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 Rundbrief
Ausgabe 1/2008

Stelungnahme Agressives Verhalten | Antwort Steinert | Antwort Geschäftsführender


 

Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.

Stellungnahme des BPE zur Leitlinie Aggressives Verhalten

Die andere Seite diskutiert nicht über Gewalt.
Sie übt sie aus,
sie gießt sie in Gesetze,
sie nennt sie Recht

Unseres Erachtens läuft diese Leitlinie in eine vollkommen falsche Richtung:
Es geht nur um unsere Aggressivität. Von der Gewalt der Psychiatrie gegen die Psychiatrie-Erfahrenen (PE) ist nur in der Rückschau auf die Zeit vor 60 - 70 Jahren die Rede. Wenn von der Gewalt heute gesprochen wird, wird sie verniedlicht, verschleiert oder hinter Fremdwörtern versteckt.

Es stellen sich uns folgende Fragen:
Was rechtfertigt Sondergesetze gegen „psychisch Kranke“?
Was gibt Psychiatern das Recht, lebensverkürzende Psychopharmaka auch gegen den Willen der PE zu geben?
Warum steigt die Zahl der Zwangsunterbringungen seit 30 Jahren stetig?
Warum ist es fast unmöglich, vor Gericht gegen die Psychiatrie Recht zu bekommen?
Es werden in dieser Leitlinie nicht angesprochen:
Die Tausenden von Toten durch Psychopharmaka und Elektroschocks jedes Jahr, Gesetzesbrüche und Rechtsbeugungen.
Die von der Psychiatrie gegen Psychiatie-Erfahrene (im Jargon der „Behandler“ psychisch Kranke genannt) ausgeübte Gewalt übersteigt die durch Psychiatrie-Erfahrene ausgeübte Gewalt mindestens um das Tausendfache.

Im Einzelnen:
Nichts rechtfertigt spezielle Gesetze gegen psychisch Kranke. Diese Sonderbehandlung der psychisch Kranken ähnelt der Sonderbehandlung der Hexen im Mittelalter. Sowohl die Inquisition als auch die Psychiatrie kennen den Geständniszwang (Ja, ich bin Hexe bzw. Ja, ich bin psychisch krank). Die Existenz von Hexen ist wie die Existenz psychisch Kranker nicht beweisbar, sondern Folge von in der Gesellschaft vorhandenen Vorurteilen.
Die Psychiatrie behauptet, ihr Handeln gegen den Willen der PE diene dem Wohl der Psychiatrie-Erfahrenen. Sie behauptet dies allerdings wider besseres Wissen. Die Beweise, dass Psychopharmaka, insbesondere Neuroleptika die Lebenserwartung massiv verkürzen, sind überwältigend, um nicht zu sagen eindeutig.
Die Psychiater belügen zuerst sich selbst und anschließend Politik und Öffentlichkeit über die katastrophalen Ergebnisse ihrer Handlungen. Erfreulicherweise scheint die Strategie des Totschweigens ein Ende zu finden.
Die Zahl der Zwangseinweisungen steigt seit 30 Jahren stetig an. Dies passiert, weil Psychiatrie in keiner Weise zur Behebung seelischer und sozialer Krisen beiträgt. Vielmehr werden Krisenzustände verstetigt. Jeder Nervenzusammenbruch wird zur lebenslänglichen, unheilbaren Schizophrenie bzw. zeitgemäß zur bipolaren Störung.
Hätte man es mit der Bekämpfung der Tuberkulose oder der Diabetes zu tun, niemand würde die immer größere Zahl von Tuberkulose- oder Diabetes-Patient/inn/en als Erfolg feiern.
Kein Tuberkulose- oder Diabetes-Spezialist würde es wagen, angesichts seiner erwiesenen Erfolglosigkeit von der Politik noch mehr Geld zu fordern.
Dieselben Richter, die das Treiben der Psychiater durch Unterbringungsbeschlüsse legalisieren, weisen anschließend die Klagen Angehöriger gegen den Tod ihrer Kinder, Eltern, Ehegatten oder Freunde ab. Selbst wenn eine Unterbringung rechtswidrig war, gibt es fast nie eine Entschädigung: „Sie sind doch wieder frei, was wollen Sie denn?“ Wirklich überraschen kann das nicht, denn auch im Dritten Reich haben Psychiater und Richter die Menschenrechte mit Füßen getreten.
Merkwürdiger Weise tauchen in der Selbsthilfe die aggressiven Handlungen, mit denen die Psychiatrie ihre eigene Gewalt rechtfertigt, nicht oder nur sehr selten auf. Das liegt daran, dass wir in der Selbsthilfe auch mit schwierigen oder in schweren Lebenskrisen befindlichen Personen respektvoll umgehen und gleichzeitig mit Worten Grenzen setzen. Das geht, wenn man will.
Gewalt erzeugt Gewalt. Gewalt bleibt auch dann Gewalt, wenn man sie Hilfe nennt. Im aggressiven Verhalten Psychiatrie-Erfahrener in der Psychiatrie sehen wir eine normale Notwehrreaktion.
Wir sind nicht blauäugig. Oft kommen wir gut mit Menschen klar, bei denen die Psychiatrie in ähnlichen Situationen nur zur Gewalt greift.
Auch nachträgliche Zustimmung zur Anwendung von psychiatrischer Gewalt legitimiert diese nicht. Die Anwendung von Gewalt ist allein dann gerechtfertigt, wenn sie durch eine Vorausverfügung legitimiert ist.
Auch das immer wieder vorgebrachte Argument der „Selbst- und Fremdgefährdung“ zur Rechtfertigung psychiatrischer Zwangsmaßnahmen ist im Grunde vorgetäuscht: mit den weitaus meisten Situationen von Fremd- und Eigengefährdung wird in der Gesellschaft auch ohne psychiatrisches Zwangshandeln umgegangen: z. B. rasende/betrunkene Autofahrer, prügelnde Ehemänner, Raucher, Trinker landen nicht in der Psychiatrie.
Wir unterscheiden zwischen Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung. Zwangsunterbringung ist in wenigen gut geprüften Fällen nötig. Das Ausmaß an Zwang und Gewalt ließe sich durch verbesserte juristische Kontrollen und andere Einstellungen des medizinischen und betreuenden Personals auf einen Bruchteil drücken.
Zwangsbehandlung ist für uns immer inakzeptabel. Die körperliche Unversehrtheit ist ein höheres Gut als die Freiheit der Person.

Für den geschäftsführenden Vorstand des BPE e.V:

Unterschriften


----- Original Message -----
Sent: Monday, January 07, 2008 1:57 PM
Subject: AW: BPE-Stellungnahme zu: Leitlinie Aggressives Verhalten

liebe Frau Fricke,
schade. Es wäre, glaube ich, eine Chance gewesen. Vielleicht kommt sie mal wieder. Die Position des BPE scheint sich von Scientology für mich nicht erkennbar zu unterscheiden.

m.frdl. Grüßen,
Prof. Dr. med. Tilman Steinert,

ZfP Die Weissenau
Abt. Psychiatrie I der Universität Ulm
Stv. Ärztl. Direktor
Leiter Abt. Psychiatrische Versorgungsforschung und Abt. Allg. Psychiatrie und Psychotherapie/Bodenseekreis
Postfach 2044
D 88190 Ravensburg
Tel. +49 751 7601 2738
Fax +49 751 7601 2767


Gesendet: Sonntag, 6. Januar 2008 00:45
Betreff: BPE-Stellungnahme zu: Leitlinie Aggressives Verhalten

Sehr geehrter Herr Steinert!

Anbei die durch Mehrheitsbeschluß festgestellte Stellungnahme des geschäftsführenden BPE-Vorstandes zur Leitlinie „Agressives Verhalten“.

Mit freundlichen Grüßen
Ruth Fricke
Mitglied des geschäftsführenden
Vorstandes des BPE e.V.


Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.

Geschäftsstelle:
Wittener Str. 87
44789 Bochum,
16.02.08
Tel.: 0234/ 68705552
Fax: 0234/ 6405102
e-mail: vorstand@bpe-online.de

Herrn Prof. Dr. Tilman Steinert
Vors. Leitlinienkommission „Aggressives Verhalten“
Stv. Ärztl. Direktor ZfP
Die Weissenau, Postfach 2044 88190 Ravensburg

Ihre Email-Antwort an Frau Fricke/Herrn Laupichler wegen der Stellungnahme des BPE e.V. zur „Leitlinie aggressives Verhalten“

Sehr geehrter Herr Prof. Steinert,
mit Empörung hat der Vorstand des BPE e.V. Ihre Insinuation „Die Position des BPE scheint sich von Scientology für mich nicht erkennbar zu unterscheiden“ zur Kenntnis genommen. Auf das Schärfste weisen wir diese Unterstellung als verleumderisch und rufmörderisch zurück. Wir erklären dazu Folgendes:

  1. . § 7 Abs. 5 der Satzung des BPE lautet:
    „Die Ziele des BPE sind unvereinbar mit den Lehren von L. Ron Hubbard. Werbung für und Kooperation mit der Scientology-Church und ihren Unterorganisationen oder scientologynahen Organisationen wie KVPM sowie die Mitgliedschaft in diesen Organisationen sind unvereinbar mit der Mitgliedschaft im BPE.“
  2. Kein Funktionsträger oder Mitarbeiter des BPE unterhält Kontakte zu oder ist Mitglied in scientologynahen Organisationen oder der sog „Scientology-Church“.
  3. Im Mantel der subjektiven Einschätzung stellen Sie eine Behauptung auf, die Sie nicht beweisen können und wegen der zum Ausdruck gebrachten Subjektivität wahrscheinlich meinen, auch nicht beweisen zu müssen.
  4. Und selbst, wenn – bei oberflächlichster Betrachtungsweise – es Parallelen zwischen unserer Stellungnahme und Verlautbarungen scientology-naher Organisationen gäbe, bestünde immer noch ein existentieller Unterschied: Die Tätigkeit dieser Organisationen ist darauf ausgerichtet, zu „missionieren“ und mehr oder weniger unter der Hand hilfebedürftige Menschen einer Organisation zuzuführen, die diese Menschen isoliert, finanziell ausnutzt und spirituell und psychisch abhängig macht. Dies der Tätigkeit des BPE e.V. zu unterstellen ist infam und dient dazu, unseren Selbsthilfeverband in der Öffentlichkeit zu diffamieren. Und die Beweislast liegt bei Ihnen, der diese Behauptung aufstellt und nicht bei uns, um sie abzuwehren.
  5. Ihre Einschätzung, gerade, weil sie nicht bewiesen ist und nicht bewiesen werden kann, hat weiterhin das Ziel, den Verband, seine Funktionsträger und seine Mitglieder und damit die „psychisch kranken“ Menschen, die Einrichtungen wie Ihrer Klinik kritisch gegenüber stehen, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen dort nicht geholfen wird, sondern ihre Bürger- und Menschenrechte auch verletzt werden, zu diffamieren und einmal mehr gesellschaftlich zu isolieren.
  6. Dies ist die gleiche Argumentationsform, mit der auf der individuellen Ebene (im Gegenüber von Arzt und Psychiatrie-Erfahrenen) mangelnde „Krankheitseinsicht“, fehlende „Compliance“ oft genug als Vorwand herhalten muss für Maßnahmen von Zwang und Gewalt, die oft sogar geltendem Recht widersprechen.
  7. Eine weitere Parallele zwischen dieser politischen Auseinandersetzung und der Behandlungssituation wird deutlich: sowohl in der Behandlungssituation als auch in Ihrer Antwort auf unsere Stellungnahme wird auf das Gesagte selbst nicht eingegangen. Es findet eben keine Auseinandersetzung statt. Das hätten wir erwartet, weil wir davon ausgehen, dass Sie in der Lage sind, auch in Positionen, die zu den Ihren inhaltlich konträr und im Sprachgebrauch durchaus provokant sind, das berühmte „Körnchen Wahrheit“ zu sehen.
  8. Auch hier, wie so oft in der Behandlungssituation, verweigern Sie die Auseinandersetzung und greifen zum Mittel der diffamierenden Ausgrenzung. Dass es grundsätzlich auch anders geht, zeigt die Antwortmail von Herrn Prof. Peukert, Wiesbaden, an Frau Dagmar Barteld-Paczkowski, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des BPE e.V.
  9. Ihre Reaktion lässt doch nur den Schluss zu, dass wir so falsch mit unserer Stellungnahme gar nicht liegen. Wir haben uns offensichtlich darin getäuscht, dass Sie willens und in der Lage sind, sich mit Positionen auseinanderzusetzen, die nicht von vorneherein konsensorientiert sind und mit den Ihren übereinstimmen.
  10. Der BPE e.V. ist eben nicht der Verband der Psychiatrie-Erfahrenen, die willfährig (in der Regel in Unterzahl) an den Runden Tischen der Professionellen sitzen und deren Papiere abnicken. Zu viele Mitglieder unseres Verbandes berichten immer wieder von Verletzung ihrer Menschenwürde und ihrer Bürgerrechte im Kontext der psychiatrischen Behandlung. Auch diesen, die nicht an Ihren Tischen sitzen können, eine Stimme zu geben, ist Aufgabe unseres Verbandes.
  11. Wenn die Partner des sog. „Trialogs“ dies nicht aushalten, dann ist dieser Trialog nicht nur nichts wert, er ist vielmehr nicht existent, sondern ein Täuschungsmanöver. Die „konsensfähigen“/Compliance zeigenden Betroffenen werden umgarnt und hofiert, damit selbst sie vergessen, wie viele von „psychischer Krankheit“ betroffene Menschen keine Hilfe, sondern Demütigung und Erniedrigung in der psychiatrischen Behandlung erfahren. Und selbst, wenn dies auch deren subjektive Einschätzungen sind, ist es die Aufgabe des BPE, auch diese an die Öffentlichkeit zu tragen. Dies umso mehr im Diskurs um „Zwang und Gewalt“ in der Psychiatrie.
  12. Dass Sie auf die Verdeutlichung dieser Position, die natürlich von Ihrer Sicht abweicht und in durchaus polemischem Ausdruck vorgetragen wird, mit Verunglimpfung reagieren, zeigt uns wieder einmal, dass es Ihnen nur darum geht, die Braven, Konformen zu hören. Sie haben kein Interesse daran, die Not der in ihrer Menschenwürde Verletzten zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind immer noch die „Schmuddelkinder“, die ausgegrenzt, beleidigt und verunglimpft werden, um sie mundtot zu machen. Damit steht für uns fest, dass unsere Beteiligung an einer solchen Leitlinien-Diskussion ein Scheingefecht ist, weil Sie ernsthaft kein Interesse an den Erfahrungen der Betroffenen haben, sie wünschen sich lediglich Ja-Sager. Sonst hätten Sie es nicht nötig zu den Mitteln der Verleumdung und Diffamierung zu greifen.
  13. Es muss doch auch in der bundesrepublikanischen Psychiatrie erlaubt sein, Menschenrechtsverletzungen als solche zu benennen, ohne sich dem verleumderischen Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit auszusetzen.

Wir fordern Sie hiermit auf, Ihre Einschätzung „Die Position des BPE scheint sich von Scientology für mich nicht erkennbar zu unterscheiden“ überall dort, wo Sie sie geäußert haben, zurückzunehmen und nicht zu wiederholen.
Wir behalten uns vor, Ihre Äußerung – ins besondere für den Fall, dass Sie sie nicht zurücknehmen - durch unsere Anwälte und ggf. auch gerichtlich überprüfen zu lassen im Hinblick auf eine evtl. Erfüllung der Straftatbestände der Beleidigung, der Verleumdung und der üblen Nachrede (§ 185 – 188 StGB).

Für den Vorstand des BPE e.V.

gez. Dagmar Barteld-Paczkowski          gez.Elke Bücher

gez. Reinhild Böhme                                gez.Doris Steenken

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