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 Rundbrief
Ausgabe 1/2008

Veranstaltung: Wohin bringt Ihr uns? - Das Denkmal der Grauen Busse
Redemanuskript von Sigrid Falkenstein für den 18. Januar2008

Hunderttausendfacher politisch gewollter, geplanter und organisierter Massenmord an wehr-losen Kranken - der Verstand weigert sich, das zu begreifen. Es waren einzelne Menschen, die gedemütigt, verletzt und am Ende vernichtet wurden. Sie alle hatten Gesicht und Namen, doch die Erinnerung daran war viele Jahre ausgelöscht. Auch Anna, meine Tante, war mehr als 60 Jahre lang vergessen - sogar in ihrer Familie. Als ich 2003 zufälligerweise im Internet auf einer Liste von „Euthanasie“-Opfern ihren Namen las, war das ein Schock. Seitdem suche ich Spuren der Erinnerung, aber auch Erklärungen für das Vergessen.

Der Erinnerungsprozess war für die beiden - inzwischen hochbetagten - Brüder von Anna sehr schmerzhaft. Sie beschreiben sie als eine sanftmütige, liebevolle Schwester; berichten davon, dass Anna Schwierigkeiten beim Lernen hatte und nur eine so genannte Hilfsschule besuchen konnte. Ich fand nur wenige Fotos von Anna. Eine Aufnahme von 1933 gefällt mir besonders gut, weil die damals 18-Jährige darauf so unbeschwert in die Kamera lacht. Es fällt schwer, eine Verbindung zwischen diesem fröhlichen jungen Mädchen und dem etwa zur gleichen Zeit erlassenen Erbgesundheitsgesetz herzustellen. Aufgrund dieses Gesetzes wird Anna als „erblich minderwertig“ und „lebensunwert“ stigmatisiert. Ihre Entwürdigung beginnt 1935 mit der Zwangssterilisation. Ein Jahr später erfolgt ihre Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau - warum, bleibt ungeklärt, denn hier reißen die Erinnerungen der Brüder ab.

Die Einträge in Annas Krankenakte erzählen in einer menschenverachtenden Sprache davon, wie sie zwischen 1936 und 1940 in der so enannten „Heil- und Pflege“-Anstalt seelisch und körperlich zugrunde geht. Schwer gezeichnet durch Mangelernährung und Tuberkulose erinnert am Ende nichts mehr an die Anna, die nur wenige Jahre zuvor so fröhlich in die Kamera gelacht hat! Ihr endgültiges Todesurteil ist ein willkürlicher, bürokratischer Akt, der von diesem Ort hier ausging. Die Selektionskriterien ihrer Mörder sind: Anna gilt als unheilbar; die Diagnose lautet „angeborener Schwachsinn“ mit dem Zusatz „ererbt“. Sie ist lästig - so steht es wörtlich in ihrer Krankenakte. Und vor allem - das zieht sich wie ein roter Faden durch alle Eintragungen - sie leistet keine produktive Arbeit. Anna ist also im Sinne der NS-Ideologie ökonomisch unbrauchbar, eine „nutzlose Esserin“, eine „Ballastexistenz“, freigegeben zur Vernichtung - schlimmer noch - zur „Ausmerze“.

Im März 1940 wird sie in der Gaskammer der Vernichtungsanstalt Grafeneck ermordet. Sie ist erst 24 Jahre alt. Annas Mutter bekommt einen so genannten „Trostbrief“ aus Grafeneck, in dem Todesursache und Todeszeitpunkt gefälscht sind. In ihrem Nachlass fand sich folgende handschriftliche Notiz:

Meiner lieben unvergesslichen Tochter Änne, gestorben 23.4.1940 (nachts 2 Uhr)
Sterbeurkunde Bauchfellentzündung.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet aus im Gebet.

Über Annas Tod wird in der Familie bis 2003 nie mehr geredet. Mutter und Brüder haben Schmerz und Trauer wohl tief in ihrem Inneren verschlossen.

Seitdem ich meine Internetseite über das Schicksal von Anna veröffentlicht habe, bekomme ich Zuschriften von Menschen, die - so wie ich - nach fast 70 Jahren versuchen, etwas über das Schicksal ihrer ermordeten Angehörigen zu erfahren. Jede Geschichte ist anders, doch es gibt eine auffällige Gemeinsamkeit: Das Geschehene wurde in vielen Familien jahrzehntelang verschwiegen, ja tabuisiert, was die Nachfahren der 2. oder 3. Generation bedrückt. Außerdem stoßen sie bei der Suche nach Informationen über ihre ermordeten Verwandten bis heute auf Widerstand, Gleichgültigkeit oder Ignoranz.

Das Vergessen und Verdrängen in den Familien ist ein Spiegel der deutschen Politik und Gesellschaft insgesamt, die sich mit der Aufarbeitung der „Euthanasie“-Verbrechen schwer getan haben. Die Ideologie, welche die Krankenmorde sanktionierte, war - und ist teilweise immer noch - in der öffentlichen Meinung verankert. Davon künden der mühsame juristische Weg zur Anerkennung des Unrechts, die späten und ungenügenden Entschädigungen für die zwangssterilisierten Menschen und nicht zuletzt die Diskussionen um ein zentrales Mahnmal für die „Euthanasie“-Opfer hier in Berlin.

Es gibt aber auch Menschen, die sich seit vielen Jahren dem Vergessen entgegenstellen. Ich möchte hier stellvertretend zwei Persönlichkeiten nennen, die mir geholfen haben, als meine Erinnerungsarbeit in der Sackgasse steckte und die heute hier anwesend sind: Thomas Stöckle von der Gedenkstätte Grafeneck und Prof. Nachama, der die Berliner „T4“-Initiative ins Leben rief. Mein Dank gilt ihnen und all den anderen, die diese Initiative am „Runden Tisch“ tragen und mit ihrem Engagement die Aufstellung des beeindruckenden Erinnerungssymbols der Grauen Busse möglich machten.

Wenn ich heute hier - am Ort der Täter - Annas Namen aussprechen kann und darüber berichte, was mit ihr geschah, so empfinde ich das nicht nur als ein Stück späte Gerechtigkeit, sondern auch als ein Zeichen der Hoffnung. Ich möchte mit dem Wunsch schließen, dass hier - wo der systematische Massenmord an unschuldigen und wehrlosen Menschen geplant und organisiert wurde - zukünftig ein zentraler Gedenk- und Mahnort entstehen möge. Das sollte ein Ort des Erinnerns und der Trauer sein, aber auch ein Ort, der durch die Dokumentation der Geschehnisse dabei hilft, die Mechanismen, die zu Ausgrenzung und Stigmatisierung führen, besser zu verstehen. Die täglichen Nachrichten zeigen, wie wichtig es ist, mit dem Wissen um die Vergangenheit heute und morgen wachsam zu bleiben. Lassen Sie uns jede Tendenz bekämpfen, einzelne Menschen oder Gruppen von der Teilhabe an unserer Gesellschaft auszuschließen. Es liegt in unserer Verantwortung, die schwächsten Mitglieder unserer Gemeinschaft zu schützen und einzutreten für Respekt vor dem Leben in jeder Form - in all seiner Verschiedenheit und Unvollkommenheit!

Informationen über die Erinnerungsarbeit und das Schicksal von Anna:
http://www.sigrid-falkenstein.de/euthanasie/anna.htm


www.dasdenkmaldergrauenbusse.de

Das Denkmal der grauen Busse
Denkmal für die Opfer der so genannten „Euthanasie-Aktion T 4“ 1940/41
„Wohin bringt Ihr uns?“

Der so genannten „Euthanasie-Aktion“ der Nationalsozialisten fielen während des Zweiten Weltkriegs ca. 200.000 psychisch Kranke und Behinderte zum Opfer. Sie galten als „lebensunwert“. Allein in den staatlichen Heilanstalten starben bis Kriegsende mindestens 90.000 Patienten durch Hunger und schlechte Versorgung oder sie wurden mit Medikamenten ermordet. Mehr als 70.000 Männer, Frauen und Kinder wurden 1940/41 in der Geheimaktion „T4“ in sechs Vernichtungsanstalten vergast. In der Tiergartenstraße Nr. 4 in Berlin (daher die Abkürzung „T4“) wurde der Massenmord zentral organisiert. Die Vernichtungsanstalten waren Grafeneck, Brandenburg, Bernburg, Hartheim bei Linz, Sonnenstein und Hadamar. Das Personal dieser Tötungsanstalten arbeitete später in den Vernichtungslagern von Auschwitz, Treblinka, Sobibor und Belcek. Es gibt kaum eine größere Gemeinde in Deutschland, in welcher nicht Opfer des organisierten Krankenmordes zu beklagen sind. Psychisch Kranke und Behinderte waren die ersten Opfer eines systematischen, von langer Hand vorbereiteten Ausrottungsplans, der sich gegen Kranke und vom NS-Regime als rassisch minderwertig Verleumdete richtete. Das „Denkmal der grauen Busse“ erinnert an die Todestransporte der Patienten. Die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz haben dieses Mahnmal 2006 für das Zentrum für Psychiatrie DIE WEISSENAU bei Ravensburg geschaffen. Ein in Originalgröße in Beton gegossener Bus des gleichen Typs, wie er in den Jahren 1940 und 1941 von den Pflegeanstalten zu den Vernichtungslagern fuhr, erinnert an den Massenmord. Dem Denkmalbus eingeschrieben ist das Zitat: „Wohin bringt Ihr uns?“, die überlieferte Frage eines Patienten.

Das Denkmal in Bewegung
Ein Denkmal-Bus blockiert dauerhaft die alte Pforte der ehemaligen Heilanstalt Weißenau, von wo aus die Busse in das Vernichtungslager Grafeneck fuhren. Ein zweiter identischer grauer Denkmal-Bus wechselt seine Standorte. Er erscheint zuerst in Ravensburg und wird später entlang der historischen Wegstrecke über mehrere Standorte nach Grafeneck bewegt, dem Todesort der Patienten. Aber auch weitere Standorte außerhalb der Route nach Grafeneck sind mögliche Standorte des mobilen Geschichtszeichens – etwa Heimatgemeinden der Patienten oder aber Orte der Organisation der „Aktion T4“. Das Verbleiben des zweiten Busses an dem jeweiligen Aufstellungsort kann je nach Verhandlungs- und Organisationsdauer zwischen den Gemeinden und Institutionen (der Transport soll durch Spenden und öffentliche Mittel finanziert werden) Monate oder Jahre dauern. Entscheidend ist, dass das Denkmal in Bewegung bleibt.

Das Denkmal in Berlin
Das Denkmal der grauen Busse wird nun auch am Ort der Organisation, der Sonderbehörde des Dritten Reichs in der Tiergartenstraße 4, also am ehemaligen Ort der Tat, der Schreibtischtat, aufgestellt. Heute ist dort die Bushaltestelle an der Philharmonie. Mit dieser Arbeit wird nicht nur den Opfern des „Euthanasie“-Mordes ein Denkmal gesetzt; es werden auch Tat und Täter reflektiert, indem die grauen Busse, die Werkzeuge der Täter, als Transportmittel der Erinnerung, als GESCHICHTSVEHIKEL, genutzt werden. Der Transport des 70 Tonnen schweren Busses ist ein Transport von verdrängter Geschichte. Dabei spielt das Versetzen des Denkmals eine wichtige Rolle. Ähnlich unserer Erinnerung kommt und geht dieses Erinnerungszeichen in Form des grauen Busses; so wie im Alltag – im JETZT – Verdrängtes und Tabuisiertes immer wieder plötzlich auftaucht und verschwindet. Erinnerung ist ein Prozess. Sie schafft Bilder, vergisst Bilder, verändert sich ständig, ist immer in Bewegung. Erinnerung und Verdrängung sind auch in der Psychiatrie zentrale Themen. Der Bus folgt dem Verwaltungsweg des „Euthanasie“- Mordes. Er markiert Orte des Verbrechens - Orte der Opfer und Orte der Täter - und verlässt sie wieder.

Horst Hoheisel und Andreas Knitz, Berlin Januar 2008


Der Gedenkort „Aktion T4“ Geschichte und zukünftige Planungen (Runder Tisch)

„Aktion T4“
Unter der Bezeichnung „Aktion T4“ wurden ganz unterschiedliche Menschen, denen gemeinsam war, dass sie gemäß der NS-Rassen- und Volksgemeinschaftsideologie als minderwertig oder unerwünscht galten, Opfer von Mordprogrammen, die als „Euthanasie“ bemäntelt wurden. Mit direktem Auftrag von Adolf Hitler sollten sein Leibarzt Dr. Karl Brandt und der Leiter der Kanzlei des Führers, Reichsleiter Philipp Bouhler, Pläne entwickeln, wie man sich dieser willkürlich ausgesonderten Menschen in Heil- und Pflegeanstalten und sonstigen Fürsorgeeinrichtungen ohne Aufsehen entledigen könnte. Nach der Zentrale der Mordaktion, einer Stadtvilla in der Berliner Tiergartenstraße 4, wurde das Mordprogramm zwecks Tarnung „Aktion T4“ genannt. Die Opfer der „Aktion T4“ wurden ab dem 9. Oktober 1939 per Meldebogen erfasst. Diejenigen, die arbeitsunfähig waren oder andere NS-ideologische Kriterien nicht erfüllten, wurden auf Grundlage der ausgefüllten Meldebogen von den T4-Ärzten zur Ermordung freigeben. Zu diesem Zweck wurden reichsweit sechs T4-Vergasungsanstalten eingerichtet: Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim, Pirna-Sonnenstein. Von den insgesamt etwa 200.000 Menschen, die den unterschiedlichen Programmen zum systematisch geplanten Massenmord zum Opfer fielen, starben durch die so genannte „Aktion T4“ rund 70.000 Menschen. Der Großteil des ehemaligen T4-Personals, das weiterhin der Verwaltung der Kanzlei des Führers unterstand und von dort auch seinen Lohn bezog, wurde Ende 1941 zum Aufbau und Umsetzung der „Aktion Reinhardt“ in das Generalgouvernement überstellt. Diese Spezialisten für den Massenmord durch Gas führten ihn vor allem an Juden in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka durch.

Gedenkort
Kriegsschäden an der Stadtvilla in der Tiergartenstraße 4 und die Planungen für das Kulturforum führten in den fünfziger Jahren zum Abriss des Gebäudes. Aufgrund der teilungsbedingt peripheren Lage des Orts, südlich des Tiergartens und westlich der Mauer, wurde neben der Philharmonie eine Busendhaltestelle mit vielen Bereitstellungsplätzen angelegt. Diese Verkehrsfläche bedeckt auch große Teile des unbebauten Grundstücksanteils der Adresse Tiergartenstraße 4. Erst Ende der 80er Jahre, nachdem jahrelang verschiedene Initiativen und Einzelpersonen einen würdigen Gedenkort für die Opfer der „Aktion T4“ gefordert hatten, wurde der Standort der „T4-Zentrale“ markiert. Das Land Berlin widmete die frei entstandene Skulptur „Berlin Junction“ von Richard Serra 1988 den Opfern der NS-„Euthanasie“ und stellte sie in der Nähe des historischen Orts auf. Ein Jahr später wurde eine im Boden eingelassene Gedenktafel des Künstlers Volker Bartsch enthüllt. Bereits damals wurde diskutiert, ob diese im Boden eingelassene Bronzetafel eine angemessene Lösung für ein würdiges Gedenken an die Opfer der „Aktion T4“ sei, und bemängelt, dass der Ort weder inhaltlich noch stadträumlich angemessen gestaltet sei. Seither wurde diese Situation von vielen Menschen als dem Gedenken an die Opfer nicht angemessen empfunden. Durch die Maueröffnung ist die Busendhaltestelle überflüssig geworden. Seither wurde bei allen planerischen Überlegungen zur Neuordnung des Kulturforums berücksichtigt, dass langfristig eine angemessenere Gestaltung des ehemaligen Grundstückes Tiergartenstraße 4 angestrebt wird.

Bürgerschaftliches Engagement
Den vielfach, besonders von Nachfahren der durch das Programm „Aktion T4“ Ermordeten, geäußerten Unmut über die aktuelle Gedenksituation hat die Stiftung Topographie des Terrors vor etwa einem Jahr zum Anlass genommen, Betroffene, engagierte Bürgerinnen und Bürger, Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Einrichtungen und zuständiger Verwaltungen des Landes Berlin zu einem „Runden Tisch“ einzuladen, um über eine Neugestaltung des Gedenkortes zu beraten. Seither trifft sich der „Runde Tisch“ regelmäßig und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Weg bis zu einer Neugestaltung schrittweise zu begleiten. Nach der Markierung des Grundrisses der ehemaligen „T4-Zentrale“ durch Auszubildende der Vermessungstechnik von der Knobelsdorff-Schule im April 2007 ist die temporäre Aufstellung des „Denkmal der grauen Busse“ am 18. Januar 2008 ein weiterer, bedeutender Schritt, um auf den authentischen Ort aufmerksam zu machen. Geplant ist die Gestaltung einer Gedenk- und Informationstafel für diesen Ort, die im Frühsommer aufgestellt werden soll, sowie eine Gedenkfeier am 1. September 2008. Damit wird der Auftakt gesetzt für einen Wettbewerb zur künstlerischen Konzeption des künftigen Gedenk- und Dokumentationsortes. Mit der Erstellung einer Informationsschrift zum Thema NS-„Euthanasie“ unter der wissenschaftlichen Leitung der Stiftung Topographie des Terrors wird die Neugestaltung des Gedenkortes ergänzt. Auf Wunsch des Kulturausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses wird die Stiftung Topographie des Terrors bis Ende Mai 2008 einen Sachstandsbericht der Überlegungen, Forschungen und Planungen zu diesem Thema zusammenstellen.


Erinnern – betrauern – wachrütteln
- Rückblick auf eine bewegende Gedenkveranstaltung
für die psychisch kranken und behinderten Opfer des Nationalsozialismus
am 27. Januar 2008 in der Hansestadt Stralsund
Wismar, 30.01.2008, von Sandra Rieck

Als am Sonntagnachmittag die TeilnehmerInnen dieser ersten zentralen Gedenkveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern das Stralsunder Rathaus verließen, waren die Gedanken und Gespräche sicher bei Vielen noch lange danach angefüllt von der Beschäftigung mit einem der dunkelsten Kapitel deutscher Vergangenheit. Doch nicht nur erschüttert und traurig, sondern auch angeregt und interessiert an einer weiteren Beschäftigung mit dieser Thematik zeigten sich die TeilnehmerInnen, die an diesem deutschlandweiten Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus dieser NS-Psychiatriegeschichte stellten und sie erinnerten.

Auf Einladung der drei Landesverbände Sozialpsychiatrie, der Psychiatrieerfahrenen und der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker Mecklenburg-Vorpommern e.V. hatten am Morgen an der Gedenkstele auf dem Gelände des Hanseklinikums bereits etwa fünfzig Menschen der 1286 Stralsunder Patienten mit Kränzen, Blumen und bewegten Worten gedacht. Die damalige Anstalt war noch vor dem sog. „Euthanasie“-Erlass vom Oktober 1939 durch die Nationalsozialisten vollständig „geräumt“ und die Patienten deportiert und ermordet worden. Insgesamt geht man in Deutschland von weit mehr als 200.000 getöteten und über 500.000 zwangssterilisierten psychisch kranken und behinderten Menschen zu Zeiten des Nationalsozialismus bis 1945 aus.

Die Veranstaltung wurde dann im Stralsunder Rathaussaal mit etwa 150 TeilnehmerInnen fortgesetzt und Grußworte der Landesregierung durch den Staatssekretär Herrn Schmülling und Grüße des Oberbürgermeisters der Hansestadt Stralsund durch Wolfgang Obliers, Psychiatriekoordinator, überbracht.

Prof. Klaus Dörner aus Hamburg, zeitlebens ein Streiter für eine Reform der Psychiatrie in Deutschland, zeigte in seinem komplexen und aufrüttelnden Vortrag die Wurzeln der Behindertenfeindlichkeit, der Isolierung und Selektion anhand eines breiten geschichtlichen Bogens vom Bettelverbot zu Zeiten der Reformation bis hin zur staatlichen Fürsorge und dem fortschreitenden Verlust sozialräumlicher Bezugssysteme wie Nachbarschaft, Kommune und auch kirchlichen Gemeinden auf. Die Kirchen hatten demnach Caritas und Diakonie für den Dienst am Menschen, Gottesdienste für die Begegnung mit Gott weitestgehend nebeneinander entwickelt. Immer mehr driftete im Zeitalter der Industrialisierung gesellschaftlich auseinander, was zusammen gehört: heute in den Forderungen nach „Ambulantisierung“ und Rückkehr zum Verbleib der Menschen mit Handicaps in ihren Lebensräumen unter dem Begriff „Inklusion“ wieder in der Sozialen Arbeit vehement gefordert.

Die Idee „unwerten Lebens“ war 1939 durch ärztliche Verfechter einer biologistischen Medizin längst „wissenschaftlich“ vorbereitet und publiziert, brauchte von den Nationalsozialisten nur aufgegriffen werden, um Kriegslasten vermeindlich zu verringern durch die Beseitigung „nutzloser Esser“. Grenzen und Gruppen der „Entarteten“ waren fließend und Vernichtung machte vor kranken und behinderten Kindern, später Juden und ethnischen Minderheiten keinen Halt, wie man heute weiß.

In der Vortragspause konnten die Teilnehmer neben einem Büchertisch mit Literatur zum Thema auch einen Informationsstand des Landesverbandes der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker aufsuchen. Auch der Landesverband der Psychiatrieerfahrenen war mit Gesprächspartnern vor Ort.

Herr Kaiser, Vorsitzender des Landesverbandes der Psychiatrieerfahrenen, Frau Schob, Vorsitzende des Landesverbandes der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker und Herr Benz, Vorsitzender des Landesverbandes Sozialpsychiatrie MV waren unter den Anwesenden im ehrwürdigen Stralsunder Rathaus.

Dr. Erwin Walraph, Stralsund, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, über diese Geschehnisse anhand einer privat initiierten Ausstellung aufzuklären. Er hatte für die Veranstaltung seine Ausstellung „Erlebt – verdrängt – erinnert“ über den Missbrauch der Medizin im Rathaus aufgebaut. Viele Besucher zeigten sich sehr beeindruckt von der Fülle des Materials, dass neben Darstellungen von Originaldokumenten auch die Krankenmorde und Zwangssterilisationen in Mecklenburg und Pommern professionell dokumentiert.

Prof. Harald Freyberger ist heute Chefarzt der Klinik für Psychiatrie in Stralsund und Professor an der Universität Greifswald. Als engagierter Mitinitiator dieses Gedenktages stellte er den Stand der Forschung und die recherchierten Fakten zur Deportation und Ermordung der Patienten der ehemaligen Stralsunder Anstalt in seinem Vortrag dar. Allen Anwesenden wurde das erschütternde Ausmaß der Vernichtung deutlich. Wie nachhaltig unbewusst dieses Unheil weiterwirkt, kann man anhand der Scham und der Verdrängung in weiten Teilen der Bevölkerung – auch psychiatrisch Tätiger, Angehöriger oder Patienten – immer noch erleben.

Nicht nur symbolisch, auch tatkräftig unterstützte deshalb das Hanseklinikum Stralsund diesen Gedenktag. Das Bewusstsein für diese Tradition wird hier u.a. durch Prof. Freyberger sehr bewusst öffentlich wach gehalten und wird in weiteren Publikationen seinen Ausdruck finden.

Der heutige Behindertenbegriff soll nicht mehr die überkommenen Wertvorstellungen einer unsäglichen wissenschaftlichen Ära widerspiegeln, sondern sich an der sozialräumlichen Dimension von Behinderung – wie in der der UN-Konvention bereits formuliert - orientieren. Peter Braun, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes Mecklenburg-Vorpommern, wies auf die Aktualität der Diskussion in heutiger Zeit hin. In Zeiten, in denen rechtradikale Parteien um Zuspruch in der Bevölkerung buhlen, müsse den Menschen aufgezeigt werden, welcher Verbrechen Anhänger rechtsextremer Ideologien fähig waren. Diese richteten sich keineswegs „nur“ nach außen, sondern in hohem Maße auch gegen die eigene Bevölkerung. Die Integration von Menschen mit Behinderungen im Lebensalltag ist darum seine Forderung an die Politik, ob in Schulen oder in der Etablierung eines Landesgleichstellungsgesetzes in MV.

„Zukunft braucht Erinnerung“ – diesen Leitsatz der Internetseite zum Holocaust unter www.shoa.de zitierte Sandra Rieck, Wismar, die mit Prof. Freyberger die anschließende Podiumsdiskussion mit dem Publikum moderierte. Als Mitglied des Vorstandes des Landesverbandes Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern sprach sie sich dafür aus, dass eine breite Beschäftigung mit der Thematik der NS-Psychiatrie ein Bewusstsein dafür schaffen möge, in welcher Tradition wir heute arbeiten und leben.

So ist auch dass Vorhaben des Organisationsteams dieser Veranstaltung zu verstehen, in den kommenden Jahren jeweils im Januar in allen wesentlichen Orten Mecklenburg-Vorpommerns, in denen Patienten zu Opfern der NS-„Euthanasie“ wurden, eine landesweite Gedenkveranstaltung durchzuführen.

Weitere Verbände und Organisationen haben bereits ihr Interesse an einer Zusammenarbeit signalisiert und sich u.a. dafür ausgesprochen, die individuellen Lebensgeschichten und Schicksale noch mehr in das Zentrum der Forschung und damit auch der öffentlichen Aufmerksamkeit zu rücken.

Dank der Unterstützung und des Engagements vieler Menschen – ob durch Mitwirkung oder auch durch Spenden – ist dieser Gedenktag in Stralsund zum gelungenen Auftakt einer neuen Erinnerungskultur innerhalb der Gemeindepsychiatrie in Mecklenburg Vorpommern und darüber hinaus geworden. Anregungen und Hinweise für die nächste Veranstaltung werden gerne entgegengenommen.

Am 25.01.2009 findet ein Gedenktag in der Hansestadt Rostock gemeinsam mit der Uniklinik Rostock statt. Geplant ist in diesem Zusammenhang auch die Errichtung eines Mahnmals auf dem Klinikgelände, dass die Erinnerung an die psychisch kranken und behinderten NS-Opfer in Rostock wach halten soll.

Kontaktmöglichkeit: rieck@das-boot-wismar.de

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