Seelische
Gesundheit und Arbeit
Von Martin Pflaum
In meinem Vortrag spreche ich über den unmittelbaren
Zusammenhang von seelischer Gesundheit und der Arbeit. Die Grundlage
liegt in meinem Verständnis von beiden.
Einschieben möchte ich davor die Bemerkung, dass jetzt, da ich
diesen Vortrag vor ihnen halte, ihn in dieser Form halten muss,
dazu gehört, dass ich meine Einstellung zu meinen seelischen Beschwerden
korrigieren konnte. Das war ein sehr langer Prozess. Sie müssen
sich vorstellen. Ich wurde als dritter Sohn in eine normale Familie
hinein geboren. Meine damit, dass seit frühester Kindheit nichts
Außergewöhnliches im Gedächtnis haften geblieben war. Ich fühlte
mich geborgen. Zwei ältere Brüder, meine Eltern. Nach 11 Jahren
kam noch unsere kleine Schwester dazu, erinnern mich an eine glückliche
Kindheit. Schule, Hobbys, Abitur nichts Besonderes. Studien-Platz
in der Tasche. Bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich mehr oder minder
gewöhnlich. Weil ich eigentlich Optimist bin, bezeichnete ich
mein Leben - was ich danach immer mit vor und nach der Armeezeit
zweiteilte - als da war der Himmel noch blau und weit. Wir hatten
vor dem Studium unseren Armeedienst zu absolvieren. War nicht
schön; gehörte aber dazu. Nach einem dreiviertel Jahr mit vielen
Härten; dazu unvergesslichem Mobbing war plötzlich mein bisheriges
Leben völlig auf den Kopf gestellt. Ich musste ins zentrale Armeelazarett
eingeliefert werden. Und ab da war alles anders. Gerade erwachsen
geworden. Musste ich lernen, dass mein Leben anders verlaufen
würde. Musste lernen, mit Stigma mit Einschränkungen umzugehen.
Ja, eine Katastrophe. Ich glaube, mein Unterbewusstsein ließ all
die Konsequenzen, einer unheilbaren, endogenen Psychose erst ganz
allmählich in mir hochkommen. Sonst, ich weiß nicht. Ja, und dann?
Ich bin Praktiker. Man muss ja leben, bestmöglich, unter allen
Umständen. Denn ich hab nur mein heutiges Leben. Irgendwie hab
ich es trotz dieser Einschränkung hin bekommen, dass es okay war.
Und jetzt, durch die letzten 5. Jahre in unserer Selbsthilfebewegung,
die Kehrtwende.
Die lautet: Nein, es stimmt nicht. Weil es irgendwelche Autoritäten
oder, weil es die landläufige Meinung ist, muss es noch lange
nicht wissenschaftlich und damit unumstößlich sein. Nein, es gibt
keinen Beweis, dass es endogen von innen kommt, weil es auf der
Doppelhelix falsch angelegt worden war. Damit bei mir festgeschrieben
und nicht mehr korrigierbar. Sondern allerhöchstens zu lindern
ist. Aber ja, sehr, sehr viele Umstände meiner Biografie belegen,
die Ursachen, dass ich so aussetzen musste.
Nach diesem unabdingbarem Einschub nun zu meinem Verständnis von
seelischer Gesundheit und Arbeit.
Seelische Gesundheit sind schon zwei Begriffe. Die Seele und die
Gesundheit. Unter Seele stelle ich mir die immateriellen Ergebnisse
einer Person vor. Also alles, was der Körper erfährt, der ganze
Komplex körperlicher Erfahrungen: Sprich Anstrengungen, Freuden
gehen, tanzen, atmen sehen, riechen... ich könnte noch viel mehr
aufzählen. Die im Gehirn verarbeitet werden. Der Zusammenhang
der Erfahrungen des Körpers und deren Verarbeitung im Gehirn,
die jeden zur jeweiligen Person machen, mit Gedanken und Gefühlen,
Träumen, Sehnsüchten, all dem Immateriellen machen für mich die
Seele aus. Diese grundlegenden Mechanismen sind im Prinzip vorgegeben
in der Struktur der menschlichen DNS. Aber eben nicht nur! Es
ist eben nicht so, dass wenn etwas nicht üblich ist, es zuerst
an Fehlern der DNS läge. Weil alles was lebt, psychosozial betrachtet
werden muss. Besonders der Mensch mit seiner Sprache dem Denken
nicht nur als ein abgeschlossene Einheit betrachtet werden kann.
Die einzelne Person - wie viele Menschen - befinden sich im Zusammenleben
in einer ständigen Entwicklung und Wechselbeziehung.
Gesundheit erkläre ich kurz: Wohlbefinden.
Arbeit ist ein wichtiger Faktor, der uns von
anderen Lebendigem unterscheidet Quell; unserer Entwicklung.
Stellen Sie sich vor: Der Menschheit stünde keine Arbeit zur Verfügung?!
Die Menschen hätten keine Notwendigkeit, arbeiten zu müssen. Würden
wir gesünder leben?! Maschinen würden alles für uns erledigen.
Wir könnten uns ganz Genüssen hingeben …. wäre da die Chance auf
Gesundheit?!
Arbeit gehörte immer zu meinem Leben; ehe ich darüber nachdachte.
Weil es einfach Spaß machte eine Grube auszuheben. Weil selbst
Kinder stolz auf Geleistetes sind! Das Leben mit Arbeit ist Erfüllung,
Bemühen, Zufriedenheit, Dazugehören, gehört zum Sinn des Daseins.
Warum tätig sein zu meinem Leben dazu gehört? Weil ich damit aufgewachsen
bin. Irgendwie hat es in der Schule begonnen, mindestens aber
ab der 2. Klasse: Nadelarbeitsunterricht, musste mir wohl Spaß
gemacht haben. Denn ich war besser als die Mädchen, hatte eine
eins. Später bauten wir im Werkunterricht z.b. Vogelhäuschen aus
Holz, freuten uns einfach. Wir lernten Metall feilen, was nicht
immer Spaß machte, uns aber befähigte zu empfinden, was in Erzeugnissen
für Anstrengungen stecken. In einem Betrieb z.B. hielt ich eine
Eisenstange ins Feuer und schmiedete eine Spitze. Später reparierten
und warteten wir Gabel-Stapler.
Als Erwachsener nun mit meinem Stigma, konnte ich doch ein Ing.-Studium
abschließen, hatte das Glück ganz normal wie seelisch Stabile
in einem Betrieb anzufangen. Die Arbeit befriedigte mich sehr.
Sie war wichtig. Ich arbeitete in einem Zweigbetrieb von Carl-Zeiss-Jena.
Meine damalige Frau durfte nicht mal den Inhalt meiner Arbeit
kennen. Als Konstrukteure strickten wir die techn. Zeichnungen
der Laserzielvorrichtung des russ. Panzers T72 von den sow. Standards
auf die bei uns gebräuchlichen um, und modifizierten die Herstellungsweise.
Militärtechnik für den Warschauer Vertrag wurde nicht mehr nur
in der SU hergestellt. Dieser Bereich war der erste nach dem Studium.
Später durfte ich dabei mitwirken, als unsere Experten eine Art
Orientierungs-Mittel für die MIR (bemannte Raumstation) entwickelten
und produzierten.
Seit 1975 war ich bis Sommer 1984 kein einziges Mal wegen meiner
Schizophrenie krankgeschrieben, geschweige denn, dass ich ein
Krankenhaus von innen sehen musste! Warum, weil ich mich nicht
stigmatisiert fühlte! Schon nicht beim Studium und auch später
im Beruf nicht. Außerdem hatte ich Frau und Tochter. Also im Prinzip
wie der größte Teil der Gesellschaft auch. Selbst als ich dann
im Sommer 84 schwer erkrankte, dauerte es nicht mal 2 Monate,
bis ich wieder unter meinen Kollegen weilte. Für mich wurde im
gleichen Themenbereich eine mir besser gelegene Tätigkeit gefunden.
Alles ohne Schwerbeschädigtenausweis oder anderer festgelegter
staatlicher Hilfen. Meine letzte Festanstellung im IHP Frankfurt/O
war nicht weniger erfüllend. Als Laboringenieur, der eine Eigenbauanlage
für kurze thermische Prozesse wartete und bediente, nahm ich an
der Technologie-Forschung von Halbleiterbauelementen teil.
Dann kam die Wende. Ich bemühte mich sehr um im IHP bleiben zu
können. Probleme, die ich bisher nur von außen kannte, betrafen
mich direkt: Drohende Arbeitslosigkeit, daraus sich verschärfende
private Konflikte. Logische Folge: Psychiatrie-Aufenthalte: im
Jahr 1991 gleich zwei! Im Frühjahr einen; und dann.. der im November.....
es war komisch, illustriert die ganz individuelle Behandlung durch
die verschiedensten Profis im Frankfurter Krankenhaus: Ich krank
geschrieben, ging ins Krankenhaus Mittagessen auch zur Entspannungstherapie,
um danach wieder ins Institut zurückzukehren, dort weiter zu arbeiten,
manchmal wurde es dabei dunkel. Es machte mir Spaß auch nicht
ständig über meinen Problemen grübeln zu müssen. Sondern mich
auf technische Aufgaben zu konzentrieren. Selbst als ich Januar
92 doch entlassen wurde, steckte ich den Kopf nicht in den Sand
versuchte etwas völlig Anderes: Unter größtem Einsatz! Doch es
zeitigte keinen Erfolg. Ich krachte vollends nervlich zusammen.
Jetzt in der neuen Gesellschaft richtig angekommen. Leibhaftig
erkennen zu müssen was es heißt, chronifiziert zu sein, tief empfinden
zu müssen, begründet zu bekommen und sich selbst zu begründen,
dass man auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr mithalten kann. Ich meine
damit: Als ich mich erholt hatte, und im Krankenhaus, gefragt
wurde, ob ich noch arbeiten möchte. War ich ganz erstaunt, weil
für mich selbstverständlich. So schickte man mich für ein halbes
Jahr zur Reha-Kur in die Nähe von Darmstadt. Danach stand ich
dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung, nun sogar gefördert, mit
Hilfen, wie einer Koordinatorin, und anderen mehr, Hilfen die
wir in der DDR nicht hatten. Die Koordinatorin hatte wirklich
sehr viel Mühe zu erreichen: Nur das, eine kleine Elektronikfirma
mich überhaupt zur Probe arbeiten ließ. d.h. In den Anfangs vorgesehenen
zwei Wochen kam ich wie alle Mitarbeiter und ging auch nicht eher;
wurde in den dann vier Wochen sogar zum Möblieren einer Anwaltskanzlei
in Seelow eingesetzt. Da war ich dann sogar erst nach 18 Uhr zu
Hause. Das alles kostete die Firma null Komma nichts, denn von
ihnen bekam ich nichts. Meine Arbeitslosenhilfe lief weiter. Ich
hatte sogar durch meiner Meinung nach engagierten Einsatz, das
naive gute Gefühl ,meinen Beitrag für eben diese Firma leisten
zu können, hörte dann: das es doch für mich besser wäre, wenn
ich nicht bei ihnen arbeiten würde.
Es gibt eine Menge staatlicher Anreize. Sie nutzen uns aber nichts.
Nur noch mehr Demütigungen. Kann man sich dieses Geld dann nicht
auch noch sparen?! Werte Zuhörer, sie meinen heute 2007 wäre es
anders!? Ich kann, wenn gewünscht, ähnliche heutige Beispiele
liefern.
Ich persönlich bin heute und hier nicht unzufrieden.
Denn, ich bin finanziell durch meine Rente abgesichert und kann
meine Ressourcen, so einsetzen, wie ich es zu DDR-Zeiten tat.
Konkret arbeite ich für eine bessere Akzeptanz von uns in der
Gesellschaft. Dafür, dass die Menschen nicht nur sehen, was sie
für uns aufbringen müssen, sondern vor Augen führen, was sie verschenken.
Für mich auf diesem Kongress bedeutet das für eine AG Wissenschaft
im Kompetenznetz „Seelische Gesundheit“ zu werben. Die AG Wissenschaft
muss zuerst in der Realität trialogisch besetzt sein. Die spezifischen
Fähigkeiten der Experten in eigener Sache müssen direkt in den
Inhalten der Forschungsthemen erkennbar sein. Die AG Wissenschaft
muss die Inhalte der Forschungsthemen begutachten und auf deren
Mittelvergabe Einfluss nehmen. Konkrete sinnvollere Inhalte als
bisher gibt es viele u.a.. Die Erforschung von körperlichen Aktivitäten
zur besseren Heilung Schizophrener. Ein zweites einfaches aber
wirkungsvolles Mittel sinnvoll im Sinne seelischer Kranker, wäre
die genau Blutkontrolle parallel mit der Medikamentenverabreichung,
deren Analyse kein kompliziertes Gedankenkonstrukt erfordert aber
wesentlich sinnvoller ist, als hunderttausende dafür auszugeben,
herausfinden zu wollen dass wir Kranken im Krankenhaus ja eigentlich
selbst unsere Stigmatisierung befördern.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
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