1. Tagung speziell für Heimbewohner:
Der
Weg aus dem Heim – aber wie?
Von
Franz-Josef Wagner und Klaus Lauplicher
100 Personen aus den Heimen ganz Rheinland-Pfalz
besuchten diese informative Veranstaltung in Koblenz und hatten
einen schönen, erlebnisreichen Tag, schöne dialogische Beiträge,
genug zu Essen und zu Trinken und hatten viele kreative Ideen
beim Lesen und Bearbeiten der Broschüre „Zurück ins Leben“.
Warum hat der LVPE Rheinland-Pfalz e.V. dieses
provokative Thema gewählt?
Ein Grund liegt in der starken Resonanz der 9.
Fachtagung „Wohnen und Betreuen – Heute und Morgen“ im Jahr 2005
in Hachenburg. Über 150 Teilnehmer (auch Heimbewohner) kamen zu
dieser Veranstaltung mit teilweise über 3 Stunden Fahrzeit. Noch
2007 wurden wir von den damals anwesenden Heimbewohnern auf diese
Tagung angesprochen. Im Jahr 2006 war die persönliche Anwesenheit
bei der 10. Fachtagung in Ludwigshafen „Wege der Genesung! Wieder
in die Gesellschaft“ nicht so groß, jedoch hatte dieses visionäre
Thema zur Folge, dass unsere Homepage www.lvpe-rlp.de mit der
Dokumentationen der Fachtagungen eine verstärkte Nachfrage hat.
Wir haben zur Zeit regelmäßig über 5 300 Seitenaufrufe/Monat –
was wesentlich auf die elektronisch gespeicherten Dokumentationen
der durchgeführten Fachtagungen zurückgeht.
Auch hatte die 10. Fachtagung in Ludwigshafen zur
Folge, dass wir mit finanzieller Unterstützung des „Ministeriums
für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen“ sowie dem
„Verein zur Unterstützung Gemeindenaher Psychiatrie in Rheinland-Pfalz
e.V.“ diese zusätzlich Fachtagung speziell für Heimbewohner durchführen
konnten.
Damit wir alle das nachlesen können, was die Rheinland-Pfälzische-Politik
ist: „Zurück ins Leben“, haben wir eine 40-seitige Broschüre,
in einer 2000er Auflage und dem Vortrag von Patricia E. Deegan,
herausgegeben. Frau Deegan hatte diesen Vortrag schon 1996 während
der Jahreskonferenz der Dienste für psychiatrische Gesundheit
von Australien und Neuseeland gehalten. Frau Deegan vergleicht
uns mit der widerstandsfähigen wilden Apfelrose, die in den Dünen
am Meer wächst und beschreibt die Probleme der Apfelrose mit den
Jahreszeiten, dem schwierigen Wetter und dem Sand am Meer der
für das Gedeihen hinderlich ist
Der Hauptreferent Klaus Laupichler hatte ein Studium
begonnen, lebte im Studentenwohnheim, war mehrere Jahre obdachlos,
wurde in die Psychiatrie eingewiesen, lebte im Heim für psychisch
kranke Menschen, arbeitete in der WfbM und hat heute eine eigene
Wohnung. Seinen Beitrag hat er durch folgende Bitten und Hinweise
an die Anwesenden auf dem Weg aus dem Heim formuliert:
Folgende Bitten und Hinweise (Klaus Lauplicher):
- Nie überstürzt aus dem Heim ausziehen, weil es z.B. Probleme
gibt. Eher in ein anderes Heim wechseln.
- Den Auszug so lange wie möglich planen, möglichst mit einem
sehr verlässlichen Mitarbeiter, der dann auch später im Team
der Nachbetreuung ist.
- Schaut Euch die Wohngegend gut an. Wir haben nur einen niedrigen
Anspruch auf die Miete. Also, meistens Wohnbaugesellschaften,
passt auf dass Ihr nicht in ein Problemgebiet zieht. Sprecht
mit dem Sozialamt.
- In der Nähe von Eurer Wohnung sollte es Einkaufsmöglichkeiten
und Nahverkehrsverbindungen geben, die leicht erreichbar sind.
Desgleichen auch Hausärzte und Psychiater. Bei der Auswahl des
Hausarztes achtet darauf, dass er Zeit sich nimmt und auch eventuell
Hausbesuche macht.
- Ihr habt weniger Geld als im Heim. Das hört sich paradox
an, aber ist bei der Grundsicherung leider so. Ihr müsst jetzt
alles selber bezahlen.
- Mit dem Auszug aus dem Heim werdet Ihr nicht gesund, die
Probleme verschärfen sich, aber trotzdem lohnt es selbstbestimmt
zu leben. Schließt Patientenvereinbarungen und Vorsorgevollmachten
ab.
- Achtung Ihr bekommt mehr Bedürfnisse und Sehnsüchte als im
Heim, die Euch leider oft nicht erfüllt werden. Passt auf dass
Geld auf. Z.B. beim Discobesuch der notwendig und richtig ist.
- Viele wollen Euch gute Ratschläge geben, leider auch aus
des Selbsthilfebewegung und können sich doch nicht in Euch hineinversetzten.
Sucht Euch wenige verlässliche Personen und meidet ansonsten
gute Ratschläge, die verwirren nur!
- Kauft keine neuen Möbel etc. Auch ein Scheitern ist sinnvoll,
darf aber nicht zu Schulden führen. Oft klappt es erst beim
zweiten und dritten Mal.
- Sucht Euch normale Mitmenschen. Unglaubliche Dienste und
sehr hilfreich war bei mir eine ganz normale Mutter, die für
die Selbstständigkeit Ihrer Töchter sorgte. Die Sozialpädagogin
meines Leidensgefährten hat zwar studiert, aber keine praktische
Lebenserfahrung.
- Mir hilft ungemein eine Frau aus der Haus- und Nachbarschaftshilfe.
Auch Bürgerhelfer sind sehr wichtig. Sprecht mit dem Pfarrer/in
Euerer Gemeinde.
- Wichtig ist, dass Ihr irgendwie ein Beschäftigung findet.
Vorsicht bei WfbM. Sie ist oft eine Sackgasse und eine sehr
teure Form der Ausgliederung. Versucht mit selbstständigen Ergotherapeuten
über das persönliche Budget in Kontakt zu kommen. Ein sinnvolles
Ehrenamt ist auch ganz wichtig und bringt mehr Lebensqualität
als Schrauben zählen.
- Wichtig ist, dass Ihr ab und zu einen Helfer feuert. Wir
haben das Recht auf die Besten und wir brauchen die Nöte und
Sorgen der Profis nicht verstehen. Die haben sich ihren Beruf
ausgesucht und wir haben uns unsere Situation nicht ausgesucht.
- Lernt mit Eurer Macke aufrichtig zu leben, Ihr seid deshalb
keine Mensch zweiter Klasse. Wir haben Grundrechte und ein Mensch
ohne Macke ist Kacke.
- Wichtig sind feste Zeiten. Es gibt Phasen bei denen ich morgens
sehr schlecht aus dem Bett komme. Haltet die Zeiten ein auch
bei Medikamenten. Dafür gehe ich immer zu einer bestimmten Zeit
ins Bett.
- Achtet auf die Ernährung. Wichtig sind Vitamine und Ballaststoffe.
Es gibt sehr günstige Müsli.
- Informiert Euch in der Zeitung, im Wochenblatt, im Fernseher,
in den Selbsthilfegruppen. Werdet mündige Bürger und wenn es
sein muss, auch Patienten. Aber Ihr müsst auch Verantwortung
übernehmen!
- Sucht Euch Freunde und Freundinnen außerhalb der Psychoszene.
Achtet auf Verhütung, ist ganz wichtig.
Zum Schluss noch folgende Buchtipps:
- Peter Lehmann, Kerstin Kempker. Statt Psychiatrie. Anitpsychiatrie
Verlag.
- Margret Osterfeld; Nils Greve: Psychopharmaka Psychiatrie
– Verlag
- Sterneküche – Rezepte für 5 Euro, Hubert Kern Verlagsgesmbh
ISBN 90253106
- Haushaltmanagement - So spart Mann Zeit und Energie – von
Nigel Browning und Jane Moseley Sanssouci im Carl Hauser Verlag
ISBN 3 7254 1328 2
Alles Gute und denkt dran, Ihr lebt nur einmal und die Zeit ist
wichtig zu nützen
Euer Klaus Laupichler Sprecher für Heime und chronisch Kranke
im Bundesverband Psychiatrie Erfahrener e.V. Email: k.laupichler@t-online.de
Anhand dieser Hinweise und der Beispiele aus seinem Leben wurde
die Tagung lebendig, praktisch und für die Heimbewohner informativ.
Die Anwesenden haben den LVPE Rheinland-Pfalz e.V. gebeten eine
ähnliche Tagung im Jahr 2008 zu organisieren.
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