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 Rundbrief
Ausgabe 4/2007

Recovery
Von Prof. Dr. Michaela Amering

Die spannendsten Herausforderungen für die psychiatrische Praxis und Forschung kommen derzeit aus den erfolgreichen Konzepten der Betroffenenbewegung. In den letzten Jahren haben sich – ausgehend von der internationalen Betroffenenbewegung - Recovery-Konzepte entwickelt und breite Resonanz sowohl unter Betroffenen als Professionellen und Entscheidungsträgern gefunden.

Im Wörterbuch finden sich folgende Übersetzungen von Recovery: Erholung, Besserung, Genesung, Gesundung, Bergung, Rettung, Rückgewinnung, Wiedergewinnung, Wiederfinden. Pat Deegan, Psychologin in Boston, lebte viele Jahre mit einer Schizophreniediagnose und beschreibt Recovery als die ‚Entwicklung aus den Beschränkungen der PatientInnenrolle zu einem selbstbestimmten sinnerfüllten Leben’.

Eine wesentliche Grundlage der Recovery-Bewegung sind Selbstzeugnissen von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, die gesund geworden sind bzw. die trotz der Erkrankung einen großen Teil ihres Lebens als gesunde Menschen leben, andererseits aus wissenschaftlichen Verlaufsdaten. Am Beispiel der Diagnose Schizophrenie zeigt sich, dass Verlausdaten seit jeher zeigen, dass ein Teil der Betroffenen wieder gesund wird. Darüber hinaus wissen wir, dass viele Menschen auch nach langen und auch schweren Krankheitsverläufen wieder einen hohen Grad an Gesundheit erreichen können, und dass Menschen trotz vorhandener Krankheitssymptome ein befriedigendes Leben führen können.

Der gemeinsamer Tenor der Fülle von Publikationen und Forschungen, die zu Recovery erschienen sind, ist, dass Recovery ein subjektiver Vorgang ist, ein individueller Prozess nach einer Orientierung an für den einzelnen betroffenen Menschen wesentlichen Werten und Zielen. Viele Menschen mit psychischen Erkrankungen beschreiben, wie wichtig es für ihre Genesung war, die Hoffnung nicht zu verlieren. Eine der schädlichsten und am stärksten stigmatisierenden Zuschreibungen ist die falsche Annahme der Unheilbarkeit psychischer Erkrankungen. An die Heilung zu glauben bedeutet, sein Selbstgefühl unabhängig von der Erkrankung zu finden, sich die Selbstachtung und das Selbstwertgefühl zu bewahren und die Kontrolle über sein Leben zu behalten. Darüber hinaus scheint es wesentlich, im Sinne des Empowerment nicht zu viel an Autonomie und Verantwortung an andere über längere Zeiträume abzugeben und den gesellschaftlichen Anschluss durch Beschäftigung, aktive Freizeitgestaltung und soziale Beziehungen nicht zu verlieren.

Als Ergebnis geht es primär darum sich in soziale Rollen (PartnerIn, Elternteil, ArbeitnehmerIn, FreundIn usw.) wohl zu fühlen. Das kann trotz mancher Symptome und Behinderungen gelingen und unabhängig davon, in Krisenzeiten unter Umständen immer wieder vermehrt Hilfe zu benötigen. Das bedeutet für die psychiatrische Forschung auch, dass die Qualität des Lebens und das Lebensgefühl, der Lebenssinn, genauso wichtig als Messergebnisse von Behandlung zu erforschen sind, wie beispielsweise die Frage, wie viele Tage jemand während einer Krise im Spital verbringt oder wie viele Symptome jemand noch hat.

Ein wesentlicher Kontext für Recovery sind Menschenrechte, BürgerInnenrechte und PatientInnenrechte. Das Recht auf Partizipation und Selbstbestimmung und der Schutz vor Diskriminierung sind zentrale Forderungen der Betroffenenbewegung als Voraussetzungen für Empowerment und Recovery. Antidiskriminierungsgesetzgebung ist vielen Bereichen notwendig z.B. dass jemand aufgrund einer psychischen Krise nicht seine Arbeit verliert, dass der Arbeitsplatz an psychische Besonderheiten angepasst ist usw. PatientInnenrechte können im Rahmen von Behandlungsvereinbarungen und Vorausverfügungen genutzt werden, indem Betroffene Einfluss auf die eigene Behandlung in psychiatrischen Krisen nehmen können.

Recovery-orientierte Praxis psychiatrischer Hilfen muss sich an den Bedürfnissen der betreuten Person orientieren und nicht an den Bedürfnissen der Institutionen. Grundlage dafür ist ein „personenzentrierter Ansatz“, der sich flexibel und mobil am individuellen Unterstützungsbedarf und an den Bedürfnissen und Ressourcen der Person im eigenen Lebensfeld orientiert, anstatt deren Anpassung an bestehende Einrichtungen zu fordern. Auf der Ebene der therapeutischen Beziehung lösen partizipative Modelle zur „geteilten Entscheidungsfindung“ und Erfahrungen mit Behandlungsvereinbarungen und PatientInnenverfügungen für akute Krisen paternalistisch geprägte Compliance-Modelle ab. Die Behandlung muss sowohl soziotherapeutische als auch psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten anbieten. Es gibt immer wieder Personen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt weder medikamentöse noch psychotherapeutische Interventionen annehmen wollen, aber sehr wohl bereit wären, Hilfen beim Wohnen, bei Finanzen, bei sozialen Kontakten anzunehmen. Die Akzeptanz von Medikamenten oder einer bestimmten Diagnose sollte nicht die Voraussetzung dafür sein, Unterstützung zu bekommen.

Wir wissen, dass nur 25 % aller Patienten mit schweren psychiatrischen Erkrankungen eine evidenzbasierte Behandlung erhalten, d.h. eine Behandlung, die dem vollen derzeitigen Wissensstand entspricht. Es ist beispielsweise wissenschaftlich abgesichert, dass störungsspezifische Psychotherapieformen, die es mittlerweile für alle psychiatrischen Diagnose gibt, wirksam sind, aber sie werden nicht bzw. zu selten angeboten. Gleiches gilt für Alternativen zur Krisenintervention im Krankenhaus, neue Formen der Arbeitsrehabilitation und noch vieles mehr. Diese Mangelsituation ist eine Quelle der Frustration und ein Anlass, politisch dafür zu kämpfen, dass dieses Wissen auch praktisch umgesetzt wird.

Viele Menschen, die gesundet sind, wissen aber auch, dass ihnen ganz individuelle, originelle Dinge geholfen haben, die überhaupt nicht wissenschaftlich untersucht wurden d.h. nicht evidenzbasiert sind. Auch dabei kann aber professionelle Unterstützung hilfreich sein und die Forschung sollte sich vermehrt auch mit den Effekten von Autonomie und Wahlfreiheit bezüglich Hilfeangeboten befassen.

Recovery fordert auch das Aufdecken sprachlicher Stigmatisierungen und fordert deren Veränderung: „Person first“ – der Mensch zuerst. Es ist wichtig für die Selbstachtung, nicht als psychisch kranke Menschen, „Schizophrene“ „Depressive“ oder „Borderliner“ bezeichnet zu werden, sondern als Menschen mit psychischen Erkrankungen, Menschen, die z.B. an bipolaren oder schizophrenen Störungen leiden. Die psychische Erkrankung ist niemals die Haupteigenschaft, die einen Menschen ausmacht.
Wiedererkrankung versus Rückfall: Wenn jemand jedes Jahr eine Erkältungskrankheit hat, würde niemand auf die Idee kommen, von Rückfall zu reden. Wenn jemand allerdings mit 22 Jahren eine Psychose hatte und mit 32 Jahren wieder eine bekommt, so spricht man von „Rückfall“, was suggeriert, dass dieser Mensch eigentlich immer irgendwie krank war, und löst damit bei Betroffenen und Angehörigen oft das Gefühl aus, dass jemand dorthin zurückgefallen ist, wo sie oder er schon einmal war. Diese Verwendung des Begriffs „Rückfall“ schafft falsche Annahmen und sollte durch Wiedererkrankung ersetzt werden.
Übereinstimmung anstelle von Compliance: Das Wort Compliance geht von einem Machtgefälle in der Arzt-Patient-Beziehung aus: Der Patient soll das denken und tun, was sein Arzt meint. Vielmehr geht es aber heute darum, dass die Arzt-Patient-Beziehung auf Kooperation beruht, wo Entscheidungen durch wechselseitige Annäherung in Übereinstimmung getroffen werden. Die „geteilten Entscheidungsfindung“ braucht neue Fähigkeiten sowohl von Betroffene als auch von Profis. Gerade wenn es darum geht, über längere Zeit Hilfen in Anspruch zu nehmen, muss gemeinsam geplant und entschieden werden. Hier ist enge Zusammenarbeit gefragt. Betroffene müssen ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen. Das wissenschaftlich begründete Wissen der ExpertInnen und ihre Erfahrung mit vielen verschiedenen PatientInnen muss kombiniert werden mit den subjektiven eigenen, oft ganz individuellen, Erfahrungen der Personen, die Hilfe suchen. Dazu braucht es nicht nur viel Respekt für einander, sondern auch ausreichend Zeit und Einsatz.

Überlegungen zum Recovery-Konzept beschäftigen sich mit den Themen Hoffnung, Empowerment und Macht, sowie Lebensinhalt und –sinn. Auf Deutsch bilden diese drei wichtigen Themenkomplexe einen Satz: HOFFNUNG-MACHT-SINN

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Michaela Amering / Margit Schmolke: Recovery – Das Ende der Unheilbarkeit
Recovery ist ein relativ neuer Begriff im psychosozialen Bereich, den sowohl psychiatriekritische als auch psychiatrische Kreise breit einsetzen. „Recovery“ kann man übersetzen mit Bergung, Besserung, Erholung, Genesung, Gesundung, Rettung oder Wiederfindung. Die positive Konnotation der Hoffnung ist allen Verwendungstypen gemeinsam, kann aber in völlig unterschiedliche Richtungen zielen. Manche meinen mit Recovery die Erholung von einer psychischen Krankheit, das Nachlassen der Symptome oder die Gesundung. Andere denken dabei an die Erholung von unerwünschten Wirkungen der verabreichten Psychopharmaka nach dem Absetzen, die Wiedergewinnung der Freiheit nach Verlassen des psychiatrischen Systems oder die „Rettung aus dem psychiatrischen Sumpf“. Im vorliegenden Buch geht es um Recovery durch psychiatrische Behandlung, rasante Entwicklungen hätten hierzu beitragen. Damit meinen die Autorinnen offenbar atypische Neuroleptika à la Zyprexa, bekannt geworden durch seine Diabetes-auslösende Potenz. Die Autorinnen informieren über viele psychiatrische Recovery-Programme im In- und Ausland, von denen man sonst nie etwas hören würde (leider ohne auf die Frage der Praxisrelevanz einzugehen). Manche Leser werden sich freuen, dass eine Reihe von Publikationen Psychiatriebetroffener aufgelistet werden, dass Forschung und Fortbildung aus der Perspektive Psychiatriebetroffener thematisiert wird und ein Paradigmenwechsel des psychiatrischen Glaubens an die sogenannte Unheilbarkeit von Geisteskrankheiten gefordert wird. Mir allerdings gibt die Ausblendung psychiatriekritischer (antipsychiatrischer) Erfahrungen von Leuten zu denken, die sich wieder erholt haben, indem sie der Psychiatrie den Rücken kehrten. Pat Bracken vom Internationalen Netzwerk für Alternativen und Recovery (INTAR – www.intar.org) schreibt in dem Buch „Statt Psychiatrie 2“ : „Die radikalste Folgerung der Recovery-Bewegung (...) besteht in der Feststellung, dass es die Betroffenen sind, die das größte Wissen und die meisten Informationen über Werte, Bedeutungen und Beziehungen besitzen. Im Sinne der Recovery-Bewegung sind sie die wahren Experten.“ Man mag es eigentlich nicht mehr lesen, wenn psychiatrisch Tätige sich selbst für die einzig wahren Experten halten. Dass in diesem Weltbild noch nicht einmal INTAR einen Platz hat, ein internationaler Zusammenschluss aller wesentlichen Alternativansätze wie Soteria oder Windhorse, ist traurig. Kartoniert, 302 Seiten, ISBN 978-3-88414-421-3. Bonn: Psychiatrieverlag 2007. € 24.90
Peter Lehmann

 

 

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