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 Rundbrief
Ausgabe 4/2007

Drei einfache Maßnahmen zur Verbesserung der stationären Psychiatrie

1. Abschaffung des Personalzimmers
2. zugehendes Bezugspersonensystem
3. Bericht nach Zwangsmaßnahmen

zu 1. Abschaffung des Personalzimmers:
Als Beispiel für die gute Wirkung sind die Stationen 7 + 8 der Rheinischen Kliniken in Langenfeld zu nennen, die Abteilung von Chefarzt Thomas Keller.
Auf beiden Stationen wurde das Personalzimmer ersatzlos gestrichen, es gibt nur noch einen kleinen Büroraum um Schreibarbeiten zu erledigen.
Aus dem Personalzimmer wurde der Raucherraum.
Seit dem gibt es nur noch einen größeren Personaltisch, der direkt an der Eingangstür der Station steht. In diesem Bereich hält sich immer eine Person vom Personal auf, so dass die Tür der Station i.d.R. offen bleiben kann.
Vorteile:

  • Die Tür kann fast ständig offen bleiben, dies schafft ein entspanntes Klima auf der Station.
  • Deutliche Verbesserung des menschlichen Umgangs zwischen Personal und Patienten. Die Hierarchie wird dadurch deutlich flacher.
  • Das Personal kann sich nicht mehr zu diversen Kaffeepausen zurückziehen und befasst sich somit mehr mit den Patienten.
  • Weniger Zwangsmaßnahmen, weil besseres Klima.

Zu 2. zugehendes Bezugspersonensystem:
Auf fast allen Stationen gibt es ein Bezugspersonensystem, nur leider wird es selten angewendet bzw. gerät schnell wieder in Vergessenheit. I.d.R. wissen die Patienten nichts davon oder kennen ihre Bezugspersonen nicht.
Das zugehende Bezugspersonensystem sollte so gehandhabt werden, dass jeder Patient eine Hauptbezugsperson und ein bis zwei weitere vom Personal hat.
Ein Plan sollte für die Patienten sichtbar aufgehängt sein, aus dem hervorgeht, welche Bezugsperson an welchem Tag im Dienst ist.
Schon möglichst bei der Aufnahme sollte den Patienten dieses Bezugspersonen- system erklärt werden. Sollte dies dann noch nicht möglich sein, muss es so bald wie möglich geschehen.
Unter “zugehend“ ist gemeint, dass die Bezugspersonen jeden Tag auf ihre jeweiligen Patienten zugehen und sich mit ihnen unterhalten und auch nachfragen, ob sie etwas für sie tun können.
Die Bezugspersonen sollten möglichst für die Patienten frei wählbar sein, bzw. die Patienten haben das Recht, eine Bezugsperson abzulehnen. Über dieses Recht müssen die Patienten aufgeklärt werden und es dürfen ihnen anschließend keine Nachteile bei einer Ablehnung entstehen.
Neben allgemeinen Dingen ist es durchaus vorstellbar, dass sich die Bezugs-personen mit den Patienten über mögliche Ursachen und Auslöser ihrer Krise unterhalten. Ferner sollte über eine mögliche Krisenvorsorge und Hilfe zur Selbsthilfe gesprochen werden. Für diese neue Aufgaben sollte das Personal ausgebildet und/oder über Fortbildungen geschult werden. Dies bedeutet gleichzeitig eine Aufwertung der Aufgaben des Pflegepersonals.

Zu 3. Bericht nach Zwangsmaßnahmen:
Viele Zwangsmaßnahmen ließen sich vermeiden, wenn dass Personal geduldiger, einfühlsamer und weniger autoritär vorgehen würde. Allein die Tatsache, dass Patienten zur Einnahme von Medikamenten genötigt werden, ohne dabei über die Wirkung und Nebenwirkungen aufzuklären, bedeutet eine nicht hinzunehmende Entrechtung.
Jemand, der einmal von Zwang betroffen war, wird nachhaltig das Vertrauen in die Behandelnden verlieren und auch wenn es ihm offensichtlich schlecht geht, nicht freiwillig wieder in die Klinik gehen. Dies führt zu immer häufigeren Zwangseinweisungen.
Auf Station 7 und 8 der Rheinischen Kliniken in Langenfeld wurden die Zwangsmaßnahmen durch eine Anordnung auf ca. 20% gesenkt.
Nach jeder Zwangsmaßnahme musste die Person vom Personal, die als erste beim Patienten war, einen Bericht schreiben. Darin muss die Situation geschildert werden und was alles versucht wurde, um die Zwangsmaßnahme zu vermeiden.
Des weiteren, hatte die Person die Aufgabe, sobald wieder mit dem Patienten zu reden war, mit diesem die Situation zu besprechen, im Beisein der Bezugsperson des Patienten. Dabei bekommt auch der Patient diesen Bericht ausgehändigt.
Seit Einführung sank die Zahl der Zwangsmaßnahmen schlagartig, u. a. weil keiner diese Berichte schreiben wollte und es einfacher war, geduldigDies zeigt nun wieder deutlich, dass viele Zwangsmaßnahmen generell vermeidbar sind. Leider haben viele Menschen das Bedürfnis Macht auszuüben, so auch viele Mitarbeiter in psychiatrischen Bereichen.
er zu sein.

Fazit:
Bis auf geringe Umbaukosten würden keine Kosten bei der Umsetzung der oben beschriebenen drei Vorschläge anfallen. Die Effizienz ist aber deutlich und wäre ein großer Schritt in Richtung menschlichere Psychiatrie. Vorstellbar ist auch, dass langfristig Kosten bei den Krankenkassen und anderen Kostenträgern eingespart würden.


Von Cornelius Kunst, Donaustr. 55; 42653 Solingen, Tel.: 0212/53641 Email: CK-SG@gmx.de
Mitglied im Vorstand des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V.

 

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