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 Rundbrief
Ausgabe 3/2007
   

Hör zu

Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören,
und Du anfängst, mir Ratschläge zu geben,
hast Du nicht getan,
worum ich Dich gebeten habe.

Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören,
und Du anfängst, mir zu erzählen,
warum ich mich so fühlen sollte,
trampelst Du auf meinen Gefühlen herum.

Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören,
und Du anfängst, Du müsstest etwas tun,
um mein Problem zu lösen,
liegst Du daneben, so sonderbar das scheinen mag.

Pass auf! Alles, was ich erzählen wollte, war, dass Du mir zuhörst,
nicht, dass Du redest oder etwas tust – nur, dass Du mich hörst.
Ratschläge sind billig: für ein paar Cent sind sie In jeder Illustrierten und in der Bildzeitung zu haben.
Ich kann für mich selber sorgen; ich bin nicht hilflos.
Vielleicht bin ich mutlos und zögerlich, aber nicht hilflos.

Wenn Du etwas für mich tust,
das ich für mich selbst tun kann und muss,
trägst DU zu meiner Angst und meiner Schwäche bei.

Aber – wenn Du es einfach hinnimmst,
dass ich wirklich fühle, was ich fühle,
egal, wie hirnrissig es scheint,
dann brauche ich Dich nicht mehr davon zu überzeugen,
und ich kann mich dranmachen, zu verstehen,
was hinter meinen Gefühlen steckt.
Und wenn das klar ist, sind die Antworten klar,
und ich brauche keinen Rat.

Unsinnige Gefühle bekommen ihren Sinn,
wenn wir verstehen, was hinter ihnen steht.

Vielleicht ist das der Grund, dass Gebete helfen,
manchmal, für Leute,
weil Gott stumm ist und er keinen Rat gibt
oder versucht, Dinge in Ordnung zu bringen..
Er hört einfach zu und lässt Dich
Deine eigene Antwort finden.

Also bitte, hör zu und höre nur mich.
Und wenn Du etwas erzählen möchtest,
warte einen Moment, bis Du dran bist;
dann will ich Dir zuhören.

ANONYM

Aus: Perko/Kreigh: „Psychiatric and Mental Health Nursing“, S. 248

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