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 Rundbrief
Ausgabe 1/2008
Seelische Gesundheit und Arbeit
Von Martin Pflaum

In meinem Vortrag spreche ich über den unmittelbaren Zusammenhang von seelischer Gesundheit und der Arbeit. Die Grundlage liegt in meinem Verständnis von beiden.
Einschieben möchte ich davor die Bemerkung, dass jetzt, da ich diesen Vortrag vor ihnen halte, ihn in dieser Form halten muss, dazu gehört, dass ich meine Einstellung zu meinen seelischen Beschwerden korrigieren konnte. Das war ein sehr langer Prozess. Sie müssen sich vorstellen. Ich wurde als dritter Sohn in eine normale Familie hinein geboren. Meine damit, dass seit frühester Kindheit nichts Außergewöhnliches im Gedächtnis haften geblieben war. Ich fühlte mich geborgen. Zwei ältere Brüder, meine Eltern. Nach 11 Jahren kam noch unsere kleine Schwester dazu, erinnern mich an eine glückliche Kindheit. Schule, Hobbys, Abitur nichts Besonderes. Studien-Platz in der Tasche. Bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich mehr oder minder gewöhnlich. Weil ich eigentlich Optimist bin, bezeichnete ich mein Leben - was ich danach immer mit vor und nach der Armeezeit zweiteilte - als da war der Himmel noch blau und weit. Wir hatten vor dem Studium unseren Armeedienst zu absolvieren. War nicht schön; gehörte aber dazu. Nach einem dreiviertel Jahr mit vielen Härten; dazu unvergesslichem Mobbing war plötzlich mein bisheriges Leben völlig auf den Kopf gestellt. Ich musste ins zentrale Armeelazarett eingeliefert werden. Und ab da war alles anders. Gerade erwachsen geworden. Musste ich lernen, dass mein Leben anders verlaufen würde. Musste lernen, mit Stigma mit Einschränkungen umzugehen. Ja, eine Katastrophe. Ich glaube, mein Unterbewusstsein ließ all die Konsequenzen, einer unheilbaren, endogenen Psychose erst ganz allmählich in mir hochkommen. Sonst, ich weiß nicht. Ja, und dann? Ich bin Praktiker. Man muss ja leben, bestmöglich, unter allen Umständen. Denn ich hab nur mein heutiges Leben. Irgendwie hab ich es trotz dieser Einschränkung hin bekommen, dass es okay war. Und jetzt, durch die letzten 5. Jahre in unserer Selbsthilfebewegung, die Kehrtwende.
Die lautet: Nein, es stimmt nicht. Weil es irgendwelche Autoritäten oder, weil es die landläufige Meinung ist, muss es noch lange nicht wissenschaftlich und damit unumstößlich sein. Nein, es gibt keinen Beweis, dass es endogen von innen kommt, weil es auf der Doppelhelix falsch angelegt worden war. Damit bei mir festgeschrieben und nicht mehr korrigierbar. Sondern allerhöchstens zu lindern ist. Aber ja, sehr, sehr viele Umstände meiner Biografie belegen, die Ursachen, dass ich so aussetzen musste.
Nach diesem unabdingbarem Einschub nun zu meinem Verständnis von seelischer Gesundheit und Arbeit.
Seelische Gesundheit sind schon zwei Begriffe. Die Seele und die Gesundheit. Unter Seele stelle ich mir die immateriellen Ergebnisse einer Person vor. Also alles, was der Körper erfährt, der ganze Komplex körperlicher Erfahrungen: Sprich Anstrengungen, Freuden gehen, tanzen, atmen sehen, riechen... ich könnte noch viel mehr aufzählen. Die im Gehirn verarbeitet werden. Der Zusammenhang der Erfahrungen des Körpers und deren Verarbeitung im Gehirn, die jeden zur jeweiligen Person machen, mit Gedanken und Gefühlen, Träumen, Sehnsüchten, all dem Immateriellen machen für mich die Seele aus. Diese grundlegenden Mechanismen sind im Prinzip vorgegeben in der Struktur der menschlichen DNS. Aber eben nicht nur! Es ist eben nicht so, dass wenn etwas nicht üblich ist, es zuerst an Fehlern der DNS läge. Weil alles was lebt, psychosozial betrachtet werden muss. Besonders der Mensch mit seiner Sprache dem Denken nicht nur als ein abgeschlossene Einheit betrachtet werden kann. Die einzelne Person - wie viele Menschen - befinden sich im Zusammenleben in einer ständigen Entwicklung und Wechselbeziehung.

Gesundheit erkläre ich kurz: Wohlbefinden.

Arbeit ist ein wichtiger Faktor, der uns von anderen Lebendigem unterscheidet Quell; unserer Entwicklung.
Stellen Sie sich vor: Der Menschheit stünde keine Arbeit zur Verfügung?! Die Menschen hätten keine Notwendigkeit, arbeiten zu müssen. Würden wir gesünder leben?! Maschinen würden alles für uns erledigen. Wir könnten uns ganz Genüssen hingeben …. wäre da die Chance auf Gesundheit?!
Arbeit gehörte immer zu meinem Leben; ehe ich darüber nachdachte. Weil es einfach Spaß machte eine Grube auszuheben. Weil selbst Kinder stolz auf Geleistetes sind! Das Leben mit Arbeit ist Erfüllung, Bemühen, Zufriedenheit, Dazugehören, gehört zum Sinn des Daseins.
Warum tätig sein zu meinem Leben dazu gehört? Weil ich damit aufgewachsen bin. Irgendwie hat es in der Schule begonnen, mindestens aber ab der 2. Klasse: Nadelarbeitsunterricht, musste mir wohl Spaß gemacht haben. Denn ich war besser als die Mädchen, hatte eine eins. Später bauten wir im Werkunterricht z.b. Vogelhäuschen aus Holz, freuten uns einfach. Wir lernten Metall feilen, was nicht immer Spaß machte, uns aber befähigte zu empfinden, was in Erzeugnissen für Anstrengungen stecken. In einem Betrieb z.B. hielt ich eine Eisenstange ins Feuer und schmiedete eine Spitze. Später reparierten und warteten wir Gabel-Stapler.
Als Erwachsener nun mit meinem Stigma, konnte ich doch ein Ing.-Studium abschließen, hatte das Glück ganz normal wie seelisch Stabile in einem Betrieb anzufangen. Die Arbeit befriedigte mich sehr. Sie war wichtig. Ich arbeitete in einem Zweigbetrieb von Carl-Zeiss-Jena. Meine damalige Frau durfte nicht mal den Inhalt meiner Arbeit kennen. Als Konstrukteure strickten wir die techn. Zeichnungen der Laserzielvorrichtung des russ. Panzers T72 von den sow. Standards auf die bei uns gebräuchlichen um, und modifizierten die Herstellungsweise. Militärtechnik für den Warschauer Vertrag wurde nicht mehr nur in der SU hergestellt. Dieser Bereich war der erste nach dem Studium. Später durfte ich dabei mitwirken, als unsere Experten eine Art Orientierungs-Mittel für die MIR (bemannte Raumstation) entwickelten und produzierten.
Seit 1975 war ich bis Sommer 1984 kein einziges Mal wegen meiner Schizophrenie krankgeschrieben, geschweige denn, dass ich ein Krankenhaus von innen sehen musste! Warum, weil ich mich nicht stigmatisiert fühlte! Schon nicht beim Studium und auch später im Beruf nicht. Außerdem hatte ich Frau und Tochter. Also im Prinzip wie der größte Teil der Gesellschaft auch. Selbst als ich dann im Sommer 84 schwer erkrankte, dauerte es nicht mal 2 Monate, bis ich wieder unter meinen Kollegen weilte. Für mich wurde im gleichen Themenbereich eine mir besser gelegene Tätigkeit gefunden. Alles ohne Schwerbeschädigtenausweis oder anderer festgelegter staatlicher Hilfen. Meine letzte Festanstellung im IHP Frankfurt/O war nicht weniger erfüllend. Als Laboringenieur, der eine Eigenbauanlage für kurze thermische Prozesse wartete und bediente, nahm ich an der Technologie-Forschung von Halbleiterbauelementen teil.
Dann kam die Wende. Ich bemühte mich sehr um im IHP bleiben zu können. Probleme, die ich bisher nur von außen kannte, betrafen mich direkt: Drohende Arbeitslosigkeit, daraus sich verschärfende private Konflikte. Logische Folge: Psychiatrie-Aufenthalte: im Jahr 1991 gleich zwei! Im Frühjahr einen; und dann.. der im November..... es war komisch, illustriert die ganz individuelle Behandlung durch die verschiedensten Profis im Frankfurter Krankenhaus: Ich krank geschrieben, ging ins Krankenhaus Mittagessen auch zur Entspannungstherapie, um danach wieder ins Institut zurückzukehren, dort weiter zu arbeiten, manchmal wurde es dabei dunkel. Es machte mir Spaß auch nicht ständig über meinen Problemen grübeln zu müssen. Sondern mich auf technische Aufgaben zu konzentrieren. Selbst als ich Januar 92 doch entlassen wurde, steckte ich den Kopf nicht in den Sand versuchte etwas völlig Anderes: Unter größtem Einsatz! Doch es zeitigte keinen Erfolg. Ich krachte vollends nervlich zusammen. Jetzt in der neuen Gesellschaft richtig angekommen. Leibhaftig erkennen zu müssen was es heißt, chronifiziert zu sein, tief empfinden zu müssen, begründet zu bekommen und sich selbst zu begründen, dass man auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr mithalten kann. Ich meine damit: Als ich mich erholt hatte, und im Krankenhaus, gefragt wurde, ob ich noch arbeiten möchte. War ich ganz erstaunt, weil für mich selbstverständlich. So schickte man mich für ein halbes Jahr zur Reha-Kur in die Nähe von Darmstadt. Danach stand ich dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung, nun sogar gefördert, mit Hilfen, wie einer Koordinatorin, und anderen mehr, Hilfen die wir in der DDR nicht hatten. Die Koordinatorin hatte wirklich sehr viel Mühe zu erreichen: Nur das, eine kleine Elektronikfirma mich überhaupt zur Probe arbeiten ließ. d.h. In den Anfangs vorgesehenen zwei Wochen kam ich wie alle Mitarbeiter und ging auch nicht eher; wurde in den dann vier Wochen sogar zum Möblieren einer Anwaltskanzlei in Seelow eingesetzt. Da war ich dann sogar erst nach 18 Uhr zu Hause. Das alles kostete die Firma null Komma nichts, denn von ihnen bekam ich nichts. Meine Arbeitslosenhilfe lief weiter. Ich hatte sogar durch meiner Meinung nach engagierten Einsatz, das naive gute Gefühl ,meinen Beitrag für eben diese Firma leisten zu können, hörte dann: das es doch für mich besser wäre, wenn ich nicht bei ihnen arbeiten würde.
Es gibt eine Menge staatlicher Anreize. Sie nutzen uns aber nichts. Nur noch mehr Demütigungen. Kann man sich dieses Geld dann nicht auch noch sparen?! Werte Zuhörer, sie meinen heute 2007 wäre es anders!? Ich kann, wenn gewünscht, ähnliche heutige Beispiele liefern.

Ich persönlich bin heute und hier nicht unzufrieden. Denn, ich bin finanziell durch meine Rente abgesichert und kann meine Ressourcen, so einsetzen, wie ich es zu DDR-Zeiten tat. Konkret arbeite ich für eine bessere Akzeptanz von uns in der Gesellschaft. Dafür, dass die Menschen nicht nur sehen, was sie für uns aufbringen müssen, sondern vor Augen führen, was sie verschenken. Für mich auf diesem Kongress bedeutet das für eine AG Wissenschaft im Kompetenznetz „Seelische Gesundheit“ zu werben. Die AG Wissenschaft muss zuerst in der Realität trialogisch besetzt sein. Die spezifischen Fähigkeiten der Experten in eigener Sache müssen direkt in den Inhalten der Forschungsthemen erkennbar sein. Die AG Wissenschaft muss die Inhalte der Forschungsthemen begutachten und auf deren Mittelvergabe Einfluss nehmen. Konkrete sinnvollere Inhalte als bisher gibt es viele u.a.. Die Erforschung von körperlichen Aktivitäten zur besseren Heilung Schizophrener. Ein zweites einfaches aber wirkungsvolles Mittel sinnvoll im Sinne seelischer Kranker, wäre die genau Blutkontrolle parallel mit der Medikamentenverabreichung, deren Analyse kein kompliziertes Gedankenkonstrukt erfordert aber wesentlich sinnvoller ist, als hunderttausende dafür auszugeben, herausfinden zu wollen dass wir Kranken im Krankenhaus ja eigentlich selbst unsere Stigmatisierung befördern.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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