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 Rundbrief
Ausgabe 1/2008
Someone beside you
Ein Film von Edgar Hagen in Annäherung an den Wahnsinn.
Gedanken zum Film von Sarah Reduk

Dieser Film hat mich berührt durch seine Authentizität und weil ich mich in diesen Film wieder finde in den Personen, die da sprechen, sich zeigen, einfach sind und ihre Erkenntnisse weitergeben.
Was ist Psychose, wie geht man damit um, wie kann man mit diesen Wahnsinn leben, wie kann man Menschen in diesem Prozess begleiten?
Ein eindringlicher Film, ich finde ein Film, den JEDER gesehen haben sollte, besonders Psychiater, aber auch alle Menschen, die sich mit dem Existenziellen des menschlichen Daseins beschäftigen wollen.
Wir begleiten Menschen aus dem Windhorse-Projekt in der Schweiz und den U.S.A: wir erleben Mitarbeiter wie Betroffene, hören ihre Geschichten. Da ist Karen, eine langhaarige hübsche Frau (54), die sich nach Jahrzehnten an den Ort ihres Traumas zurückbegibt: an den Ort, wo sie 3 Jahre lang als junge Frau in der Psychiatrie immer verrückter wurde, aus der sie geflohen ist, um sich daraufhin aus purer Verzweiflung 6 Stockwerke tief aus einem Haus zu stürzen: sie bekam beim Windhorse-Projekt eine zweite Chance für ihr Leben und sie hat diese Chance genutzt. Sie trifft dabei auf den buddhistisch inspirierten Psychiater Edgar Podvoll, geht den Weg der Heilung, die Initialzündung für den ersten „Windhorse-Haushalt“.
Die Botschaft dieses Projektes ist so einfach wie einleuchtend: Psychosen sind heilbar und jeder Mensch hat einen gesunden Kern, auch wenn der Weg zur Gesundung lang, schmerzlich und dornenreich sein kann. Der Film hat viele starke Momente, so viele dass ich gar nicht alle aufzählen kann. Ich habe lange keinen Film über Psychosen gesehen, der eine so starke und positive Botschaft hat – für die Betroffenen als auch für ihre Begleiter.
Da ist z. B. Andrea, die – den Blick in sich gesenkt – verzweifelt versucht zu erklären, mühsam Worte sucht, was sie erlebt, wie sie mit dem Wahnsinn ringt, wie schwer es für sie ist, dem Horror Einhalt zu gebieten, und Jakob Litschig, Arzt und selber psychoseerfahren, sie darauf mit einfachen Worten fragt: „Ist es so, dass du die Herrin deiner eigenen Gedanken bleiben willst?“ Der Augenblick, als sie darauf den Blick erhebt zum erstem Mal seit der Einstellung, den Blick auf Jakob hebt, in den Augen die Erkenntnis, dass er sie verstanden hat.
Eine Methode von Litschig ist, mit den Betroffenen die Orte des Wahnsinns wieder zu begehen, die Eindrücke des Wahnsinns zu verarbeiten, Rituale zur Aufarbeitung zu finden.
Da ist Eric Chapin, der für jeden im Projekt, der es nicht geschafft hat (z.B. Selbstmord begangen hat) eine Buddhafigur aufstellt und dazu mit schmerzlichen Blicken sagt: „Soviel wunderbare Menschen“. Er verdeutlicht das Ganze, indem er mit einen Schlegel auf eine Klangschale schlägt, danach eine Pistole in die Hand nimmt, sie lädt, in die Luft schießt und sagt: „Viele entscheiden sich für den zweiten Weg.“
Berührend auch die Szene, als er gefragt wird, ob ihn das Leid der Betroffenen nicht zu Herzen geht. Lange kann er nichts sagen, ringt mit seinen Gefühlen, senkt den Blick, bis er endlich spricht, dass viele dieser Menschen immer wieder frustriert worden sind, weil sie nicht so sein dürfen, wie sie sind, und weil sie Erwartungen nicht erfüllen können, und alles, was sie wollen, eigentlich nur eines ist: dass sie einfach nur akzeptiert werden, so wie sie sind.
„Warum kann man mit Betroffenen in der Behandlung nicht sensibler umgehen?“ Vieles bleibt ungesagt, es wird kein vorwurfsvolles Wort über die bestehende Psychiatrie herhoben, lediglich die Grenzen des biologischen Modells werden aufgezeigt. Doch der Finger liegt trotzdem in der Wunde.
Viele Einstellungen finden in der Natur statt, das Meer, Waldgebiete oder ein Fluss, manchmal ist Vogelgesang zu hören.

Es tat manchmal weh, den Film zu sehen, an meinen eigenen Wunden zu rühren, umso mehr bin ich dem Plädoyer für Menschlichkeit und Verständnis gefolgt, der in dem Film enthalten war. Spiritualität bzw. Fragen nach den Sinn und Psychose sind selten zu trennen: Podvoll spricht vom „Zweitzustand des Menschsein“, von der Kehrseite, die normalerweise verborgen bleibt. Auch Lama Lhundrup, Arzt und Retreatleiter im tibetisch-buddhistischen Kloster Dhagpo Kundreul Ling in der Auvergne, Frankreich weist auf das ungemeine Potenzial hin, das unter der Krise verborgen ist.

Dieser Film bestärkt mich meinen Weg weiterzugehen, mich zu finden und zu leben, aufhören Angst haben zu müssen, zu diesen Kern zurückfinden, der im Innersten in uns allen schlummert, mich meiner Erfahrung nicht schämen zu müssen, darüber reden zu dürfen, sie als ein Teil von mir akzeptieren zu können.

Am Ende ist zu sagen, dass es nicht alle schaffen, den Weg der Genesung zu gehen, aber es sind viele genug innerhalb des Projektes in den U.S.A, die aus dem Kreislauf der Psychiatrie herausgekommen sind und ein eigenes, selbstständiges Leben führen. Es gibt zu diesem Windhorse-Projekt, das inzwischen auch Ableger in Österreich und Deutschland hat, einen Beitrag von Michael Herrick, Anne Marie DiGiacomo und Scott Welsch in dem von Peter Lehmann und Peter Stastny 2007 herausgegebenen Buch „Statt Psychiatrie 2“. Der Film ist mit seinen eindringlichen Bildern berührend; wer sich für das Windhorse-Projekt näher interessiert, kann ergänzend in dem ausführlichen, von Edgar Hagen ins Deutsche übersetzten Buchartikel in Ruhe alles nachlesen incl. Adressen und Zusatzliteratur.

Ich möchte schließen mit einer von mir aufgenommenen Botschaft: Wir sind wertvoll, wir mit unseren Erfahrungen, keiner darf uns einreden, dass wir nicht genauso in Ordnung sind, wie wir sind. Wir dürfen so sein, wie wir sind, auch in unseren Leid.

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