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AG 1: „Heime und ambulante
Wohnformen mit Persönlichem Budget“
AG 2: „Künstlerarbeit:
Das Hobby zum Beruf machen - von Illusion und reellen Möglichkeiten“
AG 3: EX-IN – das
neue europäische Pilotprojekt
AG 4: „Interessenvertretung
durch örtliche Selbsthilfegruppen“
AG 5: Selbstbestimmter
Umgang mit Psychopharmaka
AG 6: „Kreative Selbstgestaltung,
Veränderung durch Dialog, Kunst und Bewegung“
AG 7: „Praktische
Psychosebegleitung“
AG 8: Möglichkeiten
und Grenzen der Borderline-Selbsthilfe
oben
AG
1: „Heime und ambulante Wohnformen mit Persönlichem Budget“
Leiter der AG: Klaus Laupichler
und Franz-Josef Wagner
Nach der Vorstellungsrunde der Teilnehmer – es
waren Psychiatrie-Erfahrene, Profis und Angehörige anwesend –
ging es in die Details: Psychiatrie-Erfahrene berichteten von
ihren Heimerfahrungen, Profis berichteten, Psychiatrie-Erfahrene
erhalten – wenn sie aus dem Heim aus ziehen – einen Geldbetrag
– Persönliche Budget – mit dem die Psychiatrie-Erfahrenen ihren
Bedarf – kommunikativen, haushaltstechnischen, behördliche Unterstützung
usw. - außerhalb des Heimes Einkaufen können. Das macht die Psychiatrie-Erfahrenen
jetzt für die Leistungserbringer zu wichtigen Personen. Psychiatrie-Erfahrene
haben zur Zeit Geld und einen Leistungsbedarf um die die Leistungserbringer
nun kämpfen müssen! Bisher haben die Leistungserbringer mit den
Leistungsträgern (Kommunen) über Geldbeträge verhandelt ohne die
Leistung tatsächlich um zu setzen. Heute bestimmen die Leistungsnehmer
– wir – welche Leistungen wir haben möchten und wer die Leistung
erbringt. Mit dieser Möglichkeit sind Heimbewohner bereit außerhalb
des Heimes zu wohnen, nur die gewünschten Leistungen werden auch
bezahlt die der Leistungserbringer – wir - gerne möchten!
Probleme: Klaus
Laupichler warnt vor zu sc
Die Schwachstellen des aktuellen Systems in den
Heimen sind:
- zu viel Bürokratie
- das System ist unehrlich (Dokumentation stimmt nicht mit
der Realität überein)
- die Behörden arbeiten und bezahlen nach Aktenlage und nicht
nach der Realität im Heim
Ziel des zukünftigen Systems:
- Beratung zum Persönlichen Budget speziell für Heimbewohner,
aus betroffener Sicht
- Einige Heimbewohner wollen gar nicht aus dem Heim ziehen,
für diese Menschen bedarf es auch noch weiter Heime
- Das emotionale Gefühl der Heimbewohner und der des Persönlichen-Budget-Empfängers
muss immer akzeptiert werden
- Die Hilfe des Heimbewohner muss immer auf Empowerment – Selbstbefähigung-
ausgerichtet sein
- Es sollen Tagungen speziell für Heimbewohner durchgeführt
werden, wie es der LVPE Rheinland-Pfalz e.V. 2007 durchführte
Themen z.B. „Der weg aus dem Heim – aber wie?“ oder „Vorsicht
die Heimaufsicht kommt!“
- Es sollen Tagungen in den Heimen statt finden
- Die hohe Medikamentendosis sollen im Heim schon reduziert
werden, damit das Gefühl zum Körper wieder entsteht
- Auch Menschen über 65 Jahre wollen emanzipiert leben
- Das Ziel der Heime soll die Entlassung aus dem Heim sein
und nicht die Dokumentation z.B. haben die Klinikärzte nur noch
10 Minuten direktes Patientengespräch/Woche und Patient der
Rest (35 h/Woche) ist für Dokumentation und Organisation
- Empowerment heißt die positiven wie negativen Grenzen zu
kennen und selbst erfahren zu dürfen
- Es dürfen keine Gettos (psychiatrische Brennpunkte) entstehen
? Das Problem der Sexualität in den Heimen muss gelöst und nicht
unterdrückt werden hnellem Auszug aus dem Heim.
Teilnehmer: Vor- und Nachmittags je 20 Personen
AG
2: „Künstlerarbeit: Das Hobby zum Beruf machen - von Illusion
und reellen Möglichkeiten“
Referent: Gangolf Peitz, Autor & Künstler / Sozialhelfer
Mit zwölf TeilnehmerInnen war dieses Seminar
in einer idealen Größe zum Arbeiten besucht. Sehr interessiert
aufgenommen wurde das Referieren meines Werdeganges, meiner persönlichen
Erfahrungen über eine gesundheitliche und berufliche Auszeit vom
Hobbyisten - über Jahre hin- zum heutigen beruflichen Standbein
Autor, Auftrittskünstler, Dozent und Bildender Künstler, akzentuiert
durch eine innere Befreiung mittels der Kraft der Musen, sprich
selbstbestimmt in Selbsthilfe, hin zur Gesundheit.
Engagiert diskutiert wurden praktische Tipps
zu ersten Ausstellungen, Publikationsmöglichkeiten, Lesungen etc.,
Themen wie Künstlersozialkasse oder das schwierige Unterfangen
einer eigenen Buchveröffentlichung intensiv besprochen. Besondere
Berücksichtigung hatte der Punkt berufliche Realisierbarkeit,
Geld verdienen mit Künstler- und Autorenarbeit, sei es als Zusatzeinkommen
oder als Haupterwerb. Hier zeigten sich die ganz unterschiedlichen
Ausgangspositionen und Zielrichtungen der Interessierten. Mit
knapp 3 Stunden war die Zeit der AG freilich begrenzt, sie wurde
ausgiebig und fruchtbar genutzt, das feedback war zufriedenstellend
und weiterführend für alle. Fazit: Von Künstlerarbeit leben ist
hart, bedarf eines längeren Weges, ist aber machbar, gangbar.
Auch, oder gerade auch für Menschen in und aus Krisenzeiten, mit
all ihrem kreativ-musischen Potential.
Für mich als Literaten, Maler, Künstler, der einer Psycho-Sprachgebung
leidenschaftlich gerne „entsteigt“, war es wiederum ausgesprochen
erfreulich in der sympathischen Kasseler Gruppenarbeit mit einem
kreativ-literarischen Selbsthilfe-Ansatz derart positive Resonanz
zu finden. „Selbstbestimmt leben - selbstbestimmt arbeiten!“,
ist per Künstlerarbeit möglich. Es geht nicht nur um Ruhm und
Ehre (Heinrich Böll: „Der Lorbeer gehört in die Suppe!“), es geht
für Künstler und Autoren auch um Rum (besser: Mineralwasser…)
und Ähre, sprich Broterwerb („gutes Geld für gute Arbeit“), wer
dies will und konsequent angeht.
Ich möchte meinen Nachbericht in Quintessenz
-eindeutig zweideutig- wie folgt schließen: Kultur und Künstlerarbeit
dürfen nicht umsonst sein! Wer sich nun auf einen selbstbestimmten,
neuen beruflichen Weg mit Künstlerarbeit machen will, dem wünsche
ich von Herzen gute Inspiration, gehörig viel Kraft, Realitätssinn,
Mut, Ausdauer, Spucke, auch die richtigen Helfer, gfs. Disziplin,
Leidenschaft und Spaß! Möge gelten, was unsere religiöse Literatur
spricht: „Alles hat seine Zeit“.
oben
AG
3: EX-IN – das neue europäische Pilotprojekt
Moderation: Magdalena Bathen Oldenburg
i.O./ Niedersachsen
Psychiatrie-Erfahrene werden zu »Experten durch
(gelebte)Erfahrung (EDE)« ausgebildet!
An dieser Stelle war eigentlich Eva Krebs mit ihrer AG zu „Ernährungsumstellung
und Qigong…“angekündigt. Kurzfristig bin ich eingesprungen. Man
möge mir das anfängliche Chaos aus diesem Grunde verzeihen. Dank
an dieser Stelle an Reinhard Wojke (Berlin) und Christiane Wiedstruck
(Hamburg) für die tatkräftige kurzfristig gewährte Unterstützung.
An der AG nahmen mit mir 22 Menschen teil. Einige waren wegen
Eva Krebs gekommen und dementsprechend natürlich enttäuscht. Ursprünglich
wollte ich auch in ihre AG.
Na gut, gesagt, getan. Letztendlich war die Zeit zu kurz, alle
Fragen auszudiskutieren. Kontrovers wurde Sinn und Unsinn von
EX-IN diskutiert unter den Fragestellungen:
„Beteiligen uns die Profis, die sich im dialogischen Sinne mit
uns an der Entwicklung und Beforschung des Pilotprojektes EX-IN
beteiligen, auch an dessen Erfolg? Bekommen wir unseren verdienten
Teil vom Kuchen?
„Gibt es eigentlich eine Chance, dass ausgebildete Experten in
der Psychiatrie beruflich Fuß fassen?“
Erfahrungen in Bremen sowie in Hamburg zeigen, dass dies keine
Illusion geblieben ist. EX-IN ist meiner Meinung und Erfahrung
nach Pionierarbeit mit guter Prognose!!!
Im folgenden nutze ich den Rundbrief, dass Projekt an dieser Stelle
vorzustellen:
EX-IN steht für Experienced-Involvement und meint die Einbeziehung
und Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener als MitarbeiterInnen in
psychiatrischen Diensten und/oder als DozentInnen in Aus, -Fort-
und Weiterbildungen des Gesundheitswesens bzw. der gesundheitlichen
Bildungsarbeit.
An dem Europäischen Pilotprojekt beteiligten sich neben Deutschland
fünf weitere Partnerländer: Norwegen, Schweden, England, Slowenien
und die Niederlande. Aus diesen Ländern wurden neun institutionelle
Partnereinrichtungen ausgewählt, die sich durch besondere Ansätze
der Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener auszeichnen. Eine davon
ist die Bremer „Initiative zur sozialen Rehabilitation e.V.“
Die Partnereinrichtungen haben sich nun auf den Weg gemacht, gemeinsam
mit Psychiatrie-Erfahrenen, psychiatrischen Fachkräften und Ausbildern
ein neues eigenständiges Berufsbild zu erschaffen. Fortbildungskurse
finden bereits in Bremen sowie in Hamburg das zweite Mal statt.
Erfahrungswissen der Auszubildenden steht
im Vordergrund!
Das Curriculum(Lehrplan) dieser spezifischen Ausbildung basiert
auf dem gelebten Erfahrungswissen der TeilnehmerInnen. Gepaart
mit innovativen und strategischen Lern- und Lehrmethoden, die
zum Teil - learning by doing - erst geschaffen werden, qualifiziert
es die Teilnehmenden für die oben genannten Tätigkeitsbereiche,
indem sie sich selbst befähigen -empowern-, ihr Expertenwissen
zu strukturieren, zu reflektieren sowie notwendige Hintergründe
zu erkennen und angemessene Methoden zur Weitergabe dieses Wissens
zu erlernen.
Die neue Ausbildung soll letztendlich überall in Europa zu einer
offiziellen Anerkennung Psychiatrie-Betroffener als ExperteInnen
in der Psychiatrie führen. Ein Novum, denn in langer Tradition
wurden und werden die psychiatrisierten Menschen in Erforschung
und Behandlung psychischer Störungen nur als Objekt der Wissenschaft
betrachtet. Den Erfahrungen der Betroffenen wird auch heute noch
kaum Bedeutung beigemessen. Ihre Wahrnehmungen und Äußerungen
dienen lediglich zur Symptombeschreibung. Da bei ihnen eine Beeinträchtigung
des rationalen Denkens vorausgesetzt wird, die die Betroffenen
quasi unmündig mache, wird ihr möglicher Beitrag für ein besseres
Verständnis psychiatrischer Phänomene und deren effektiveren Behandlung
ignoriert. Dies führt zu einer nur eindimensionalen Krankheitssicht
mit professioneller Dominanz, die in keinem anderen medizinischen
Fachgebiet ihresgleichen findet. Ein Austausch zwischen Profis
und Psychiatrie-Erfahrenen oder gar die Selbstbestimmung letzterer
war bisher in der Psychiatrie kaum denkbar. Weil die tradierten
Erklärungs- und Behandlungsmodelle von den Betroffenen zudem eher
als schädigend denn als hilfreich empfunden werden, sind sie und
das hinter ihnen stehende Menschenbild nicht länger aufrecht zu
erhalten.
Hilfsangebote verbessern sich durch Einbeziehung
Betroffener als Experten!
Mittlerweile weisen zahlreiche Untersuchungen nach, dass die Beteiligung
Psychiatrie-Erfahrener in Forschung, Ausbildung und bei psychiatrischen
Diensten die Angebote für Betroffene erheblich verbessern. Sie
werden dadurch weniger diskriminierend, weniger entwürdigend und
somit zufrieden stellender für die NutzerInnen.
Besonders in Großbritannien, den Niederlanden und Schweden gab
es in den vergangenen Jahren erfolgreiche Vorstöße »Experten durch
gelebte Erfahrung« direkt mit einzubeziehen, was zu einem besseren
Verständnis und neuem Wissen führte. In Deutschland werden seit
mehr als 30 Jahren positive Ergebnisse erreicht durch Beteiligung
Erfahrener im Bereich Suchttherapie und – prävention.
Es wurde aufgezeigt, dass Expertenwissen beiträgt zu:
- einem erweiterten Verständnis psychischer Störungen
- neuem fundierten Wissen über genesungsfördernde Faktoren
in der Psychiatrie
- der Entwicklung neuer Methoden und umfassender Inhalte in
der Fachkräfteausbildung, die zur Genesung (Recovery) beitragen
- effektiveren, innovativen und nutzerInnenorientierten Angeboten
psychiatrischer Dienste
- besserer Nutzerorientierung, die zur allgemeinen Zufriedenheit
führt
Weiterhin profitieren akut Erkrankte davon, wenn
die „ExpertInnen durch Erfahrung“ ihnen Wege vorleben, wie man
mit einer Psychose oder Depression umgehen kann. Durch die Anerkennung
eines Betroffenen als Behandler erfahren auch die PatientInnen
eine soziale Aufwertung.
Auch bei uns wächst die Zahl von Ausbildungseinrichtungen, Universitäten
und Diensten, die Psychiatrie-Erfahrene beteiligen. An dieser
Stelle erscheint es auch erwähnenswert, dass Gruppen von Erfahrenen
aus eigener Kraft heraus Bildungs- und Stellenangebote erarbeiten
z.B. der Bundesverband Psychiatrie Erfahrener (BPE) oder FüralleFälle
(FaF) in Berlin. Die Zeiten von Betroffenen nur ehrenamtliches
Engagement zu erwarten sind vorbei!!!
Die Experten aus Erfahrung besitzen aufgrund des Mangels an fachspezifischer
oder strukturierter Ausbildung allerdings keinen anerkannten Status
mit der Folge keiner oder nur geringfügiger Entlohnung. Weiterhin
fehlt es an Methoden, das aus Erfahrung gewonnene Expertenwissen
strukturiert zu nutzen. Daher bedarf es eines Lehrplans, das den
Erfahrungen der Betroffenen Rechnung trägt, das notwendige Fachwissen
vermittelt und offiziellen Standards entspricht. Dadurch werden
die Ressourcen der Beteiligten gestärkt und eine Basis für ihre
angemessene Beschäftigung geschaffen. Um dies zu erreichen, ist
es notwendig, Psychiatrie-Erfahrene, Nutzerorganisationen, Ausbildungs-
und Forschungseinrichtungen sowie psychiatrische Dienste in das
Pilotprojekt einzubeziehen.
EX-IN strebt folgende Ergebnisse an:
- Im Rahmen des Pilotprojektes werden unterschiedliche Erfahrungen
und Konzepte der Beteiligung von Experten durch Erfahrung in
Europa zusammengestellt.
- Vorhandene Studien über die Auswirkungen der Beteiligung
von Psychiatrie-Erfahrenen werden verglichen sowie neue Untersuchungen
durchgeführt.
- Die Qualifikationssysteme und die Anerkennungsmöglichkeiten
der angestrebten Ausbildung in den verschiedenen beteiligten
Ländern werden verglichen
- Die Ausbildungsbedarfe von Psychiatrie-Erfahrene, bezogen
auf die angestrebte Qualifizierung werden beschrieben
- Geeignete innovative Ausbildungsmethoden werden beschrieben
und entwickelt
- Kernmodule sowie Lern- und Lehrmaterialien werden entwickelt,
insbesondere solche, die geeignet sind das Erfahrungswissen
von Psychiatrie-Erfahrenen in Ausbildungs- und Versorgungsprozesse
einfließen zu lassen
- Ein Curriculum wird entwickelt, das Psychiatrie-Erfahrenen
mit unterschiedlichen Hintergründen sinnvolle Fähig- und Fertigkeiten
sowie Wissen anbietet, um in den genannten Feldern tätig zu
werden.
In diesem Rahmen liegt der sehr sehenswerte Lehrfilm:
“Wer, wenn nicht wir“ vor, der ausgebildete EDEs bzw. EX-INler
aus den beteiligten Partnerländern zu ihren Erfahrungen zu Wort
kommen lässt.
EX-IN in Bremen
Die Vermittlung der Ausbildungsinhalte für die Teilnehmenden hier
findet statt in einem Basiskurs (100 Stunden) und einem Aufbaukurs
(150 Stunden). Neben theoretischen Grundlagen werden individuelle
Erfahrungen im Gruppenkontext reflektiert sowie Praktika in einer
Praxisphase durchgeführt. Die Fortbildung wird von 2 Dozenten
moderiert, von denen einer Psychiatrie-Betroffener ist.
Folgende Grundsätze leiten die Zusammenarbeit:
- Jeder Mensch hat das Potential zur Genesung
- Jede Person kann Verantwortung übernehmen und an allen Entscheidungen,
die sie betrifft beteiligt sein
- Jeder Mensch weiß, was hilfreich für ihn ist.
Der Basiskurs umfasst die folgenden Module:
- Empowerment (Selbstermächtigung, Wiedererstarken)
- Gesundheitsfördernde Haltungen
- Erfahrung und Teilhabe
- Trialog
- Recovery (Genesung)
Der Aufbaukurs setzt sich aus folgenden Modulen
zusammen:
- Beratung und Begleitung durch Betroffene
- Evaluation psychiatrischer Dienste
- Umgang mit Krisen
- Gesundheitsförderung
- Ausbilden und Unterstützen
Die Ausbildung beinhaltet 2 Praktika in psychiatrischen
Diensten o.ä.. Der Ablauf und die Erfahrungen während der Praktika
werden in Berichten zusammengefasst. Während der ganzen Zeit wird
ein Portfolio, ein Ausbildungstagebuch, geführt, dass am Ende
des Aufbaukurses der Gruppe präsentiert wird, jeder auf seine
individuelle Art.
Am Ende der gesamten Fortbildung erhalten die Teilnehmenden ein
Zertifikat als »ExpertIn durch Erfahrung in der psychiatrischen
Versorgung bzw. in der psychiatrischen Bildungsarbeit«.
Der Teilnehmerbetrag pro Unterrichtsmonat beträgt 60 € im Basis
– und 70 € im Aufbaukurs
Der zweite Basiskurs in Bremen begann im Mai 2007 und endete im
September 2007. Der Aufbaukurs schloss sich im November an und
endet mit einem Zertifikat im Mai 2008. Vorrangiges Ziel dieser
Qualifizierung soll die Verbesserung der sozialen und ökonomischen
Situation Psychiatrie-Erfahrener. Weiter soll sie zur Entwicklung
neuer Beschäftigungs-Möglichkeiten mit angemessen Entlohnung beitragen.
Seit Mai 2007 nehme ich an der EX-IN Fortbildung in Bremen teil.
In unserer Gruppe herrscht ein Klima von Wertschätzung und Ermutigung.
Wir unterstützen uns gegenseitig, unsere verschütteten Kompetenzen
und Ressourcen zu erkennen und zurück zu gewinnen.
Im Moment absolviere ich Praktika in Psychiatrien in Bremen und
Oldenburg. In der Regel begegnen mir die MitarbeiterInnen offen
und interessiert. Gelegentliches Befremden relativiert sich, wenn
ich offen und verständnisvoll auf mein Gegenüber reagiere. Eine
wesentliche Erfahrung ist es für mich, Psychiatrie aus einem anderen
Blickwinkel zu erleben und besser zu verstehen. Durch intensive
Gespräche mit Betroffenen und Mitarbeitern formt sich immer mehr
meine Vision aus, psychosoziale Beratung aus Betroffenen-Sicht
für beide Gruppen anzubieten. Denkbar wäre, Betroffenen z.B. über
Selbsthilfemöglichkeiten zu beraten und dorthin zu begleiten oder
z.B. MitarbeiterInnen in Aus- oder Fortbildungen in unserer Sprache
unser Erleben nahe zu bringen.
EX-IN in Hamburg
Zu speziellen Modalitäten in Hamburg befragt bitte Absolventen
wie Christiane Wiedstruck des dortigen Pilotkurses.
Ausführliche Informationen zu Bremen erteilt:
F.O.K.U.S.
Tel.: 0421/ 380 1950
Email: utschakowski@fokus-fortbildung.de
magdalena.bathen@ewetel.net
AG
4: „Interessenvertretung durch örtliche Selbsthilfegruppen“
Moderation: Ruth
Fricke
Im ersten Teil (Vormittag) nahmen 23 Personen
an der Arbeitsgruppe teil. Die Teilnehmer stellten sich kurz vor
und berichteten über ihre Erfahrungen im Bereich der Selbsthilfearbeit.
Einige Beispiele sind:
- Ein Teilnehmer aus Hannover ist im dortigen Ortsverein engagiert
(VPE Hannover), zusätzlich im Landesfachbeirat Psychiatrie,
Psychiatrie-Ausschuss des Niedersächsischen Landtages und in
der Beschwerdestelle Region Hannover.
- Ein Teilnehmer aus Rosenheim berichtete über seine Mitarbeit
in der örtlichen Selbsthilfegruppe „Freunde psychisch kranker“,
Selbsthilfegruppe „Depressionen“ sowie im bayerischen Landesverband
der Psychiatrie-Erfahrenen.
- In Brandenburg, so berichtete eine Teilnehmerin, sollen die
Selbsthilfegruppen „vernetzt“ werden. Es wurde von ihr moniert,
dass überwiegend „geführte“ Selbsthilfegruppen existieren. Von
ihr wurden auch die Treffen „Hölzerner See“ angeführt.
Die 3 Beispiele stehen stellvertretend für die
vielen Aktivitäten in den verschiedenen Selbsthilfegruppen und
Gremien.
Im zweiten Teil (Nachmittag) waren es 22 Personen, die an der
Arbeitsgruppe teilgenommen haben. Die Moderatorin stellte die
Gremien zusammen, die von den Teilnehmern vormittags genannt wurden.
Insgesamt wurden PSAG, Gemeindepsychiatrischer Verbund, Behindertenbeiräte,
Beiräte in Kliniken und Werkstätten, Mitarbeiterfortbildungen,
Psychoseseminare und Trialogforen, Unabhängige Beschwerdestellen,
staatliche Besuchskommissionen nach PsychKG als Orte genannt,
wo auf der örtlichen und regionalen Ebene Interessenvertretung
stattfindet.
Schwerpunkt am Nachmittag war die Interessenvertretung im psychiatrischen
Bereich. Es wurde darauf hingewiesen, dass jede der beteiligten
Gruppen die Sichtweise der anderen Gruppen sehen und verstehen
sollte (beteiligte Gruppen sind hier die Betroffenen, Angehörigen
und Professionellen gemeint).Es soll ein sogenannter „Perspektivwechsel“
durch geführt werden. Zum Beispiel sollen PE auch das Verständnis
für Zwänge und Strukturen seitens der Profis entwickeln. Dies
lernt man am Besten in Psychoseseminaren oder Trialogforen.
Eine trialogisch besetzte unabhängige Beschwerdestelle ist das
wichtigste Instrument zur Qualitätssicherung in der Psychiatrie.
Viele Beschwerden würden überwiegende im Zusammenhang mit gesetzlicher
Betreuung stehen. Die Moderatorin skizzierte die Erfahrungen in
der Beschwerdestelle Herford. Hier wurde das Konzept ca. 1 ½ Jahre
in der PSAG diskutiert, bevor die Stelle am 01.04.2000 ihre Arbeit
aufnahm.
Grundsätzlich ist zu sagen, dass eine Beschwerde nicht „ins Leere“
laufen darf. Daher wurden in Herford mit alle Einrichtungen und
Dienste sowie mit dem Kreis und allen Städten und Gemeinden im
Kreisgebiet Kooperationsverträge abgeschlossen.
Ein zweiter Teilbereich, die Besuchskommission nach PsychKG ist
hier auch ausführlich behandelt worden.
Vier Bundesländer haben kein PsychKG:
- Baden-Württemberg
- Bayern
- Saarland
- Hessen
Der Geltungsbereich der Besuchskommissionen nach
PsychKG ist in einigen Bundesländern unterschiedlich geregelt.
In NRW und Brandenburg gehen die Besuchskommissionen nur in die
ssychiatrische Kliniken.
In Niedersachsen hingegen gehen die Besuchskommissionen nicht
nur in die Psychiatrien, sondern auch in Heime. Die Gefahr bei
dieser Regelung besteht jedoch darin, dass nicht alle Heime und
Psychiatrien besucht werden.
Ferner sind noch grundsätzliche Dinge angesprochen worden, die
die Mitarbeit in Gremien betreffen. Psychiatrie-Erfahrene sollten
nicht „in zu vielen Töpfen gleichzeitig rühren“, um einer Gefahr
der Überforderung vorzubeugen
Abschließend sind noch die verschiedenen Ebenen
der Interessenvertretungen dargestellt worden.
- Örtliche Ebene – Selbsthilfegruppe
- Landeseben – Landesverband – Landesgesetzte, die Auswirkungen
im psychiatrischen Bereich haben
- Bundesverband – Bundesgesetze mit Einflussnahme auf den psychiatrischen
Bereich
In den Stadtstaaten sind die Ebenen „vermischt“,
daher ist eine „saubere“ Trennung oft problematisch.
Als Beispiel wie Interessenvertretung im Landesverband
Baden Württemberg organisiert ist, fügen wir eine Aufstellung
(pdf) von Uschi Zingler an.
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AG
5: Selbstbestimmter Umgang mit Psychopharmaka
Moderation: Matthias Seibt
Zu Beginn erzählten vier Teilnehmer/innen je
zwei Erfolgs- bzw. Misserfolgs-geschichten vom „selbstbestimmten
Umgang mit PP“. Deutlich wurde, dass Erfolg je nach gesetztem
Ziel etwas ganz Anderes bedeutet. Eine Teilnehmerin berichtete,
dass sie, seit sie sich auf die Dauereinnahme von PP einließ,
ohne Psychiatrie-aufenthalt sei. Eine andere Teilnehmerin berichtete
von vergeblichen Versuchen, genau diese Dauereinnahme wieder zu
beenden.
Von weit über 20 Anwesenden waren nur 3 keine Dauerkonsument/inn/en
von PP. Die Schadenswirkungen von PP waren, da sie allen bekannt
waren, kein Thema der AG.
Da die Möglichkeit bestand, in eine andere AG
zu wechseln, machten wir nachmittags zu zehnt weiter. Zunächst
stand das Thema: „Erneute Psychose bei alleinerziehender Mutter“
im Vordergrund. Hier wurde intensiv diskutiert, wie viel von der
eigenen Ver-rücktheit bzw. Psychiatriegeschichte frau dem Nachwuchs
zumuten könne. Die Notwendigkeit eines stabilen sozialen Umfelds,
dass während eventueller Krisen den Nachwuchs versorgt, war unstreitig.
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AG
6: „Kreative Selbstgestaltung, Veränderung durch Dialog, Kunst
und Bewegung“
Moderatorin: Miriam Krücke
In drei Stunden ist es kaum möglich, alle im
Titel angekündigten Elemente auszugestalten. Dennoch, auch wenn
der Fokus letztlich auf der Malerei lag, kam von allem etwas vor.
Zu Beginn machten wir eine Fantasiereise: Eine kleine Raupe, gerade
aus dem Ei geschlüpft, betrachtet ihre Welt, futtert und sucht
sich einen geschützten Platz zum verpuppen. Als der Kokon aufbricht,
werden die Teilnehmer wieder in den Raum geführt, räkeln sich
tatsächlich, betrachten ihre Flügel und erproben dann zur Musik
ihr neues Schmetterlingsdasein. Bei der Reflektion des Erlebten
in der Gruppe, treten verschiedene Aspekte in den Vordergrund.
Wichtig für den Selbsthilfekontext erscheinen mir vor allem zwei
davon. Erstens: Jeder hat eine andere, eigene Wahrnehmung, Bedeutungsgebung
u.s.w.. Es gibt kein Richtig oder Falsch dabei und jede Einzelne,
verdient uneingeschränkten Respekt. Zweitens: Wenn sog. Professionelle,
also „Helfer“ aus dem psychiatrischen System, uns etwas anbieten
(z.B. eine Fantasiereise, aber auch Pillen u.s.w.), sind sie zwar
verantwortlich für Art und Ausführung des Angebotes, wir aber
auch selbst, noch immer, für unser Wohlergehen, in jedem Moment.
Was letztlich bedeutet, dass wir achtsam sind und ein Angebot
auch ablehnen oder abbrechen, wenn es uns nicht gut tut.
Dann wählte jeder Teilnehmer ein Bild von Vielen aus, eines, das
ihn/sie gerade ansprach. Jeweils eine Person interviewte eine
Zweite zu ihren persönlichen Entdeckungen, Identifikationsmöglichkeiten
u.s.w. in seinem/ihrem Bild. Zuhören bedeutet neugierig zu sein,
interessiert nachzufragen. Bei diesem Gespräch sollte weder interpretiert
noch gewertet werden. Mit verschiedenen Materialien; Papier, Schere,
Klebe, Farben, wurden nun die Bilder verändert, ergänzt oder neu
gestaltet. In der Mitte des Raumes stand der Mülleimer, für alles
was Mensch nicht mehr braucht. Zuletzt gab ein jeder, jedem einzelnen
Werk einen Titel, welcher umgedreht auf einem Zettelchen neben
dem Bild platziert wurde.
Bei unseren 16 Teilnehmern hatte also auch jeder 16 Titel, von
denen er/sie sich dann den Passendsten aussuchen konnte. Ob wir
uns jetzt selbst gestaltet haben, oder einfach Freude hatten am
Tun?
Ja, gestalten wir uns nicht ständig selbst? Täglich neu, im Tun?
Dann stellt sich nur noch die Frage: WIE WOLLEN WIR SEIN UND WENN
JA WIE VIELE?
Lieben Dank und schönste Grüsse an alle meine
Seminarteilnehmer. Es hat mir riesig Spaß gemacht mit Euch und
ich hab viel gelernt!
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AG
7: „Praktische Psychosebegleitung“
Moderator: Dr. paed. Joachim Glaubrecht
0. Ursachen für den Ausbruch von Psychosen
Abgesehen von frühkindlichen seelischen Traumatisierungen brechen
nur bei einem bestimmten Personenkreis im Rahmen krisenhafter
Entwicklung Psychosen aus. Dieser Personenkreis, bei dem Psychosebegleitung
vonnöten ist, verfügt in der Krise oftmals nur über eingeschränkte
Bewältigungsmechanismen für neue Anforderungen. Äußere Umstände
und/ oder innerpsychische Veränderungen werden als bedrohlich
erlebt und lassen die bisherige Lebensperspektive und das erworbene
Wertesystem als brüchig erscheinen. Denken und Wahrnehmung sind
eventuell ebenso eingeengt wie die Möglichkeiten sozialer Kontaktaufnahme.
Hinzu kommt, dass inadäquate Bewältigungsversuche eine problemverschärfende
Eigendynamik entwickeln.
1. Alternative Behandlungsmilieu´s zur rein
pharmakologischen Behandlung
Die heutige Ätiologie der Schizophrenie, wird als „multifaktoriell“
charakterisiert (d.h. nicht konkret abgegrenzt diagnostizierbar)
und biologisch herleitbar, erschwert die Durchsetzung alternativer
Behandlungsmilieu´s. - Ciompis und Moshers Milieukonzepte sind
zwar sehr Erfolg versprechend aber sehr aufwendig und daher kaum
in der breiten Praxis realisierbar.
Erst in Verbindung mit dem integrierten Ansatz der bedürfnisangepassten
Behandlung wird die therapeutische Potenz von Psychosebegleitung
im Sinne des Dabei-seins anhaltend wirksam.
Folgendes ist hier von Bedeutung:
- Krisenintervention
- low-dose Pharmakotherapie verbunden mit Psychotherapie
- psychodynamische Verstehensansätze
- systemisch-sozialkonstruktivistische Verstehensansätze
- Kritik am biomedizinischen Krankheits- und Behandlungsmodell
sowie am reduktionistisch-abstrahiertem Verständnis psychotischer
Störungen
2. Risikofaktoren für deren Schadensbeseitigung
Psychosen erforderlich sind
- Direkte genetische Ursachen sind auszuschließen, wohl aber sind
genetische Dispositionen (Prädispositionen) für besondere Vulnerabilitäten
anzutreffen. Dopaminerge Hyperaktivität ist ebenfalls nicht Ursache
für psychotische Episoden.
Risikofaktoren für den Ausbruch von Psychosen:
- rigide Familienmillieus
- gestörte innerfamiliäre Kommunikation
- fehlende Empathie in der Familie und zu Objekten des Umfeldes
- Konflikte zwischen Eltern und Kindern
- sehr strenges und einengendes Familienmillieu
- unstete Lebensverhältnisse
- ungewollte Schwangerschaft der Mutter des Betroffenen.
3. Spezifische Persönlichkeitseigenschaften
psychotischer Menschen
Grundsätzlich müssen psychotische Menschen in zwei Gruppen eingeteilt
werden:
I. Menschen, die sich bereitwillig in eine psychiatrische Klinik
einweisen lassen und in der Regel alle Therapien tolerieren (insbes.
Pharmakotherapie).
II. Menschen, die ihr psychotisches Erleben gut selbst einschätzen
können, eine kritische Haltung zur traditionellen Psychiatrie
haben und in der Regel für Alternativtherapien mit hohem Eigenaktivitätsanteil
aufgeschlossen sind.1)
(Die Menschengruppe nach I. hat bedeutend weniger Chancen zu einer
Heilung seelischer Verwundungen als die Menschen der Gruppe II.)
Kennzeichen psychotischer Zustände:
- das Bewältigungspotential für seelische Krisen ist zu wenig
ausgeprägt
- gewichtige Störungen der integrativen Ich-Funktionen (bis
zur ich-Auflösung)
- gestörtes Selbstwertgefühl
- Defizite in der Individuation (unvollständige Persönlichkeiten)
- Ausgeprägte Vulnerabilität
- sowohl Tendenzen zu symbiotischen Bindungen als auch autistischer
Rückzug
- Unvollständigkeit in der wechselseitigen Empathie zwischen
Kind und Eltern
- pathologischer Narzissmus
- Ambivalenzen zu neuen Selbstobjekten behindern Persönlichkeitsentwicklung.
Nach unserem Verständnis von Krise ist eine Krise
kein pathologisches Phänomen, sondern eine zum Leben gehörende
Erfahrung. In der Bearbeitung der Krise entscheidet es sich, ob
es zum psychischen Leid kommt oder ob die Krise als heilsame Erfahrung
überstanden wird. Durch gekonnte Psychosebegleitung kann der Weg
zur heilsamen Erfahrung geebnet werden. (siehe 4.)
4. Methoden der Begleitung
Die Stärkung der Subjektposition „In meinem Gehirn wirkt derzeit
eine große Selbstheilungskraft“ ist der wichtigste Eckpfeiler
aller Begleitmethoden. Hier ist hoch qualifizierte Überzeugungsarbeit
zu leisten!
Diese Grundmethode ist ressourcenorientiert, aktivierend und von
einem verstehenden Zugang der Wertschätzung und des partnerschaftlichen
Umgangs miteinander geprägt. Vertraute Personen und psychiatrisch
Tätige werden in die Begleitung einbezogen, nachdem sie den positiv-heilenden
Wert von Psychosen begriffen haben und ihr Handeln nicht mehr
auf Unterdrückung, sondern auf Stützung der Psychose ausrichten.
Zum Personenkreis der Begleiter gehören: Gruppen sind mit vielfältigen
Kompetenzen: Professionelle, Psychiatrie- u. a. –erfahrene, Angehörige
und Laienhelfer.
In Bezug zum derzeitigen in der Psychiatrie üblichen hochdosierten
Neuroleptikaeinsatz gilt die generelle Strategie²)
der so niedrigen wie irgend möglichen NL-Dosierung.
Es geht also nicht darum, möglichst schnell die Symptome der Krise
(Wahn, Halluzinationen etc.) zu beheben und die Psychose schnellstmöglich
zu beenden, sondern die Begleitung durch die Krise mit dem Ziel,
äußere und innere Faktoren, die das krisenhafte Erleben und Verhalten
begünstigt haben, neu zu ordnen.
Die konsequente Beteiligung des Akteurs Klientin am Prozess der
Krisenbewältigung und der Rückgriff auf individuelle Bewältigungsstrategien
fördert die Fähigkeit, zukünftigen Belastungen selbstbewusster
zu begegnen. Der verstehende Zugang soll ein besseres Kennenlernen
der eigenen Möglichkeiten und Grenzen ermöglichen, frühes Erkennen
von Überlastungssymptomen sowie eine bessere Organisation von
Anforderungen und Ressourcen fördern und damit weiteren Krisen
vorbeugen.
Nicht zu vernachlässigen ist die Herstellung der materiellen Sicherheit
des Akteurs. Sein Lebensunterhalt und der Unterhalt der von ihm
materiell abhängigen Personen müssen stabil organisiert werden,
damit sozusagen „der Kopf frei wird“ für die in der Psychose stattfindenden
Selbst-Gestaltungs Vorgänge.
5. Begleitung konkret
Während der Begleitung sollte sowohl vom Begleiter als auch von
den Räumlichkeiten (weiches Zimmer) nur die geringst nötige Störwirkung
(Außenreize) ausgehen. Diese Reizabschirmung gestattet dem Akteur
eine bessere Konzentration auf seinen Selbstentwicklungsprozess.
Gleichwohl kann es durchaus sinnvoll sein, bestimmte Rituale oder
Szenerien zu organisieren, um ein allzu heftiges Gedankenkreisen
(Innenreize) beim Akteur abzumildern.
Da es in diesem Zusammenhang (z.B. zwecks Schaffung von Geborgenheit)
aber auch zu leichten körperlichen Berührungen (z. B. Streicheln)
kommen kann, sei dennoch auf allergrößte Vorsicht hingewiesen
(z.B. Vorsicht vor Zweideutigkeiten)!
Sehr wichtig ist m. E. die Authentizität des Begleiters: Ehrlichkeit,
Echtheit und Offenheit, auf der Basis eines zurückhaltenden Optimismus,
lassen möglicherweise dem Akteur erstmalig erfahren, wie beglückend
richtig gute Menschlichkeit ist. Da wird nichts vorgegaukelt oder
geschauspielert, sondern die Wirklichkeit, auch Unannehmlichkeiten,
so reflektiert, wie sie sind.
So wird hier in besonderer, aufmerksamer Berücksichtigung etwaiger
Größenwahn vorsichtig relativiert, geachtet und nicht verunglimpft.
Die akute Psychose ist auch als ein Übergangsritual
zu verstehen. Sowohl ein Zurückblicken als auch ein Vorwärtsschauen
auf das Leben des Akteurs sind während der Begleitung zu fördern.
Allerdings ist der Blick nach „Vorn“ ausführlicher und so konkret
wie möglich zu gestalten, damit die sinnstiftende Wirkung der
Psychose den ihr gebührenden, hohen Rang erhalten kann. Hierfür
sind insbesondere die Momente der Klarheit³)
des Akteurs zu nutzen.
Dies alles erfordert ein Einfühlsam-waches Dabei-Sein,
bei gleichzeitigem intuitiven Eingehen auf aktuelle Bedürfnisse
des Akteurs.
Schließlich gilt für die gesamte Zeit des Dabei-Seins, dass die
existentiellen Ängste gleich nach ihrem Auftauchen akzeptiert
werden und nicht versucht wird, sie zu verdrängen.
Die existentiellen Ängste weisen auf Entwicklungsdefizite hin
und sind somit ein wertvoller Indikator für den erreichten Entwicklungsstand
während der psychotischen Episoden. Durch sorgfältige Beobachtung
kann die Art der Ängste und die sie auslösenden Faktoren ergründet
werden. Damit wird es dem Akteur selbst möglich, die Angst auslösenden
Faktoren für sich gezielt zu beeinflussen.
6. Wie wirkt die Psychosebegleitung?
Nach einer Hypothese von CIOMPI sorgt die angemessene, Anspannung
mindernde Psychosebegleitung dafür, dass eine nachhaltige Reduktion
des hochgradig erregten emotionalen Zustandes im Gehirn einsetzen
kann. Damit einher geht auch eine Reduktion der Angst, die Erregung
sinkt, Vertrauen und Respekt können wieder wachsen.
Im Laufe der dann folgenden vielfältigen therapeutischen (möglichst
neuroleptikafreien) Kontakte zwischen Begleitpersonen und Akteur
wird unter freundlichen, weichen Aufenthaltsverhältnissen eine
optimale Arbeitsatmosphäre zwecks Durcharbeitung der Psychose
auslösenden Lebensereignisse aufgebaut und solange an der Wirksamkeit
erhalten, bis eine adäquate Bewältigung der Psychose auslösenden
Krise möglich ist.
7. Zur psychischen Befindlichkeit begleitender
Personen
Das Problem sind nicht die Akteure, sondern das, was sie in uns
auslösen. Die Konfrontation mit psychotischen Menschen weicht
immer vom üblichen Kontakt mit nicht psychotischen Menschen ab.
Diese als bedrohlich erlebte Konfrontation führt ja dann auch
zu den bekannten Separierungen der Akteure. Sie stellt aber auch
eine Chance dar, die als Möglichkeit einer Bereicherung unseres
Wissens über das enorme Ausmaß und den Reichtum des Unbewußten
gelten kann.
Versuchen wir bis an unsere Grenzen und an die Grenzen des Akteurs
zu gehen, so eröffnet sich uns der weite Blick in die großartigen
Chancen einer Heilung seelischer Verwundungen ohne den Einsatz
von Neuroleptika!
Fußnoten:
1) Persönliche Gründe für die Ablehnung traditioneller stationärer
Behandlung können sein:
- die Angst vor Zwangsbehandlung
- der Wunsch nach kleinem Rahmen, überschaubarer Umgebung
- der Wunsch nach mehr Einflussmöglichkeiten auf Behandlung/Begleitung
- schlechte Erfahrung in der Vergangenheit
- Schwellenängste vor klinischen Institutionen ? die Angst
vor Stigmatisierung
- Misstrauen gegenüber medizinischer Behandlung
2) Der vom Unterbewusstsein
gestartete Selbstheilungsprozess bezüglich seelischer Verwundungen
in Form der Psychose wird durch die viel zu hoch dosierte Pharmakotherapie
mit Neuroleptika unnötig gestört, behindert, verlangsamt oder
ganz blockiert. Das Gehirn versucht dann im Verlauf des weiteren
Lebens wiederholt Psychosen auszulösen, um letztendlich die seelischen
Verwundungen auszuheilen. Man bezeichnet dies dann als Chronifizierung
psychischer Erkrankung.
3) „Momente der Klarheit“ sind
mitten in den psychotischen Gesamtzustand eingebettet und ermöglichen
den so wichtigen Zugang zum Akteur. Sie sind erkennbar am logischen
Sinn des Gesprächsinhaltes und sollten nicht ungenutzt verstreichen.
Hier können Fragen zu näheren Umständen der Psychoseverursachung,
der Familiensituation und Einflüssen Außenstehender behandelt
werden. Auch Wünsche des Akteurs können in solchen Momenten sicherer
erkannt und befriedigt werden.
Literatur:
V. Aderhold: „Die akute Schizophrenie als Prozess der Selbst-Gestaltung“,
Köln 1993
Marc Rufer: „Alternativen zur Psychiatrie, Daneben sein…“, Zürich
März 2007
V. Aderhold, Alanen et al: „Psychotherapie der Psychosen“, Gießen
2003
Autorenteam: „frei-raum e.V.“, Berlin 2007
Luc Ciompi: „Wie wirkt Soteria?“, Bern 2001
Ingo Runte: „ Begleitung höchst persönlich“, Bonn 2001
oben
AG
8: Möglichkeiten und Grenzen der Borderline-Selbsthilfe
Moderatorin: Verena Walter
Zu Beginn der Arbeitsgruppe stellte sich jeder
vor und äußerte seine/ihre Erwartungen und wünsche an die Arbeitsgruppe.
Schnell wurde deutlich, dass meine Vorbereitungen in eine etwas
andere Richtung gewesen waren.
Es waren insgesamt nur zwei Betroffene da, so dass praktische
Selbsthilfearbeit nicht möglich war.
Am Vormittag ging es in erster Linie um das Verständnis
der „Krankheit“ Borderline. Es fand eine angeregte Diskussion
statt, die einmal mehr verdeutlichte, wie schwer es heute noch
ist, diese Diagnose klar von anderen Diagnosen abzugrenzen. Es
wird heute auch von professioneller Seite überwiegend dazu übergegangen,
Borderline nicht als Einzeldiagnose zu stellen, sondern die schwersten
Problemfelder mit einer zusätzlichen Diagnose zu unterstreichen.
Sehr schnell wurde wieder klar, dass es nicht en „Borderliner“
gibt. Was im Rahmen der AG als deutliche Abgrenzung zu anderen
Diagnosen offensichtlich wurde war unter anderem die extreme Wahrnehmung
der Gefühle. Das „gefangensein“ in dem Gefühl. Ich denke, dass
allgemeine Problem psychisch Kranker, dass ein Außenstehender
nicht wirklich nachempfinden kann, wie das subjektive Erleben
ist, wurde in der Diskussion zwischen Angehörigen und Betroffenen
auch hier sehr deutlich.
Am Vormittag habe ich noch über meine eigenen
Erfahrungen mit Therapie und Selbsthilfe berichtet.
Borderline gilt heute leider immer noch als unheilbar. Das ist
etwas, was ich nach über 14-jähriger Therapie durchaus bestätigen
konnte. Therapeutisch gesehen ist Borderline wirklich nicht heilbar.
Ich habe alle möglichen Therapieformen ausgeschöpft. Für Borderliner
selber gibt es eine spezifische Verhaltenstherapie, die Dialektisch
behaviourale Therapie. Aus meiner Erfahrung habe ich berichtet,
wie sehr diese Therapieform anfangs zu meiner Stabilisierung beigetragen
hat. Dennoch musste ich auch die Grenzen dieser Therapie schnell
erkennen, da es hierbei, wie für eine Verhaltenstherapie typisch,
primär um den Umgang mit den Symptomen geht.
Leider konnte ich in dieser Hinsicht nicht wirklich ermutigende
Worte sprechen. Für mich war die Verhaltenstherapie eine sehr
gute Möglichkeit, mich selbst kennen zu lernen und mit bestimmten
Gefühlen besser umgehen zu können. Doch das Grundproblem ist geblieben.
So habe ich mein Leben früher als sehr anstrengend empfunden,
da ich immer „machen“ musste, „aufpassen“ musste. Damit ich ja
nicht überbelastet bin, dass ich mich vor Situationen schütze,
die die Spannung allzu sehr steigen lassen. Die DBT nimmt die
Problematik nicht weg, sie kann lediglich helfen, mit den Folgen
und Symptomen zu leben. Dies habe ich allerdings wirklich als
ständiges „tun“ müssen erlebt.
Wirkliche Hilfe habe ich in dem Ansatz der Vergebung
gefunden. In den Therapien wurde viel über Trauma und wie damit
umgehen geredet, doch nichts hat dieses Gefühl genommen, ich habe
in den Therapien nur gelernt, mich nicht mehr davon beherrschen
zu lassen. Es hat mich aber immer wieder eingeholt. Durch Vergebung
durfte und darf ich immer noch erfahren, wie ich meine alten Verletzungen
nicht nur verstehe, sondern wie sie langsam „heil“ werden. „Vergebung
– eine göttliche Medizin“ lautet ein Buchtitel. Ich selber habe
diese heilsame Wirkung erleben dürfen, vor allem aber auch die
Gnade, mir selber vergeben zu können. Gerade bei Borderline spielen
Gefühle wie Scham/Ekel/Schuld eine große Rolle. Dadurch, dass
ich lernen durfte, mir selber zu vergeben, aber in erster Linie,
weil ich den Dreifaltigen Gott als liebenden Gott kennen lernen
durfte konnte ich diese „Grundprobleme“ von Borderline ablegen
und bezeichne mich heute als geheilt ?
Dieser Glaube gab selbstverständlich Grund zur
Diskussion. Vor einem Jahr hätte ich jeden, der mir dies erzählt
wohl für absolut naiv gehalten. Denn Glaube setzt Vertrauen voraus,
und gerade dieses Vertrauen ist bei Borderlinern ja gestört. Ich
konnte und kann keine Antwort geben, warum es mir letztendlich
gelungen ist, mich der Liebe Gottes hinzugeben und an einen Gott
zu glauben, den ich nicht sehe. Letztendlich war ich auf der Suche.
Auf dieser Suche bin ich vielen Therapien, vielen Ansätzen begegnet.
Ass ich mich auf dieses Abenteuer“ Gott“ (und für mich IST es
ein Abenteuer) einlassen konnte war zum einen eine bewußte Entscheidung,
mich zu öffnen, es zu versuchen. Dass ich es konnte war Gnade.
Am Nachmittag wollten wir etwas Praktisches machen,
was sich eben aufgrund der bunten Zusammenstellung etwas schwer
gestaltete. Wir haben uns das Gefühl von Wut und Aggression etwas
näher angeschaut. Ich habe einzelne Hilfsmöglichkeiten, wie zum
Beispiel die Spannungskurve oder den Notfallkoffer vorgestellt.
Er Notfallkoffer ist ein Sammelsurium von Fertigkeiten, mit allen
möglichen Spannungen, Gefühlen und Problemen umzugehen. In erster
Linie wird er eingesetzt um wirklich hohe Anspannungen wieder
zu senken. Der Notfallkoffer ist sehr individuell und die dinge
müssen oft ausprobiert werden, damit sie wirklich greifen können.
Als Beispielkoffer stelle ich hier einige Dinge vor, die ich in
meinem letzten Koffer hatte.
Amoniak Ampulle, Fotos, Stift und Blatt, Igelball,
Rosenkranz (nicht nur zum Beten auch zum anfassen), Pfefferminzöl,
Kaugummis, mp3 Player
Alles in allem kann ich für mich sagen, dass
mir das Zusammenarbeiten sehr Spass gemacht hat. Vor allem der
respektvolle Umgang zwischen Betroffenen und Nicht – Betroffenen,
der, trotz allem oft Unverständnis da war hat mich sehr beeindruckt.
Es ging darum, Verständnis füreinander zu lernen und Schritte
aufeinander zuzumachen. Ich möchte mich bei allen Teilnehmern
für dieses schöne Miteinander bedanken.
Leider sind mir einige e-mail Adressen abhanden
gekommen (in meinem 3 Kinder Chaos: -/ ) , gerne schicke ich den
Teilnehmern und allen Interessierten Material. Ich bitte nochmals
um Zusendung der e-mail Adresse an
thora@borderline-web.de
(e-mails verschussle ich nicht)
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