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Laudatio
von Bürgermeisterin Birgit Schnieber-Jastram
bei der Verleihung des Großen Verdienstkreuz des
Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
an Frau Dorothea Buck [...]am Dienstag, dem 19. Februar
2008
Sehr geehrte Frau Buck,
bei einer Vorstellung Ihrer Person haben Sie im vergangenen Jahr
selbst einmal formuliert, Sie seien das, was man eine „Zeitzeugin“
nennt.
Sie waren und sind dabei nicht nur lebendiges Zeugnis, sondern
sie sind darüber hinaus, ein wesentlicher Motor der Psychiatrie-Entwicklung
in Deutschland.
Stets streitbar, kämpferisch und aus der gelebten Erfahrung heraus
subjektiv, setzten und setzen Sie sich ein für eine menschliche
Psychiatrie.
1936 mit damals neunzehn Jahren erkrankten sie
selbst an Schizophrenie und wurden zur Zeit der menschenverachtenden
Schreckensherrschaft der Nazis in die Bodelschwinghschen Anstalten
in Bethel eingewiesen.
Dort lernten sie die unmenschlichen, in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts üblichen. grausamen Praktiken der Psychiatrie
kennen, wie unter anderem Dauerbäder und Kaltwasserkopfgüsse,
die mit dem Ziel einer so genannten „Disziplinierung“ Anwendung
fanden.
Als besonders erniedrigend war für sie jedoch die „völlige Sprachlosigkeit“:
Die Patienten untereinander hatten striktes Sprechverbot, Gespräche
zwischen Personal und Patienten waren unüblich.
Aufgrund eines „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“
wurden sie, wie hunderttausende andere Opfer, zwangssterilisiert.
Sie haben die grausamen Erfahrungen aus der Zeit
des Nationalsozialismus nicht nur für sich, sondern in ihrem unermüdlichen
Wirken für eine menschenwürdige und gewaltfreie Psychiatrie für
alle psychisch kranken Menschen und ihre Angehörigen konstruktiv
wenden können.
Das allein verdient den unbedingten Respekt und
große Anerkennung.
Sie haben psychisch kranken Menschen eine Stimme gegeben, indem
Sie für einen Anspruch eintreten, der eigentlich selbstverständlich
scheint:
Die psychisch kranken Menschen wollen mit ihrem Erlebten insbesondere
von den professionellen Helfern ernst genommen werden, ohne dabei
Angst vor ungewollten psychiatrischen Eingriffen zu haben.
Nach wie vor klagen Sie eine Sprachlosigkeit in der Psychiatrie
an.
Ausgehend von der Erfahrung der unmenschlichen Psychiatrie, die
– wie Sie sagen – „deshalb so unmenschlich war, weil nicht mit
uns gesprochen wurde“, „die den Mensch entwertet, weil sie ihn
für keines Gesprächs wert oder fähig hält“, kämpfen Sie für eine
Therapie, die nach den Erfahrungen und Bedürfnissen der Patientinnen
und Patienten fragt und diese als Menschen und als Experten ihrer
Sache ernst nimmt.
Dazu entwickelten und gründeten Sie im Wintersemester 1989/90
gemeinsam mit Dr. Thomas Bock am UKE das so genannte „Psychose-Seminar“,
oder „Psychose-Forum“ als Erfahrungsaustausch zwischen drei Gruppen,
den Psychiatrie-Betroffenen, den Angehörigen sowie den Fachleuten.
Sie schufen damit den so genannten „Trialog“, zum besseren gegenseitigen
Verständnis.
Besonders beeindruckt mich dabei Ihr Streben nach Versöhnung und
Ausgleich.
Heute gibt es über 150 trialogische Foren in ganz Deutschland,
die von allen Beteiligten als fruchtbar empfunden werden.
Eines dürfen wir aber auch heute nicht aus den Augen verlieren:
Die Psychiatrie ist eben auch heute noch für viele Betroffene
Ausdruck von Macht.
Psychiatrie bedeutet Fremdbestimmung, verlangt Persönlichkeitsveränderung.
Hier sind Sie eine unermüdliche Mahnerin!
Ihre Mahnung ist unerlässlich, auch wenn die Psychiatrie in den
zurückliegenden 30 Jahren hier bislang nicht gekannte Fortschritte
gemacht hat.
Denn eines scheint mir im Verhältnis zwischen in der Psychiatrie
tätigen und Betroffenen nicht in jedem Fall ausräumbar zu sein:
das Vieles, was heilend und helfend ist oder erscheint, entspricht
nicht immer dem Wunsch und Willen der Patientin bzw. des Patienten.
Für eine erfolgreiche Therapie weit förderlicher als die blanke
Verordnung ist, der Weg der Verständigung, getragen von dem Ziel
eine gemeinsam vertretbare Lösung zu finden.
Dafür setzen Sie sich nach wie vor als Ehrenvorsitzende des von
Ihnen 1992 mitbegründeten Bundesverbandes der Psychiatrie-Erfahrenen
e.V. ein.

Liebe Frau Buck,
ihr Engagement hat ganz maßgeblich zu einer Entstigmatisierung
sowohl psychisch kranker Menschen als auch der Psychiatrie als
medizinischer Fachdisziplin beigetragen.
Es ist insbesondere Ihr persönlicher Verdienst, das die von Ihnen
als Gewaltinstrument des Staates erlittene Psychiatrie heute von
den an einer psychischen Krankheit Leidenden und ihren Angehörigen
als eine wissenschaftlich fundierte und von menschlichen Idealen
getragene Hilfe erfahren wird.
Es ist ganz wesentlich Ihnen Frau Buck zu verdanken, dass sich
die Betroffenen und ihre Behandler heute in der Psychiatrie auf
einer Augenhöhe begegnen können.
Für Ihre Verdienste und Ihre Lebensleistung zeichnet Sie der Bundespräsident
mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland aus.
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