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 Rundbrief
Ausgabe 3/2007

Premieren-Fieber in Dresden
Von Ursula Mueller, BPE Fördermitglied


Zweite Reihe: Peter Stastny (Psychiater, Wien Österreich), Sam Tyano, WPA Secretary for Finance: Israel, Iris Höllling (Co-Chair WNUSP), Michale Amering PsychiaterIn, Wien, Miguel R. Jorge, WPA Secretary for Sections: Federal University of Sao Paulo, John Cox, WPA-Secretary General, UK, Thomas Kallert, Dresden - Organisation WPA Kongress Dresden, Peter Lehmann (Secretary ENUSP), Poul Hansen Dorothea-Buck-Haus Bottrop


Da stehe ich also nun vor diesem immensen Glasbau, im hochsommerlich warmen Dresden. Die WPA-Konferenz zum Thema „Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie“ kann beginnen (WPA = World Psychiatric Association)! Eine protzige Treppe führt hoch in das moderne Gebäude. Vor der Treppe verteilen Mitglieder verschiedener Anti-Psychiatriegruppen ihre Flugblätter, von denen mir allerdings nur der BPE bekannt ist. Ruth drückt mir unsere Pressemitteilung in die Hand. In meiner feschen „Verkleidung“ (dunkelblauer Leinenanzug und feine Ledertasche) erkennt Ruth mich allerdings erst auf den zweiten Blick. Nach der Anmeldung geht alles recht flott, Willkommens-Zeremonie mit diversen Reden, Symposia, Workshops, Plenarsitzungen. Die Tage sind gefüllt mit einer Vielzahl wissenschaftlicher Vorträge, die sich alle mal mehr, mal weniger mit dem Thema „Zwangsmaßnahmen“ auseinandersetzen. Die gemeinsame Sprache ist Englisch, da die Teilnehmer aus der ganzen Welt kommen.

Dieser WPA-Kongress war in vielerlei Hinsicht eine Premiere: noch nie zuvor hat sich der Welt-Psychiatrieverband auf einer Konferenz ausschließlich dem Thema „Zwangsmassnahmen in der Psychiatrie“ gewidmet. Das war ein sehr mutiger Schritt, heißt es doch, in die dunkelsten Ecken der eigenen Vergangenheit und Gegenwart hineinzuleuchten. Und welcher Vertreter der psychiatrischen Zunft ist schon bereit, sich mit seinen eigenen moralischen und mentalen Untiefen auseinanderzusetzen? Nicht viele, wie man der Teilnehmerzahl entnehmen konnte. Kommen zu einem regulären WPA-Kongress mehrere 1000 Teilnehmer, so waren es in Dresden vielleicht 200 bis 250. Dabei war unter den TeilnehmerInnen auch noch eine größere Anzahl von Psychiatern, die für den Einsatz von Zwangsmassnahmen argumentierten. Das bedeutet im Klartext, in jedem Land der Erde gibt es – vielleicht – einen oder zwei Psychiater, die sich den eigenen Dämonen (sprich: Zwangsmassnahmen) stellen und die eine „andere Psychiatrie“ wollen. Aber vielleicht kann man es ja schon als immensen Erfolg verbuchen, dass dieser Kongress überhaupt stattfand. Die Veranstalter (die WPA und die Dresdner Klinik für Psychiatrie) hatten im Vorfeld bestimmt ihre Mühe, das Kongress-Thema bei Ihren Kollegen durchzusetzen.

Es gab auch noch eine weitere WPA-Premiere: Noch nie zuvor waren Psychiatriebetroffene als gleichberechtigte Partner zu einem WPA-Kongress eingeladen worden. Vertreter der Betroffenen-Verbände saßen sowohl im Organisationskomitee (Peter Lehmann) als auch im wissenschaftlichen Komitee (Margret Osterfeld und Elizabeth Winder). BPE-Ehrenvorsitzende Dorothea Buck und Judy Chamberlin aus den USA hielten zwei der zehn Plenar-Vorträge. Während des Kongresses nahm sich Prof. Mezzich, Vorsitzender des Welt-Psychiatrieverbandes, Zeit für ein dreistündiges, intensives Gespräch mit den Psychiatrie-Betroffenen. Und auf der einzigen Pressekonferenz des Kongresses saßen Peter Lehmann (ENUSP) und Davik Oaks (MindFreedom) neben dem WPA-Vorsitzenden Prof. Mezzich und dem verantwortlichen Kongressleiter Prof. Kallert aus Dresden.

Meiner Meinung nach wurde auf dem Kongress von Seiten der Psychiatrie ein ehrlicher Versuch unternommen, den Psychiatrie-Betroffenen die Hand zu reichen, um einen gemeinsamen Weg in eine bessere Psychiatrie zu beschreiten. Dennoch bleibt abzuwarten, ob dieser Kongress nur eine „Eintagsfliege“ war oder der „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“. Denn eigentlich ist ja nicht entscheidend, wer in Dresden vertreten war, sondern wer eben nicht da war, und das sind so ungefähr 99 % aller Berufs-Psychiater.

Was ist mir sonst noch aufgefallen? Da ist zum Einen die vergleichsweise geringe Beteiligung der Pharma-Industrie. Im Ausstellungsbereich waren vielleicht zehn Pharma-Unternehmen mit Ständen vertreten (u. a. Janssen-Cilag / Risperdal, Bristol-Myers Squibb / Abilify, Lundbeck / Cipralex, Wyeth / Trevilor, Lilly / Cymbalta, Esparma / Jatrosom und AstraZeneca / Seroquel).

Mir persönlich war das schon zu viel, aber Kongress-Teilnehmer berichteten mir, dass die Ausstellungsbereiche auf anderen Psychiatrie-Kongresse im Vergleich dazu riesigen Tivolis gleichen ¬– mit Glücksrad, Wahnsinn-Simulator und anderen vergnüglichen Spielchen … . Die geringe Beteiligung der Pharma-Industrie (sprich: Kongress-Sponsoring) führte auch dazu, dass der Kongress bestimmt hoffnungslos unterfinanziert war. Wir mussten sogar unseren Lunch selbst bezahlen (war nicht in der horrenden Teilnahmegebühr enthalten). Zum Anderen wunderte mich auch, dass die teilnehmenden Wissenschaftler ihre Teilnahme völlig selbst finanzieren mussten. Wie sieht es denn dann mit der finanziellen Ausstattung der wissenschaftlichen Institute aus, wenn sie ihren eigenen Leuten noch nicht einmal die Teilnahme an einem Kongress finanzieren können?

Auch für mich persönlich war der WPA-Kongress in mehrfacher Hinsicht eine Premiere, da ich selbst keine Erfahrung mit der Psychiatrie oder mit Psychopharmaka habe: es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einem Vertreter der psychiatrischen Zunft von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, und dann auch noch in dieser Überzahl! Diese Erfahrung war tatsächlich positiver als erwartet, machten die Psychiater doch eigentlich einen „recht vernünftigen“ Eindruck auf mich. Aber mein positiver Eindruck kann auch täuschen, denn ich habe sie hier im Kongress-Milieu erlebt und nicht im alltäglichen Umgang mit ihren Patienten.

Es war auch mein erster Kontakt mit Pharma-Unternehmen und ihren diversen Produkten. Das war dann doch eine ziemlich negative Erfahrung, insbesondere weil ich als PR-Frau sensibilisiert bin für die Manipulationskraft dieser Psycho-Werbung. Auf der Rückseite des Kongress-Programms war z. B. eine ganzseitige Werbung für Risperdal („Er ist Schizophreniepatient und hat wieder Freude am ‚Tschiep-Tschiep’ der Vögel“). Diese Werbung fand ich besonders unmoralisch und abstoßend.

Was mir auf dem Kongress gefehlt hat: es gab keine Workshops / Symposia, die sich explizit mit den ethisch-moralisch-philosophischen Aspekten von Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie beschäftigt haben. Hier fehlte eindeutig die medizinethische Dimension. Es wäre toll, wenn man in Zukunft eine öffentliche medizinethische Debatte zu Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie initiieren könnte, wie schon geschehen mit z. B. Stammzellforschung und Patientenverfügung.

Mein persönliches Fazit: ein interessanter und spannender Kongress, der hoffentlich in Zukunft seinem Anspruch gerecht wird, Psychiatrie-Betroffene als gleichberechtigte Partner in alle Ent-scheidungsprozesse der Psychiatrie mit einzubinden. Aber ist die Psychiatrie wirklich dazu bereit? Hier muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Ein Anfang ist gemacht.

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