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 Rundbrief
Ausgabe 4/2007

Leserbrief

Liebe Leser,
ich möchte gerne meine Ansichten zum Thema „Psychose“ aufschreiben.

Als ich damals in die Klinik kam, sagte man mir ich sei „chronisch“ erkrankt an einer „sehr schweren seelisch- und geistigen Krankheit“. Man diagnostizierte mir „paranoide Schizophrenie“. Dieser Stempel machte mir natürlich schwer zu schaffen, aber ich distanzierte mich sehr schnell davon wieder.
Diese Distanz resultierte daraus, dass ich die tiefen Erfahrungen die ich erlebte nicht als völlig krank oder pathologisch ansah. Ich war eins mit allem, sah ein helles Licht wie in einer Nahtodeserfahrung, sah Engel habe für mich Gott entdeckt. Hatte nach einer Erleuchtungserfahrung, wie sie auch im ZEN-Buddhismus, aber auch bei den Sufis beschrieben wird dann einen Zustand erreicht, wo ich mir das ganze nicht erklären konnte, und es förmlich meinen Verstand und alles andere gesprengt, es war aber ein Zustand der immer wieder tiefe, interessante Erfahrungen mir brachte.
Sie versuchten mich, und diese Erfahrung und mein Erlebnis eben zu vernichten, mich wieder in die Realität zu bringen. Dabei frage ich mich, was Realität bedeutet, es ist eben eine Definitionssache, und jeder Mensch nimmt die Welt anders wahr - und eben nicht rational, sondern eher auf magische Weise. Ich wäre in der Psychiatrie mit ca. 15 Medikamenten, die sie mir täglich gaben fast gestorben und war oft in einem koma-artigen Zustand. Heute geht es mir wieder aber wieder gut, versuche gerade die Medikamente auszuschleichen über einen langen Zeitraum.
Ich möchte gerne einige Thesen zu den Zustand Psychose hier stichpunktartig aufschreiben:

  • Psychose ist ein Prozess, ein Weg, und nicht etwas Krankes wo man als ganze Person krank ist. Es ist eine Neustrukturierung der Persönlichkeit, die das alte Ich mit seinen psychischen Probleme sterben lässt.
  • Psychose ist etwas, was in Folge von Erfahrungen und Situationen zu tun hat, es kann auch eine Sinnkrise sein, in der man nach einem Sinn im Leben sucht. Es kann auch etwas sein, in dem man Gott findet.
  • Psychose beginnt oft mit einer tiefen (spirituellen auch) Erfahrung an, die man sich nicht erklären kann. Es ist ein Prozess sich neu-zu-gestalten.
  • Psychose als Reifungsprozess, in dem man in einem Kleinkindlichen Zustand fällt (Kleinkinder lernen am Tag z.b. hunderte neue Wörter)
  • Psychose als Abbau von Spannung und unterdrückten Gefühlen, die sich in Beziehungen aufgebaut haben
  • Psychose als Ausbruch aus einer pathologischen Beziehung, in dem derjenige sich gefügt hat
  • Psychose geht immer (auch wenn es länger dauert) vorbei, vielleicht ist die Unterdrückung der Psychose nicht richtig, da es ein Prozess ist, der nötig ist.
  • Psychose ist ähnlich wie Fieber, es bringt die Seele zur Gesundung
  • Psychose ist das „pure Menschsein“ - man erlebt sich, so wie selten, als Mensch, und geht über eigene Grenzen hinaus. Das hat zur Folge, dass man daran sehr stark wird, man verliert nicht seine Person, sondern sie gebirt sich neu.

Ich sehe die Psychose als Geschenk an, denn ich habe wirklich viel gelernt, habe Gott gesehen, habe meine Seele gesehen, die ein Ozean oft ist - warum sollte ich dies alles als Krankheit ansehen. Ich würde mir sehr wünschen, wenn es Menschen geben würde, die mit Menschen die solche oder ähnliche Erfahrungen wie ich hatten liebevoll, unterstützend und ohne Gewalt dadurch gehen. Ich hätte mir sehr gewünscht, mich hätte jemand ernst genommen, und meinen Geist nicht töten wollen, denn ich bin doch Mensch und warum darf ich diese Erfahrungen nicht haben? Warum darf ich nicht ich-sein, warum nicht Gott sehen, und warum darf ich mich nicht in eine andere Realität, die es vielleicht wirklich gibt eine Weile geben, um für mich etwas zu lernen. Ich schaue im Grundgesetz, und dort steht in anderen Worten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, „Jeder Mensch ist gleich“, „Es gibt Religionsfreiheit“, ...

Nach der Psychose war der Prozess des Lernens und Entwickeln noch nicht vorbei.

Ich bin psychisch sehr stabil (außer zur Zeit Schlafstörungen... die immer mal wieder vorkommen), und bin oft glücklich dank DIESER Erfahrung, die lasse ich mir nicht absprechen. Und ich lasse mich nicht als Schizophren diagnostizieren – das alleine ist schon Menschenunwürdig, hat auch etwas mit der Vergangenheit hier zu tun...

Ich hoffe, ich konnte einige Gedankenanstöße rüberbringen.
Liebe Grüße,
Philip

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