenn wir zusammenrechnen, Psychiatriebetten plus Heimplätze, dann
haben wir heute mindestens die doppelte Zahl an stationär untergebrachten
Menschen wie 1975. Leider gibt es im Heimbereich keine genauen
Statistiken, wer hätte daran schon Interesse. Die Psychiatriebetten
werden jedes Jahr gezählt und ihre Verringerung als Indiz für
die stattgefundene Reform einer leicht zu belügenden Öffentlichkeit
präsentiert.
Es hat eine Explosion der Psychopharmaka-Verschreibung
gegeben, mindestens das Fünffache wie 1975 wird verschrieben.
Es hat seit 1990 mindestens eine Vervierfachung
der Betreuungen gegeben, das ist das Ergebnis dieses Teils der
Psychiatriereform.
Was für Versprechungen, nun werde alles besser,
es gebe keine Entmündigung mehr und blablabla, waren alle vor
dieser “Reform” gemacht worden. Geschenkt. Sogar dem Staat ist
es inzwischen zu teuer geworden (wenn eine/r nicht genügend eigenes
Geld hat, muss die Staatskasse für die “Betreuung” aufkommen),
so dass die Vergütungen der “Betreuer/innen” 1999 gesenkt und
2004 pauschaliert wurden.
Der Einfluss der Pharmaindustrie war 1975 groß,
mittlerweile ist er riesig. Viele Veranstaltungen der “Sozial”-
oder “Gemeinde”-Psychiatrie werden von Pharmageldern gesponsert.
Gutmeinende Leute haben mich schon angesprochen, wann unser Verband
denn endlich so weit wäre, von den Leuten, die unsere Gesundheit
schädigen und jedes Jahr den Tod Tausender verursachen, Geld anzunehmen.
Auch sehr negativ zu beurteilen ist, das verbesserte
Image der Psychiatrie im Jahr 2007. So sind nötige Reformen schwerer
zu bekommen als 1975, da ein öffentlicher Druck fehlt.
oben
Nun zu einigen konkreten Beispielen:
Ich komme aus Bochum bzw. Herne, wo es grob gesagt drei Psychiatrien
gibt. Das Marienhospital in Wanne-Eickel, das Martin-Luther-Krankenhaus
in Wattenscheid und das Bochumer Zentrum für Psychiatrie. Die
beiden erstgenannten könnte man als “gute Psychiatrien” bezeichnen,
wenn man diese Formulierung überhaupt gebrauchen will. Wenn ich
dort Leute aus meiner Selbsthilfegruppe besuche, habe ich den
Eindruck, daß das dortige Personal menschlich mit den ihm anvertrauten
Menschen umgeht.
Gleichwohl gibt es auch dort Geschichten, wo
jemand mit Neuroleptika behandelt wird und der Zustand verschlechtert
sich, z. B. der Mensch ist auf einmal ganz krumm und schief. Als
Besucher hört man erstaunt, dieser Person ginge es besser, sie
nerve nicht mehr so.
Gleichwohl gibt es auch dort Geschichten, wo
jemand mit Neuroleptika behandelt wird und der Zustand verschlechtert
sich, z. B. der Mensch ist auf einmal ganz krumm und schief. Als
Besucher hört man erstaunt, dieser Person ginge es besser, sie
nerve nicht mehr so.
Nun ein Beispiel aus dem Martin-Luther-Krankenhaus,
das ein Mann aus unserer Selbsthilfegruppe erlebte, der übrigens
von recht kräftiger Statur ist. Als er anfing die Station auseinander
zunehmen, sprach ihn der zuständige Arzt an: “Herr Müller, so
werden sie nicht gesund!” und überredete ihn anschließend, mehr
Neuroleptika zu nehmen.
Im Bochumer Zentrum für Psychiatrie läuft das
alles ganz anders ab. Dort wird man auch für ein freches Wort
ans Bett gefesselt. Die Sitzwache wird regelmäßig vergessen. Das
Zentrum hat einen so miserablen Ruf, dass mir alle ambulant arbeitenden
Profis, mit denen ich darüber gesprochen habe, meine eigene schlechte
Meinung über diesen Laden bestätigten. Sogar ein Landesrat fand
Worte des Bedauerns und sagte eine Konsequenz der angesprochenen
Angelegenheit sei, dass inzwischen auch die Chefpsychiater nur
noch Zeitverträge bekämen.
Dann stellt sich die Frage: Wenn alle Profis
bis hoch zum Landesrat dieser Ansicht sind, warum wird das dann
seit 15 Jahren nicht geändert? Es bringt doch nichts, daß man
diese Angelegenheit nur unter vier oder sechs Augen zugibt.
Außerdem, Bochum ist noch nicht das Schlimmste.
Düsseldorf-Grafenberg hat einen noch schlechteren Ruf. Ich fürchte
zu Recht. Ich vermute mal, dass die ambulanten Professionellen
in Düsseldorf und Umgebung sich ähnlich verhalten.
Das muss geändert werden. Sich in solchen Angelegenheiten
auf Privatgespräche unter vier bis sechs Augen beschränken, bringt
nichts. Vielleicht war ein solches Verhalten im Hitler-Faschismus
mutig, spätestens heute verdient es nur noch Verachtung.
Es fehlt der Wille, gegen schwarze Schafe in
den eigenen Reihen vorzugehen. Möglich ist es, das sieht man am
Umgang mit Reformern, als Beispiel nenne ich die Soteria-Station
in Gütersloh. Wenn man jemand loswerden will, dann schafft man
das. Schlechte Behandlung von Patient/inn/en ist offensichtlich
kein Grund, sich von Personal zu trennen. Neue Ideen und der Versuch
menschlichere Psychiatrie zu machen scheinen da für den eigenen
Job wesentlich gefährlicher zu sein.
Nun zum Umgang mit unseren “Sechs Forderungen
zum Anstaltsalltag”. Unter anderem hatten wir uns eine Stunde
Ausgang unter freiem Himmel (Hofgang) gewünscht. Dieses Recht
steht Straf- und Untersuchungshäftlingen laut Europäischer Menschenrechtskonvention
zu und wird auch im Strafvollzugsgesetz erwähnt. Daraufhin hat
der nordrhein-westfälische Angehörigenverband alle Psychiatrien
dieses Bundeslandes angeschrieben und mitgeteilt, er unterstütze
diese 6 Forderungen.
Eine nichtssagende Antwort von Herrn Dörner,
damals noch im Amt, kam. Das sei doch ein Gebot der Menschlichkeit.
Mehr gefreut hätte uns die Aussage: “Wir in Gütersloh machen das
so.” Die anderen Anstaltsleiter/innen haben es gar nicht für nötig
gehalten, dem Angehörigenverband zu antworten.
Bis heute steht eine Antwort der Bundesdirektorenkonferenz
aus. Sie ignorieren uns und unsere Wünsche.
Es sind wirklich kleine Forderungen: Wir wollen,
dass unser Faltblatt aufgehängt wird oder dass es eine Teeküche
(oder einen Teewagen) auf jeder Station gibt, damit man sich,
wie zu Hause auch, rund um die Uhr mit Essen und Trinken versorgen
kann. Zur Klarstellung: Wir wollen ja dort in diesen 6 Forderungen
gar keinen Verzicht auf Neuroleptika oder dass über die Risiken
der Behandlung aufgeklärt wird.
Aber nicht einmal diese Winzigkeiten wurden uns
zugestanden. Zwar haben wir diese Reaktion vorausgesehen, doch
hätten wir uns gern einmal getäuscht. Das wird, wenn überhaupt,
auch noch einige Jahre dauern, bis diese Selbstverständlichkeiten
umgesetzt sind.
Nun zu den Neuroleptika und den von diesen Substanzen
verursachten Schäden. Faustregel ist ein Todesfall auf 400 mit
Neuroleptika behandelte Menschen, dabei sind Selbsttötungen nicht
mitgezählt. Ich spreche hier von der reinen Neuroleptikawirkung.
Wem es angenehmer in den Ohren klingt, der kann hier gern von
Nebenwirkung sprechen.
Die das belegenden ärztlichen bzw. psychiatrischen
Untersuchungen findet man am einfachsten in Büchern wie “Der chemische
Knebel” oder “Schöne Neue Psychiatrie”.
Im Durchschnitt verliert ein dauerhaft psychiatrie-erfahrener
Mensch durch die tolle Versorgung 25 Jahre Lebenserwartung.
Unser Verband hat mittlerweile so ca. 1000 Mitglieder,
von denen in den letzten Jahren jährlich zwei bis fünf starben.
Von diesen Menschen war nur einer älter als 60. Allerdings hatte
er schon über 30 Jahre nichts mehr mit der Psychiatrie zu tun.
Medizin soll, so glaube ich zumindestens, die
Lebenserwartung erhöhen, nicht verringern. Na ja. Das ist auch
nicht weiter schlimm, nur eben sehr viele Professionelle haben
mir gegenüber unter vier oder sechs Augen zugegeben, dem sei so,
diese Leute würden wirklich früh sterben. Einige schränken das
dann ein und sagen, na ja, die rauchen auch sehr stark und trinken
viel Kaffee.
Das ist nicht gut, dass darüber nicht diskutiert
wird und überlegt wird, wie schafft man das denn, dass diese Lebenserwartung
von psychiatrisierten Menschen steigt. Zur Zeit wird man als Frau
etwa 80 Jahre und als Mann sechs, sieben Jahre weniger alt. Das
was die Psychiatrie bewirkt, ist kein medizinischer Erfolg.
Ich hab dann mal ins Statistische Jahrbuch reingeschaut,
einen Artikel betitelt “Wissenswertes” draus gemacht. Das ist
einige Jahre her, da hab ich es nicht mal geschafft, dass er in
der Psychosozialen Umschau abgedruckt wurde. Herr Schwendy hat
sich da auch verdient gemacht, dass das nicht geschah. In der
Süddeutschen krieg ich so etwas natürlich erst recht nicht veröffentlicht,
aber demnächst vielleicht in irgendeiner weiteren Psychiatrie-Zeitung.
Vor kurzer Zeit sind die atypischen Neuroleptika
auf breiter Front eingeführt worden. Von professioneller Seite
kein Funken Kritik, besinnungsloser Jubel, jetzt kommen die Neuroleptika,
die nicht schädlich sind. Inzwischen, nur 10 bis 15 Jahre später,
wissen wir es besser. Die Atypika sind keinen Deut besser!
Roxiam ist vom Markt wegen zahlreicher eindeutig
zuordenbarer Todesfälle. Wenn da jemand zu Tode kommt, ist das
ja selten ein Problem. Meistens nehmen die Leute ja vier oder
fünf verschiedene Psychopharmaka. Wenn dann aber 50 Leute tot
sind, die alle Herzversagen hatten und z.B. alle ein bestimmtes
Neuroleptikum genommen haben, dann muss das eben vom Markt. Aber
erst dann, wenn es dermaßen eindeutig ist.
Auch Serdolect, beworben als die Rose ohne Dornen,
ist vom Markt. Das steht selbstverständlich in den Psychiatrie-Zeitungen
nicht so, dass das passiert ist. Man muss richtig rudern, um an
diese Informationen zu kommen. Das ist nicht in Ordnung. So etwas
muss offen diskutiert werden und dann hätte man auch besser einschätzen
können, ob Zyprexa und Solian die Wundermittel waren, als die
sie angepriesen wurden.
oben
Was ist denn nun zu tun?
Ich denke das Sinnvollste wäre für alle Menschen mit sozialen
oder seelischen Problemen kein Geld mehr in das System Psychiatrie
zu stecken, die Mittel drastisch zu beschneiden. Das trifft natürlich
die Interessen der sogenannten Profis (Verbrecher wäre richtiger),
diese leben davon, dass es Psychiatrie gibt. Die arbeiten dort,
die halten das deswegen auch für sinnvoll, was da passiert.
So groß ist auch unser Einfluss auf die Politik
nicht, als das wir das schaffen würden. Die Lobbyarbeit, die die
Verbrecher machen, ist mindestens 100-mal stärker. Was bleibt
ist Stärkung der Selbsthilfe und langsame Schaffung von Nutzerkontrolle
in der Psychiatrie. Beides kostet Geld. Eine ehrenamtliche Beschwerdestelle
ist eine schöne, feine Sache. Wie man sieht, gibt es so etwas
nicht oft und wenn, ist es nicht effizient.
Viele Menschen in unseren Reihen sind nicht sehr
fit, sie bekommen Sozialhilfe oder Erwerbsunfähigkeitsrente. Das
bekämen sie nicht, wenn sie arbeiten könnten. Die Fitteren müssen
sich irgendwie ihr Geld verdienen und haben keine Zeit für ehrenamtliche
Beschwerdestellen.
Falls das System geändert werden kann, dann nur
von den Menschen, denen es nicht gefällt. Diesen Menschen muss
man, wenn man Reformen wünscht, Macht einräumen. Das ist ganz
klar.
Von einer paritätischen Besetzung (Erfahrene,
Angehörige, Bürgerhelfer, Profis) z.B. des Landschaftsverbands,
davon sind wir noch mindestens 40 Jahre entfernt. So eine Idee
ist angesichts der Wirklichkeit völlig lächerlich. Nett wäre z.B.
wenn erstmal die Leute die für den Landschaftsverband Rheinland
die Psychiatrien kontrollieren sollen etwas mehr Aufwandsentschädigung
bekommen oder sogar eine viertel Stelle für diese Aufgabe. Für
ein Butterbrot bekommt man auch keine vernünftige Kontrolle. Sie
können auch bei uns im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener Fördermitglied
werden für mindestens 60,-€ jährlich, dann bekommen sie unseren
Rundbrief. Trägt ein bisschen dazu bei, dass wir mit den wenigen
Mitteln, die wir haben, ein bisschen im System eingreifen. Unser
Einfluss ist verschwindend gering.
Die Selbstorganisation der Psychiatrie-Erfahrenen
ist übrigens nichts Neues. Auch im Deutschen Reich des letzten
Jahrhunderts gab es eine Irrenrechts-Reformbewegung. Deren Zeitung,
die Irrenrechtsreform hatte zu Spitzenzeiten 10.000 Auflage, unser
Rundbrief hat jetzt 1.200 Auflage. 80 Millionen Einwohner hatte
Deutschland damals auch. Psychiatrie war offenbar schon vor den
Nazis keine gute Sache.
Wie kommt es denn nun, dass viele Menschen, die
doch guten Willens an diese Sache Psychiatrie herangehen sich
an so einer schlechten Sache beteiligen. Ich meine dass sie schlecht
ist. Zu erklären ist, warum all die Leute voll guten Willens so
etwas Schlechtes machen. Das steht noch aus.
Sie kennen ja sicherlich das Milgram-Experiment.
Das ist dieses Experiment, wo eine Person von der Straße aufgelesen
wird. Der wird gesagt, wir machen hier ein wissenschaftliches
Experiment. Wir haben hier einen Schüler, der muss was lernen
und sie sind der Lehrer. Macht der Schüler etwas verkehrt, bestrafen
sie ihn mit einem Stromstoß. Das passiert dann auch so, der Schüler
muss eine Aufgabe lösen, macht dabei einen Fehler und der Lehrer,
irgendeine normale von der Straße aufgelesene Person, verabreicht
den Stromstoß. Die Stromstöße werden im Verlauf des Experiments
immer höher, der Schüler schreit dann auch, was natürlich gespielt
ist, ab dem Lehrer ist das ja nicht bekannt.
Eine erschreckend hohe Anzahl von Menschen folgt
als Lehrer den Anweisungen des Versuchsleiters. Es reicht aus,
dass da eine Autorität ist, ein Wissenschaftler, das Labor ist
noch nicht einmal besonders schick eingerichtet. Aber die Leute
machen das mit. Ca. 70% gehorchen bis hin zu lebensgefährlichen
Stromstößen oder bis zum Tod des Schülers. Dieser Versuchsleiter,
dieser Wissenschaftler hat überhaupt keine Macht über die von
der Straße geholten Versuchspersonen. Es ist den Versuchspersonen
klar, dass das Experiment nach einer Stunde beendet ist. Der Versuchsleiter
kann die Versuchsperson nicht entlassen, er kann sie nicht ins
Gefängnis bringen, er bedroht die Versuchsperson nicht mit der
Waffe. Alles was diese Autorität macht und was ausreicht, dass
die Versuchsperson weitermacht, ist zu sagen: “Es ist wichtig,
dass sie weitermachen.” Wenn bei der Versuchsperson Zweifel aufkamen,
dann wurde in der Regel dieser Satz geäußert: “Es ist wichtig,
dass sie weitermachen.” “Aber der schreit doch!” “Es ist wichtig,
dass sie weitermachen.” Mehr war nicht nötig.
Ich denke, es ist wichtig, dass die Psychiatrie
nicht weitermacht.
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