Premieren-Fieber
in Dresden
Von Ursula Mueller, BPE Fördermitglied

Zweite Reihe: Peter Stastny (Psychiater,
Wien Österreich), Sam Tyano, WPA Secretary for Finance: Israel,
Iris Höllling (Co-Chair WNUSP), Michale Amering PsychiaterIn,
Wien, Miguel R. Jorge, WPA Secretary for Sections: Federal University
of Sao Paulo, John Cox, WPA-Secretary General, UK, Thomas Kallert,
Dresden - Organisation WPA Kongress Dresden, Peter Lehmann (Secretary
ENUSP), Poul Hansen Dorothea-Buck-Haus Bottrop
Da stehe ich also nun vor diesem immensen Glasbau,
im hochsommerlich warmen Dresden. Die WPA-Konferenz zum Thema
„Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie“ kann beginnen (WPA = World
Psychiatric Association)! Eine protzige Treppe führt hoch in das
moderne Gebäude. Vor der Treppe verteilen Mitglieder verschiedener
Anti-Psychiatriegruppen ihre Flugblätter, von denen mir allerdings
nur der BPE bekannt ist. Ruth drückt mir unsere Pressemitteilung
in die Hand. In meiner feschen „Verkleidung“ (dunkelblauer Leinenanzug
und feine Ledertasche) erkennt Ruth mich allerdings erst auf den
zweiten Blick. Nach der Anmeldung geht alles recht flott, Willkommens-Zeremonie
mit diversen Reden, Symposia, Workshops, Plenarsitzungen. Die
Tage sind gefüllt mit einer Vielzahl wissenschaftlicher Vorträge,
die sich alle mal mehr, mal weniger mit dem Thema „Zwangsmaßnahmen“
auseinandersetzen. Die gemeinsame Sprache ist Englisch, da die
Teilnehmer aus der ganzen Welt kommen.
Dieser WPA-Kongress war in vielerlei Hinsicht eine
Premiere: noch nie zuvor hat sich der Welt-Psychiatrieverband
auf einer Konferenz ausschließlich dem Thema „Zwangsmassnahmen
in der Psychiatrie“ gewidmet. Das war ein sehr mutiger Schritt,
heißt es doch, in die dunkelsten Ecken der eigenen Vergangenheit
und Gegenwart hineinzuleuchten. Und welcher Vertreter der psychiatrischen
Zunft ist schon bereit, sich mit seinen eigenen moralischen und
mentalen Untiefen auseinanderzusetzen? Nicht viele, wie man der
Teilnehmerzahl entnehmen konnte. Kommen zu einem regulären WPA-Kongress
mehrere 1000 Teilnehmer, so waren es in Dresden vielleicht 200
bis 250. Dabei war unter den TeilnehmerInnen auch noch eine größere
Anzahl von Psychiatern, die für den Einsatz von Zwangsmassnahmen
argumentierten. Das bedeutet im Klartext, in jedem Land der Erde
gibt es – vielleicht – einen oder zwei Psychiater, die sich den
eigenen Dämonen (sprich: Zwangsmassnahmen) stellen und die eine
„andere Psychiatrie“ wollen. Aber vielleicht kann man es ja schon
als immensen Erfolg verbuchen, dass dieser Kongress überhaupt
stattfand. Die Veranstalter (die WPA und die Dresdner Klinik für
Psychiatrie) hatten im Vorfeld bestimmt ihre Mühe, das Kongress-Thema
bei Ihren Kollegen durchzusetzen.
Es gab auch noch eine weitere WPA-Premiere: Noch
nie zuvor waren Psychiatriebetroffene als gleichberechtigte Partner
zu einem WPA-Kongress eingeladen worden. Vertreter der Betroffenen-Verbände
saßen sowohl im Organisationskomitee (Peter Lehmann) als auch
im wissenschaftlichen Komitee (Margret Osterfeld und Elizabeth
Winder). BPE-Ehrenvorsitzende Dorothea Buck und Judy Chamberlin
aus den USA hielten zwei der zehn Plenar-Vorträge. Während des
Kongresses nahm sich Prof. Mezzich, Vorsitzender des Welt-Psychiatrieverbandes,
Zeit für ein dreistündiges, intensives Gespräch mit den Psychiatrie-Betroffenen.
Und auf der einzigen Pressekonferenz des Kongresses saßen Peter
Lehmann (ENUSP) und Davik Oaks (MindFreedom) neben dem WPA-Vorsitzenden
Prof. Mezzich und dem verantwortlichen Kongressleiter Prof. Kallert
aus Dresden.
Meiner Meinung nach wurde auf dem Kongress von Seiten
der Psychiatrie ein ehrlicher Versuch unternommen, den Psychiatrie-Betroffenen
die Hand zu reichen, um einen gemeinsamen Weg in eine bessere
Psychiatrie zu beschreiten. Dennoch bleibt abzuwarten, ob dieser
Kongress nur eine „Eintagsfliege“ war oder der „Beginn einer wunderbaren
Freundschaft“. Denn eigentlich ist ja nicht entscheidend, wer
in Dresden vertreten war, sondern wer eben nicht da war, und das
sind so ungefähr 99 % aller Berufs-Psychiater.
Was ist mir sonst noch aufgefallen? Da ist zum Einen
die vergleichsweise geringe Beteiligung der Pharma-Industrie.
Im Ausstellungsbereich waren vielleicht zehn Pharma-Unternehmen
mit Ständen vertreten (u. a. Janssen-Cilag / Risperdal, Bristol-Myers
Squibb / Abilify, Lundbeck / Cipralex, Wyeth / Trevilor, Lilly
/ Cymbalta, Esparma / Jatrosom und AstraZeneca / Seroquel).
Mir persönlich war das schon zu viel, aber Kongress-Teilnehmer
berichteten mir, dass die Ausstellungsbereiche auf anderen Psychiatrie-Kongresse
im Vergleich dazu riesigen Tivolis gleichen ¬– mit Glücksrad,
Wahnsinn-Simulator und anderen vergnüglichen Spielchen … . Die
geringe Beteiligung der Pharma-Industrie (sprich: Kongress-Sponsoring)
führte auch dazu, dass der Kongress bestimmt hoffnungslos unterfinanziert
war. Wir mussten sogar unseren Lunch selbst bezahlen (war nicht
in der horrenden Teilnahmegebühr enthalten). Zum Anderen wunderte
mich auch, dass die teilnehmenden Wissenschaftler ihre Teilnahme
völlig selbst finanzieren mussten. Wie sieht es denn dann mit
der finanziellen Ausstattung der wissenschaftlichen Institute
aus, wenn sie ihren eigenen Leuten noch nicht einmal die Teilnahme
an einem Kongress finanzieren können?
Auch für mich persönlich war der WPA-Kongress in
mehrfacher Hinsicht eine Premiere, da ich selbst keine Erfahrung
mit der Psychiatrie oder mit Psychopharmaka habe: es war das erste
Mal in meinem Leben, dass ich einem Vertreter der psychiatrischen
Zunft von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, und dann auch
noch in dieser Überzahl! Diese Erfahrung war tatsächlich positiver
als erwartet, machten die Psychiater doch eigentlich einen „recht
vernünftigen“ Eindruck auf mich. Aber mein positiver Eindruck
kann auch täuschen, denn ich habe sie hier im Kongress-Milieu
erlebt und nicht im alltäglichen Umgang mit ihren Patienten.
Es
war auch mein erster Kontakt mit Pharma-Unternehmen und ihren
diversen Produkten. Das war dann doch eine ziemlich negative Erfahrung,
insbesondere weil ich als PR-Frau sensibilisiert bin für die Manipulationskraft
dieser Psycho-Werbung. Auf der Rückseite des Kongress-Programms
war z. B. eine ganzseitige Werbung für Risperdal („Er ist Schizophreniepatient
und hat wieder Freude am ‚Tschiep-Tschiep’ der Vögel“). Diese
Werbung fand ich besonders unmoralisch und abstoßend.
Was mir auf dem Kongress gefehlt hat: es gab keine
Workshops / Symposia, die sich explizit mit den ethisch-moralisch-philosophischen
Aspekten von Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie beschäftigt haben.
Hier fehlte eindeutig die medizinethische Dimension. Es wäre toll,
wenn man in Zukunft eine öffentliche medizinethische Debatte zu
Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie initiieren könnte, wie schon
geschehen mit z. B. Stammzellforschung und Patientenverfügung.
Mein persönliches Fazit: ein interessanter und spannender
Kongress, der hoffentlich in Zukunft seinem Anspruch gerecht wird,
Psychiatrie-Betroffene als gleichberechtigte Partner in alle Ent-scheidungsprozesse
der Psychiatrie mit einzubinden. Aber ist die Psychiatrie wirklich
dazu bereit? Hier muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet
werden. Ein Anfang ist gemacht.
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