Someone
beside you
Ein Film von Edgar Hagen in Annäherung an
den Wahnsinn.
Gedanken zum Film von Sarah Reduk
Dieser Film hat mich berührt durch seine Authentizität
und weil ich mich in diesen Film wieder finde in den Personen,
die da sprechen, sich zeigen, einfach sind und ihre Erkenntnisse
weitergeben.
Was ist Psychose, wie geht man damit um, wie kann man mit diesen
Wahnsinn leben, wie kann man Menschen in diesem Prozess begleiten?
Ein eindringlicher Film, ich finde ein Film, den JEDER gesehen
haben sollte, besonders Psychiater, aber auch alle Menschen, die
sich mit dem Existenziellen des menschlichen Daseins beschäftigen
wollen.
Wir begleiten Menschen aus dem Windhorse-Projekt in der Schweiz
und den U.S.A: wir erleben Mitarbeiter wie Betroffene, hören ihre
Geschichten. Da ist Karen, eine langhaarige hübsche Frau (54),
die sich nach Jahrzehnten an den Ort ihres Traumas zurückbegibt:
an den Ort, wo sie 3 Jahre lang als junge Frau in der Psychiatrie
immer verrückter wurde, aus der sie geflohen ist, um sich daraufhin
aus purer Verzweiflung 6 Stockwerke tief aus einem Haus zu stürzen:
sie bekam beim Windhorse-Projekt eine zweite Chance für ihr Leben
und sie hat diese Chance genutzt. Sie trifft dabei auf den buddhistisch
inspirierten Psychiater Edgar Podvoll, geht den Weg der Heilung,
die Initialzündung für den ersten „Windhorse-Haushalt“.
Die Botschaft dieses Projektes ist so einfach wie einleuchtend:
Psychosen sind heilbar und jeder Mensch hat einen gesunden Kern,
auch wenn der Weg zur Gesundung lang, schmerzlich und dornenreich
sein kann. Der Film hat viele starke Momente, so viele dass ich
gar nicht alle aufzählen kann. Ich habe lange keinen Film über
Psychosen gesehen, der eine so starke und positive Botschaft hat
– für die Betroffenen als auch für ihre Begleiter.
Da ist z. B. Andrea, die – den Blick in sich gesenkt – verzweifelt
versucht zu erklären, mühsam Worte sucht, was sie erlebt, wie
sie mit dem Wahnsinn ringt, wie schwer es für sie ist, dem Horror
Einhalt zu gebieten, und Jakob Litschig, Arzt und selber psychoseerfahren,
sie darauf mit einfachen Worten fragt: „Ist es so, dass du die
Herrin deiner eigenen Gedanken bleiben willst?“ Der Augenblick,
als sie darauf den Blick erhebt zum erstem Mal seit der Einstellung,
den Blick auf Jakob hebt, in den Augen die Erkenntnis, dass er
sie verstanden hat.
Eine Methode von Litschig ist, mit den Betroffenen die Orte des
Wahnsinns wieder zu begehen, die Eindrücke des Wahnsinns zu verarbeiten,
Rituale zur Aufarbeitung zu finden.
Da ist Eric Chapin, der für jeden im Projekt, der es nicht geschafft
hat (z.B. Selbstmord begangen hat) eine Buddhafigur aufstellt
und dazu mit schmerzlichen Blicken sagt: „Soviel wunderbare Menschen“.
Er verdeutlicht das Ganze, indem er mit einen Schlegel auf eine
Klangschale schlägt, danach eine Pistole in die Hand nimmt, sie
lädt, in die Luft schießt und sagt: „Viele entscheiden sich für
den zweiten Weg.“
Berührend auch die Szene, als er gefragt wird, ob ihn das Leid
der Betroffenen nicht zu Herzen geht. Lange kann er nichts sagen,
ringt mit seinen Gefühlen, senkt den Blick, bis er endlich spricht,
dass viele dieser Menschen immer wieder frustriert worden sind,
weil sie nicht so sein dürfen, wie sie sind, und weil sie Erwartungen
nicht erfüllen können, und alles, was sie wollen, eigentlich nur
eines ist: dass sie einfach nur akzeptiert werden, so wie sie
sind.
„Warum kann man mit Betroffenen in der Behandlung nicht sensibler
umgehen?“ Vieles bleibt ungesagt, es wird kein vorwurfsvolles
Wort über die bestehende Psychiatrie herhoben, lediglich die Grenzen
des biologischen Modells werden aufgezeigt. Doch der Finger liegt
trotzdem in der Wunde.
Viele Einstellungen finden in der Natur statt, das Meer, Waldgebiete
oder ein Fluss, manchmal ist Vogelgesang zu hören.
Es tat manchmal weh, den Film zu sehen, an meinen
eigenen Wunden zu rühren, umso mehr bin ich dem Plädoyer für Menschlichkeit
und Verständnis gefolgt, der in dem Film enthalten war. Spiritualität
bzw. Fragen nach den Sinn und Psychose sind selten zu trennen:
Podvoll spricht vom „Zweitzustand des Menschsein“, von der Kehrseite,
die normalerweise verborgen bleibt. Auch Lama Lhundrup, Arzt und
Retreatleiter im tibetisch-buddhistischen Kloster Dhagpo Kundreul
Ling in der Auvergne, Frankreich weist auf das ungemeine Potenzial
hin, das unter der Krise verborgen ist.
Dieser Film bestärkt mich meinen Weg weiterzugehen,
mich zu finden und zu leben, aufhören Angst haben zu müssen, zu
diesen Kern zurückfinden, der im Innersten in uns allen schlummert,
mich meiner Erfahrung nicht schämen zu müssen, darüber reden zu
dürfen, sie als ein Teil von mir akzeptieren zu können.
Am Ende ist zu sagen, dass es nicht alle schaffen,
den Weg der Genesung zu gehen, aber es sind viele genug innerhalb
des Projektes in den U.S.A, die aus dem Kreislauf der Psychiatrie
herausgekommen sind und ein eigenes, selbstständiges Leben führen.
Es gibt zu diesem Windhorse-Projekt, das inzwischen auch Ableger
in Österreich und Deutschland hat, einen Beitrag von Michael Herrick,
Anne Marie DiGiacomo und Scott Welsch in dem von Peter Lehmann
und Peter Stastny 2007 herausgegebenen Buch „Statt Psychiatrie
2“. Der Film ist mit seinen eindringlichen Bildern berührend;
wer sich für das Windhorse-Projekt näher interessiert, kann ergänzend
in dem ausführlichen, von Edgar Hagen ins Deutsche übersetzten
Buchartikel in Ruhe alles nachlesen incl. Adressen und Zusatzliteratur.
Ich möchte schließen mit einer von mir aufgenommenen
Botschaft: Wir sind wertvoll, wir mit unseren Erfahrungen, keiner
darf uns einreden, dass wir nicht genauso in Ordnung sind, wie
wir sind. Wir dürfen so sein, wie wir sind, auch in unseren Leid.
|