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 Rundbrief
Ausgabe 3/2007

beb Psychiatrie Jahrestagung 2007

Medizinische und psychosoziale Hilfen auf gleicher Augenhöhe Biosozial Denken und integriert Handeln
Von Ruth Fricke, 12.-13. Juni 2007 in Erkner bei Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte mich zunächst einmal für die Einladung, hier einen Vortrag zu halten herzlich bedanken.
Ich bin gebeten worden zum Thema

Auf Gleicher Augenhöhe? - Subjektorientierung im medizinisch –psychosozialen System- Erwartungen aus der Perspektive einer Psychiatrie-Erfahrenen

ein paar Worte zu sagen. Als ich diesen Termin zusagte hatte ich noch ein ganz anderes Referat im Kopf als Sie nun heute hören werden. Je näher der heutige Tag rückte um so mehr Fragen kamen mir in den Kopf und das mir gestellte Thema war gar nicht mehr so klar, einfach und selbstverständlich für mich. Ursache waren Erfahrungen, die ich nicht in der Patientenrolle sondern in der Rolle der Interessenvertreterin im Umgang und in der Zusammenarbeit mit Profiorganisationen auf der Bundesebene im letzen Jahr zunehmend machen musste.

Ich frage mich, ob es wirklich nur Zufall ist, dass die diesjährige BPE-Jahrestagung unter dem Motto „Selbstbestimmt leben!“ steht und Sie Ihre Tagung unter das Motto „Subjektorientierung“ und „auf gleicher Augenhöhe“ gestellt haben.

Haben 15 Jahre BPE-Arbeit dazu geführt, dass Psychiatrieprofis nun auch schon bemerkt haben, dass die Ihre Patienten, Klienten, Nutzer oder wie immer Sie uns sonst noch nennen mögen, bisher häufig wie willenlose Objekte, ja wie leblose Gegenstände behandelt haben? Ist es die Angst, Selbsthilfe könnte dereinst professionelle Hilfe gänzlich überflüssig machen? Dann kommt auch noch der Gesetzgeber mit so verrückten Ideen wie „persönliches Budget“, wo die Betroffenen sich ihre Hilfen und Helfer doch tatsächlich selbst aussuchen können und in der Arbeitgeberfunktion auch Weisungen erteilen können, oder mit Gesetzen die die Patientenrechte und die Patientenmitbestimmung stärken. Da sollen Patienten tatsächlich voraus- und Mitbestimmen können was mit Ihnen geschieht und wie Art, Umfang und Qualität der für sie bestimmten Hilfen bestellt sein sollen, Da sitzen Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss, Im IQUICK, in den Zulassungsausschüssen für Ärzte und Psychotherapeuten, sind in ein paar Bundesländern sogar gleichberechtigte Partner in den Besuchkommissionen nach PsychKG, sogar in etlichen Kreisen und kreisfreien Städten mischen die Betroffen in den Gemeindepsychiatrischen Verbunden und sonstigen Planungsgremien kräftig mit, hin und wieder gibt es sogar Beiräte in Kliniken und Komplementären Einrichtungen. Dann soll man diese Menschen auch noch als Experten in eigener Sache begreifen und auch so behandeln und letzteres auch noch in beiderlei Wortsinn. Wohin soll das alles noch führen.

Der BPE besteht in diesem Jahr 15 Jahre. Er hat seine Jahrestagung, die vom 19. bis 21. In Kassel stattfindet, wie eingangs schon erwähnt unter das Motto „Selbstbestimmt leben!“ gestellt. An diesem Thema wird deutlich, das die Frage der Fremdbestimmung und der Einmischung Dritter in die persönlichsten Angelegenheiten für Menschen, die in der Patientenrolle Erfahrungen mit der Psychiatrie gesammelt haben, das zentrale Thema überhaupt ist. In der Forderung „selbstbestimmt leben“ stecken sowohl Ansprüche an sich selbst als auch an die professionellen Mitarbeiter der Psychiatrie aller Berufsgruppen und zwar in allen Bereichen: stationär, teilstationär, ambulant und komplementär.

In letzter Konsequenz kann selbstverständlich nur der Betroffenen selbst dafür sorgen, dass er psychisch stabil bleibt und damit ein wirklich selbstbestimmtes Leben führen kann, indem er den Ursachen seiner seelischen Krisen auf den Grund geht, seine eigenen höchst individuellen Frühwarnzeichen aufspürt und sich beim Auftreten derselben eine Auszeit nimmt und sich aus den Konflikten herauszieht, die seine emotionalen Grenzen überschreiten und so unweigerlich in die nächste Krise und damit in jene psychischen Ausnahmezustände führen würden, die Dritte dazu veranlassen würden Maßnahmen ohne oder gar gegen den Willen des Betroffenen einzuleiten.

Die Forderung an die professionellen Mitarbeiter der Psychiatrie lautet demzufolge: Nehmen Sie die Betroffenen ernst! Behandeln Sie sie als gleichberechtigte und gleichwertige Partner, auch und gerade in Ihren Krisen und seelischen Ausnahmezuständen. Gerade in diesem Zustand sind die Antennen sehr weit ausgefahren, sind Betroffenen übersensibel, spüren sie noch deutlicher als sonst, ob man sie wirklich ernst nimmt und ihnen wirklich zuhört oder ob man nur so tut, aber insgeheim denkt. „Du quasellst ja doch nur dummes zusammenhangloses Zeugs, da schalte ich lieber meine Ohren auf Durchgang und überlege mir stattdessen, wie ich es am geschicktesten anstelle, Dich möglichst schnell mit Medikamenten ruhig zu stellen.“ Würde man nämlich richtig zuhören, würde man viel über das Leben und die Ursachen der aktuellen Krise des Betroffenen erfahren, was für eine spätere Aufarbeitung und damit einen mögliche Genesungsprozess sehr wichtig wäre.

Damit sind wir mitten in dem mir heute gestellten Thema „auf gleicher Augenhöhe“ und „Subjektorientierung“

Es geht um die innere Haltung der Profis gegenüber den Betroffenen. Es geht um das Krankheitsverständnis, das Menschenbild und damit um die Menschenwürde von Betroffenen auch und gerade in ihren seelischen Krisen und Ausnahmezuständen. Es geht aber auch um die Frage ist die tägliche Arbeit der Profis auch Berufung oder ist es für sie nur ein Job wie jeder andere, ein Job zum Geld verdienen, aber die eigentlichen Interessen werden nach Feierabend gelebt.

Die Soziale Psychiatrie, April 2007 ist eine reine Fundgrube an Karikaturen zu meinem heutigen Thema.

Folie 1
Ich bin gespannt, ob Profis und Betroffene wirklich aus den selben Gründen lachen bzw. an das selbe denken, wenn sie diese Karikaturen sehen.

 

 

 

 

 

 



Folie 2
Wenn man jemanden auf gleicher Augenhöhe begegnen will, darf man ihm vorher nicht das Rückgrat brechen. Das tut man aber wenn jemanden nicht zuhört, ihn nicht ernst nimmt, ihm mit Zwangsmaßnahmen und Zwangsmedikation droht oder beides gar ohne Vorankündigung, besser Vorwarnung einfach mal so eben tut, frei nach dem Motto „Und bist Du nicht willig, dann brauch` ich Gewalt!“ Auf die krankheitsverschlimmernden und damit chronifizierenden Folgen derartiger Einstellungen und Verhaltensweisen, können wir bei Bedarf in der anschließenden Diskussion näher eingehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Folie 3
Wer jemanden auf gleicher Augenhöhe begegnen will, sollte sich einer allgemein-verständlichen Sprache bedienen. In Wahrheit quasselt derjenige unverständliches Zeugs, der seine Patientinnen und Patienten, Klientinnen und Klienten etc. mit einem Redeschwall von Fachchinesisch übergießt. Merke: „Wahre Größe zeigt sich darin, komplizierte Sachverhalte klar und deutlich in allgemeinverständlicher Sprache darstellen zu können!“ Wer wirklich etwas kann, muss nicht damit protzen, dass er/sie die fachwissenschaftlichen Termini beherrscht. Derzeit wird die gleiche Augenhöhe im Gespräch zwischen Betroffenen und Profis, wenn überhaupt, häufig dadurch hergestellt, dass sich Betroffene mit einem Berg von Fachliteratur eindecken. Um erst einmal zu verstehen, was man ihnen sagen wollte und dann auch in dem gleichen Fachchinesisch zu Antworten und Fragen zu stellen.

 

 

 

 

Folie 4
Wer Betroffenen auf gleicher Augenhöhe begegnen will, arbeitet emanzipatorisch, d.h. er zeigt wie man Dinge erledigt, die der jeweilige Betroffene bis her noch nicht selbst erledigen kann, solange bis er/sie es selbst kann, aber er erledigt nicht Dinge für die Betroffenen, die diese sehr wohl selbst können und auch bisher immer selbst gemacht haben und sorgt auf diese Weise dafür, dass der Hilfebedarf, die Abhängigkeit vom psychiatrischen Hilfesystem und damit auch die Unselbständigkeit der Betroffenen immer größer wird. Wer so handelt, sorgt zwar für die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes, er wirkt aber der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und damit einem selbstbestimmten Leben der Betroffenen entgegen. Schlimmer noch: Ein solches Handeln schädigt in letzter Konsequenz die Gesundheit der Betroffenen. Menschen, denen man nichts mehr zutraut verlieren ihr Selbstvertrauen und können keine gesundes Selbstwertgefühl mehr entwickeln. Beides ist aber eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung und Erhaltung seelischer Stabilität.

 

 

 


Folie 5
Wer Betroffenen auf gleicher Augenhöhe begegnen will baut auch nicht immer neue und neue Subkulturen, oder anders ausgedrückt „Als ob Welten“ auf.

Muß Seidenmalerei, Specksteinarbeit, Sport, Singen, Kochen etc. unbedingt in einer psychiatrischen Tagesstätte erlernt und gemacht werden? Geht das alles nicht auch in ganz normalen Volkshochschulkursen, Sportvereinen, Chören Kochclubs etc. Wäre es nicht Aufgabe der Profis die Wege dorthin zu ebnen? Wären nicht Hilfen zur Integration in das Gesellschaftliche Leben, welches sich in Vereinen. Veranstaltungen und Initiativen abspielt, angebrachter als die Erfindung und der Bau immer neuer Betroffenen-Getthos?

Kann man Betroffenen überhaupt auf gleicher Augenhöhe begegnen, wenn man meint man könne über alles Mögliche was Betroffenen gehört oder für sie bestimmt ist einfach mal so ohne zu fragen verfügen und wirtschaftliche Nutzen für sich daraus schlagen, ohne auch nur so etwas ähnliches wie ein Schuldgefühl dabei zu entwickeln? Da versuchen Trägervereine oder deren Zusammenschlüsse mit Ettikettenschwindel die Selbsthilfetöpfe der Krankenkassen zu leeren. Da werden Selbsthilfeleitfäden von Betroffenenverbänden eben mal so in Profiprojekte umgestrickt, ohne auch nur zu fragen, ob und wenn ja zu welchen Bedingungen man das geistige Eigentum anderer Nutzen darf. Da werden fertige Projektideen von Selbsthilfeorganisationen abgekupfert und da man ja doch mehr Geld im Rücken hat, als die Selbsthilfeorganisationen ist man mit der Förderantragstellung dann eben schneller als der Selbsthilfeverband usw., usw. Unter einer Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe stelle ich mir zumindest Fairness zwischen Profiverbänden und Selbsthilfeverbänden vor.

Wenn man es nur geschickt genug anstellt, muss man Betroffenen im Rahmen der örtlichen Interessenvertretung nur selten, im Idealfall überhaupt nicht begegnen. Das einfache Kochrezept lautet:

  • Man treibe die Zahl der Gremien, in denen Betroffenen Interessenvertretung betrieben müssten endlos in die Höhe
  • Man lege die Sitzungen am besten auf den Vormittag. Um diese Zeit kann man recht sicher sein, dass Betroffenen, die noch erwerbstätig sind, nicht teilnehmen können, weil sie ja nicht ihren ganzen Jahresurlaub in Psychiatriegremien verbraten und dann noch jede Menge unbezahlten Urlaub nehmen können, um die Vielzahl der Termine wahrzunehmen.
  • Interessenvertretung machen nämlich i.d.R. in der Selbsthilfe diejenigen, die noch erwerbstätig sind, deren Rückgrat noch nicht gebrochen wurde. Nur diese Menschen haben überhaupt noch den Mut Missstände anzusprechen und Forderungen durchzusetzen.

Ich möchte aber nicht schließen, ohne zu sagen, dass die psychiatrische Welt nicht überall so trostlos aussieht, wie man nach meinem bisherigen Vortrag meinen könnte.

Von den Medien wissen wir: „Die Tatsache, dass es auf der Autobahn von Köln nach Berlin keinen Stau oder keine Massenkarambolage gab, ist keine Meldung Wert.“ Reden wir also über die Missstände und überlegen wir gemeinsam, wie wir diese abstellen können.

Die Region Ostwestfalen-Lippe, aus der ich komme, ist sehr sozialpsychiatrisch geprägt. Dafür stehen u.A. die Namen Dörner und Pörksen. Trialogische Planungs- und Entscheidungsprozesse sind hier seit vielen Jahren gut geübte Praxis.

In Gütersloh wurden Klinik- und Abteilungsbeiräte eingeführt. Im Beirat der ehemaligen Abteilung klinische Psychiatrie II (Herford/Lippe) habe Theiß Urbahn und Dr. Iris Jiko gemeinsam mit Betroffenen, Angehörigen und Mitarbeitern aller Berufsgruppen, das Abteilungskonzept entwickelt und in die Praxis umgesetzt, welches ich noch immer die Gütersloher Soteria nenne.

In Bielefeld Bethel wurde im Trialog die Behandlungsvereinbarung erfunden, die heute in angepasster Form in allen ostwestfälisch-lippischen Psychiatrien eingesetzt wird und auch ansonsten in immer mehr nordrheinwestfälschen Kliniken Einzug hält, da mit seiner Zeit die Verankerung der Behandlungsvereinbarung im PsychKG-NRW gelungen ist und wir natürlich bei alle Terminen der staatlichen Besuchskommissionen, wo Betroffene und Angehörige ebenfalls seit dem Jahr 2000 gleichberechtigte Mitglieder sind, nachfragen, ob es in der Klinik inzwischen die Möglichkeit gibt, eine Behandlungsvereinbarung abzuschließen.

Betroffene und Angehörige sind seit vielen Jahren als Experten durch Erfahrung Lehrende in der ärztlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung.

In Bielefeld, Herford und Gütersloh gibt es seit vielen Jahren trialogisch besetzte „unabhängige Beschwerdestellen Psychiatrie“, in denen auch Profis aller Berufsgruppen ehrenamtlich (kostenlos) in ihrer Freizeit mitarbeiten.

Der Trialog in Form von Arbeitsgremien und Psychoseseminaren ist ist in fast allen Kreisen der Regierungsbezirks Detmold fest etabliert.

Im Kreis Herford geht keine Vorlage in den Kreistag. Die nicht zuvor von Vertretern der Psychiatrie-Erfahrenen - und Angehörigenselbsthilfe begutachtet und ggf. auch überarbeitet wurde. Auch in meiner Heimatregion gibt es im Bereich der Psychiatrie noch vieles zu verbessern , aber sobald ich die Grenzen Ostwestfalens überschreite, stoße ich immer wieder auf Verhältnisse und Einstellungen, die ich mir in der Zeit als ich noch ausschließlich auf der lokalen und regionalen Ebene Interessenvertretung betrieben habe, in meinen düstersten Träumen nicht hätte ausmalen können. Ich denke dann immer: „Du darfst den Herfordern gar nicht sagen, wie gut sie sind, sonst ruhen die sich auf Ihren Lorbeeren aus.“


Folie 6
In Meiner Eigenschaft als Mitglied der staatlichen Besuchskommission nach PsychKG NRW, komme ich ja nun viel im Land herum. Man merkt sofort, ob es an dem jeweiligen Ort eine funktionierende aktive Selbsthilfegruppe von Psychiatrie-Erfahrenen gibt oder nicht. Bei Unseren ersten Besuchen im Jahr 2001 wurden wir Patientenvertreter in einigen Kliniken angeguckt, als kämen wir von einem anderen Stern. Inzwischen ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir die Patientenakten kontrollieren, Fragen stellen und Beiblätter an das Protokoll heften, falls der Facharzt Dinge, die uns wichtig erscheine, nicht protokolliert haben sollte. Festzustellen ist, das die Ärzte und Juristen in der Kommission inzwischen unsere Fragen stellen und dass Beiblätter zum Protokoll kaum noch notwendig sind. Dies ist nur eine Beispiel von vielen, an denen sichtbar wird, dass sich die Qualität der Arbeit deutlich durch die Mitwirkung von Interessenvertretern der Psychiatrie-Erfahrenen-Selbsthilfe verbessert.

 

Also haben Sie Mut, beziehen Sie die Betroffenen in ihre Planungs- und Entscheidungsprozesse mit ein. Ermutigen Sie die Betroffenen, sich einer unabhängigen nur aus Betroffenen bestehenden Selbsthilfegruppe anzuschließen oder, wenn eine solche noch nicht geben sollte, selbst eine solche Gruppe zu gründen. Der BPE unterstützt Betroffene gern bei der Gründung von Selbsthilfegruppen.

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