|
Leserbrief
Liebe Leser,
ich möchte gerne meine Ansichten zum Thema „Psychose“ aufschreiben.
Als ich damals in die Klinik kam, sagte man mir ich sei „chronisch“
erkrankt an einer „sehr schweren seelisch- und geistigen Krankheit“.
Man diagnostizierte mir „paranoide Schizophrenie“. Dieser Stempel
machte mir natürlich schwer zu schaffen, aber ich distanzierte
mich sehr schnell davon wieder.
Diese Distanz resultierte daraus, dass ich die tiefen Erfahrungen
die ich erlebte nicht als völlig krank oder pathologisch ansah.
Ich war eins mit allem, sah ein helles Licht wie in einer Nahtodeserfahrung,
sah Engel habe für mich Gott entdeckt. Hatte nach einer Erleuchtungserfahrung,
wie sie auch im ZEN-Buddhismus, aber auch bei den Sufis beschrieben
wird dann einen Zustand erreicht, wo ich mir das ganze nicht erklären
konnte, und es förmlich meinen Verstand und alles andere gesprengt,
es war aber ein Zustand der immer wieder tiefe, interessante Erfahrungen
mir brachte.
Sie versuchten mich, und diese Erfahrung und mein Erlebnis eben
zu vernichten, mich wieder in die Realität zu bringen. Dabei frage
ich mich, was Realität bedeutet, es ist eben eine Definitionssache,
und jeder Mensch nimmt die Welt anders wahr - und eben nicht rational,
sondern eher auf magische Weise. Ich wäre in der Psychiatrie mit
ca. 15 Medikamenten, die sie mir täglich gaben fast gestorben
und war oft in einem koma-artigen Zustand. Heute geht es mir wieder
aber wieder gut, versuche gerade die Medikamente auszuschleichen
über einen langen Zeitraum.
Ich möchte gerne einige Thesen zu den Zustand Psychose hier stichpunktartig
aufschreiben:
- Psychose ist ein Prozess, ein Weg, und nicht etwas Krankes
wo man als ganze Person krank ist. Es ist eine Neustrukturierung
der Persönlichkeit, die das alte Ich mit seinen psychischen
Probleme sterben lässt.
- Psychose ist etwas, was in Folge von Erfahrungen und Situationen
zu tun hat, es kann auch eine Sinnkrise sein, in der man nach
einem Sinn im Leben sucht. Es kann auch etwas sein, in dem man
Gott findet.
- Psychose beginnt oft mit einer tiefen (spirituellen auch)
Erfahrung an, die man sich nicht erklären kann. Es ist ein Prozess
sich neu-zu-gestalten.
- Psychose als Reifungsprozess, in dem man in einem Kleinkindlichen
Zustand fällt (Kleinkinder lernen am Tag z.b. hunderte neue
Wörter)
- Psychose als Abbau von Spannung und unterdrückten Gefühlen,
die sich in Beziehungen aufgebaut haben
- Psychose als Ausbruch aus einer pathologischen Beziehung,
in dem derjenige sich gefügt hat
- Psychose geht immer (auch wenn es länger dauert) vorbei,
vielleicht ist die Unterdrückung der Psychose nicht richtig,
da es ein Prozess ist, der nötig ist.
- Psychose ist ähnlich wie Fieber, es bringt die Seele zur
Gesundung
- Psychose ist das „pure Menschsein“ - man erlebt sich, so
wie selten, als Mensch, und geht über eigene Grenzen hinaus.
Das hat zur Folge, dass man daran sehr stark wird, man verliert
nicht seine Person, sondern sie gebirt sich neu.
Ich sehe die Psychose als Geschenk an, denn ich
habe wirklich viel gelernt, habe Gott gesehen, habe meine Seele
gesehen, die ein Ozean oft ist - warum sollte ich dies alles als
Krankheit ansehen. Ich würde mir sehr wünschen, wenn es Menschen
geben würde, die mit Menschen die solche oder ähnliche Erfahrungen
wie ich hatten liebevoll, unterstützend und ohne Gewalt dadurch
gehen. Ich hätte mir sehr gewünscht, mich hätte jemand ernst genommen,
und meinen Geist nicht töten wollen, denn ich bin doch Mensch
und warum darf ich diese Erfahrungen nicht haben? Warum darf ich
nicht ich-sein, warum nicht Gott sehen, und warum darf ich mich
nicht in eine andere Realität, die es vielleicht wirklich gibt
eine Weile geben, um für mich etwas zu lernen. Ich schaue im Grundgesetz,
und dort steht in anderen Worten: „Die Würde des Menschen ist
unantastbar“, „Jeder Mensch ist gleich“, „Es gibt Religionsfreiheit“,
...
Nach der Psychose war der Prozess des Lernens
und Entwickeln noch nicht vorbei.
Ich bin psychisch sehr stabil (außer zur Zeit
Schlafstörungen... die immer mal wieder vorkommen), und bin oft
glücklich dank DIESER Erfahrung, die lasse ich mir nicht absprechen.
Und ich lasse mich nicht als Schizophren diagnostizieren – das
alleine ist schon Menschenunwürdig, hat auch etwas mit der Vergangenheit
hier zu tun...
Ich hoffe, ich konnte einige Gedankenanstöße
rüberbringen.
Liebe Grüße,
Philip
|