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Recovery
Von Prof. Dr.
Michaela Amering
Die spannendsten Herausforderungen für die psychiatrische
Praxis und Forschung kommen derzeit aus den erfolgreichen Konzepten
der Betroffenenbewegung. In den letzten Jahren haben sich – ausgehend
von der internationalen Betroffenenbewegung - Recovery-Konzepte
entwickelt und breite Resonanz sowohl unter Betroffenen als Professionellen
und Entscheidungsträgern gefunden.
Im Wörterbuch finden sich folgende Übersetzungen
von Recovery: Erholung, Besserung, Genesung, Gesundung, Bergung,
Rettung, Rückgewinnung, Wiedergewinnung, Wiederfinden. Pat Deegan,
Psychologin in Boston, lebte viele Jahre mit einer Schizophreniediagnose
und beschreibt Recovery als die ‚Entwicklung aus den Beschränkungen
der PatientInnenrolle zu einem selbstbestimmten sinnerfüllten
Leben’.
Eine wesentliche Grundlage der Recovery-Bewegung
sind Selbstzeugnissen von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen,
die gesund geworden sind bzw. die trotz der Erkrankung einen großen
Teil ihres Lebens als gesunde Menschen leben, andererseits aus
wissenschaftlichen Verlaufsdaten. Am Beispiel der Diagnose Schizophrenie
zeigt sich, dass Verlausdaten seit jeher zeigen, dass ein Teil
der Betroffenen wieder gesund wird. Darüber hinaus wissen wir,
dass viele Menschen auch nach langen und auch schweren Krankheitsverläufen
wieder einen hohen Grad an Gesundheit erreichen können, und dass
Menschen trotz vorhandener Krankheitssymptome ein befriedigendes
Leben führen können.
Der gemeinsamer Tenor der Fülle von Publikationen
und Forschungen, die zu Recovery erschienen sind, ist, dass Recovery
ein subjektiver Vorgang ist, ein individueller Prozess nach einer
Orientierung an für den einzelnen betroffenen Menschen wesentlichen
Werten und Zielen. Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen
beschreiben, wie wichtig es für ihre Genesung war, die Hoffnung
nicht zu verlieren. Eine der schädlichsten und am stärksten stigmatisierenden
Zuschreibungen ist die falsche Annahme der Unheilbarkeit psychischer
Erkrankungen. An die Heilung zu glauben bedeutet, sein Selbstgefühl
unabhängig von der Erkrankung zu finden, sich die Selbstachtung
und das Selbstwertgefühl zu bewahren und die Kontrolle über sein
Leben zu behalten. Darüber hinaus scheint es wesentlich, im Sinne
des Empowerment nicht zu viel an Autonomie und Verantwortung an
andere über längere Zeiträume abzugeben und den gesellschaftlichen
Anschluss durch Beschäftigung, aktive Freizeitgestaltung und soziale
Beziehungen nicht zu verlieren.
Als Ergebnis geht es primär darum sich in soziale
Rollen (PartnerIn, Elternteil, ArbeitnehmerIn, FreundIn usw.)
wohl zu fühlen. Das kann trotz mancher Symptome und Behinderungen
gelingen und unabhängig davon, in Krisenzeiten unter Umständen
immer wieder vermehrt Hilfe zu benötigen. Das bedeutet für die
psychiatrische Forschung auch, dass die Qualität des Lebens und
das Lebensgefühl, der Lebenssinn, genauso wichtig als Messergebnisse
von Behandlung zu erforschen sind, wie beispielsweise die Frage,
wie viele Tage jemand während einer Krise im Spital verbringt
oder wie viele Symptome jemand noch hat.
Ein wesentlicher Kontext für Recovery sind Menschenrechte,
BürgerInnenrechte und PatientInnenrechte. Das Recht auf Partizipation
und Selbstbestimmung und der Schutz vor Diskriminierung sind zentrale
Forderungen der Betroffenenbewegung als Voraussetzungen für Empowerment
und Recovery. Antidiskriminierungsgesetzgebung ist vielen Bereichen
notwendig z.B. dass jemand aufgrund einer psychischen Krise nicht
seine Arbeit verliert, dass der Arbeitsplatz an psychische Besonderheiten
angepasst ist usw. PatientInnenrechte können im Rahmen von Behandlungsvereinbarungen
und Vorausverfügungen genutzt werden, indem Betroffene Einfluss
auf die eigene Behandlung in psychiatrischen Krisen nehmen können.
Recovery-orientierte Praxis psychiatrischer Hilfen
muss sich an den Bedürfnissen der betreuten Person orientieren
und nicht an den Bedürfnissen der Institutionen. Grundlage dafür
ist ein „personenzentrierter Ansatz“, der sich flexibel und mobil
am individuellen Unterstützungsbedarf und an den Bedürfnissen
und Ressourcen der Person im eigenen Lebensfeld orientiert, anstatt
deren Anpassung an bestehende Einrichtungen zu fordern. Auf der
Ebene der therapeutischen Beziehung lösen partizipative Modelle
zur „geteilten Entscheidungsfindung“ und Erfahrungen mit Behandlungsvereinbarungen
und PatientInnenverfügungen für akute Krisen paternalistisch geprägte
Compliance-Modelle ab. Die Behandlung muss sowohl soziotherapeutische
als auch psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten
anbieten. Es gibt immer wieder Personen, die zu einem bestimmten
Zeitpunkt weder medikamentöse noch psychotherapeutische Interventionen
annehmen wollen, aber sehr wohl bereit wären, Hilfen beim Wohnen,
bei Finanzen, bei sozialen Kontakten anzunehmen. Die Akzeptanz
von Medikamenten oder einer bestimmten Diagnose sollte nicht die
Voraussetzung dafür sein, Unterstützung zu bekommen.
Wir wissen, dass nur 25 % aller Patienten mit
schweren psychiatrischen Erkrankungen eine evidenzbasierte Behandlung
erhalten, d.h. eine Behandlung, die dem vollen derzeitigen Wissensstand
entspricht. Es ist beispielsweise wissenschaftlich abgesichert,
dass störungsspezifische Psychotherapieformen, die es mittlerweile
für alle psychiatrischen Diagnose gibt, wirksam sind, aber sie
werden nicht bzw. zu selten angeboten. Gleiches gilt für Alternativen
zur Krisenintervention im Krankenhaus, neue Formen der Arbeitsrehabilitation
und noch vieles mehr. Diese Mangelsituation ist eine Quelle der
Frustration und ein Anlass, politisch dafür zu kämpfen, dass dieses
Wissen auch praktisch umgesetzt wird.
Viele Menschen, die gesundet sind, wissen aber
auch, dass ihnen ganz individuelle, originelle Dinge geholfen
haben, die überhaupt nicht wissenschaftlich untersucht wurden
d.h. nicht evidenzbasiert sind. Auch dabei kann aber professionelle
Unterstützung hilfreich sein und die Forschung sollte sich vermehrt
auch mit den Effekten von Autonomie und Wahlfreiheit bezüglich
Hilfeangeboten befassen.
Recovery fordert auch das Aufdecken sprachlicher
Stigmatisierungen und fordert deren Veränderung: „Person first“
– der Mensch zuerst. Es ist wichtig für die Selbstachtung, nicht
als psychisch kranke Menschen, „Schizophrene“ „Depressive“ oder
„Borderliner“ bezeichnet zu werden, sondern als Menschen mit psychischen
Erkrankungen, Menschen, die z.B. an bipolaren oder schizophrenen
Störungen leiden. Die psychische Erkrankung ist niemals die Haupteigenschaft,
die einen Menschen ausmacht.
Wiedererkrankung versus Rückfall: Wenn jemand jedes Jahr eine
Erkältungskrankheit hat, würde niemand auf die Idee kommen, von
Rückfall zu reden. Wenn jemand allerdings mit 22 Jahren eine Psychose
hatte und mit 32 Jahren wieder eine bekommt, so spricht man von
„Rückfall“, was suggeriert, dass dieser Mensch eigentlich immer
irgendwie krank war, und löst damit bei Betroffenen und Angehörigen
oft das Gefühl aus, dass jemand dorthin zurückgefallen ist, wo
sie oder er schon einmal war. Diese Verwendung des Begriffs „Rückfall“
schafft falsche Annahmen und sollte durch Wiedererkrankung ersetzt
werden.
Übereinstimmung anstelle von Compliance: Das Wort Compliance geht
von einem Machtgefälle in der Arzt-Patient-Beziehung aus: Der
Patient soll das denken und tun, was sein Arzt meint. Vielmehr
geht es aber heute darum, dass die Arzt-Patient-Beziehung auf
Kooperation beruht, wo Entscheidungen durch wechselseitige Annäherung
in Übereinstimmung getroffen werden. Die „geteilten Entscheidungsfindung“
braucht neue Fähigkeiten sowohl von Betroffene als auch von Profis.
Gerade wenn es darum geht, über längere Zeit Hilfen in Anspruch
zu nehmen, muss gemeinsam geplant und entschieden werden. Hier
ist enge Zusammenarbeit gefragt. Betroffene müssen ihr Wissen
und ihre Erfahrungen einbringen. Das wissenschaftlich begründete
Wissen der ExpertInnen und ihre Erfahrung mit vielen verschiedenen
PatientInnen muss kombiniert werden mit den subjektiven eigenen,
oft ganz individuellen, Erfahrungen der Personen, die Hilfe suchen.
Dazu braucht es nicht nur viel Respekt für einander, sondern auch
ausreichend Zeit und Einsatz.
Überlegungen zum Recovery-Konzept beschäftigen
sich mit den Themen Hoffnung, Empowerment und Macht, sowie Lebensinhalt
und –sinn. Auf Deutsch bilden diese drei wichtigen Themenkomplexe
einen Satz: HOFFNUNG-MACHT-SINN
oben
Michaela
Amering / Margit Schmolke:
Recovery – Das Ende der Unheilbarkeit
Recovery ist ein relativ neuer Begriff im psychosozialen
Bereich, den sowohl psychiatriekritische als auch psychiatrische
Kreise breit einsetzen. „Recovery“ kann man übersetzen
mit Bergung, Besserung, Erholung, Genesung, Gesundung,
Rettung oder Wiederfindung. Die positive Konnotation der
Hoffnung ist allen Verwendungstypen gemeinsam, kann aber
in völlig unterschiedliche Richtungen zielen. Manche meinen
mit Recovery die Erholung von einer psychischen Krankheit,
das Nachlassen der Symptome oder die Gesundung. Andere
denken dabei an die Erholung von unerwünschten Wirkungen
der verabreichten Psychopharmaka nach dem Absetzen, die
Wiedergewinnung der Freiheit nach Verlassen des psychiatrischen
Systems oder die „Rettung aus dem psychiatrischen Sumpf“.
Im vorliegenden Buch geht es um Recovery durch psychiatrische
Behandlung, rasante Entwicklungen hätten hierzu beitragen.
Damit meinen die Autorinnen offenbar atypische Neuroleptika
à la Zyprexa, bekannt geworden durch seine Diabetes-auslösende
Potenz. Die Autorinnen informieren über viele psychiatrische
Recovery-Programme im In- und Ausland, von denen man sonst
nie etwas hören würde (leider ohne auf die Frage der Praxisrelevanz
einzugehen). Manche Leser werden sich freuen, dass eine
Reihe von Publikationen Psychiatriebetroffener aufgelistet
werden, dass Forschung und Fortbildung aus der Perspektive
Psychiatriebetroffener thematisiert wird und ein Paradigmenwechsel
des psychiatrischen Glaubens an die sogenannte Unheilbarkeit
von Geisteskrankheiten gefordert wird. Mir allerdings
gibt die Ausblendung psychiatriekritischer (antipsychiatrischer)
Erfahrungen von Leuten zu denken, die sich wieder erholt
haben, indem sie der Psychiatrie den Rücken kehrten. Pat
Bracken vom Internationalen Netzwerk für Alternativen
und Recovery (INTAR – www.intar.org) schreibt in dem Buch
„Statt Psychiatrie 2“ : „Die radikalste Folgerung der
Recovery-Bewegung (...) besteht in der Feststellung, dass
es die Betroffenen sind, die das größte Wissen und die
meisten Informationen über Werte, Bedeutungen und Beziehungen
besitzen. Im Sinne der Recovery-Bewegung sind sie die
wahren Experten.“ Man mag es eigentlich nicht mehr lesen,
wenn psychiatrisch Tätige sich selbst für die einzig wahren
Experten halten. Dass in diesem Weltbild noch nicht einmal
INTAR einen Platz hat, ein internationaler Zusammenschluss
aller wesentlichen Alternativansätze wie Soteria oder
Windhorse, ist traurig. Kartoniert, 302 Seiten, ISBN 978-3-88414-421-3.
Bonn: Psychiatrieverlag 2007. € 24.90
Peter Lehmann
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