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 Rundbrief
Ausgabe 1/2008

BEHINDERTE - TEIL DER GESELLSCHAFT
Von Martin Pflaum

Behinderte und Experten tagten am 1. - 2. Februar 2008 im Pariser Rathaus. Aspekte der Biomedizin wurden den Bedürfnissen von Behinderten gegenüber gestellt. Es ging um Fachgebietsübergreifendes Forschen. Sowie unterschiedlichen menschlichen Potentialen und deren Erfordernissen.
Vor dem Ufer der Seine, ein paar Schritte von Notre Dame, warteten viele Leute. Auch unsere Teilnehmer wurden kontrolliert. Man kennt es eigentlich nur so von Flughäfen. Ein blinder Vertreter überbrachte die Grüße des Bürgermeisters: Noch vor kurzem konnten Rollstuhlfahrer das Rathaus nicht betreten. Umso mehr bedankte sich Dr. Katrin Grüber: Ko-Organisatorin der Veranstaltung (Direktorin des IMEW in Berlin) bei der Stadt Paris und der französischen Regierung für die exzellenten Bedingungen. Bequem erreichen alle Teilnehmer das Auditorium im Keller.
Prof. John Burn Direktor des Institutes für Human Genetik der Universität Newcastle illustrierte im ersten Vortrag enorme Fortschritte der Biogenetik, der Entwicklung von Heilmitteln mit dem Ziel, schwere Beeinträchtigungen wie Brustkrebs oder Muskel-Diskenesin, besser behandeln zu können. Wissenschaftler forschen nicht isoliert. Selbsthilfeorganisationen, Angehörige fordern intensivere Untersuchungen. Zufrieden, dass die Gesetzgebung Großbritanniens im Vergleich mit anderen europäischen Ländern nicht so restriktiv ist. Im Sinne seiner Kollegen und deren Patienten mahnte er Veränderungen an.
Dr. Tom Shakespeare vom gleichen Institut referierte zur Notwendigkeit von Studien für Sozialwissenschaften. Soziale Wissenschaften entwickelten sich mit dem Druck der Selbsthilfebewegung. Dr. Tom Shakespeare kleinwüchsig erzählt von Schwierigkeiten: der Fortbewegung, des Einkaufes... Wie notwendig deren Untersuchungen sind. Behinderung ist ein sozial-politisches Problem. Personen mit Einschränkungen werden durch die Gesellschaft diskriminiert. Nicht durch ihre Besonderheit: Neben der Behinderung ist wesentlich, ob der jeweilige Glück hat, sogar an einer Universität angestellt zu sein. Oder wie meist, ohne Verdienst in ärmlichen Verhältnissen lebend. Studien zu Behinderungen sind verschiedenartig und interdisziplinär.
Im letzten Vortrag erläuterte Prof. Bussel Fortschritte und Probleme der Entwicklung von Prothesen, intelligenten Rollstühlen, der Lösung neurologischer Probleme der Fortbewegung, Bewegungseinschränkungen durch Lähmungen nach Unfällen zu verbessern. Er illustrierte am südafrikanischen Leichtathleten, was geschehen kann. Der Sportler eingeschränkt, vollbringt mit Spezialprothesen sportliche Höchstleistungen, darf aber nicht an den olympischen Spielen teilnehmen. Seine Prothesen verschaffen ihm einen Vorteil?!
Das Seminar: „Die Wissenschaft verstehen“ moderiert die spanischen Anwältin Paola Maiello. Obwohl darauf hinweisend, dass Wissenschaft für Behinderten wirken sollte, dominieren Sichtweisen jeweiliger Profis. Ein Behinderter spricht von physio-therapeutischer Zwangsmaßnahme. Keiner fragte ihn was er will.
Wir werden von der Gesellschaft ausgeschlossen, äußern Teilnehmer des Seminars: “Behinderten zu- bzw. sie anhören“ Deshalb wissen viele nichts von unseren Problemen. Wir werden nicht verstanden. Behinderte müssen Allianzen bilden, um als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden.
Obwohl der Tag kontrovers und anstrengend verlief, war er stets von einer wohltuenden entspannten, von gegenseitiger Achtung geprägter Atmosphäre gekennzeichnet.
Am darauf folgenden Morgen redete Myriam Winance davon, dass Naturwissenschaften lange Zeit den Anspruch vor sich her trugen, objektiv und neutral sein zu müssen. Wissenschaft müsse kritische Distanz üben. Es darf keine Verbindung zwischen dem Forscher und seinem Forschungsobjekt bestehen. Wie auch immer gab es dazu in Natur- wie Sozialwissenschaften unterschiedliche Ansichten. Sozialwissenschaften wirken im Sinne der Behinderten, haben emanzipatorischen Anspruch. Behindertenstudien orientieren sich an der Selbsthilfebewegung. Sie gehen über den rein emanzipatorischen Aspekt hinaus, bestärken Behinderte, für ihre Ziele zu kämpfen. Damit ergreifen Sozialforscher Partei. Die Gesellschaft erfährt, dass Behinderungen zum gesellschaftlichen Leben gehören.
Ursula Naue Politwissenschaftlerin aus Wien sprach über die Entwicklung der Demenz von einem individuellen Problem zu einem global gesellschaftlichen. Es ist kein Tabuthema mehr sondern verlangt breiteste Beachtung. Auch hier ist eine größere Einbeziehung der Betroffenen vonnöten.
Als letzte sprach eine Philosophin Helen Caplan. Welch ein breites Spektrum der Pariser Veranstaltung: Beginnend mit einem Bio-Genetiker bis hin zu einer Philosophin. Helen Caplan selbst behindert, erläuterte unterschiedliche Wege menschliche Fähigkeiten und deren Erfordernisse zu definieren. In den 50-gern geboren, hatte ihre Mutter keine Chance sich der Preimplantations-Diagnostik zu bedienen. Dabei provozierte die Philosophin mit der Frage
Ist es richtig, dass behindertes Leben minderwertiger ist?! Sprach von Historischem: Den Gründen der Entwicklung der Pre-Implantations-Diagnostik nach dem 2. Weltkrieg. Behinderung war eine ökonomische Belastung! Für werdende Mütter kamen noch viele andere Zwänge dazu. Wesentlicher Standpunkt, mit breiter Zustimmung: behindertes Leben ist von sich aus nicht minderwertiger. Im Gegenteil viele Behinderte leben ein erfüllteres Leben mit größerem Tiefgang, durch Schwierigkeiten gereifte Persönlichkeiten.
Im nachmittäglichen Seminar entschied sich der Autor für: „behindert- was kann durch Studien über Behinderungen erreicht werden“ Die Gesellschaft schließt Behinderte aus. So kann sie auch nichts über deren Bedürfnisse wissen. Wir müssen Allianzen bilden, um unsere Erfahrungen und Kräfte zu bündeln. Wir müssen den Menschen von unseren Wünschen. Freuden, Schwierigkeiten erzählen. Giampiero Griffo an den Rollstuhl gefesselt, von brillantem Intellekt, wie andere Teilnehmer, ob behindert oder nicht, sprach, dass sein Vater vor langer Zeit für notwendig erachtete, seinem Sohn einen Notar zur Seite zu stellen. Der Autor war überrascht. Er weiß: über Menschen mit seelischen Problemen schwebt dieses Deamokles-Schwert stets.

Jean-Luc Simon endete mit einem schönen Bild: Wir waren eine kleine Gemeinschaft. Aber oft geht von kleinen unscheinbaren Ereignissen etwas Gewaltiges aus, beschrieb unsere Gemeinschaft mit einem Schmetterling der sich erhebt, um in die Welt zu fliegen.

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