zurück zur Übersicht

zurück zum Inhalt 1/08

 Rundbrief
Ausgabe 1/2008
Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit Jerusalemkirche Berlin 09.10.2007
Mythen, Fakten, Vorurteile zum Thema (Ent-)Stigmatisierung
Von Dagmar Barteld-Paczkowski

Symposium Antistigma-Arbeit, warum es wichtig ist, dass die Betroffenen mitreden

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr, dass ich aktiv an diesem Kongress teilnehmen und zu Ihnen sprechen darf.
Es liegt mir und dem Verband, dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. für den ich hier stehe und spreche, sehr am Herzen, dass sich die die Vorurteile und die Mythen über, aber auch die Fakten für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen, Behinderungen und Erkrankungen verändern. Für unsere Angehörigen ist es ebenfalls wichtig, dass sich etwas verändert, dann verringert sich die Scham über die kranken Angehörigen.

Sehr wichtig ist, dass nicht nur über uns geredet wird, sondern dass wir auch mitreden können.
Mitreden und miteinander reden, ist nur möglich, wenn die gleiche Sprache gesprochen wird. Wenn die Vokabeln, die benutzt werden von allen GesprächsteilnehmerInnen mit gleichen Inhalten besetzt sind.

Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass Vokabeln benutzt werden, deren Begriffe nicht immer allen gleich klar sind.
Deshalb ist es sehr NOT-wendig, dass wir wissen was wir sagen und wissen, worüber wir miteinander sprechen.
Im Bereich der Psychiatrie und den weiten Feldern der Hilfen wird Sprache oft auch als Machtmittel eingesetzt.
Wer den anderen nicht versteht, wird unsicher und fühlt sich nicht gut.
Ich hoffe, Sie haben mich bisher verstanden, nicht nur gehört - und können meinen Gedanken auch folgen.

Dieser Teil der Veranstaltung wird als Symposium bezeichnet.
Was ist ein Symposium?
Symposium ist altgriechisch und bezeichnete ursprünglich ein gemeinsames, geselliges Trinken oder ein Gastmahl.
Ich bezeichne dieses Symposium als ein Gastmahl, mit den Speisen:

Mythen, Fakten, Vorurteile und Veränderungen als Hauptgang.
Wie der Nachtisch wird, werden wir später erfahren.

Die erste Speise sind die Mythen.
Mythen entstehen durch Erzählungen, nicht durch wissenschaftliche Erklärungen. Die Inhalte der Mythen lassen sich nicht nachprüfen.
In Mythen geht es um den tiefen Wunsch nach Wissen über den Sinn des Lebens allgemein und den eigenen Lebenssinn.
Mythen können als bildhafte Auslegung und Deutung allgemeine Wahrheiten enthalten, jedoch niemals die genaue Lebensgeschichte der Person erklären.
Mythen sind Vermutungen, sonst nichts.
Über die Psychiatrie und psychische Erkrankungen gibt es sehr viele Mythen. Die Mythen werden verfilmt, z.B. Einer flog über das Kuckucksnest.
Darin wird die bildhafte Auslegung der Psychiatrie deutlich gemacht.

Mythen sind Göttergeschichten, im Unterschied zu den Sagen.
Sagen haben als handelnde Personen Menschen.
(Heinrich Gunkel, Theologe)
Sagen berichten über Menschen und deren Taten. Da wird medial, nachrichtlich über die Auffälligkeiten von Erpressern, Kinderschändern und den Folgen von seltsamen Verhaltensweisen schrulliger Menschen berichtet. Die Ursachen der Handlungen, die vorausgegangen Erfahrungen und Erlebnisse der beschriebenen Menschen werden nicht weiter hinterfragt und nicht beschrieben. Das sind Sagen über Psychiatrie und Patienten.

Die sagenhaften Menschen sind die betroffen Menschen, deren Gesundheitszustand sich auf dramatische Weise verändert hat.
Die Sagen werden niedergeschrieben - von anderen!
Die Belege über Taten lagern in den Aktenschränken der Gesundheitsämter und Krankenhäuser, manchmal auch bei den Gerichten. Dort sind sie verwahrt und werden in Falle einer Wiederholung eines erneuten Zusammenbruchs hervorgeholt und wieder verwertet. Gutachten nach Aktenlage, wer kennt so etwas nicht?
Damals hatte es bestimmt einen Grund und einen Sinn, dass der Mensch auffällig wurde. Ebenso wie in der jetzigen Situation ein Grund vorliegt. Doch diesmal ist er anders.
So werden die Fakten über die betroffenen Menschen geschrieben und geschaffen.

Fakten entstehen durch den Zusammenhang von Tatsachen und Gegebenheiten eines objektiv bestehenden Sachverhalts.
Der beschreibende Mensch macht sich sein Bild von dem handelnden Menschen. Er beschreibt das, was er gesehen, gehört und erlebt hat und was ihm berichtet wurde.
Konnten, bzw. durften, oder dürfen die Patienten wirklich ihre Geschichte erzählen.
Wurde ihnen jemals wirklich zugehört?
Wurden die Fakten, die der beobachtete Mensch schilderte, überhaupt wahrgenommen und dann auch für wahr genommen?

Fakten entstehen auch durch Erfahrung des gegebenen Sachverhalts, die subjektiv erkannt und erlebt wurden.

Wussten und wissen nicht immer schon die behandelnden Menschen und die Angehörigen, dass es wieder so ist wie es damals war? So ängstlich, so nervös, so unkonzentriert usw.
Oder wie es immer beschrieben wird? Man liest es doch immer wieder in den Zeitungen. Werden nicht alle Patienten aufgrund irgendwelcher Diagnosefaktoren gleich behandelt? Mir wurde damals gesagt, dass alle Mitpatienten das Gleiche hätten wie ich und man deshalb wüsste, dass ich krank wäre und was ich brauchen würde um wieder gesund zu werden.
Das fand ich sehr merkwürdig, denn demnach hätten alle eine schlechte Ehe, an einem alten Freund geschrieben und in ihrer Familie hatte es in der letzten Zeit sehr viel Stress gegeben. Das wollte ich nicht glauben und glaube auch heute noch nicht daran.

Ich glaube aber, dass wir alle unter einer Kommunikationsstörung leiden, jedoch immer wieder ganz persönlich gefärbt.

Dürfen wir Patienten wirklich sagen und berichten, was uns passiert ist und warum wir die Zusammenhänge so sehen und fühlen, wie wir sie wahrnehmen?
Dürfen Patienten ihre Wahrnehmungen wirklich äußern, ohne dass es eine Erhöhung der Medikation zur Folge hat? Ich durfte es damals nicht.

Wen interessieren die persönlichen Zusammenhänge?
Wem wurden Arme entgegen gestreckt, die Halt gaben?
Wer erhält ein Ohr, in das er ungestraft über seine Ängste und Gefühle sprechen kann, vor allem ohne Zeitdruck?
Wer gibt Zeit dann, wenn der Patient sie benötigt?
Wer erarbeitet mit den Patienten anhand ihrer Lebenslinie die starken Eindrücke des Lebens? Vergleichbar mit einer Lebensfieberkurve.
Zuhören und Haltungsveränderung hat sich bis heute nicht eingebürgert.
Viele Mehrfach-Patienten wollen nicht darüber sprechen.
Sie haben die Mythologie der Psychiatrie schon verkörpert und bringen sich dadurch um die Möglichkeit zur persönlichen Sagenbildung.
Das hängt auch mit Selbstbeschuldigung zusammen.
Man hält sich selbst für schuldig an der Situation. Man war schon immer frech, gab Widerworte, war bekleckert und ungekämmt. Man hat den Eltern nur Kummer gemacht, schon im Kindergarten, spätestens in der Schule.
Es gibt ein T-Shirt auf dem steht: Ich war als Kind schon Scheiße. So eins habe ich auch mal getragen, aus ungehörter Verzweiflung.
Die Selbstbeschuldigung, verstärkt durch Anschuldigungen, nimmt auch das letzte bischen Selbstvertrauen.

Das ist sehr schade, jedoch häufig eine Tatsache.

Eine Tatsache, die das ganze Leben nachhaltig bedrückt.
Diese Gegebenheiten führen zu Arbeitsverlust, zum Verlust von Familie, Kindern, Freunden und dem Lebensinhalt und den Lebenszielen.
Unter uns Betroffenen gibt es viele Eltern ohne Kinder.
Weil sich die Mythen von Menschen fressenden Müttern hartnäckig halten. Die Väter sind auch nicht besser und deshalb wird der Kontakt häufig gerichtlich unterbunden.
Es gibt wenig Menschen, die nach einer Psychose wieder in den Beruf oder das Studium zurückgekehrt sind, den sie vorher hatten. Danach wird vielen auch der Weg in neue Berufe verwehrt, weil die Belastungsfähigkeit zu gering ist, aber auch nicht dauerhaft gesteigert werden kann. Die anderen, die Non-Peers wissen immer was man oder frau kann und was gut ist. So werden Informationen vorenthalten und Aktivitäten, die anstrengend für alle sind, gar nicht gegeben und ermöglicht. Sondern vorhersagend, hellsehend als schlecht und belastend für psychisch kranke Menschen bezeichnet, von uns ferngehalten.

Diese Fakten entsprechen meiner Wirklichkeit.

Meiner Wirklichkeit und der vieler anderer auch. Wir haben diese Erfahrungen mit, an und in unserem Körper erlebt. (Manturana und Varela).
Menschen mit Erfahrungen, die meinen ähnlich sind, werden meine Wirklichkeit nicht bestreiten.
Viele von Ihnen haben möglicherweise andere Erfahrungen gemacht und werden meine deshalb auch nicht als richtig benennen.

Werden die Vorurteile nicht hinterfragt und umgewandelt, bleibt es für die benachteiligte Gruppe immer mit schlechter Lebensgeschichte verbunden.
Es wird nicht möglich, die Ziele und Wünsche zu erreichen, die jedem Menschen innewohnen. So ist es kaum möglich den eigenen Lebenssinn finden zu können.
Nun geht es darum, die Betroffenen in die Arbeit für bessere Lebensbedingungen einzubeziehen.

Dann ist es möglich, Bedingungen zu schaffen, die sich wirklich an dem Bedarf orientieren. Die Entstigmatisierung kann dann erst beginnen.

Stigma, was ist das eigentlich?
Ich, katholisch aufgewachsen, weiß, dass die Wundmale Jesus Stigmata sind. Doch wo habe ich denn diese Wundmale? Ich habe die Wundmale auf meiner Seele, wie viele andere auch.
Das berechtigt die Mitmenschen jedoch nicht uns ab zu werten und auszugrenzen. Wir dürfen aufgrund seelischen Wundmale nicht ausgegrenzt werden.
Mit der Selbststigmatisierung aufzuhören, ist der Anfang der Wiederherstellung der Gesundheit. (Recovery) Das ist nur mit der Rückgewinnung von Vertrauen zu sich selbst und in die eigenen Fähigkeiten möglich.
Wie können wir das bekommen?
Wir möchten eine andere Behandlung in den Kliniken und in den weiteren helfenden, behandelnden Einrichtungen und Arbeitsplätzen in Werkstätten erfahren.
Wir möchten endlich nicht ständig zu Einsicht gemahnt werden, sondern angesehen und verstanden werden.
Alle wollen ein Buch schreiben.
Ein Buch in dem über die besonderen Erfahrungen und die hilfreichen Wege zur Gesundung und Genesung berichtet wird.
Wir haben das Gefühl, dass wir der Welt etwas zu sagen haben.
Wir glauben zu wissen, dass wir Erkenntnisse gewonnen haben, die andere vorher nicht gehabt haben.
Wir glauben das Rad neu erfunden zu haben, wenn es um die Behandlung von psychisch durcheinander geratenen Menschen geht.

Besonders dann, wenn in der Psychose die Welt zu uns und mit uns gesprochen hat.

Das ist meine ICH-Erfahrung. Die scheint mir einzigartig zu sein.

Wenn wir uns dann untereinander, z.B. in Selbsthilfegruppen, in Begegnungsstätten gegenseitig über unsere Erfahrungen sprechen und berichten, stellen wir fest, dass unsere Erfahrungen nicht nur die eigenen Erfahrungen sind.
Die Gruppe hat diese Erfahrungen auch gemacht.
Mein Wissen wird vergleichbar mit dem Wissen der anderen.
Das ist das, was das so genannte WIR-Wissen ausmacht.
Es ist nicht mehr nur die einzigartige Erfahrung, sondern es geht um die Erfahrung einer Gruppe von Menschen mit gleichen Erfahrungen.
Das Wissen einer Peer-Gruppe!!!
(Peers = Gleiche Erfahrungen, gleiche Berufe, gleiches Geschlecht, gleiches Alter, das sind Peer-Gruppen)
In der Antistigma Arbeit ist es Not-wendig, dieses Wir-Wissen einbringen zu können.
Es geht darum, dass durch das mitgeteilte und umgesetzte Wir-Wissen vielen nachfolgend seelisch zusammengebrochenen Menschen viele negative Erfahrungen nicht ganz so nachhaltig negativ erleben zu lassen.

Ich glaube nicht daran, dass wir die negativen Erfahrungen völlig ausschalten und verhindern können.
Wir sind Menschen; keine Götter und keine Engel, sonst wären wir ja Mythologiegestalten.
Wir sind Sagengestalten und haben deshalb etwas Hörenswertes zu sagen.
Ich habe Ihnen noch zu sagen, dass ich meine Krise nicht noch einmal erleben möchte. Missen möchte ich sie auch nicht.
Den Sinn meiner Krisenzeit
habe ich erkannt und für mich daraus lebensverändernde Maßnahmen erschlossen.
Es war eine sehr schmerzhafte Zeit. Ich habe sehr viel verloren. Aber auch Erkenntnisse gewonnen und mein Leben grundlegend verändert.
Ich habe endlich gehandelt und nicht mehr auf das Handeln anderer gewartet.
Ich habe die Verantwortung für mich in meine Hände genommen und nicht mehr an andere abgeben.

Wenn ich etwas möchte, was ich noch nicht hatte, dann muss ich etwas tun, was ich noch nicht getan habe. Sonst bleibe ich ja so wie ich war und erlebe immer das, was ich schon erlebt habe.

Ich musste für mein neues Leben auch neue Vokabeln lernen. Meine mit mir vernetzten Mitmenschen mussten sich auch darauf einlassen, neue Umgangsformen mit mir zu lernen.
Sie müssen sich auf Neues einlassen und nicht immer auf den alten, kränkenden und krank machenden Mustern bestehen.
Sonst ändert sich für das Umfeld und den betroffenen Menschen nichts zum Guten.
Es entstehen nur Kosten für die Gesellschaft, die Krankenkassen, den Staat und das familiäre Vermögen. Die sind nachgewiesenen sehr hoch, das haben viele Menschen qualifiziert ausgebildet und teuer bezahlt immer wieder ausgerechnet.
Ganz langsam komme ich zum Schluss.

Was ist ein Stigma noch?
Ein Stigma ist nicht nur ein Wundmal, ein Brandmal und ein Makel.

Ein Stigma ist in der Mirkrobiologie ein Zellorgan , dass den Flagellanten die Bewegung und Ausrichtung zum Licht ermöglicht.
Der oberste Teil des Fruchtknotens bei Pflanzen und die Atemöffnung von Insekten werden auch als Stigma bezeichnet.
Diese Stigmen dienen der Weiterentwicklung und Fortpflanzung.
Das sollten wir uns auch bewusst machen und nicht alle Stigmen vernichten wollen.
Keine Sache der Welt hat nur eine Seite und ist nur schlecht. Die Krisen sind oft lebens NOTwendig, deshalb sollten sie beachtet sein!

Das können wir Betroffenen in diesem Aktionsbündnis deutlich machen und vertreten.
Das Aktionsbündnis ist ein heterogenes Netzwerk, bestehend aus unterschiedlichen Fäden.
Im Gegensatz zu einem homogenen Netzwerk, in dem alles nur gleich und einsprachlich ist, hat dieses heterogene Netzwerk verschiedene Sprachen,verschiedene Ansätze und die Mitglieder sind nicht sofort passgenau aufeinander abgestimmt.
Sie passen nicht sofort zusammen. Mit Einsicht und gutem Willen ist es allen Beteiligten möglich für die seelisch verwundeten Menschen Gutes zu tun.
Ein (Hilfe-)Netzwerk, dass nicht zur Falle für die Menschen mit seelischen Beschwerden werden darf. Deshalb ist es wichtig, dass Betroffene daran mitknüpfen. Knüpfen wir doch ein Einkaufsnetz, in dem die guten Lebensmittel endlich sicher nach Haus getragen werden können.

Wir Betroffenen sind ein Teil des Ganzen, wir sind ein Teil der Gesellschaft und haben eine Lebensberechtigung.
Es ist keine Schande zerbrochen zu sein.
Wir benötigen gute Restauratoren, damit wir wieder hergestellt, Flagge zeigen können und uns nicht mehr verstecken müssen oder versteckt werden.
Wenn unser Leben zerbrochen ist, können wir die Scherben in die Hand nehmen und die Einzelteile betrachten und dann ein Mosaik des Lebens gestalten.
Das geht nur, wenn wir die Teile nicht wegwerfen, sondern wieder zusammensetzen.

Wenn wir Scheitern gelernt haben, sind wir nicht mehr zum Scheitern verurteilt.

Wir sind wertvolle Kunstwerke.

Wir sind einzigartige Gefäße, gefüllt mit individuellen Erfahrungen, die auch den Nachkommen noch zur Seelennahrung dienen können.

Deshalb ist jedes Teil für das Lebensmosaik wichtig.

Ebenso wichtig sind alles Teile des Bündnisses.
Das Aktionsbündnis ist auch ein Mosaik von Betroffenen und Helfern und Angehörigen. Alle gehören zusammen, damit es Bündnis ist, das lebendig ist und auch Gesundheit spendend ist.

Ich hoffe, die Speisen sind alle biologisch, ungespritzt und nicht genmanipuliert. Manipulieren hoffentlich nicht zum Gähnen und liegen Ihnen nicht schwer im und auf dem Magen.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit

oben 

zurück zum Inhalt 1/08