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 Rundbrief
Ausgabe 3/2007

Raus aus der Chronizität – ein skeptischer Aufschrei
Von Klaus Lauplicher

Ich kann es nicht mehr hören, Empowerment und Recovery. Da sind ein paar Edelpsychos, die das Glück haben irgendwie geheilt zu sein und die trampeln mit einpaar problembewussten Profis auf meiner Seele herum. Mir wird schlecht von den Ratschlägen zur Gesundung. Oft habe ich das Gefühl, wir Chroniker sollen wegdiskutiert werden. Das wäre auch passend, dass hätte auch Sinn. Denn uns will keiner und wir fallen bloß unangenehm auf. Das Versorgungssystem hat wenig Geld und Zeit für uns. Ich bin ausgezogen aus dem Heim und war stolz drauf. Die ersten Jahre ging das noch ganz gut, da hatten alle noch viel Motivation, man sah großzügig über alles hinweg und in der Kirchengemeinde wurde man gefeiert.

Für uns wurde der Gemeindepsychiatrische Verbund gegründet. Wir sollten von nun ab in der Gemeinde leben, ahaa. Da gibt es die WfbM und die Tagesstätte, die für uns eingerichtet wurden und alle finden das ganz toll. Kaum einer bemerkt, dass wir in der gleichen Isolation wie im Heim leben, dass das ein Sammelpunkt von den Leuten ist, die resigniert haben und nur noch am Leben sind, weil sie es nicht schaffen sich selbst zu töten und voller Medies sind. Es ist so toll, sie können Literweise Kaffee trinken und Rauchen. Zu Weihnachten und Ostern wird gebastelt, wie früher im Kindergarten. Zwischendurch eine Gesprächsrunde und dann darf man ein Körbchen flechten. Vor allem sollen wir dankbar sein, den lieben Erzieher und Ergotherapeuten, aber die sind nach der Psychiatrie-Enquete auch schon so alt, dass sie sonst nirgends eine andere Arbeit finden würden. Aber sie haben jetzt ein Auto, Haus und Familie, denen half der GPV wirklich zu einem lebenswerten Leben.

In manch einer Tagesstätte fragt man sich, warum kommen so wenig. Mein Psychotherapeut empfahl mir die Tagesstätte, damit ich eine Tagesstruktur bekomme. Aber dafür soll ich aufstehen, um zu den Resignierten zu gehen, zu denen die nicht merken, dass sie jetzt wieder im Kindergarten sind, abgeschoben weil man sie nicht braucht, ohne Aussicht auf ein sinnerfülltes Leben. Da mache ich doch lieber die Glotze an, zieh mir ein Bier rein und bleib auf dem Sofa.

Uns will keiner. Vor allem wir chronischen Männer merkens. Unsere weiblichen Leidensgenossen schauen zu, ob sie einen gesunden Mann finden oder wenigsten einen mit guten EU-Rente. Dafür ist die private Pornosammlung in der WfbM doch ganz beachtlich, vor dem Wochenende wird heftig getauscht. Der Geheimtipp mit dem Chatten ist auch blöd. Oft können wir die Gebühren nicht bezahlen und wenn es dann doch klappt, heißt es: Was Du bist Schizophren, kann ich dich da mit meiner Tochter allein lassen? Aber das kommt ganz selten vor, bei denen, die den BMW vom Papi haben.

Bei uns normalen Chroniker, die außerhalb des Heimes und des Elternhauses leben, für uns gibt es oft eine spärliche Rente oder die Grundsicherung. Von einer guten Arbeit wagen wir nicht zu träumen. Wir dürfen auch kaum was zuverdienen, sonst kommt das Sozialamt. So leben wir in Wohngebieten, in die, die Sozialpsychiater nicht freiwillig ziehen würden. Dann kommt der Dörner mit den ehrenamtlichen Helfern. Mein Gott, wo sind die denn? Die wollen Arbeiten für Geld, Haus und Auto. Natürlich gibt es einpaar Frauen, die es nicht nötig haben zu arbeiten, die finden das schick uns zu helfen. Aber die essen bei der Weihnachtsfeier uns das größte Stück Steak weg. Aber bei uns gibt es keine ehrenamtlichen Helfer mehr, dank dem Trägerverein.

Das Schlimmste ist, wenn man aus dem Heim kommt, dann werden die Bedürfnisse geweckt. Wenn man alleine in seinen 45 qm ist, am Wochenende, dann sehnt man sich nach dem Du, nach Liebe und Anerkennung. Natürlich hat dann die Tagesstätte zu, aber da wären nur die gleichen. Der SPDi, den kann man nur zweimal die Woche anrufen. Na ja, die Praktikantin hat einen schönen Po, Vorsicht Tabu und es gibt sie doch die zwei Klassen. Man besucht sich, bleibt unter sich, weil mit der Grundsicherung nicht mehr drin ist, schon alleine die Kleidung. Wär`s nicht ehrlicher gewesen, das Heim wäre geblieben, das Getto. Mit meiner ständigen Antriebsschwäche habe ich bei den Normalen doch keine Chance. Früher im Heim da gab`s wenigstens so eine Art Minipuff für eine Schachtel Zigaretten. Keiner wollte es wissen, durfte nicht sein, aber war doch da. Manchmal denke ich, ich will nicht unter diesen Umständen leben, das Leben zweiter Klasse. Zu Tagesstrukturierung, wenn man nicht in die WfbM oder Tagesstätte geht, soll ich dann ins Altersheim, was vorlesen. Da kann ich mich gleich an den nächsten Lebensabschnitt gewöhnen. Ich möchte ins Schwesterwohnheim, aber nicht ins Altersheim.

Eine Reise nach Skandinavien kann ich mir nicht leisten, was würde da meine Sachbearbeiterin vom Sozialamt sagen. Aber liegt das nicht an den Trägern, die sich die Gebiete aufgeteilt haben, dass ja nicht eine Konkurrenz entsteht. Vor allem im Musterländle. Das mit dem persönlichen Budget haben sie ja auch schon unter sich aufgeteilt. Wir müssen immer von den Gleichen abhängig bleiben.

Dann gibt es Träger für Senioren, Alleinerziehende, für Familien, für Obdachlose, für Schwererziehbare und für psychisch Kranke. Ich wundere mich so wie so, dass es bei uns in der Stadt ein Bürgerhaus, ein Seniorentreff, ein Treff für Alleinerziehende und ein Treff für psychisch Kranke gibt. Alle stehen halber leer, aber Hauptsache die Führungsetage der Trägervereine ist gut versorgt und die haben gute Verbindungen zum Landrat. Es war immer so und wir sind der Verein und dann bleibt es so und wir psychisch Kranke, wir sollen demütig sein und vor allem dankbar.

Na ja, so einfach ist es auch nicht. Die alleinerziehende Griechin neben mir, will ja auch nichts mit mir zu tun haben. Der Nachbar über der Straße, ist zwar seit 10 Jahren arbeitslos, aber Gott – sei – Dank nicht psychisch krank. Es gibt sie halt doch, diese Unterschiede, diese Klassen.

Ich werde auch resignieren und doch in die Tagesstätte gehen. Schon alleine wegen dem Po der Praktikantin. Mehr Medies sind billiger als ein paar Bier, dann träumt man auch nicht von Liebe und Anerkennung. Da schweigt der Psychiater schon seit Jahren. Hauptsache ambulant ist billiger als stationär, soweit können sie schon denken, die Besseren und in diesem Milieu werden wir nur noch kränker.

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