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Grußwortte
von: Bernhard
Vieten + Dr.Ingrid
Munk
Grußwort
zur Jahrestagung
des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V.
19. bis 21. Oktober 2007
Von Bernward Vieten, für den Vorstand des Bundesdirektorenkonferenz
Sehr geehrte Frau Fricke,
sehr geehrter Herr Daszkowski,
sehr geehrte Damen und Herren,
für den Vorstand der Bundesdirektorenkonferenz,
der Konferenz der ärztlichen Leiterinnen und Leiter psychiatrischer
Krankenhäuser, überbringe ich ihnen herzliche Grüße unseres Verbandes
und verbinde dieses gleichzeitig mit Glückwünschen zu ihrem 15-jährigen
Bestehen.
Sie haben diese diesjährige Jubiläumstagung mit
der Überschrift „Selbstbestimmt leben!“ versehen. Dieses Motto
kann sicherlich genauso gelten für die Arbeit ihres Verbandes,
der sich in den zurückliegenden Jahren zu einem selbstbestimmten
und selbstbewussten Partner in der psychiatrischen und psychosozialen
Versorgung entwickelt hat.
Sie nehmen teil an wesentlichen Planungsgesprächen
zur Weiterentwicklung der Psychiatrie, an den Besuchskommissionen
nach dem Psychisch-Kranken-Gesetz, sind weiterhin gern gesehene
Gäste und Diskussionspartner bei wesentlichen Veranstaltungen
und Kongressen wie der Frühjahrs- und Herbsttagung unseres eigenes
Verbandes, der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie,
Psychotherapie und Nervenheilkunde, der Deutschen Gesellschaft
für soziale Psychiatrie u.a. Selbstbestimmung dient der Gesundheitsförderung
Betroffener.
Dies ist eine inzwischen allgemein anerkannte
These aber auch gleichzeitig Erfahrung, die wir in den Krankenhäusern
und Ambulanzen als psychiatrisch tätige Ärztinnen und Ärzte gemacht
haben.
Heiner Keupp, ein renommierter Sozialwissenschaftler
im deutsprachigen Raum, hat als wesentliche Grundlagen für Empowerment
und Selbstbestimmung festgestellt:
- Selbstbestimmung dient dazu, Positives in der eigenen Geschichte
und dem eigenen Tun zu entdecken und zu stärken.
- Selbstorganisation ist eine wesentliche Ergänzung, manchmal
ersetzt sie auch die von Experten vorgegebenen oder angeratenen
Lösungen.
- Selbstbestimmung dient dazu, aus der eigenen Betroffenheit
im Sinne einer Opferrolle sich zu befreien und Eigenständigkeit
zu entwickeln.
- Selbstbestimmung und die Arbeit in Selbsthilfegruppen ist
eine entscheidende Ressource, durch gemeinschaftliches Handeln
sich weiter zu entwickeln.
- In der Selbsthilfearbeit erfahren sich Menschen als Bürger
mit eigenen Rechten, die einen eigenständigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung
liefern.
Die Selbsthilfearbeit ist in vielen Regionen
der BRD gut weiterentwickelt und befindet sich allerorten in einem
Prozess der Entfaltung.
Die aktuelle Gesetzgebung zur Unterstützung ehren-amtlicher
Arbeit soll dem weiteren Auf- und Ausbau der Selbsthilfebewegung
dienen.
Die Selbsthilfearbeit im Feld der psychiatrischen
Versorgung hat unterschiedliche Schwerpunkte:
Angefangen bei Gruppen mit Psychiatrie-Erfahrenen
und dem Hintergrund unterschiedlicher Störungsbilder (besonders
bei psychotischen Störungen, Depressionen, Borderlinestörungen
und nicht zuletzt zu nennen den Abhängigkeiten) wendet sich Selbsthilfe
auch speziellen Themen der Psychiatrie wie z.B. dem Beschwerdemanagement
- auf Neudeutsch - der Arbeit von Beschwerdestellen zu.
In einer trialogisch besetzten Tagung des DGSP
Landesverbandes Baden-Württemberg, die im Februar diesen Jahres
stattfand, wurde darauf hingewiesen, dass der Bildung außerinstitutioneller
Beschwerdebearbeitung eine große Bedeutung zukommt.
An einzelnen Orten gibt es bereits unabhängige
trialogisch besetzte Beschwerdestellen, wie in Stuttgart oder
Bielefeld.
Es ist für uns als verantwortliche Klinikleiter
unerlässlich, auf die eigene Professionalität zu bauen und gleichzeitig
Selbsthilfe in ihrer Bedeutung anzuerkennen.
Umgekehrt wünschen wir uns, dass Fachlichkeit
in Form psychiatrischer Hilfen, die vielfältig in Anspruch genommen
werden, nicht als Konkurrenz verstanden werden und auch nicht
dahingehend, Eigenverantwortung abzugeben.
So schließt sich die Einnahme von Medikamenten
und die Inanspruchnahme von Psychotherapie und gleichzeitigem
Besuch einer Selbsthilfegruppe keineswegs aus.
Die Psychiatrie ist nicht zuletzt über die Initiativen
Ihres Verbandes dabei, eine Kultur des Verhandelns zu etablieren,
die letztlich für beide Seiten Nutzen tragen wird.
In diesem Sinne wünsche ich ihnen für Ihre engagierte
Arbeit weiterhin viel Erfolg.
Den Selbsthilfeinitiativen vor Ort wünsche ich
kompetente Gesprächs- und Ansprechpartner und nicht zuletzt wünsche
ich Ihrer Tagung einen guten Verlauf.
oben
Grußwort
von Dr.Ingrid Munk,
Vorstand
der ACKPA
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr über die Einladung, hier ein Grußwort sprechen
zu dürfen. Ich bin hier als Vertreterin des Arbeitskreises der
Chefärzte Psychiatrischer Kliniken an Allgemeinkrankenhäusern.
Diese Psychiatrischen Abteilungen sind Ergebnisse der Psychiatriereform,
die als eines ihrer Ziele die Auflösung der alten Anstalten formuliert
hatte und durch dezentrale kleinere Psychiatrische Abteilungen
an Allgemeinkrankenhäusern ersetzen wollte. Dies ist bis heute
nur zum Teil umgesetzt. Wir halten diese Abteilungen für einen
wichtigen Fortschritt und glauben, dass die Einbindung der Psychiatrie
in die Medizin wichtig ist und dass es insgesamt entstigmatisierend
ist, wenn Patienten in seelischen Krisen durch dieselbe Tür das
Krankenhaus betreten wie Patienten mit einem Herzinfarkt, einem
Diabetes oder einem Beinbruch. Da sind Ihre Meinung und Ihre Erfahrungen
für uns von großer Bedeutung.
Mir ist es auch deswegen sehr wichtig, hier zu
sprechen, weil ich den Eindruck habe, dass in den letzten Jahren
zwischen Psychiatrie-Erfahrenen und Professionellen etwas in Bewegung
gekommen ist. Es sind neue Formen des Gespräches, des Austausches,
der Kommunikation entwickelt worden; ich erwähne hier die nur
an vielen Orten mittlerweile verbreiteten Trialog-Veranstaltungen.
Ich kenne nicht wenige Professionelle, mich eingeschlossen, die
in diesem Rahmen vieles für sie Neues, Überraschendes erfahren
und gelernt haben.
Ich glaube, dass eine positive Entwicklung der
Psychiatrie, d. h. dass die Psychiatrie stärker als bisher in
der Lage ist, die Fähigkeiten von Patienten zu stärken und ihnen
ein selbständiges, selbst bestimmtes, autonomes Leben zu ermöglichen,
sehr stark davon abhängt, inwieweit es gelingt, die Meinungen,
Haltungen und auch die Kritik von Psychiatrie-Erfahrenen aufzunehmen
und Antworten darauf zu finden. Ich persönlich habe sehr wichtige
Erfahrungen mit der Einbeziehung von Psychiatrie-Erfahrenen in
Vorbereitung gemeinsamer Veranstaltungen oder in die kommunale
Psychiatrieplanung, als Patientenfürsprecher in der Klinik oder
auch im Rahmen der Gestaltung der Weiterbildung gemacht; letztens
hatten wir in der Weiterbildung eine Stimmenhörerin als Vortragende,
die eben ohne Klinik und ohne Medikamente auskommt und für sich
einen eigenen Weg gefunden hat. Was ich auch daraus gelernt habe,
ist, dass es sehr wichtig ist, verschiedene Wege und Möglichkeiten
zuzulassen und nicht darauf zu beharren, dass es nur einen Weg
und eine Lösung geben kann.
Lassen Sie mich an der Stelle einfügen, weil
ich gerade von der Stimmenhörerin sprach, dass zur Zeit gerade
parallel in Neukölln der Stimmenhörer-Kongress tagt, an dem ich
gestern teilgenommen habe. Ich habe von der Kongressleitung auch
die Aufgabe, die besten Wünsche für die Tagung der Psychiatrie-Erfahrenen
vom Stimmenhörer-Kongress aus Berlin-Neukölln direkt zu übersenden.
Abgesehen von der Selbsthilfe wirkt auf die Psychiatrie
auch von anderer Seite ein Veränderungsdruck ein, und zwar dass
Kliniken wie Unternehmen geführt werden und betriebswirtschaftliche
Gesichtspunkte eine zunehmende Rolle spielen, z. B. in Form von
Qualitätsmanagement. Dies beinhaltet z. B. im Hinblick auf Patienten
auch, dass diese als „Kunden“ gesehen werden oder Nutzer oder
englisch „User“. Die Zufriedenheit dieser User ist ein wichtiges
Qualitätsmerkmal und gibt den Usern sehr viel Einfluss. So werden
auch Patienten-Zufriedenheitsbefragungen durchgeführt, die auch
alle eine Zeile enthalten, in der frei formuliert werden kann,
was nicht gut war; oder Beschwerden von Patienten werden genau
besprochen und sind Chefsache.
Ein weiteres Feld, wo in Zukunft die Patientenvertreter
eine größere Rolle spielen werden, ist bei Entscheidungen von
Forschungsprioritäten. Wie Sie wissen, ist die Forschung in der
Psychiatrie sehr biologisch orientiert. Für meine Begriffe wäre
es wichtig, längerfristige Forschungsprojekte unter Einbeziehung
der Nutzer zu haben, wo größere Zeiträume überblickt werden können
und wir erfahren könnten, wann und wo wichtige Weichenstellungen
geschehen, so dass ein Patient die Psychiatrie eben nicht mehr
braucht.
Ich glaube, dass es weiterhin eine Reihe kontroverser
Punkte zwischen Psychiatrie-Erfahrenen und Professionellen gibt,
vor allem, was die medikamentöse Behandlung angeht und vor allem,
was den Bereich Zwang und Gewalt angeht. Vielleicht an dieser
Stelle nur so weit: Ich glaube, dass es auch hier nur den Weg
des Dialogs oder auch Trialogs weiterführen wird.
Ich möchte den Blick zum Abschluss meines Grußwortes
noch auf 3 wichtige Themenbereiche lenken, wo die Sichtweise eines
Teils der Professionellen und eines Teils der Psychiatrie-Erfahrenen
in eine ähnliche Richtung geht:
1) Ich sehe eine Tendenz innerhalb des komplementären
psychiatrischen Bereiches, dass sich Psychiatrie-Erfahrene nur
noch in psychiatrischen Systemen bewegen und nur noch miteinander
kommunizieren, sei es Psychiatrie-Erfahrene unter sich oder Psychiatrie-Erfahrene
mit Professionellen. Ich finde es aber wichtig und unerlässlich,
immer wieder den Anschluss und die Inklusion in die Zivilgesellschaft
zu suchen, weil das gegenseitig einfach bereichernd, wenn auch
zugegebenermaßen manchmal anstrengend und schwierig ist und alle
Beteiligten Abstriche machen und Kompromisse schließen müssen.
Der 2. Punkt betrifft den zunehmenden Ausbau
psychiatrischer Heime, aber auch von Pflegeheimen, die überhaupt
keinen therapeutischen oder irgendeinen Anspruch haben, in denen
chronisch schizophrene Patienten meistens überregional angemeldet
und aufgenommen werden. Hier ist Transparenz und öffentliche Kontrolle
von Nöten.
Der. 3. Punkt ist Psychotherapie. An manchen
Orten, wie auch jetzt in Neukölln, bemühen wir uns, die ambulanten
psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten für Psychiatrie-erfahrene
Patienten zu erweitern, weil wir denken, dass psychotherapeutische
Angebote für die, die es nutzen wollen, ausgesprochen sinnvoll
sind zur Förderung der Fähigkeiten eines selbstbestimmten Lebens.
Und damit bin ich beim Motto Ihrer Tagung, die
mit ihren verschiedenen Workshops und Vorträgen ein sehr differenziertes,
vielfältiges Programm anbietet. Ich darf Ihnen zum Schluss ein
Kompliment machen: Sie führen diesen Kongress und Ihre Arbeit
insgesamt aus eigener Kraft und ohne Sponsoring durch die Industrie
durch. Wie Sie wissen und auch zu Recht kritisieren, ist das bei
Professionellen meist nicht der Fall.
Ich wünsche Ihnen viel interessante Diskussionen
und neue Erkenntnisse bei dieser Tagung. Dem Bundesverband der
Psychiatrie-Erfahrenen wünsche ich zum 15. Geburtstag viel Energie,
Kraft und Kreativität erst einmal für die nächsten 15 Jahre.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
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