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 Rundbrief
Ausgabe 4/2007

AG 1: „Heime und ambulante Wohnformen mit Persönlichem Budget“

AG 2: „Künstlerarbeit: Das Hobby zum Beruf machen - von Illusion und reellen Möglichkeiten“

AG 3: EX-IN – das neue europäische Pilotprojekt

AG 4: „Interessenvertretung durch örtliche Selbsthilfegruppen“

AG 5: Selbstbestimmter Umgang mit Psychopharmaka

AG 6: „Kreative Selbstgestaltung, Veränderung durch Dialog, Kunst und Bewegung“

AG 7: „Praktische Psychosebegleitung“

AG 8: Möglichkeiten und Grenzen der Borderline-Selbsthilfe

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AG 1: „Heime und ambulante Wohnformen mit Persönlichem Budget“
Leiter der AG: Klaus Laupichler und Franz-Josef Wagner

Nach der Vorstellungsrunde der Teilnehmer – es waren Psychiatrie-Erfahrene, Profis und Angehörige anwesend – ging es in die Details: Psychiatrie-Erfahrene berichteten von ihren Heimerfahrungen, Profis berichteten, Psychiatrie-Erfahrene erhalten – wenn sie aus dem Heim aus ziehen – einen Geldbetrag – Persönliche Budget – mit dem die Psychiatrie-Erfahrenen ihren Bedarf – kommunikativen, haushaltstechnischen, behördliche Unterstützung usw. - außerhalb des Heimes Einkaufen können. Das macht die Psychiatrie-Erfahrenen jetzt für die Leistungserbringer zu wichtigen Personen. Psychiatrie-Erfahrene haben zur Zeit Geld und einen Leistungsbedarf um die die Leistungserbringer nun kämpfen müssen! Bisher haben die Leistungserbringer mit den Leistungsträgern (Kommunen) über Geldbeträge verhandelt ohne die Leistung tatsächlich um zu setzen. Heute bestimmen die Leistungsnehmer – wir – welche Leistungen wir haben möchten und wer die Leistung erbringt. Mit dieser Möglichkeit sind Heimbewohner bereit außerhalb des Heimes zu wohnen, nur die gewünschten Leistungen werden auch bezahlt die der Leistungserbringer – wir - gerne möchten!

Probleme: Klaus
Laupichler warnt vor zu sc

Die Schwachstellen des aktuellen Systems in den Heimen sind:

  • zu viel Bürokratie
  • das System ist unehrlich (Dokumentation stimmt nicht mit der Realität überein)
  • die Behörden arbeiten und bezahlen nach Aktenlage und nicht nach der Realität im Heim

Ziel des zukünftigen Systems:

  • Beratung zum Persönlichen Budget speziell für Heimbewohner, aus betroffener Sicht
  • Einige Heimbewohner wollen gar nicht aus dem Heim ziehen, für diese Menschen bedarf es auch noch weiter Heime
  • Das emotionale Gefühl der Heimbewohner und der des Persönlichen-Budget-Empfängers muss immer akzeptiert werden
  • Die Hilfe des Heimbewohner muss immer auf Empowerment – Selbstbefähigung- ausgerichtet sein
  • Es sollen Tagungen speziell für Heimbewohner durchgeführt werden, wie es der LVPE Rheinland-Pfalz e.V. 2007 durchführte Themen z.B. „Der weg aus dem Heim – aber wie?“ oder „Vorsicht die Heimaufsicht kommt!“
  • Es sollen Tagungen in den Heimen statt finden
  • Die hohe Medikamentendosis sollen im Heim schon reduziert werden, damit das Gefühl zum Körper wieder entsteht
  • Auch Menschen über 65 Jahre wollen emanzipiert leben
  • Das Ziel der Heime soll die Entlassung aus dem Heim sein und nicht die Dokumentation z.B. haben die Klinikärzte nur noch 10 Minuten direktes Patientengespräch/Woche und Patient der Rest (35 h/Woche) ist für Dokumentation und Organisation
  • Empowerment heißt die positiven wie negativen Grenzen zu kennen und selbst erfahren zu dürfen
  • Es dürfen keine Gettos (psychiatrische Brennpunkte) entstehen ? Das Problem der Sexualität in den Heimen muss gelöst und nicht unterdrückt werden hnellem Auszug aus dem Heim.

Teilnehmer: Vor- und Nachmittags je 20 Personen


AG 2: „Künstlerarbeit: Das Hobby zum Beruf machen - von Illusion und reellen Möglichkeiten“
Referent: Gangolf Peitz, Autor & Künstler / Sozialhelfer

Mit zwölf TeilnehmerInnen war dieses Seminar in einer idealen Größe zum Arbeiten besucht. Sehr interessiert aufgenommen wurde das Referieren meines Werdeganges, meiner persönlichen Erfahrungen über eine gesundheitliche und berufliche Auszeit vom Hobbyisten - über Jahre hin- zum heutigen beruflichen Standbein Autor, Auftrittskünstler, Dozent und Bildender Künstler, akzentuiert durch eine innere Befreiung mittels der Kraft der Musen, sprich selbstbestimmt in Selbsthilfe, hin zur Gesundheit.

Engagiert diskutiert wurden praktische Tipps zu ersten Ausstellungen, Publikationsmöglichkeiten, Lesungen etc., Themen wie Künstlersozialkasse oder das schwierige Unterfangen einer eigenen Buchveröffentlichung intensiv besprochen. Besondere Berücksichtigung hatte der Punkt berufliche Realisierbarkeit, Geld verdienen mit Künstler- und Autorenarbeit, sei es als Zusatzeinkommen oder als Haupterwerb. Hier zeigten sich die ganz unterschiedlichen Ausgangspositionen und Zielrichtungen der Interessierten. Mit knapp 3 Stunden war die Zeit der AG freilich begrenzt, sie wurde ausgiebig und fruchtbar genutzt, das feedback war zufriedenstellend und weiterführend für alle. Fazit: Von Künstlerarbeit leben ist hart, bedarf eines längeren Weges, ist aber machbar, gangbar. Auch, oder gerade auch für Menschen in und aus Krisenzeiten, mit all ihrem kreativ-musischen Potential.
Für mich als Literaten, Maler, Künstler, der einer Psycho-Sprachgebung leidenschaftlich gerne „entsteigt“, war es wiederum ausgesprochen erfreulich in der sympathischen Kasseler Gruppenarbeit mit einem kreativ-literarischen Selbsthilfe-Ansatz derart positive Resonanz zu finden. „Selbstbestimmt leben - selbstbestimmt arbeiten!“, ist per Künstlerarbeit möglich. Es geht nicht nur um Ruhm und Ehre (Heinrich Böll: „Der Lorbeer gehört in die Suppe!“), es geht für Künstler und Autoren auch um Rum (besser: Mineralwasser…) und Ähre, sprich Broterwerb („gutes Geld für gute Arbeit“), wer dies will und konsequent angeht.

Ich möchte meinen Nachbericht in Quintessenz -eindeutig zweideutig- wie folgt schließen: Kultur und Künstlerarbeit dürfen nicht umsonst sein! Wer sich nun auf einen selbstbestimmten, neuen beruflichen Weg mit Künstlerarbeit machen will, dem wünsche ich von Herzen gute Inspiration, gehörig viel Kraft, Realitätssinn, Mut, Ausdauer, Spucke, auch die richtigen Helfer, gfs. Disziplin, Leidenschaft und Spaß! Möge gelten, was unsere religiöse Literatur spricht: „Alles hat seine Zeit“.

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AG 3: EX-IN – das neue europäische Pilotprojekt
Moderation: Magdalena Bathen Oldenburg i.O./ Niedersachsen

Psychiatrie-Erfahrene werden zu »Experten durch (gelebte)Erfahrung (EDE)« ausgebildet!
An dieser Stelle war eigentlich Eva Krebs mit ihrer AG zu „Ernährungsumstellung und Qigong…“angekündigt. Kurzfristig bin ich eingesprungen. Man möge mir das anfängliche Chaos aus diesem Grunde verzeihen. Dank an dieser Stelle an Reinhard Wojke (Berlin) und Christiane Wiedstruck (Hamburg) für die tatkräftige kurzfristig gewährte Unterstützung.
An der AG nahmen mit mir 22 Menschen teil. Einige waren wegen Eva Krebs gekommen und dementsprechend natürlich enttäuscht. Ursprünglich wollte ich auch in ihre AG.
Na gut, gesagt, getan. Letztendlich war die Zeit zu kurz, alle Fragen auszudiskutieren. Kontrovers wurde Sinn und Unsinn von EX-IN diskutiert unter den Fragestellungen:
„Beteiligen uns die Profis, die sich im dialogischen Sinne mit uns an der Entwicklung und Beforschung des Pilotprojektes EX-IN beteiligen, auch an dessen Erfolg? Bekommen wir unseren verdienten Teil vom Kuchen?
„Gibt es eigentlich eine Chance, dass ausgebildete Experten in der Psychiatrie beruflich Fuß fassen?“
Erfahrungen in Bremen sowie in Hamburg zeigen, dass dies keine Illusion geblieben ist. EX-IN ist meiner Meinung und Erfahrung nach Pionierarbeit mit guter Prognose!!!
Im folgenden nutze ich den Rundbrief, dass Projekt an dieser Stelle vorzustellen:
EX-IN steht für Experienced-Involvement und meint die Einbeziehung und Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener als MitarbeiterInnen in psychiatrischen Diensten und/oder als DozentInnen in Aus, -Fort- und Weiterbildungen des Gesundheitswesens bzw. der gesundheitlichen Bildungsarbeit.
An dem Europäischen Pilotprojekt beteiligten sich neben Deutschland fünf weitere Partnerländer: Norwegen, Schweden, England, Slowenien und die Niederlande. Aus diesen Ländern wurden neun institutionelle Partnereinrichtungen ausgewählt, die sich durch besondere Ansätze der Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener auszeichnen. Eine davon ist die Bremer „Initiative zur sozialen Rehabilitation e.V.“
Die Partnereinrichtungen haben sich nun auf den Weg gemacht, gemeinsam mit Psychiatrie-Erfahrenen, psychiatrischen Fachkräften und Ausbildern ein neues eigenständiges Berufsbild zu erschaffen. Fortbildungskurse finden bereits in Bremen sowie in Hamburg das zweite Mal statt.

Erfahrungswissen der Auszubildenden steht im Vordergrund!
Das Curriculum(Lehrplan) dieser spezifischen Ausbildung basiert auf dem gelebten Erfahrungswissen der TeilnehmerInnen. Gepaart mit innovativen und strategischen Lern- und Lehrmethoden, die zum Teil - learning by doing - erst geschaffen werden, qualifiziert es die Teilnehmenden für die oben genannten Tätigkeitsbereiche, indem sie sich selbst befähigen -empowern-, ihr Expertenwissen zu strukturieren, zu reflektieren sowie notwendige Hintergründe zu erkennen und angemessene Methoden zur Weitergabe dieses Wissens zu erlernen.
Die neue Ausbildung soll letztendlich überall in Europa zu einer offiziellen Anerkennung Psychiatrie-Betroffener als ExperteInnen in der Psychiatrie führen. Ein Novum, denn in langer Tradition wurden und werden die psychiatrisierten Menschen in Erforschung und Behandlung psychischer Störungen nur als Objekt der Wissenschaft betrachtet. Den Erfahrungen der Betroffenen wird auch heute noch kaum Bedeutung beigemessen. Ihre Wahrnehmungen und Äußerungen dienen lediglich zur Symptombeschreibung. Da bei ihnen eine Beeinträchtigung des rationalen Denkens vorausgesetzt wird, die die Betroffenen quasi unmündig mache, wird ihr möglicher Beitrag für ein besseres Verständnis psychiatrischer Phänomene und deren effektiveren Behandlung ignoriert. Dies führt zu einer nur eindimensionalen Krankheitssicht mit professioneller Dominanz, die in keinem anderen medizinischen Fachgebiet ihresgleichen findet. Ein Austausch zwischen Profis und Psychiatrie-Erfahrenen oder gar die Selbstbestimmung letzterer war bisher in der Psychiatrie kaum denkbar. Weil die tradierten Erklärungs- und Behandlungsmodelle von den Betroffenen zudem eher als schädigend denn als hilfreich empfunden werden, sind sie und das hinter ihnen stehende Menschenbild nicht länger aufrecht zu erhalten.

Hilfsangebote verbessern sich durch Einbeziehung Betroffener als Experten!
Mittlerweile weisen zahlreiche Untersuchungen nach, dass die Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener in Forschung, Ausbildung und bei psychiatrischen Diensten die Angebote für Betroffene erheblich verbessern. Sie werden dadurch weniger diskriminierend, weniger entwürdigend und somit zufrieden stellender für die NutzerInnen.
Besonders in Großbritannien, den Niederlanden und Schweden gab es in den vergangenen Jahren erfolgreiche Vorstöße »Experten durch gelebte Erfahrung« direkt mit einzubeziehen, was zu einem besseren Verständnis und neuem Wissen führte. In Deutschland werden seit mehr als 30 Jahren positive Ergebnisse erreicht durch Beteiligung Erfahrener im Bereich Suchttherapie und – prävention.
Es wurde aufgezeigt, dass Expertenwissen beiträgt zu:

  • einem erweiterten Verständnis psychischer Störungen
  • neuem fundierten Wissen über genesungsfördernde Faktoren in der Psychiatrie
  • der Entwicklung neuer Methoden und umfassender Inhalte in der Fachkräfteausbildung, die zur Genesung (Recovery) beitragen
  • effektiveren, innovativen und nutzerInnenorientierten Angeboten psychiatrischer Dienste
  • besserer Nutzerorientierung, die zur allgemeinen Zufriedenheit führt

Weiterhin profitieren akut Erkrankte davon, wenn die „ExpertInnen durch Erfahrung“ ihnen Wege vorleben, wie man mit einer Psychose oder Depression umgehen kann. Durch die Anerkennung eines Betroffenen als Behandler erfahren auch die PatientInnen eine soziale Aufwertung.
Auch bei uns wächst die Zahl von Ausbildungseinrichtungen, Universitäten und Diensten, die Psychiatrie-Erfahrene beteiligen. An dieser Stelle erscheint es auch erwähnenswert, dass Gruppen von Erfahrenen aus eigener Kraft heraus Bildungs- und Stellenangebote erarbeiten z.B. der Bundesverband Psychiatrie Erfahrener (BPE) oder FüralleFälle (FaF) in Berlin. Die Zeiten von Betroffenen nur ehrenamtliches Engagement zu erwarten sind vorbei!!!
Die Experten aus Erfahrung besitzen aufgrund des Mangels an fachspezifischer oder strukturierter Ausbildung allerdings keinen anerkannten Status mit der Folge keiner oder nur geringfügiger Entlohnung. Weiterhin fehlt es an Methoden, das aus Erfahrung gewonnene Expertenwissen strukturiert zu nutzen. Daher bedarf es eines Lehrplans, das den Erfahrungen der Betroffenen Rechnung trägt, das notwendige Fachwissen vermittelt und offiziellen Standards entspricht. Dadurch werden die Ressourcen der Beteiligten gestärkt und eine Basis für ihre angemessene Beschäftigung geschaffen. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, Psychiatrie-Erfahrene, Nutzerorganisationen, Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen sowie psychiatrische Dienste in das Pilotprojekt einzubeziehen.

EX-IN strebt folgende Ergebnisse an:

  1. Im Rahmen des Pilotprojektes werden unterschiedliche Erfahrungen und Konzepte der Beteiligung von Experten durch Erfahrung in Europa zusammengestellt.
  2. Vorhandene Studien über die Auswirkungen der Beteiligung von Psychiatrie-Erfahrenen werden verglichen sowie neue Untersuchungen durchgeführt.
  3. Die Qualifikationssysteme und die Anerkennungsmöglichkeiten der angestrebten Ausbildung in den verschiedenen beteiligten Ländern werden verglichen
  4. Die Ausbildungsbedarfe von Psychiatrie-Erfahrene, bezogen auf die angestrebte Qualifizierung werden beschrieben
  5. Geeignete innovative Ausbildungsmethoden werden beschrieben und entwickelt
  6. Kernmodule sowie Lern- und Lehrmaterialien werden entwickelt, insbesondere solche, die geeignet sind das Erfahrungswissen von Psychiatrie-Erfahrenen in Ausbildungs- und Versorgungsprozesse einfließen zu lassen
  7. Ein Curriculum wird entwickelt, das Psychiatrie-Erfahrenen mit unterschiedlichen Hintergründen sinnvolle Fähig- und Fertigkeiten sowie Wissen anbietet, um in den genannten Feldern tätig zu werden.

In diesem Rahmen liegt der sehr sehenswerte Lehrfilm: “Wer, wenn nicht wir“ vor, der ausgebildete EDEs bzw. EX-INler aus den beteiligten Partnerländern zu ihren Erfahrungen zu Wort kommen lässt.

EX-IN in Bremen
Die Vermittlung der Ausbildungsinhalte für die Teilnehmenden hier findet statt in einem Basiskurs (100 Stunden) und einem Aufbaukurs (150 Stunden). Neben theoretischen Grundlagen werden individuelle Erfahrungen im Gruppenkontext reflektiert sowie Praktika in einer Praxisphase durchgeführt. Die Fortbildung wird von 2 Dozenten moderiert, von denen einer Psychiatrie-Betroffener ist.

Folgende Grundsätze leiten die Zusammenarbeit:

  • Jeder Mensch hat das Potential zur Genesung
  • Jede Person kann Verantwortung übernehmen und an allen Entscheidungen, die sie betrifft beteiligt sein
  • Jeder Mensch weiß, was hilfreich für ihn ist.

Der Basiskurs umfasst die folgenden Module:

  • Empowerment (Selbstermächtigung, Wiedererstarken)
  • Gesundheitsfördernde Haltungen
  • Erfahrung und Teilhabe
  • Trialog
  • Recovery (Genesung)

Der Aufbaukurs setzt sich aus folgenden Modulen zusammen:

  • Beratung und Begleitung durch Betroffene
  • Evaluation psychiatrischer Dienste
  • Umgang mit Krisen
  • Gesundheitsförderung
  • Ausbilden und Unterstützen

Die Ausbildung beinhaltet 2 Praktika in psychiatrischen Diensten o.ä.. Der Ablauf und die Erfahrungen während der Praktika werden in Berichten zusammengefasst. Während der ganzen Zeit wird ein Portfolio, ein Ausbildungstagebuch, geführt, dass am Ende des Aufbaukurses der Gruppe präsentiert wird, jeder auf seine individuelle Art.
Am Ende der gesamten Fortbildung erhalten die Teilnehmenden ein Zertifikat als »ExpertIn durch Erfahrung in der psychiatrischen Versorgung bzw. in der psychiatrischen Bildungsarbeit«.
Der Teilnehmerbetrag pro Unterrichtsmonat beträgt 60 € im Basis – und 70 € im Aufbaukurs
Der zweite Basiskurs in Bremen begann im Mai 2007 und endete im September 2007. Der Aufbaukurs schloss sich im November an und endet mit einem Zertifikat im Mai 2008. Vorrangiges Ziel dieser Qualifizierung soll die Verbesserung der sozialen und ökonomischen Situation Psychiatrie-Erfahrener. Weiter soll sie zur Entwicklung neuer Beschäftigungs-Möglichkeiten mit angemessen Entlohnung beitragen.
Seit Mai 2007 nehme ich an der EX-IN Fortbildung in Bremen teil. In unserer Gruppe herrscht ein Klima von Wertschätzung und Ermutigung. Wir unterstützen uns gegenseitig, unsere verschütteten Kompetenzen und Ressourcen zu erkennen und zurück zu gewinnen.
Im Moment absolviere ich Praktika in Psychiatrien in Bremen und Oldenburg. In der Regel begegnen mir die MitarbeiterInnen offen und interessiert. Gelegentliches Befremden relativiert sich, wenn ich offen und verständnisvoll auf mein Gegenüber reagiere. Eine wesentliche Erfahrung ist es für mich, Psychiatrie aus einem anderen Blickwinkel zu erleben und besser zu verstehen. Durch intensive Gespräche mit Betroffenen und Mitarbeitern formt sich immer mehr meine Vision aus, psychosoziale Beratung aus Betroffenen-Sicht für beide Gruppen anzubieten. Denkbar wäre, Betroffenen z.B. über Selbsthilfemöglichkeiten zu beraten und dorthin zu begleiten oder z.B. MitarbeiterInnen in Aus- oder Fortbildungen in unserer Sprache unser Erleben nahe zu bringen.

EX-IN in Hamburg
Zu speziellen Modalitäten in Hamburg befragt bitte Absolventen wie Christiane Wiedstruck des dortigen Pilotkurses.

Ausführliche Informationen zu Bremen erteilt:
F.O.K.U.S.
Tel.: 0421/ 380 1950
Email: utschakowski@fokus-fortbildung.de        magdalena.bathen@ewetel.net


AG 4: „Interessenvertretung durch örtliche Selbsthilfegruppen“
Moderation: Ruth Fricke

Im ersten Teil (Vormittag) nahmen 23 Personen an der Arbeitsgruppe teil. Die Teilnehmer stellten sich kurz vor und berichteten über ihre Erfahrungen im Bereich der Selbsthilfearbeit.

Einige Beispiele sind:

  • Ein Teilnehmer aus Hannover ist im dortigen Ortsverein engagiert (VPE Hannover), zusätzlich im Landesfachbeirat Psychiatrie, Psychiatrie-Ausschuss des Niedersächsischen Landtages und in der Beschwerdestelle Region Hannover.
  • Ein Teilnehmer aus Rosenheim berichtete über seine Mitarbeit in der örtlichen Selbsthilfegruppe „Freunde psychisch kranker“, Selbsthilfegruppe „Depressionen“ sowie im bayerischen Landesverband der Psychiatrie-Erfahrenen.
  • In Brandenburg, so berichtete eine Teilnehmerin, sollen die Selbsthilfegruppen „vernetzt“ werden. Es wurde von ihr moniert, dass überwiegend „geführte“ Selbsthilfegruppen existieren. Von ihr wurden auch die Treffen „Hölzerner See“ angeführt.

Die 3 Beispiele stehen stellvertretend für die vielen Aktivitäten in den verschiedenen Selbsthilfegruppen und Gremien.
Im zweiten Teil (Nachmittag) waren es 22 Personen, die an der Arbeitsgruppe teilgenommen haben. Die Moderatorin stellte die Gremien zusammen, die von den Teilnehmern vormittags genannt wurden. Insgesamt wurden PSAG, Gemeindepsychiatrischer Verbund, Behindertenbeiräte, Beiräte in Kliniken und Werkstätten, Mitarbeiterfortbildungen, Psychoseseminare und Trialogforen, Unabhängige Beschwerdestellen, staatliche Besuchskommissionen nach PsychKG als Orte genannt, wo auf der örtlichen und regionalen Ebene Interessenvertretung stattfindet.
Schwerpunkt am Nachmittag war die Interessenvertretung im psychiatrischen Bereich. Es wurde darauf hingewiesen, dass jede der beteiligten Gruppen die Sichtweise der anderen Gruppen sehen und verstehen sollte (beteiligte Gruppen sind hier die Betroffenen, Angehörigen und Professionellen gemeint).Es soll ein sogenannter „Perspektivwechsel“ durch geführt werden. Zum Beispiel sollen PE auch das Verständnis für Zwänge und Strukturen seitens der Profis entwickeln. Dies lernt man am Besten in Psychoseseminaren oder Trialogforen.
Eine trialogisch besetzte unabhängige Beschwerdestelle ist das wichtigste Instrument zur Qualitätssicherung in der Psychiatrie. Viele Beschwerden würden überwiegende im Zusammenhang mit gesetzlicher Betreuung stehen. Die Moderatorin skizzierte die Erfahrungen in der Beschwerdestelle Herford. Hier wurde das Konzept ca. 1 ½ Jahre in der PSAG diskutiert, bevor die Stelle am 01.04.2000 ihre Arbeit aufnahm.
Grundsätzlich ist zu sagen, dass eine Beschwerde nicht „ins Leere“ laufen darf. Daher wurden in Herford mit alle Einrichtungen und Dienste sowie mit dem Kreis und allen Städten und Gemeinden im Kreisgebiet Kooperationsverträge abgeschlossen.
Ein zweiter Teilbereich, die Besuchskommission nach PsychKG ist hier auch ausführlich behandelt worden.
Vier Bundesländer haben kein PsychKG:

  • Baden-Württemberg
  • Bayern
  • Saarland
  • Hessen

Der Geltungsbereich der Besuchskommissionen nach PsychKG ist in einigen Bundesländern unterschiedlich geregelt.
In NRW und Brandenburg gehen die Besuchskommissionen nur in die ssychiatrische Kliniken.
In Niedersachsen hingegen gehen die Besuchskommissionen nicht nur in die Psychiatrien, sondern auch in Heime. Die Gefahr bei dieser Regelung besteht jedoch darin, dass nicht alle Heime und Psychiatrien besucht werden.
Ferner sind noch grundsätzliche Dinge angesprochen worden, die die Mitarbeit in Gremien betreffen. Psychiatrie-Erfahrene sollten nicht „in zu vielen Töpfen gleichzeitig rühren“, um einer Gefahr der Überforderung vorzubeugen

Abschließend sind noch die verschiedenen Ebenen der Interessenvertretungen dargestellt worden.

  • Örtliche Ebene – Selbsthilfegruppe
  • Landeseben – Landesverband – Landesgesetzte, die Auswirkungen im psychiatrischen Bereich haben
  • Bundesverband – Bundesgesetze mit Einflussnahme auf den psychiatrischen Bereich

In den Stadtstaaten sind die Ebenen „vermischt“, daher ist eine „saubere“ Trennung oft problematisch.

Als Beispiel wie Interessenvertretung im Landesverband Baden Württemberg organisiert ist, fügen wir eine Aufstellung (pdf) von Uschi Zingler an.

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AG 5: Selbstbestimmter Umgang mit Psychopharmaka
Moderation: Matthias Seibt

Zu Beginn erzählten vier Teilnehmer/innen je zwei Erfolgs- bzw. Misserfolgs-geschichten vom „selbstbestimmten Umgang mit PP“. Deutlich wurde, dass Erfolg je nach gesetztem Ziel etwas ganz Anderes bedeutet. Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie, seit sie sich auf die Dauereinnahme von PP einließ, ohne Psychiatrie-aufenthalt sei. Eine andere Teilnehmerin berichtete von vergeblichen Versuchen, genau diese Dauereinnahme wieder zu beenden.
Von weit über 20 Anwesenden waren nur 3 keine Dauerkonsument/inn/en von PP. Die Schadenswirkungen von PP waren, da sie allen bekannt waren, kein Thema der AG.

Da die Möglichkeit bestand, in eine andere AG zu wechseln, machten wir nachmittags zu zehnt weiter. Zunächst stand das Thema: „Erneute Psychose bei alleinerziehender Mutter“ im Vordergrund. Hier wurde intensiv diskutiert, wie viel von der eigenen Ver-rücktheit bzw. Psychiatriegeschichte frau dem Nachwuchs zumuten könne. Die Notwendigkeit eines stabilen sozialen Umfelds, dass während eventueller Krisen den Nachwuchs versorgt, war unstreitig.

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AG 6: „Kreative Selbstgestaltung, Veränderung durch Dialog, Kunst und Bewegung“
Moderatorin: Miriam Krücke

In drei Stunden ist es kaum möglich, alle im Titel angekündigten Elemente auszugestalten. Dennoch, auch wenn der Fokus letztlich auf der Malerei lag, kam von allem etwas vor. Zu Beginn machten wir eine Fantasiereise: Eine kleine Raupe, gerade aus dem Ei geschlüpft, betrachtet ihre Welt, futtert und sucht sich einen geschützten Platz zum verpuppen. Als der Kokon aufbricht, werden die Teilnehmer wieder in den Raum geführt, räkeln sich tatsächlich, betrachten ihre Flügel und erproben dann zur Musik ihr neues Schmetterlingsdasein. Bei der Reflektion des Erlebten in der Gruppe, treten verschiedene Aspekte in den Vordergrund. Wichtig für den Selbsthilfekontext erscheinen mir vor allem zwei davon. Erstens: Jeder hat eine andere, eigene Wahrnehmung, Bedeutungsgebung u.s.w.. Es gibt kein Richtig oder Falsch dabei und jede Einzelne, verdient uneingeschränkten Respekt. Zweitens: Wenn sog. Professionelle, also „Helfer“ aus dem psychiatrischen System, uns etwas anbieten (z.B. eine Fantasiereise, aber auch Pillen u.s.w.), sind sie zwar verantwortlich für Art und Ausführung des Angebotes, wir aber auch selbst, noch immer, für unser Wohlergehen, in jedem Moment. Was letztlich bedeutet, dass wir achtsam sind und ein Angebot auch ablehnen oder abbrechen, wenn es uns nicht gut tut.
Dann wählte jeder Teilnehmer ein Bild von Vielen aus, eines, das ihn/sie gerade ansprach. Jeweils eine Person interviewte eine Zweite zu ihren persönlichen Entdeckungen, Identifikationsmöglichkeiten u.s.w. in seinem/ihrem Bild. Zuhören bedeutet neugierig zu sein, interessiert nachzufragen. Bei diesem Gespräch sollte weder interpretiert noch gewertet werden. Mit verschiedenen Materialien; Papier, Schere, Klebe, Farben, wurden nun die Bilder verändert, ergänzt oder neu gestaltet. In der Mitte des Raumes stand der Mülleimer, für alles was Mensch nicht mehr braucht. Zuletzt gab ein jeder, jedem einzelnen Werk einen Titel, welcher umgedreht auf einem Zettelchen neben dem Bild platziert wurde.
Bei unseren 16 Teilnehmern hatte also auch jeder 16 Titel, von denen er/sie sich dann den Passendsten aussuchen konnte. Ob wir uns jetzt selbst gestaltet haben, oder einfach Freude hatten am Tun?
Ja, gestalten wir uns nicht ständig selbst? Täglich neu, im Tun? Dann stellt sich nur noch die Frage: WIE WOLLEN WIR SEIN UND WENN JA WIE VIELE?

Lieben Dank und schönste Grüsse an alle meine Seminarteilnehmer. Es hat mir riesig Spaß gemacht mit Euch und ich hab viel gelernt!

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AG 7: „Praktische Psychosebegleitung“
Moderator: Dr. paed. Joachim Glaubrecht

0. Ursachen für den Ausbruch von Psychosen
Abgesehen von frühkindlichen seelischen Traumatisierungen brechen nur bei einem bestimmten Personenkreis im Rahmen krisenhafter Entwicklung Psychosen aus. Dieser Personenkreis, bei dem Psychosebegleitung vonnöten ist, verfügt in der Krise oftmals nur über eingeschränkte Bewältigungsmechanismen für neue Anforderungen. Äußere Umstände und/ oder innerpsychische Veränderungen werden als bedrohlich erlebt und lassen die bisherige Lebensperspektive und das erworbene Wertesystem als brüchig erscheinen. Denken und Wahrnehmung sind eventuell ebenso eingeengt wie die Möglichkeiten sozialer Kontaktaufnahme. Hinzu kommt, dass inadäquate Bewältigungsversuche eine problemverschärfende Eigendynamik entwickeln.

1. Alternative Behandlungsmilieu´s zur rein pharmakologischen Behandlung
Die heutige Ätiologie der Schizophrenie, wird als „multifaktoriell“ charakterisiert (d.h. nicht konkret abgegrenzt diagnostizierbar) und biologisch herleitbar, erschwert die Durchsetzung alternativer Behandlungsmilieu´s. - Ciompis und Moshers Milieukonzepte sind zwar sehr Erfolg versprechend aber sehr aufwendig und daher kaum in der breiten Praxis realisierbar.
Erst in Verbindung mit dem integrierten Ansatz der bedürfnisangepassten Behandlung wird die therapeutische Potenz von Psychosebegleitung im Sinne des Dabei-seins anhaltend wirksam.
Folgendes ist hier von Bedeutung:

  • Krisenintervention
  • low-dose Pharmakotherapie verbunden mit Psychotherapie
  • psychodynamische Verstehensansätze
  • systemisch-sozialkonstruktivistische Verstehensansätze
  • Kritik am biomedizinischen Krankheits- und Behandlungsmodell sowie am reduktionistisch-abstrahiertem Verständnis psychotischer Störungen

2. Risikofaktoren für deren Schadensbeseitigung Psychosen erforderlich sind
- Direkte genetische Ursachen sind auszuschließen, wohl aber sind genetische Dispositionen (Prädispositionen) für besondere Vulnerabilitäten anzutreffen. Dopaminerge Hyperaktivität ist ebenfalls nicht Ursache für psychotische Episoden.
Risikofaktoren für den Ausbruch von Psychosen:

  • rigide Familienmillieus
  • gestörte innerfamiliäre Kommunikation
  • fehlende Empathie in der Familie und zu Objekten des Umfeldes
  • Konflikte zwischen Eltern und Kindern
  • sehr strenges und einengendes Familienmillieu
  • unstete Lebensverhältnisse
  • ungewollte Schwangerschaft der Mutter des Betroffenen.

3. Spezifische Persönlichkeitseigenschaften psychotischer Menschen
Grundsätzlich müssen psychotische Menschen in zwei Gruppen eingeteilt werden:
I. Menschen, die sich bereitwillig in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen und in der Regel alle Therapien tolerieren (insbes. Pharmakotherapie).
II. Menschen, die ihr psychotisches Erleben gut selbst einschätzen können, eine kritische Haltung zur traditionellen Psychiatrie haben und in der Regel für Alternativtherapien mit hohem Eigenaktivitätsanteil aufgeschlossen sind.1)
(Die Menschengruppe nach I. hat bedeutend weniger Chancen zu einer Heilung seelischer Verwundungen als die Menschen der Gruppe II.)
Kennzeichen psychotischer Zustände:

  • das Bewältigungspotential für seelische Krisen ist zu wenig ausgeprägt
  • gewichtige Störungen der integrativen Ich-Funktionen (bis zur ich-Auflösung)
  • gestörtes Selbstwertgefühl
  • Defizite in der Individuation (unvollständige Persönlichkeiten)
  • Ausgeprägte Vulnerabilität
  • sowohl Tendenzen zu symbiotischen Bindungen als auch autistischer Rückzug
  • Unvollständigkeit in der wechselseitigen Empathie zwischen Kind und Eltern
  • pathologischer Narzissmus
  • Ambivalenzen zu neuen Selbstobjekten behindern Persönlichkeitsentwicklung.

Nach unserem Verständnis von Krise ist eine Krise kein pathologisches Phänomen, sondern eine zum Leben gehörende Erfahrung. In der Bearbeitung der Krise entscheidet es sich, ob es zum psychischen Leid kommt oder ob die Krise als heilsame Erfahrung überstanden wird. Durch gekonnte Psychosebegleitung kann der Weg zur heilsamen Erfahrung geebnet werden. (siehe 4.)

4. Methoden der Begleitung
Die Stärkung der Subjektposition „In meinem Gehirn wirkt derzeit eine große Selbstheilungskraft“ ist der wichtigste Eckpfeiler aller Begleitmethoden. Hier ist hoch qualifizierte Überzeugungsarbeit zu leisten!
Diese Grundmethode ist ressourcenorientiert, aktivierend und von einem verstehenden Zugang der Wertschätzung und des partnerschaftlichen Umgangs miteinander geprägt. Vertraute Personen und psychiatrisch Tätige werden in die Begleitung einbezogen, nachdem sie den positiv-heilenden Wert von Psychosen begriffen haben und ihr Handeln nicht mehr auf Unterdrückung, sondern auf Stützung der Psychose ausrichten.
Zum Personenkreis der Begleiter gehören: Gruppen sind mit vielfältigen Kompetenzen: Professionelle, Psychiatrie- u. a. –erfahrene, Angehörige und Laienhelfer.
In Bezug zum derzeitigen in der Psychiatrie üblichen hochdosierten Neuroleptikaeinsatz gilt die generelle Strategie²) der so niedrigen wie irgend möglichen NL-Dosierung.
Es geht also nicht darum, möglichst schnell die Symptome der Krise (Wahn, Halluzinationen etc.) zu beheben und die Psychose schnellstmöglich zu beenden, sondern die Begleitung durch die Krise mit dem Ziel, äußere und innere Faktoren, die das krisenhafte Erleben und Verhalten begünstigt haben, neu zu ordnen.
Die konsequente Beteiligung des Akteurs Klientin am Prozess der Krisenbewältigung und der Rückgriff auf individuelle Bewältigungsstrategien fördert die Fähigkeit, zukünftigen Belastungen selbstbewusster zu begegnen. Der verstehende Zugang soll ein besseres Kennenlernen der eigenen Möglichkeiten und Grenzen ermöglichen, frühes Erkennen von Überlastungssymptomen sowie eine bessere Organisation von Anforderungen und Ressourcen fördern und damit weiteren Krisen vorbeugen.
Nicht zu vernachlässigen ist die Herstellung der materiellen Sicherheit des Akteurs. Sein Lebensunterhalt und der Unterhalt der von ihm materiell abhängigen Personen müssen stabil organisiert werden, damit sozusagen „der Kopf frei wird“ für die in der Psychose stattfindenden Selbst-Gestaltungs Vorgänge.

5. Begleitung konkret
Während der Begleitung sollte sowohl vom Begleiter als auch von den Räumlichkeiten (weiches Zimmer) nur die geringst nötige Störwirkung (Außenreize) ausgehen. Diese Reizabschirmung gestattet dem Akteur eine bessere Konzentration auf seinen Selbstentwicklungsprozess.
Gleichwohl kann es durchaus sinnvoll sein, bestimmte Rituale oder Szenerien zu organisieren, um ein allzu heftiges Gedankenkreisen (Innenreize) beim Akteur abzumildern.
Da es in diesem Zusammenhang (z.B. zwecks Schaffung von Geborgenheit) aber auch zu leichten körperlichen Berührungen (z. B. Streicheln) kommen kann, sei dennoch auf allergrößte Vorsicht hingewiesen (z.B. Vorsicht vor Zweideutigkeiten)!
Sehr wichtig ist m. E. die Authentizität des Begleiters: Ehrlichkeit, Echtheit und Offenheit, auf der Basis eines zurückhaltenden Optimismus, lassen möglicherweise dem Akteur erstmalig erfahren, wie beglückend richtig gute Menschlichkeit ist. Da wird nichts vorgegaukelt oder geschauspielert, sondern die Wirklichkeit, auch Unannehmlichkeiten, so reflektiert, wie sie sind.
So wird hier in besonderer, aufmerksamer Berücksichtigung etwaiger Größenwahn vorsichtig relativiert, geachtet und nicht verunglimpft.

Die akute Psychose ist auch als ein Übergangsritual zu verstehen. Sowohl ein Zurückblicken als auch ein Vorwärtsschauen auf das Leben des Akteurs sind während der Begleitung zu fördern. Allerdings ist der Blick nach „Vorn“ ausführlicher und so konkret wie möglich zu gestalten, damit die sinnstiftende Wirkung der Psychose den ihr gebührenden, hohen Rang erhalten kann. Hierfür sind insbesondere die Momente der Klarheit³) des Akteurs zu nutzen.
Dies alles erfordert ein Einfühlsam-waches Dabei-Sein, bei gleichzeitigem intuitiven Eingehen auf aktuelle Bedürfnisse des Akteurs.
Schließlich gilt für die gesamte Zeit des Dabei-Seins, dass die existentiellen Ängste gleich nach ihrem Auftauchen akzeptiert werden und nicht versucht wird, sie zu verdrängen.
Die existentiellen Ängste weisen auf Entwicklungsdefizite hin und sind somit ein wertvoller Indikator für den erreichten Entwicklungsstand während der psychotischen Episoden. Durch sorgfältige Beobachtung kann die Art der Ängste und die sie auslösenden Faktoren ergründet werden. Damit wird es dem Akteur selbst möglich, die Angst auslösenden Faktoren für sich gezielt zu beeinflussen.

6. Wie wirkt die Psychosebegleitung?
Nach einer Hypothese von CIOMPI sorgt die angemessene, Anspannung mindernde Psychosebegleitung dafür, dass eine nachhaltige Reduktion des hochgradig erregten emotionalen Zustandes im Gehirn einsetzen kann. Damit einher geht auch eine Reduktion der Angst, die Erregung sinkt, Vertrauen und Respekt können wieder wachsen.
Im Laufe der dann folgenden vielfältigen therapeutischen (möglichst neuroleptikafreien) Kontakte zwischen Begleitpersonen und Akteur wird unter freundlichen, weichen Aufenthaltsverhältnissen eine optimale Arbeitsatmosphäre zwecks Durcharbeitung der Psychose auslösenden Lebensereignisse aufgebaut und solange an der Wirksamkeit erhalten, bis eine adäquate Bewältigung der Psychose auslösenden Krise möglich ist.

7. Zur psychischen Befindlichkeit begleitender Personen
Das Problem sind nicht die Akteure, sondern das, was sie in uns auslösen. Die Konfrontation mit psychotischen Menschen weicht immer vom üblichen Kontakt mit nicht psychotischen Menschen ab. Diese als bedrohlich erlebte Konfrontation führt ja dann auch zu den bekannten Separierungen der Akteure. Sie stellt aber auch eine Chance dar, die als Möglichkeit einer Bereicherung unseres Wissens über das enorme Ausmaß und den Reichtum des Unbewußten gelten kann.
Versuchen wir bis an unsere Grenzen und an die Grenzen des Akteurs zu gehen, so eröffnet sich uns der weite Blick in die großartigen Chancen einer Heilung seelischer Verwundungen ohne den Einsatz von Neuroleptika!

Fußnoten:
1) Persönliche Gründe für die Ablehnung traditioneller stationärer Behandlung können sein:

  • die Angst vor Zwangsbehandlung
  • der Wunsch nach kleinem Rahmen, überschaubarer Umgebung
  • der Wunsch nach mehr Einflussmöglichkeiten auf Behandlung/Begleitung
  • schlechte Erfahrung in der Vergangenheit
  • Schwellenängste vor klinischen Institutionen ? die Angst vor Stigmatisierung
  • Misstrauen gegenüber medizinischer Behandlung

2) Der vom Unterbewusstsein gestartete Selbstheilungsprozess bezüglich seelischer Verwundungen in Form der Psychose wird durch die viel zu hoch dosierte Pharmakotherapie mit Neuroleptika unnötig gestört, behindert, verlangsamt oder ganz blockiert. Das Gehirn versucht dann im Verlauf des weiteren Lebens wiederholt Psychosen auszulösen, um letztendlich die seelischen Verwundungen auszuheilen. Man bezeichnet dies dann als Chronifizierung psychischer Erkrankung.

3) „Momente der Klarheit“ sind mitten in den psychotischen Gesamtzustand eingebettet und ermöglichen den so wichtigen Zugang zum Akteur. Sie sind erkennbar am logischen Sinn des Gesprächsinhaltes und sollten nicht ungenutzt verstreichen.
Hier können Fragen zu näheren Umständen der Psychoseverursachung, der Familiensituation und Einflüssen Außenstehender behandelt werden. Auch Wünsche des Akteurs können in solchen Momenten sicherer erkannt und befriedigt werden.

Literatur:
V. Aderhold: „Die akute Schizophrenie als Prozess der Selbst-Gestaltung“, Köln 1993
Marc Rufer: „Alternativen zur Psychiatrie, Daneben sein…“, Zürich März 2007
V. Aderhold, Alanen et al: „Psychotherapie der Psychosen“, Gießen 2003
Autorenteam: „frei-raum e.V.“, Berlin 2007
Luc Ciompi: „Wie wirkt Soteria?“, Bern 2001
Ingo Runte: „ Begleitung höchst persönlich“, Bonn 2001

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AG 8: Möglichkeiten und Grenzen der Borderline-Selbsthilfe
Moderatorin: Verena Walter

Zu Beginn der Arbeitsgruppe stellte sich jeder vor und äußerte seine/ihre Erwartungen und wünsche an die Arbeitsgruppe. Schnell wurde deutlich, dass meine Vorbereitungen in eine etwas andere Richtung gewesen waren.
Es waren insgesamt nur zwei Betroffene da, so dass praktische Selbsthilfearbeit nicht möglich war.

Am Vormittag ging es in erster Linie um das Verständnis der „Krankheit“ Borderline. Es fand eine angeregte Diskussion statt, die einmal mehr verdeutlichte, wie schwer es heute noch ist, diese Diagnose klar von anderen Diagnosen abzugrenzen. Es wird heute auch von professioneller Seite überwiegend dazu übergegangen, Borderline nicht als Einzeldiagnose zu stellen, sondern die schwersten Problemfelder mit einer zusätzlichen Diagnose zu unterstreichen.
Sehr schnell wurde wieder klar, dass es nicht en „Borderliner“ gibt. Was im Rahmen der AG als deutliche Abgrenzung zu anderen Diagnosen offensichtlich wurde war unter anderem die extreme Wahrnehmung der Gefühle. Das „gefangensein“ in dem Gefühl. Ich denke, dass allgemeine Problem psychisch Kranker, dass ein Außenstehender nicht wirklich nachempfinden kann, wie das subjektive Erleben ist, wurde in der Diskussion zwischen Angehörigen und Betroffenen auch hier sehr deutlich.

Am Vormittag habe ich noch über meine eigenen Erfahrungen mit Therapie und Selbsthilfe berichtet.
Borderline gilt heute leider immer noch als unheilbar. Das ist etwas, was ich nach über 14-jähriger Therapie durchaus bestätigen konnte. Therapeutisch gesehen ist Borderline wirklich nicht heilbar. Ich habe alle möglichen Therapieformen ausgeschöpft. Für Borderliner selber gibt es eine spezifische Verhaltenstherapie, die Dialektisch behaviourale Therapie. Aus meiner Erfahrung habe ich berichtet, wie sehr diese Therapieform anfangs zu meiner Stabilisierung beigetragen hat. Dennoch musste ich auch die Grenzen dieser Therapie schnell erkennen, da es hierbei, wie für eine Verhaltenstherapie typisch, primär um den Umgang mit den Symptomen geht.
Leider konnte ich in dieser Hinsicht nicht wirklich ermutigende Worte sprechen. Für mich war die Verhaltenstherapie eine sehr gute Möglichkeit, mich selbst kennen zu lernen und mit bestimmten Gefühlen besser umgehen zu können. Doch das Grundproblem ist geblieben. So habe ich mein Leben früher als sehr anstrengend empfunden, da ich immer „machen“ musste, „aufpassen“ musste. Damit ich ja nicht überbelastet bin, dass ich mich vor Situationen schütze, die die Spannung allzu sehr steigen lassen. Die DBT nimmt die Problematik nicht weg, sie kann lediglich helfen, mit den Folgen und Symptomen zu leben. Dies habe ich allerdings wirklich als ständiges „tun“ müssen erlebt.

Wirkliche Hilfe habe ich in dem Ansatz der Vergebung gefunden. In den Therapien wurde viel über Trauma und wie damit umgehen geredet, doch nichts hat dieses Gefühl genommen, ich habe in den Therapien nur gelernt, mich nicht mehr davon beherrschen zu lassen. Es hat mich aber immer wieder eingeholt. Durch Vergebung durfte und darf ich immer noch erfahren, wie ich meine alten Verletzungen nicht nur verstehe, sondern wie sie langsam „heil“ werden. „Vergebung – eine göttliche Medizin“ lautet ein Buchtitel. Ich selber habe diese heilsame Wirkung erleben dürfen, vor allem aber auch die Gnade, mir selber vergeben zu können. Gerade bei Borderline spielen Gefühle wie Scham/Ekel/Schuld eine große Rolle. Dadurch, dass ich lernen durfte, mir selber zu vergeben, aber in erster Linie, weil ich den Dreifaltigen Gott als liebenden Gott kennen lernen durfte konnte ich diese „Grundprobleme“ von Borderline ablegen und bezeichne mich heute als geheilt ?

Dieser Glaube gab selbstverständlich Grund zur Diskussion. Vor einem Jahr hätte ich jeden, der mir dies erzählt wohl für absolut naiv gehalten. Denn Glaube setzt Vertrauen voraus, und gerade dieses Vertrauen ist bei Borderlinern ja gestört. Ich konnte und kann keine Antwort geben, warum es mir letztendlich gelungen ist, mich der Liebe Gottes hinzugeben und an einen Gott zu glauben, den ich nicht sehe. Letztendlich war ich auf der Suche. Auf dieser Suche bin ich vielen Therapien, vielen Ansätzen begegnet. Ass ich mich auf dieses Abenteuer“ Gott“ (und für mich IST es ein Abenteuer) einlassen konnte war zum einen eine bewußte Entscheidung, mich zu öffnen, es zu versuchen. Dass ich es konnte war Gnade.

Am Nachmittag wollten wir etwas Praktisches machen, was sich eben aufgrund der bunten Zusammenstellung etwas schwer gestaltete. Wir haben uns das Gefühl von Wut und Aggression etwas näher angeschaut. Ich habe einzelne Hilfsmöglichkeiten, wie zum Beispiel die Spannungskurve oder den Notfallkoffer vorgestellt. Er Notfallkoffer ist ein Sammelsurium von Fertigkeiten, mit allen möglichen Spannungen, Gefühlen und Problemen umzugehen. In erster Linie wird er eingesetzt um wirklich hohe Anspannungen wieder zu senken. Der Notfallkoffer ist sehr individuell und die dinge müssen oft ausprobiert werden, damit sie wirklich greifen können.
Als Beispielkoffer stelle ich hier einige Dinge vor, die ich in meinem letzten Koffer hatte.

Amoniak Ampulle, Fotos, Stift und Blatt, Igelball, Rosenkranz (nicht nur zum Beten auch zum anfassen), Pfefferminzöl, Kaugummis, mp3 Player

Alles in allem kann ich für mich sagen, dass mir das Zusammenarbeiten sehr Spass gemacht hat. Vor allem der respektvolle Umgang zwischen Betroffenen und Nicht – Betroffenen, der, trotz allem oft Unverständnis da war hat mich sehr beeindruckt. Es ging darum, Verständnis füreinander zu lernen und Schritte aufeinander zuzumachen. Ich möchte mich bei allen Teilnehmern für dieses schöne Miteinander bedanken.

Leider sind mir einige e-mail Adressen abhanden gekommen (in meinem 3 Kinder Chaos: -/ ) , gerne schicke ich den Teilnehmern und allen Interessierten Material. Ich bitte nochmals um Zusendung der e-mail Adresse an
thora@borderline-web.de (e-mails verschussle ich nicht)


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