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 Rundbrief
Ausgabe 3/2007

Was hat die Psychiatriereform der letzten 32 Jahre gebracht?
Von Matthias Seibt


Gliederung

  Positiv ist:    konkrete Beispiele
  Fragwürdig ist:   
  Negativ ist:   Was ist denn nun zu tun?

 

„Ich betrachte das alles ganz anders als Sie. Ich werde von Ihnen verkannt; aber es schadet mir nicht. Es ist nur zu Ihrem Nachteil. Sie sind zu unerfahren, um das zu verstehen. Aber es kommt wirklich auf Sie und Ihre Unerfahrenheit nicht an. Das verändert die Einrichtung der Welt nicht. Die Einrichtung der Welt wird überhaupt niemals durch Einsprüche verändert, von wem auch immer sie kommen.
Übrigens kommen die Einsprüche nur von den Unerfahrenen, den Unehrerbietigen, von denen, die nichts bedeuten.“
(Hans Henny Jahnn)

Reformiert wird die deutsche Psychiatrie schon länger als seit 1975, genau genommen seit 1941. Damals wurde offiziell die sogenannte Euthanasie abgeschafft, weil es Proteste in der Bevölkerung gegeben hatte, die man vor dem bevorstehenden Überfall auf die Sowjetunion beschwichtigen wollte. Die Machthaber fürchteten sogar eine Destabilisierung ihres Regimes. Das zeigt, dass auch unter einem Terrorregime der Einzelne Spielraum für Zivilcourage hat. Viele Menschen haben damals Widerstand geleistet ohne dafür erhebliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Im Zusammenhang mit der offiziellen Beendung der Euthanasie ist z.B. die Rede des Kardinals von Galen bekannter geworden, doch auch viele nicht prominente Bürger haben dazu beigetragen, in dem sie Briefe schrieben und nach dem Schicksal ihrer Angehörigen fragten.

Danach kamen 5 Jahre wilde “Euthanasie” bis nach Kriegsende. Diese Phase der Psychiatriereform endete dann 1946/47. Aus meiner Sicht ist die größte Reform, dass Menschen mit seelischen oder sozialen Problemen nicht mehr absichtlich umgebracht werden. Seit 1946/47 wird der Tod nur als “Neben”wirkung der Behandlung in Kauf genommen, er ist kein Behandlungsziel mehr.

Weitere Reformen bis 1975 waren: Anfang der 50er Jahre die Einführung der Neuroleptika, angeblich eine ganz tolle Verbesserung; weiter ist zu nennen die Ausbreitung des Ende der 30er Jahre im faschistischen Italien entwickelten Elektroschocks über die ganze Welt. Der wird in Deutschland übrigens sehr viel seltener als in den angelsächsischen Ländern und Skandinavien angewandt, weil unsere faschistische Vergangenheit hier hinderlich ist. In Italien wird er meines Wissens gar nicht angewandt.

Die Anwendung der Lobotomie ging zurück, nachdem man Hunderttausende von Menschen verstümmelt hatte. Auch die Zeit von 1941 bis 1975 war also voller Reformen, die das Gesicht der Psychiatrie stärker verändert haben, als die nach 1975 geschehenen.

Was führte nun 1975 zur Psychiatrie-Enquête? Es gab massiven äußeren Druck auf das System Psychiatrie. Sehr viele Journalisten haben in den 60er Jahren berichtet, wie menschenunwürdig auch nach den bislang durchgeführten Reformen das System noch ist.

Es gab einen anderen Zeitgeist, der Einfluss des Hitlerfaschismus nahm ab, es wurden Menschen erwachsen, die nicht mehr in diesem Wertesystem groß geworden waren. Diese Menschen wollten daher auch nicht in Institutionen arbeiten, wo dieses Wertesystem zu mindestens teilweise noch Gültigkeit hatte.

Es stand mehr Geld zur Verfügung. Man darf nicht vergessen, wie viel reicher Deutschland von 1945 bis ins Jahr 2000 geworden ist, wie viel reicher es allein in den letzten 20 Jahren noch geworden ist. Das macht Menschlichkeit auch einfacher, wenn Geld und andere Ressourcen vorhanden sind.

Das waren die äußeren Bedingungen und dann hat man sich mit sehr viel Reformeifer ans Werk gemacht. Es hat viele Menschen gegeben, die mit wirklichem Idealismus an diese Aufgabe gingen, auch im System.

Wie sieht das jetzt aus, 32 Jahre später?
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Positiv ist:
Übergriffe in der Psychiatrie sind inzwischen Ausnahmen. Unmenschliche Behandlung ist vor 32 Jahren auf vielen Stationen die Regel gewesen.

Zwang wurde an vielen Stellen durch Druck ersetzt. Das ist sicherlich auch besser, natürlich macht das das ganze System auch sehr viel reibungsloser und leichter ausbaubar.

Es ist menschlicher geworden in der Psychiatrie. Viele Psychiatrie-Erfahrene, die die letzten 32 Jahre am eigenen Leib mitbekommen haben, bestätigten mir das.

Das sind die drei meines Erachtens positiven Punkte.
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Fragwürdig ist:
Die ambulante Versorgung wurde ausgebaut. Ein psychiatrisches Netz hat sich über das Land gelegt. So etwas ist schön, wenn man Hilfe sucht. Wenn man versucht diesem System Psychiatrie zu entkommen, weil man sein Leben als normaler Mensch oder als Sonderling statt als psychisch Kranker leben möchte, ist ein enges Netz nicht hilfreich. Das ist eine sehr zweischneidige Sache, dieser Ausbau der ambulanten Versorgung. Es gibt Untersuchungen, dass dort, wo viel ambulante Versorgung ist auch viele Psychiatrieaufenthalte und Zwangseinweisungen stattfinden. Es ist eben nicht so, dass die ambulante Versorgung die stationäre Versorgung überflüssig macht, es ist vielmehr so, dass die ambulanten Profis sich letztendlich auf das stationäre System verlassen. Sei es, dass ihre Weisheit am Ende ist, sei es dass sie die Zwangseinweisung selber provozieren. Beliebt ist zum Beispiel, wenn jemand seine Medikamente nicht nimmt ... seine Medikamente? ... na, die ihm aufgezwungenen jedenfalls ... und der Betreuer stoppt deswegen die Auszahlung des von ihm verwalteten Gelds. Das kommt oft vor.

In das System Psychiatrie sind andere Berufsgruppen hinein gezogen worden: Psycholog/inn/en, Sozialarbeiter/innen, Pädagog/inn/en. Dies geschah, ohne dass die Machtposition der Psychiater/innen auch nur im Geringsten angetastet worden wäre. Die Struktur ist jetzt so, dass die Menschen, die in der ambulanten Versorgung arbeiten, sich vom stationären System häufig distanzieren ohne es wirklich anzugreifen. Es gibt die gute Psychiatrie ambulant mit Psychologen und Sozialarbeitern und die schlechte Psychiatrie stationär, die die Psychiater machen. Sehr, sehr selten aber wird öffentlich Stellung bezogen, wenn etwas mies ist am System.
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Negativ ist:
Immer mehr Menschen werden als psychisch krank bezeichnet, die Psychiatrie ist eine richtige Wachstumsindustrie.

Es hat eine Explosion der Heimplätze gegeben. Wenn wir zusammenrechnen, Psychiatriebetten plus Heimplätze, dann haben wir heute mindestens die doppelte Zahl an stationär untergebrachten Menschen wie 1975. Leider gibt es im Heimbereich keine genauen Statistiken, wer hätte daran schon Interesse. Die Psychiatriebetten werden jedes Jahr gezählt und ihre Verringerung als Indiz für die stattgefundene Reform einer leicht zu belügenden Öffentlichkeit präsentiert.

Es hat eine Explosion der Psychopharmaka-Verschreibung gegeben, mindestens das Fünffache wie 1975 wird verschrieben.

Es hat seit 1990 mindestens eine Vervierfachung der Betreuungen gegeben, das ist das Ergebnis dieses Teils der Psychiatriereform.

Was für Versprechungen, nun werde alles besser, es gebe keine Entmündigung mehr und blablabla, waren alle vor dieser “Reform” gemacht worden. Geschenkt. Sogar dem Staat ist es inzwischen zu teuer geworden (wenn eine/r nicht genügend eigenes Geld hat, muss die Staatskasse für die “Betreuung” aufkommen), so dass die Vergütungen der “Betreuer/innen” 1999 gesenkt und 2004 pauschaliert wurden.

Der Einfluss der Pharmaindustrie war 1975 groß, mittlerweile ist er riesig. Viele Veranstaltungen der “Sozial”- oder “Gemeinde”-Psychiatrie werden von Pharmageldern gesponsert. Gutmeinende Leute haben mich schon angesprochen, wann unser Verband denn endlich so weit wäre, von den Leuten, die unsere Gesundheit schädigen und jedes Jahr den Tod Tausender verursachen, Geld anzunehmen.

Auch sehr negativ zu beurteilen ist, das verbesserte Image der Psychiatrie im Jahr 2007. So sind nötige Reformen schwerer zu bekommen als 1975, da ein öffentlicher Druck fehlt.
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Nun zu einigen konkreten Beispielen:
Ich komme aus Bochum bzw. Herne, wo es grob gesagt drei Psychiatrien gibt. Das Marienhospital in Wanne-Eickel, das Martin-Luther-Krankenhaus in Wattenscheid und das Bochumer Zentrum für Psychiatrie. Die beiden erstgenannten könnte man als “gute Psychiatrien” bezeichnen, wenn man diese Formulierung überhaupt gebrauchen will. Wenn ich dort Leute aus meiner Selbsthilfegruppe besuche, habe ich den Eindruck, daß das dortige Personal menschlich mit den ihm anvertrauten Menschen umgeht.

Gleichwohl gibt es auch dort Geschichten, wo jemand mit Neuroleptika behandelt wird und der Zustand verschlechtert sich, z. B. der Mensch ist auf einmal ganz krumm und schief. Als Besucher hört man erstaunt, dieser Person ginge es besser, sie nerve nicht mehr so.

Gleichwohl gibt es auch dort Geschichten, wo jemand mit Neuroleptika behandelt wird und der Zustand verschlechtert sich, z. B. der Mensch ist auf einmal ganz krumm und schief. Als Besucher hört man erstaunt, dieser Person ginge es besser, sie nerve nicht mehr so.

Nun ein Beispiel aus dem Martin-Luther-Krankenhaus, das ein Mann aus unserer Selbsthilfegruppe erlebte, der übrigens von recht kräftiger Statur ist. Als er anfing die Station auseinander zunehmen, sprach ihn der zuständige Arzt an: “Herr Müller, so werden sie nicht gesund!” und überredete ihn anschließend, mehr Neuroleptika zu nehmen.

Im Bochumer Zentrum für Psychiatrie läuft das alles ganz anders ab. Dort wird man auch für ein freches Wort ans Bett gefesselt. Die Sitzwache wird regelmäßig vergessen. Das Zentrum hat einen so miserablen Ruf, dass mir alle ambulant arbeitenden Profis, mit denen ich darüber gesprochen habe, meine eigene schlechte Meinung über diesen Laden bestätigten. Sogar ein Landesrat fand Worte des Bedauerns und sagte eine Konsequenz der angesprochenen Angelegenheit sei, dass inzwischen auch die Chefpsychiater nur noch Zeitverträge bekämen.

Dann stellt sich die Frage: Wenn alle Profis bis hoch zum Landesrat dieser Ansicht sind, warum wird das dann seit 15 Jahren nicht geändert? Es bringt doch nichts, daß man diese Angelegenheit nur unter vier oder sechs Augen zugibt.

Außerdem, Bochum ist noch nicht das Schlimmste. Düsseldorf-Grafenberg hat einen noch schlechteren Ruf. Ich fürchte zu Recht. Ich vermute mal, dass die ambulanten Professionellen in Düsseldorf und Umgebung sich ähnlich verhalten.

Das muss geändert werden. Sich in solchen Angelegenheiten auf Privatgespräche unter vier bis sechs Augen beschränken, bringt nichts. Vielleicht war ein solches Verhalten im Hitler-Faschismus mutig, spätestens heute verdient es nur noch Verachtung.

Es fehlt der Wille, gegen schwarze Schafe in den eigenen Reihen vorzugehen. Möglich ist es, das sieht man am Umgang mit Reformern, als Beispiel nenne ich die Soteria-Station in Gütersloh. Wenn man jemand loswerden will, dann schafft man das. Schlechte Behandlung von Patient/inn/en ist offensichtlich kein Grund, sich von Personal zu trennen. Neue Ideen und der Versuch menschlichere Psychiatrie zu machen scheinen da für den eigenen Job wesentlich gefährlicher zu sein.

Nun zum Umgang mit unseren “Sechs Forderungen zum Anstaltsalltag”. Unter anderem hatten wir uns eine Stunde Ausgang unter freiem Himmel (Hofgang) gewünscht. Dieses Recht steht Straf- und Untersuchungshäftlingen laut Europäischer Menschenrechtskonvention zu und wird auch im Strafvollzugsgesetz erwähnt. Daraufhin hat der nordrhein-westfälische Angehörigenverband alle Psychiatrien dieses Bundeslandes angeschrieben und mitgeteilt, er unterstütze diese 6 Forderungen.

Eine nichtssagende Antwort von Herrn Dörner, damals noch im Amt, kam. Das sei doch ein Gebot der Menschlichkeit. Mehr gefreut hätte uns die Aussage: “Wir in Gütersloh machen das so.” Die anderen Anstaltsleiter/innen haben es gar nicht für nötig gehalten, dem Angehörigenverband zu antworten.

Bis heute steht eine Antwort der Bundesdirektorenkonferenz aus. Sie ignorieren uns und unsere Wünsche.

Es sind wirklich kleine Forderungen: Wir wollen, dass unser Faltblatt aufgehängt wird oder dass es eine Teeküche (oder einen Teewagen) auf jeder Station gibt, damit man sich, wie zu Hause auch, rund um die Uhr mit Essen und Trinken versorgen kann. Zur Klarstellung: Wir wollen ja dort in diesen 6 Forderungen gar keinen Verzicht auf Neuroleptika oder dass über die Risiken der Behandlung aufgeklärt wird.

Aber nicht einmal diese Winzigkeiten wurden uns zugestanden. Zwar haben wir diese Reaktion vorausgesehen, doch hätten wir uns gern einmal getäuscht. Das wird, wenn überhaupt, auch noch einige Jahre dauern, bis diese Selbstverständlichkeiten umgesetzt sind.

Nun zu den Neuroleptika und den von diesen Substanzen verursachten Schäden. Faustregel ist ein Todesfall auf 400 mit Neuroleptika behandelte Menschen, dabei sind Selbsttötungen nicht mitgezählt. Ich spreche hier von der reinen Neuroleptikawirkung. Wem es angenehmer in den Ohren klingt, der kann hier gern von Nebenwirkung sprechen.

Die das belegenden ärztlichen bzw. psychiatrischen Untersuchungen findet man am einfachsten in Büchern wie “Der chemische Knebel” oder “Schöne Neue Psychiatrie”.

Im Durchschnitt verliert ein dauerhaft psychiatrie-erfahrener Mensch durch die tolle Versorgung 25 Jahre Lebenserwartung.

Unser Verband hat mittlerweile so ca. 1000 Mitglieder, von denen in den letzten Jahren jährlich zwei bis fünf starben. Von diesen Menschen war nur einer älter als 60. Allerdings hatte er schon über 30 Jahre nichts mehr mit der Psychiatrie zu tun.

Medizin soll, so glaube ich zumindestens, die Lebenserwartung erhöhen, nicht verringern. Na ja. Das ist auch nicht weiter schlimm, nur eben sehr viele Professionelle haben mir gegenüber unter vier oder sechs Augen zugegeben, dem sei so, diese Leute würden wirklich früh sterben. Einige schränken das dann ein und sagen, na ja, die rauchen auch sehr stark und trinken viel Kaffee.

Das ist nicht gut, dass darüber nicht diskutiert wird und überlegt wird, wie schafft man das denn, dass diese Lebenserwartung von psychiatrisierten Menschen steigt. Zur Zeit wird man als Frau etwa 80 Jahre und als Mann sechs, sieben Jahre weniger alt. Das was die Psychiatrie bewirkt, ist kein medizinischer Erfolg.

Ich hab dann mal ins Statistische Jahrbuch reingeschaut, einen Artikel betitelt “Wissenswertes” draus gemacht. Das ist einige Jahre her, da hab ich es nicht mal geschafft, dass er in der Psychosozialen Umschau abgedruckt wurde. Herr Schwendy hat sich da auch verdient gemacht, dass das nicht geschah. In der Süddeutschen krieg ich so etwas natürlich erst recht nicht veröffentlicht, aber demnächst vielleicht in irgendeiner weiteren Psychiatrie-Zeitung.

Vor kurzer Zeit sind die atypischen Neuroleptika auf breiter Front eingeführt worden. Von professioneller Seite kein Funken Kritik, besinnungsloser Jubel, jetzt kommen die Neuroleptika, die nicht schädlich sind. Inzwischen, nur 10 bis 15 Jahre später, wissen wir es besser. Die Atypika sind keinen Deut besser!

Roxiam ist vom Markt wegen zahlreicher eindeutig zuordenbarer Todesfälle. Wenn da jemand zu Tode kommt, ist das ja selten ein Problem. Meistens nehmen die Leute ja vier oder fünf verschiedene Psychopharmaka. Wenn dann aber 50 Leute tot sind, die alle Herzversagen hatten und z.B. alle ein bestimmtes Neuroleptikum genommen haben, dann muss das eben vom Markt. Aber erst dann, wenn es dermaßen eindeutig ist.

Auch Serdolect, beworben als die Rose ohne Dornen, ist vom Markt. Das steht selbstverständlich in den Psychiatrie-Zeitungen nicht so, dass das passiert ist. Man muss richtig rudern, um an diese Informationen zu kommen. Das ist nicht in Ordnung. So etwas muss offen diskutiert werden und dann hätte man auch besser einschätzen können, ob Zyprexa und Solian die Wundermittel waren, als die sie angepriesen wurden.
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Was ist denn nun zu tun?
Ich denke das Sinnvollste wäre für alle Menschen mit sozialen oder seelischen Problemen kein Geld mehr in das System Psychiatrie zu stecken, die Mittel drastisch zu beschneiden. Das trifft natürlich die Interessen der sogenannten Profis (Verbrecher wäre richtiger), diese leben davon, dass es Psychiatrie gibt. Die arbeiten dort, die halten das deswegen auch für sinnvoll, was da passiert.

So groß ist auch unser Einfluss auf die Politik nicht, als das wir das schaffen würden. Die Lobbyarbeit, die die Verbrecher machen, ist mindestens 100-mal stärker. Was bleibt ist Stärkung der Selbsthilfe und langsame Schaffung von Nutzerkontrolle in der Psychiatrie. Beides kostet Geld. Eine ehrenamtliche Beschwerdestelle ist eine schöne, feine Sache. Wie man sieht, gibt es so etwas nicht oft und wenn, ist es nicht effizient.

Viele Menschen in unseren Reihen sind nicht sehr fit, sie bekommen Sozialhilfe oder Erwerbsunfähigkeitsrente. Das bekämen sie nicht, wenn sie arbeiten könnten. Die Fitteren müssen sich irgendwie ihr Geld verdienen und haben keine Zeit für ehrenamtliche Beschwerdestellen.

Falls das System geändert werden kann, dann nur von den Menschen, denen es nicht gefällt. Diesen Menschen muss man, wenn man Reformen wünscht, Macht einräumen. Das ist ganz klar.

Von einer paritätischen Besetzung (Erfahrene, Angehörige, Bürgerhelfer, Profis) z.B. des Landschaftsverbands, davon sind wir noch mindestens 40 Jahre entfernt. So eine Idee ist angesichts der Wirklichkeit völlig lächerlich. Nett wäre z.B. wenn erstmal die Leute die für den Landschaftsverband Rheinland die Psychiatrien kontrollieren sollen etwas mehr Aufwandsentschädigung bekommen oder sogar eine viertel Stelle für diese Aufgabe. Für ein Butterbrot bekommt man auch keine vernünftige Kontrolle. Sie können auch bei uns im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener Fördermitglied werden für mindestens 60,-€ jährlich, dann bekommen sie unseren Rundbrief. Trägt ein bisschen dazu bei, dass wir mit den wenigen Mitteln, die wir haben, ein bisschen im System eingreifen. Unser Einfluss ist verschwindend gering.

Die Selbstorganisation der Psychiatrie-Erfahrenen ist übrigens nichts Neues. Auch im Deutschen Reich des letzten Jahrhunderts gab es eine Irrenrechts-Reformbewegung. Deren Zeitung, die Irrenrechtsreform hatte zu Spitzenzeiten 10.000 Auflage, unser Rundbrief hat jetzt 1.200 Auflage. 80 Millionen Einwohner hatte Deutschland damals auch. Psychiatrie war offenbar schon vor den Nazis keine gute Sache.

Wie kommt es denn nun, dass viele Menschen, die doch guten Willens an diese Sache Psychiatrie herangehen sich an so einer schlechten Sache beteiligen. Ich meine dass sie schlecht ist. Zu erklären ist, warum all die Leute voll guten Willens so etwas Schlechtes machen. Das steht noch aus.

Sie kennen ja sicherlich das Milgram-Experiment. Das ist dieses Experiment, wo eine Person von der Straße aufgelesen wird. Der wird gesagt, wir machen hier ein wissenschaftliches Experiment. Wir haben hier einen Schüler, der muss was lernen und sie sind der Lehrer. Macht der Schüler etwas verkehrt, bestrafen sie ihn mit einem Stromstoß. Das passiert dann auch so, der Schüler muss eine Aufgabe lösen, macht dabei einen Fehler und der Lehrer, irgendeine normale von der Straße aufgelesene Person, verabreicht den Stromstoß. Die Stromstöße werden im Verlauf des Experiments immer höher, der Schüler schreit dann auch, was natürlich gespielt ist, ab dem Lehrer ist das ja nicht bekannt.

Eine erschreckend hohe Anzahl von Menschen folgt als Lehrer den Anweisungen des Versuchsleiters. Es reicht aus, dass da eine Autorität ist, ein Wissenschaftler, das Labor ist noch nicht einmal besonders schick eingerichtet. Aber die Leute machen das mit. Ca. 70% gehorchen bis hin zu lebensgefährlichen Stromstößen oder bis zum Tod des Schülers. Dieser Versuchsleiter, dieser Wissenschaftler hat überhaupt keine Macht über die von der Straße geholten Versuchspersonen. Es ist den Versuchspersonen klar, dass das Experiment nach einer Stunde beendet ist. Der Versuchsleiter kann die Versuchsperson nicht entlassen, er kann sie nicht ins Gefängnis bringen, er bedroht die Versuchsperson nicht mit der Waffe. Alles was diese Autorität macht und was ausreicht, dass die Versuchsperson weitermacht, ist zu sagen: “Es ist wichtig, dass sie weitermachen.” Wenn bei der Versuchsperson Zweifel aufkamen, dann wurde in der Regel dieser Satz geäußert: “Es ist wichtig, dass sie weitermachen.” “Aber der schreit doch!” “Es ist wichtig, dass sie weitermachen.” Mehr war nicht nötig.

Ich denke, es ist wichtig, dass die Psychiatrie nicht weitermacht.

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