Raus
aus der Chronizität – ein skeptischer Aufschrei
Von Klaus Lauplicher
Ich kann es nicht mehr hören, Empowerment und Recovery.
Da sind ein paar Edelpsychos, die das Glück haben irgendwie geheilt
zu sein und die trampeln mit einpaar problembewussten Profis auf
meiner Seele herum. Mir wird schlecht von den Ratschlägen zur
Gesundung. Oft habe ich das Gefühl, wir Chroniker sollen wegdiskutiert
werden. Das wäre auch passend, dass hätte auch Sinn. Denn uns
will keiner und wir fallen bloß unangenehm auf. Das Versorgungssystem
hat wenig Geld und Zeit für uns. Ich bin ausgezogen aus dem Heim
und war stolz drauf. Die ersten Jahre ging das noch ganz gut,
da hatten alle noch viel Motivation, man sah großzügig über alles
hinweg und in der Kirchengemeinde wurde man gefeiert.
Für uns wurde der Gemeindepsychiatrische Verbund
gegründet. Wir sollten von nun ab in der Gemeinde leben, ahaa.
Da gibt es die WfbM und die Tagesstätte, die für uns eingerichtet
wurden und alle finden das ganz toll. Kaum einer bemerkt, dass
wir in der gleichen Isolation wie im Heim leben, dass das ein
Sammelpunkt von den Leuten ist, die resigniert haben und nur noch
am Leben sind, weil sie es nicht schaffen sich selbst zu töten
und voller Medies sind. Es ist so toll, sie können Literweise
Kaffee trinken und Rauchen. Zu Weihnachten und Ostern wird gebastelt,
wie früher im Kindergarten. Zwischendurch eine Gesprächsrunde
und dann darf man ein Körbchen flechten. Vor allem sollen wir
dankbar sein, den lieben Erzieher und Ergotherapeuten, aber die
sind nach der Psychiatrie-Enquete auch schon so alt, dass sie
sonst nirgends eine andere Arbeit finden würden. Aber sie haben
jetzt ein Auto, Haus und Familie, denen half der GPV wirklich
zu einem lebenswerten Leben.
In manch einer Tagesstätte fragt man sich, warum
kommen so wenig. Mein Psychotherapeut empfahl mir die Tagesstätte,
damit ich eine Tagesstruktur bekomme. Aber dafür soll ich aufstehen,
um zu den Resignierten zu gehen, zu denen die nicht merken, dass
sie jetzt wieder im Kindergarten sind, abgeschoben weil man sie
nicht braucht, ohne Aussicht auf ein sinnerfülltes Leben. Da mache
ich doch lieber die Glotze an, zieh mir ein Bier rein und bleib
auf dem Sofa.
Uns will keiner. Vor allem wir chronischen Männer
merkens. Unsere weiblichen Leidensgenossen schauen zu, ob sie
einen gesunden Mann finden oder wenigsten einen mit guten EU-Rente.
Dafür ist die private Pornosammlung in der WfbM doch ganz beachtlich,
vor dem Wochenende wird heftig getauscht. Der Geheimtipp mit dem
Chatten ist auch blöd. Oft können wir die Gebühren nicht bezahlen
und wenn es dann doch klappt, heißt es: Was Du bist Schizophren,
kann ich dich da mit meiner Tochter allein lassen? Aber das kommt
ganz selten vor, bei denen, die den BMW vom Papi haben.
Bei uns normalen Chroniker, die außerhalb des Heimes
und des Elternhauses leben, für uns gibt es oft eine spärliche
Rente oder die Grundsicherung. Von einer guten Arbeit wagen wir
nicht zu träumen. Wir dürfen auch kaum was zuverdienen, sonst
kommt das Sozialamt. So leben wir in Wohngebieten, in die, die
Sozialpsychiater nicht freiwillig ziehen würden. Dann kommt der
Dörner mit den ehrenamtlichen Helfern. Mein Gott, wo sind die
denn? Die wollen Arbeiten für Geld, Haus und Auto. Natürlich gibt
es einpaar Frauen, die es nicht nötig haben zu arbeiten, die finden
das schick uns zu helfen. Aber die essen bei der Weihnachtsfeier
uns das größte Stück Steak weg. Aber bei uns gibt es keine ehrenamtlichen
Helfer mehr, dank dem Trägerverein.
Das Schlimmste ist, wenn man aus dem Heim kommt,
dann werden die Bedürfnisse geweckt. Wenn man alleine in seinen
45 qm ist, am Wochenende, dann sehnt man sich nach dem Du, nach
Liebe und Anerkennung. Natürlich hat dann die Tagesstätte zu,
aber da wären nur die gleichen. Der SPDi, den kann man nur zweimal
die Woche anrufen. Na ja, die Praktikantin hat einen schönen Po,
Vorsicht Tabu und es gibt sie doch die zwei Klassen. Man besucht
sich, bleibt unter sich, weil mit der Grundsicherung nicht mehr
drin ist, schon alleine die Kleidung. Wär`s nicht ehrlicher gewesen,
das Heim wäre geblieben, das Getto. Mit meiner ständigen Antriebsschwäche
habe ich bei den Normalen doch keine Chance. Früher im Heim da
gab`s wenigstens so eine Art Minipuff für eine Schachtel Zigaretten.
Keiner wollte es wissen, durfte nicht sein, aber war doch da.
Manchmal denke ich, ich will nicht unter diesen Umständen leben,
das Leben zweiter Klasse. Zu Tagesstrukturierung, wenn man nicht
in die WfbM oder Tagesstätte geht, soll ich dann ins Altersheim,
was vorlesen. Da kann ich mich gleich an den nächsten Lebensabschnitt
gewöhnen. Ich möchte ins Schwesterwohnheim, aber nicht ins Altersheim.
Eine Reise nach Skandinavien kann ich mir nicht
leisten, was würde da meine Sachbearbeiterin vom Sozialamt sagen.
Aber liegt das nicht an den Trägern, die sich die Gebiete aufgeteilt
haben, dass ja nicht eine Konkurrenz entsteht. Vor allem im Musterländle.
Das mit dem persönlichen Budget haben sie ja auch schon unter
sich aufgeteilt. Wir müssen immer von den Gleichen abhängig bleiben.
Dann gibt es Träger für Senioren, Alleinerziehende,
für Familien, für Obdachlose, für Schwererziehbare und für psychisch
Kranke. Ich wundere mich so wie so, dass es bei uns in der Stadt
ein Bürgerhaus, ein Seniorentreff, ein Treff für Alleinerziehende
und ein Treff für psychisch Kranke gibt. Alle stehen halber leer,
aber Hauptsache die Führungsetage der Trägervereine ist gut versorgt
und die haben gute Verbindungen zum Landrat. Es war immer so und
wir sind der Verein und dann bleibt es so und wir psychisch Kranke,
wir sollen demütig sein und vor allem dankbar.
Na ja, so einfach ist es auch nicht. Die alleinerziehende
Griechin neben mir, will ja auch nichts mit mir zu tun haben.
Der Nachbar über der Straße, ist zwar seit 10 Jahren arbeitslos,
aber Gott – sei – Dank nicht psychisch krank. Es gibt sie halt
doch, diese Unterschiede, diese Klassen.
Ich werde auch resignieren und doch in die Tagesstätte
gehen. Schon alleine wegen dem Po der Praktikantin. Mehr Medies
sind billiger als ein paar Bier, dann träumt man auch nicht von
Liebe und Anerkennung. Da schweigt der Psychiater schon seit Jahren.
Hauptsache ambulant ist billiger als stationär, soweit können
sie schon denken, die Besseren und in diesem Milieu werden wir
nur noch kränker.
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